mini|Carlos López Flores, Präsident von Chiquita mini|Neues Chiquita Hauptquartier in Etoy, Schweiz mini|Chiquita-Bananenplantage in Costa Rica, im Hintergrund der Vulkan Turrialba Chiquita Brands International Sàrl, 1899 als United Fruit Company (UFC, auch UFCO) gegründet, ist eine US-amerikanisch-schweizerische Fruchthandelsgesellschaft und einer der größten Bananenexporteure der Welt. Durch den Anbau von Bananen und anderen tropischen Früchten im globalen Süden erreichte das Unternehmen in den USA und Europa große wirtschaftliche Erfolge. Heute vermarktet es darüber hinaus verschiedene andere Obst- und Gemüsesorten und ist in über 70 Ländern aktiv. Die Geschichte des Unternehmens ist geprägt durch die neokoloniale Ausbeutung von Menschen in den Produktionsländern, weitreichende politische Einflussnahme und die Unterstützung diktatorischer Regime und Gruppen zur Sicherung des eigenen Geschäfts. Der Name „Chiquita“ bedeutet auf Deutsch „kleines Mädchen“, ist aber im Spanischen auch als liebevolle Anrede für eine Frau üblich. Nachdem die Bananenlieferungen für den deutschen Markt und verschiedene Länder Nordeuropas in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend über den Seehafen in Bremerhaven abgewickelt worden waren, hat Chiquita seine Lieferwege Anfang 2018 neu organisiert und beliefert Deutschland und Nordeuropa seither über den niederländischen Seehafen in Vlissingen.Chiquita verlässt Bremerhaven Bericht in der Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 16. Februar 2018, abgerufen am 18. Februar 2018 Das Unternehmen hat zwei Hauptsitze, einen europäischen in Etoy, Schweiz, und einen US-amerikanischen in Fort Lauderdale.
Geschichte
Frühe Geschichte mini|Die Chiquita Scandinavia beim Bananenumschlag in Bremerhaven
Das Unternehmen wurde am 30. März 1899 in Boston unter dem Namen United Fruit Company (UFC, auch UFCO) gegründet. Die Firma entstand aus dem Zusammenschluss der Firma Boston Fruit, gegründet von Lorenzo Dow Baker und Andrew W. Preston, und der von Minor C. Keith gegründeten Firma Tropical Trading and Transport Company. Preston hatte Eisenbahnen in Costa Rica gebaut und war darüber ins Früchtegeschäft eingestiegen.Stephen Schlesinger, Stephen Kinzer: Bananen-Krieg – CIA-Putsch in Guatemala, Ernst Kabel, Hamburg 1984, ISBN 3-921909-52-X, S. 72 ff. 1954 hatte die UFC einen Weltmarktanteil von 33 %.
Im Juni 1970 schloss sich die United Fruit Company mit der AMK Corporation zusammen und wurde zur United Brands Company. Im August 1984 übernahm Carl H. Lindner Jr. die Kontrolle über die Firma, die im folgenden Jahr ihren Sitz nach Cincinnati verlegte. 1984 erfolgte die Umbenennung in Chiquita Brands International, 1991 kaufte der Konzern Frutas Dominicanas auf und stieg somit in die Ananas-Produktion ein.
Um ihre weitreichenden Geschäftsfelder zu erweitern, wurde United Fruit ein Hauptentwickler der Radiotechnologie. Die Firma kooperierte später mit anderen Firmen, um die Radio Corporation of America zu gründen. Außerdem revolutionierte der Konzern die Handelsschifffahrt, indem er die Entwicklung von Kühlschiffen vorantrieb. Die klimatisierten Hapagschiffe der Prinzen-Klasse mit hervorragend ausgestatteten Passagiereinrichtungen für 100 Passagiere der 1. Klasse wurden das Vorbild der zwölf Schiffe der „5000 Ton Class“ (ebenfalls für 100 Passagiere) der United Fruit Company, die von Workman, Clark & Co ab 1908 in Belfast gebaut wurden. Weitere Schiffsserien mit der Kombination Bananen und Passagiere entstanden und Ende der 1930er Jahre verfügte die UFC über die größte private Schiffsflotte der Welt, genannt die Great White Fleet.
Interventionen in Honduras seit 1910 mini|Chiquita-Bananen auf einem Marktstand in Bonn, 1988 1910 wurde ein Schiff mit angeheuerten Söldnern (die meisten waren ehemalige Sträflinge) von New Orleans nach Honduras geschickt, um den Präsidenten zu stürzen. Grund für die Aktion war, dass der Präsident sich geweigert hatte, United Fruit Steuererleichterung zu gewähren. Nach dem Putsch befreite Honduras die UFC für 25 Jahre von der Zahlung jeglicher Steuern. Allein von 1912 bis 1924 gab es in Honduras vier US-Interventionen.
