Islands Finanzkrise in den Jahren 2008–2011 war eine große wirtschaftliche und politische Krise in dem nordeuropäischen Land, die mit dem Zusammenbruch aller drei großen Geschäftsbanken verbunden war, nachdem diese Schwierigkeiten bei der Refinanzierung ihrer kurzfristigen Schulden bekamen und Kontoinhaber in den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich ihr Geld abgezogen hatten. Im Verhältnis zur Größe seiner Wirtschaft ist Islands Banken-Zusammenbruch der größte von allen Ländern in der Wirtschaftsgeschichte.

Überblick Am 15. September 2008 meldete die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an; dies fand weltweit Beachtung. Ende September 2008 wurde die Verstaatlichung der drittgrößten Bank Islands, der Glitnir Bank, angekündigt. In der darauf folgenden Woche, am 7. Oktober 2008, ernannte die Finanzaufsichtsbehörde FME die zukünftigen Verwalter der Landsbanki und der Glitnir. Zwei Tage später übernahm dieselbe Organisation die Kontrolle über Islands größtes Kreditinstitut, der Kaupthing Bank. Über die Notwendigkeit der Soforthilfe sagte Ministerpräsident Geir Haarde am 6. Oktober: Es bestehe „eine sehr reale Gefahr …, dass die isländische Wirtschaft im schlimmsten Fall im Sog der Banken mit hinunter gerissen wird, dessen mögliches Ergebnis der Staatsbankrott gewesen wäre.“ [Übersetzung durch die Autoren] Er erklärte auch, dass Regierungsmaßnahmen dafür gesorgt hätten, dass der isländische Staat nicht in Konkurs gehe.

Am Ende des zweiten Quartals 2008 lag Islands Auslandsverschuldung bei 9553 Milliarden isländische Kronen (etwa 50 Milliarden Euro); mehr als 80 % davon entstand im Bankensektor. Dies war ein Vielfaches von Islands Bruttoinlandsprodukt 2007 von 1293 Milliarden Kronen (8,5 Milliarden Euro). Das Vermögen der drei Banken, die der Kontrolle des FME unterstanden, betrug 14437 Milliarden Kronen (etwa 95 Milliarden Euro) am Ende des zweiten Quartals 2008 – eine Summe, die mehr als dem Elffachen des isländischen BIP entsprach. Somit sah sich die isländische Zentralbank gezwungen, zum Kreditgeber letzter Instanz zu werden, wenn diese in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, und begann, Vermögenswerte abzuschreiben. Teil der am 6. Oktober eilig verabschiedeten Notstandsgesetze war eine umfassende Restrukturierung der unter staatlicher Verwaltung stehenden Banken. Dabei flossen die inländischen Vermögenswerte in neu geschaffene inländische und öffentliche Banken ein, während die ausländischen Reste der Banken als Konkursmasse zur Liquidation freigegeben wurden. Dieser Schritt wirkte wie eine schützende Hand für die isländische Wirtschaft, da es bedeutete, dass die Bürger der Insel keine Verluste aus der systemischen Bankenpleite hinnehmen mussten. Gleichwohl hatte die Finanzkrise schwerwiegende negative Auswirkungen auf die isländische Wirtschaft. Die nationale Währung (Krone) musste einen erheblichen Wertverlust hinnehmen, Devisentransaktionen waren für Wochen praktisch blockiert, und die Marktkapitalisierung der isländischen Börse fiel um mehr als 90 %. Als Folge der Krise erlebte Island eine schwere Rezession; sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank in den ersten sechs Monaten des Jahres 2010 real um 5,5 %. Da die ausländischen Geschäftsbereiche der drei isländischen Banken Konkurs anmeldeten, wurden im Ausland die Bankkonten von mehr als einer halben Million Einleger (weit mehr als die gesamte Bevölkerung Islands) eingefroren. Es kam daraufhin zu einem diplomatischen Streit (Icesave-Streit genannt) über die Rückzahlung der Einlagensicherung zwischen Island auf der einen Seite und Großbritannien bzw. den Niederlanden auf der anderen.

Die wichtigsten Gegenmaßnahmen zur Bekämpfung der Krise waren:

Durchsetzung strenger Kapitalverkehrskontrollen (inklusive einer vorübergehenden Aussetzung aller offiziellen Währungsgeschäfte) am 6. Oktober 2008 – zum Schutz der isländischen Krone Verabschiedung eines 5,1 Milliarden Dollar großen nationalen Rettungspakets (davon kamen 2,1 Milliarden Dollar vom IWF und die restlichen 3,0 Milliarden Dollar von einer Gruppe nordischer Länder) zur Finanzierung der Haushaltsdefizite und der Schaffung inländischer Banken am 17. November 2008 Durchsetzung von Sparmaßnahmen als Teil der benötigten Haushaltskonsolidierung Verabschiedung eines „Darlehens zur Rückzahlung der Mindesteinlagensicherung“ (1,2 Milliarden Euro aus Deutschland, während die 4,0 Milliarden Euro des angebotenen Icesave-Darlehens aus Großbritannien und den Niederlanden nie angenommen wurden) zur Finanzierung der Rückzahlung der Mindesteinlage an ausländische Kontoinhaber, die ihre Ersparnisse durch die Insolvenz der isländischen Banken verloren hatten.

Unterstützungsaktionen für den isländischen Staat endeten offiziell am 31. August 2011, ohne durch neue zusätzliche Darlehen oder „Precautionary Conditioned Credit Lines“ (PCCL) erweitert zu werden. Wie vom IWF geplant, gelang es Island, vollständigen Zugang zu den Finanzmärkten zurückzugewinnen, um seine künftige Finanzierung zu decken. In der ersten Hälfte des Jahres 2012 begann Island Teile der Schulden, die durch das Rettungspaket entstanden sind, zurückzuzahlen. Noch im Januar 2013 sind die erzwungenen Kapitalverkehrskontrollen jedoch notwendig, um die Währung zu schützen, obwohl es vom IWF zur Förderung von ausländischen Investitionen empfohlen wird. Solange die Zahlungsbilanz nicht völlig stabil ist und es der Zentralbank nicht gelungen ist, erhebliche ausländische Kapitalrücklagen aufzubauen (oder die überschüssige Geldmenge des ISK aus der Zirkulation zu ziehen). Auch die Mindesteinlagensicherung der Einleger wurde durch die Liquidation von Vermögenswerten der drei bankrotten Banken zurückgezahlt; das war möglich, weil das isländische Recht der Rückzahlung dieser Garantien Priorität einräumt, bevor die verbleibenden vorrangigen Forderungen und allgemeine Ansprüche von Gläubigern behandelt werden.

Ein neuer Abschnitt mit positivem BIP-Wachstum begann im Jahr 2011 und verstärkte den rückläufigen Trend der Arbeitslosenquote. Nachdem das Haushaltsdefizit 2009 und 2010 bis auf 10 % des BIP anwuchs, wurde es 2012 auf ein akzeptables Niveau von 3,4 % des BIP gebracht; dies schuf die Grundlage, um das Schulden-zu-BIP-Verhältnis von 101 % (2011) auf 97 % (2012) zurückzuführen. Die Senkung der relativ hohen HICP-Inflationsrate (6,0 % im Jahr 2012) und des Abwertungsdrucks der einheimischen Währung gelten als wichtige Herausforderung für das Jahr 2013. Die isländische Finanzkrise wurde mit dem Auslaufen der internationalen Rettungsaktion am 31. August 2011 offiziell als beendet erklärt. Erst müssten allerdings die Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben werden, bevor man von einer vollständigen Überwindung der isländischen Finanzkrise sprechen kann.

Ursache Im Jahr 2001 wurden die Banken in Island dereguliert. Damit wurden die Voraussetzungen für die Banken geschaffen, Schulden aufzuhäufen, um ausländische Unternehmen aufzukaufen. Die Krise begann, als die Banken im Rahmen der Finanzkrise 2008 ihre Schulden nicht mehr refinanzieren konnten. Es wird geschätzt, dass die drei großen Banken Auslandsschulden von über 50 Milliarden €,Central Bank of Iceland (4. September 2008): . Abgerufen am 11. Oktober 2008 oder über 160.000 € pro isländischem Einwohner, auf sich geladen haben (Zum Vergleich: das isländische Bruttoinlandsprodukt lag bei 8,5 Mrd. €).Statistics Iceland (11. September 2008). Gross domestic product 2007 – Revision. Abgerufen am 13. Oktober 2008Zum Zweck des Vergleiches wurden sowohl die Schulden der isländischen Banken als auch das isländische BIP mit einem Umrechnungskurs von 150 ISK=1 EUR umgerechnet. Bereits im März 2008 waren die Kosten für die private Einlagensicherung für Einlagen bei der Landsbanki und der Kaupthing bereits weit höher (6–8½ % der hinterlegten Summe) als bei anderen europäischen Banken. Die Króna, welche vom The Economist im Frühjahr 2007 als die überbewerteste Währung der Welt (bezogen auf den Big Mac Index) bezeichnet wurde, hat weiter unter den Auswirkungen des Carry Trading gelitten.