1975 kam heraus, dass Eli Black, der Chef der damals in United Brands umbenannten Firma, vom Präsidenten von Honduras mit 2,5 Millionen Dollar Zollvorteile erkaufen wollte. Eli Black beging daraufhin Selbstmord.
Massaker in Kolumbien 1928 Am 6. Dezember 1928 wurden zwischen 47 und bis zu 2000 streikende Arbeiter der Firma von Militärtruppen in Ciénaga (Kolumbien) ermordet. Die Arbeiter demonstrierten gegen die schlechten Arbeitsbedingungen. Dieses Ereignis ist als in der Geschichte Kolumbiens bekannt.
Im Roman Hundert Jahre Einsamkeit beschreibt Gabriel García Márquez den unmenschlichen Einfluss der UFC in Kolumbien.
Pablo Neruda bearbeitet das Wirken der UFC in seinem Gedicht La United Fruit Co., das Teil des Gedichtzyklus Canto General ist. Dieses Gedicht findet auch Eingang in die partielle Vertonung des Canto durch Mikis Theodorakis.
Putsch in Guatemala 1954 Die United Fruit Company (heute Chiquita) besitzt große Landflächen in Mittelamerika. Die wirtschaftlichen Interessen der Firma waren mehrfach Anlass für das politische Eingreifen der USA in Mittelamerika. Der Monroe-Doktrin folgend spielten die Interessen der UFC z. B. eine Rolle dafür, dass die US-Regierung 1954 einen Regierungssturz in Guatemala finanziell und logistisch unterstützte.
Bis 1985 befand sich der Hauptsitz der UFC in Guatemala. Der Konzern betrieb Plantagen, die Post, die Eisenbahn sowie den einzigen Karibikhafen.Stephen Schlesinger, Stephen Kinzer: Bananen-Krieg – CIA-Putsch in Guatemala, Ernst Kabel, Hamburg 1984, ISBN 3-921909-52-X. S. 72 ff. Diese Infrastruktur wurde fast ausschließlich für wirtschaftliche Zwecke benutzt, die Gebühren waren für die Zivilbevölkerung meist unbezahlbar. Der bis 1944 regierende Diktator Jorge Ubico gewährte der UFC zollfreie Importe auf Baumaterialien und geringe Ausfuhrzölle auf Bananen. 1944 wurde jedoch die Diktatur in Guatemala gestürzt und daraufhin Juan José Arévalo als neuer demokratischer Präsident gewählt, 1951 wurde Jacobo Arbenz sein Nachfolger. Die neue Regierung enteignete gegen eine Entschädigung etwa 530 km² Land von der UFC und verteilte es an Kleinbauern. Außerdem forderte sie bessere Arbeitsbedingungen, Mindestlöhne und Sozialleistungen.Stephen Schlesinger, Stephen Kinzer: Bananen-Krieg – CIA-Putsch in Guatemala, Ernst Kabel, Hamburg 1984, ISBN 3-921909-52-X, S. 44–71. Die UFC protestierte daraufhin beim amerikanischen Außenministerium und forderte unter dem Vorwand, die neue Regierung sei kommunistisch, deren Sturz. Der damalige Außenminister der USA, John Foster Dulles (der früher als Anwalt bei UFC arbeitete), sowie sein Bruder Allen Dulles, Chef der CIA, leiteten dann am 16. Juni 1954 mittels einer Söldnertruppe von nur 400 Mann um den Exil-Guatemalteken Carlos Castillo Armas den Sturz der guatemaltekischen Regierung ein (Operation PBSUCCESS).Stephen Schlesinger, Stephen Kinzer: Bananen-Krieg – CIA-Putsch in Guatemala. Ernst Kabel, Hamburg 1984, ISBN 3-921909-52-X, S. 14 ff. Als Präsident Arbenz endgültig die Kontrolle über sein Land verlor, trat er am 27. Juni 1954 zurück und überließ Castillo Armas das Amt. Als eine der ersten Amtshandlungen gab er der UFC das enteignete Land zurück und strich sämtliche Arbeitnehmerschutzgesetze. Es folgte eine fast 40 Jahre andauernde, von der CIA unterstützte Militärdiktatur, die vermutlich über 100.000 Todesopfer forderte, von denen viele zu den sogenannten „Verschwundenen“ zählen.
Die Ereignisse um die Operation PBSUCCESS und die Beteiligung der United Fruit Company wurden in Deutschland frühzeitig literarisch verarbeitet: 1959 veröffentlichte Wolfgang Schreyer in Berlin-Ost Das grüne Ungeheuer (Fernsehverfilmung 1962), 1960 Karl Heinz Poppe in Reinbek Bananenkrieg. 2019 veröffentlichte Mario Vargas Llosa den Roman Harte Jahre, der die Einmischung der United Fruit in die guatemaltekische Politik thematisiert.
Finanzielle Unterstützung paramilitärischer Gruppen in Kolumbien In den 1990er und frühen 2000er Jahren reagierten Chiquita, Dole Food Company, Del Monte Foods, die Hyundai Motor Company und andere internationale Unternehmen auf die instabile politischen Situation in Kolumbien mit Zahlungen an paramilitärische Gruppen, um ihre Geschäftsgrundlagen abzusichern. Solche Gruppen fassten Unternehmen ins Visier, verlangten Schutzgeld und schreckten vor Entführungen und Morden nicht zurück. Als sich die Sicherheitslage in den ländlichen Gebieten immer weiter verschlechterte, wurde es immer schwieriger, die eigenen Mitarbeiter zu schützen. Chiquita entschied sich, Zahlungen zur Sicherung ihrer Mitarbeiter zu leisten. Die Zahlungen erfolgten von 1990 bis 1997 an die linke FARC und von 1997 bis 2004 an die rechte AUC. Die Gruppierungen sollten für den Schutz der Bananenplantagen in Urabá und Santa Maria sorgen.
2001 schuf das US-Justizministerium ein neues Anti-Terror-Gesetz, das Zahlungen von US-Unternehmen an ausländische Terrororganisationen verbot. Sowohl die FARC als auch die AUC standen zum damaligen Zeitpunkt auf der Liste von Terrororganisationen des State Department. Unter diesen neuen Umständen verletzten Chiquitas Zahlungen nun ein US-Gesetz und schufen ein moralisches und rechtliches Dilemma. Das Unternehmen hätte die Zahlungen einstellen und sich so gesetzeskonform verhalten können, hätte damit aber das Leben seiner Mitarbeiter in Gefahr gebracht. Chiquita entschied sich dagegen und bezahlte vorerst weiter. 2003 stellte sich das Unternehmen freiwillig dem US-Justizministerium und gab die Zahlungen – als einzige amerikanische Firma in Kolumbien – zu., Université de Lausanne et Fondation Guilé, Seite 41ff., 5. Juni 2015Peter Schelling: Chiquita gibt Zahlungen an Terroristen zu, Die Welt, 19. September 2007 Das Ministerium reichte folglich Klage gegen Chiquita ein und der Konzern erklärte sich dazu bereit, eine Strafe über 25 Millionen Dollar zu bezahlen, um das Verfahren abzuschließen.
Jüngere Entwicklungen Seit 1992 arbeitet das Unternehmen eng mit der Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance zusammen und beteiligt sich aktiv am Zertifizierungsprogramm. So sind seit dem Jahr 2000 alle Farmen, die im Eigentum von Chiquita sind, den 200 Umwelt- und Sozialstandards der Rainforest Alliance gerecht geworden. 2005 traf dies zudem auf 93 % der unabhängigen lateinamerikanischen Farmen zu, die an die Chiquita liefern.Neil Thomson, Charles Baden-Fuller: Basic Strategy in Context. European text and cases. Wiley, Chichester 2010, S. 200f. mini|Haupteingang des alten United Fruit Building (1920) in der St. Charles Avenue, New Orleans, Louisiana
Am 10. März 2014 wurde bekannt, dass das Unternehmen eine Fusion mit dem irischen Konkurrenzunternehmen Fyffes plante. Von dieser Fusion, geplant durch Aktientausch, hätte sich das Unternehmen Steuervorteile durch eine Verlegung des Firmensitzes nach Irland erwarten können. Eine Aktionärsversammlung hat dieses laufende Vorhaben der Geschäftsführung zum 24. Oktober 2014 gestoppt, indem eine Mehrheit dafür stimmte, stattdessen mit dem brasilianischen Safthersteller Cutrale zu verhandeln. Dies vor dem Hintergrund, dass Washington gegen solche Steuerinversion erklärterweise vorgehen will und die Fairtrade Foundation in London den Preiskampf gegen die Produzenten beklagte. Im Januar 2015 hat die Cutrale-Safra Gruppe die Übernahme von Chiquita abgeschlossen.