Von einem kleinen heimischen Markt ausgehend, haben die isländischen Banken ihre Expansion mit Krediten auf dem Interbanken-Markt und später durch Einlagen außerhalb Islands (die auch eine Form der Auslandsverschuldung darstellen) finanziert. Die Haushalte überschuldeten sich ebenfalls, das entspricht 213 % des verfügbaren Einkommens, was zur Inflation führte. Diese Inflation wurde durch die Praxis der IZB verschärft, Kredite an Banken auf der Grundlage neu ausgegebener, ungedeckter Anleihen zu vergebenPara. 19, Letter of Intent to the International Monetary Fund (PDF; 976 kB). 3. November 2008.; letztlich handelte es sich um Gelddrucken auf Abruf.

In Reaktion auf den Anstieg der Preise – 14 % in den zwölf Monaten bis September 2008, bei einer Zielmarke von 2,5 % – hielt die Zentralbank von Island die Zinsen hoch (15,5 %). Solch hohe Zinsen, verglichen mit 5,5 % im Vereinigten Königreich oder 4 % in der Eurozone zum Beispiel, ermutigten ausländische Investoren, ihre Einlagen in isländischen Kronen zu halten, was zu einer monetären Inflation führte. Die isländische Geldmenge (M3) wuchs um 56,5 % in den zwölf Monaten bis September 2008, verglichen mit 5,0 % BIP-Wachstum. GDP growth is for the second quarter 2008 (annualised); Q3 growth was −0.8% (annualised). Hier hatte sich tatsächlich eine wirtschaftliche Blase entwickelt, in der Investoren den wahren Wert der Krone überschätzten.

Wie für viele Banken weltweit wurde es auch für isländische Banken zunehmend schwierig oder unmöglich, ihre Kredite auf dem Interbankenmarkt, zu verlängern. Ihre Gläubiger beharrten auf Rückzahlung, während keine anderen Banken bereit waren, neue Kredite zu vergeben. In einer solchen Situation würde eine Bank normalerweise die Zentralbank als Kreditgeber letzter Instanz um einen Kredit bitten. Allerdings waren die Banken in Island so viel größer als die Volkswirtschaft, so dass die Zentralbank von Island und die isländischen Regierung nicht die Rückzahlung der Bankenschulden garantieren konnten. Dies führte zum Zusammenbruch der Banken. Die offiziellen Reserven der Zentralbank von Island lagen bei 374,8 Milliarden Krónur Ende September 2008, verglichen mit 350,3 Milliarden Krónur der kurzfristigen Auslandsschulden des isländischen Bankensektors, und mindestens 6,5 Milliarden £ (1250 Milliarden Krónur) Einlagen von Privatkunden in Großbritannien.Calculated as £4 billion in Icesave deposits and £2.5 billion in deposits at Heritable Bank and Kaupthing Singer & Friedlander that were handed to ING Direct.

mini|Das Icesave-Logo wirbt als „Teil der Landsbanki, Reykjavík, Iceland“ Die Situation wurde durch die Tatsache, dass Icesave eher als ein Zweig der Landsbanki denn als rechtlich selbständiges Konzernunternehmen operierte, verschlimmert. Als solches war es von der IZB wegen Notkrediten für Liquidität völlig abhängig und konnte nicht die Bank of England um Hilfe bitten. Die britische Financial Services Authority (FSA) war sich des Risikos bewusst und erwog in den Wochen vor der Krise, Sondervorschriften für Liquiditätsbedarf bei isländischen Banken im Einlagengeschäft zu erlassen. Jedoch hätte der Plan, der nie umgesetzt wurde, die isländischen Banken gezwungen, die Zinsen zu senken oder keine weiteren Einlagen anzunehmen und somit vielleicht sogar einen Bankansturm ausgelöst, zu dessen Verhinderung die Maßnahme eigentlich gedacht war. Die Behörden von Guernsey planten ebenfalls Beschränkungen für ausländische Banken, die als Zweigstellen operierten, und für Geldtransfers zwischen Tochtergesellschaften auf Guernsey und den Muttergesellschaften („parental upstreaming“) einzuführen. Die Landsbanki arbeitete auf Guernsey als ein rechtlich selbständiges Konzernunternehmen.