Galenus Weyer (auch Weier, latinisiert Wierus, * 1547 vermutlich in Arnheim; † 17. April 1619 in Düsseldorf) war ein niederländisch-deutscher Mediziner und Leibarzt zweier Herzöge von Jülich-Kleve-Berg und eines Trierer Kurfürsten.

Leben Galenus Weyer war ein Sohn des Arztes und Gegners der Hexenverfolgung Johann Weyer (1516–1588) und dessen erster Frau Judith Wintgens († 1572). Er stammte aus einer adeligen Familie.Vgl. Heinrich Eschbach: Dr. med. Johannes Wier, der Leibarzt des Herzogs Wilhelm III. von Cleve-Jülich-Berg. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins 1 (1886), S. 57–174, bes. S. 169 f. (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Sein Vater benannte ihn vermutlich nach dem berühmten antiken griechischen „Phenix (d. h.: Unsterblichen) aller Artzen (Ärzte)“ und Anatomen Galenos von Pergamon (um 129 bis um 201), um damit seine Opposition gegen dessen Widerpart in der Renaissancezeit Paracelsus (1493–1541) auszudrücken.Vgl. Johann Weyer: De praestigiis daemonum, deutsche Ausgabe Frankfurt am Main 1586, bes. Vorwort und S. 161 (zu Galenos) und S. 134–138, S. 528 (zu den Paracelsisten). Johann Weyer war ab 1545 Stadtarzt in Arnheim, 1550 wurde er als Leibarzt an den Klever Hof berufen.

„Galenus Wyerius“ immatrikulierte sich 1567 in Köln, studierte später in Florenz und 1571 in Montpellier („Galenus Wierus, germanus“). Dort war er ein Schüler von Laurent Joubert.Briefliche Mitteilung an Wilhelm Fabry; vgl. dessen Brief an Claudius Deodatus († nach 1628), Wundarzt des Bischofs von Basel, vom 23. Juli 1619. In: Opera. Quae extant omnia. Johann Ludwig Dufour, Frankfurt am Main 1632, S. 465–467, bes. S. 466 (Google-Books). Am 23./24. August 1572 erlebte er als Protestant die Bartholomäusnacht in Frankreich mit, überstand sie aber unversehrt. Am 4. November 1572 schrieb er sich als „Galenus Vuierius Clivensis“ in Padua einMatricula Nationis Germanicae Artistarum in Gymnasio Patavino (1553–1721), hrsg. von Lucia Rossetti, Padova 1986, S. 33, Nr. 277.. 1573 trug er sich in die Stammbücher von Jacob Häckelberger zu Hehenberg († 1587)Sohn des kaiserlichen Landanwalts Erasmus Häckelberger, 1567 immatrikuliert in Wittenberg, 1572 in Padua (1573/74 Prokurator der deutschen Nation), 1573 in Bologna. und Sigismund III. Örtel († 1617?)Nürnberger Patrizier, um 1575 (1573?) in Padua; Lucas Geizkofler (1550–1620), Adam Wolf (Hrsg.): Lucas Geizkofler und seine Selbstbiographie. Wilhelm Braumüller, Wien 1873, S. 113 (Google-Books). ein. In Pisa war er 1575 als medizinischer Doktor Prüfungszeuge für Gregorius Laub (1554–1597).Aus Augsburg, auch Georg Laubius, Schüler von Hieronymus Wolf (1516–1580), Studium in Montpellier, Pisa, Padua und Florenz, Arzt in Augsburg, Sohn von Johannes Laub, Briefwechsel mit Joachim Camerarius (1534–1598).

1578 bis 1609 wurde er als Nachfolger seines Vaters zum Leibarzt (Hofmedicus) der Herzöge Wilhelm V. (1516–1592) und Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg (1562–1609) berufen. Er sollte Wohnung in Düsseldorf nehmen und erhielt als jährliches Gehalt 140 Reichstaler sowie Verpflegung für seinen Diener und zwei Pferde, 40 Reichstaler für Heizkosten und Hausmiete und 12 Malter Gerste. Seine „Behausung“, die er und seine Frau 1595 für 1050 Reichstaler von Herzog Wilhelm V. erwarben,Vgl. Olaf Richter: Niederrheinische Lebenswelten in der Frühen Neuzeit. Böhlau, Köln 2015, S. 517 Anm. 477 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). lag „binnen Dusseldorff … uf der Flingerstraße“.Urkunde vom 19. August 1597; Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, Düsseldorf (Bestand 120.58.00 Kreuzbrüder, Urkunde Nr. 134).Vgl. „Flinger Straess … Wilhelm Weier“ in: Heinrich Ferber (Hrsg.): Das Landsteuerbuch Düsseldorf’s von 1632. W. Deiters, Düsseldorf 1881, S. 28 (Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf).

1582 therapierte Weyer im Bensburger Hof erfolgreich eine trockene Nekrose (Gangraena senilis) an einem Schienbein.Vgl. Observatio LXXXVI. In: Wilhelm Fabry: Opera. Quae extant omnia. Johann Ludwig Dufour, Frankfurt am Main 1632, S. 165. Im selben Jahr obduzierten die Ärzte Wilhelm Fabry (1560–1634), Cosmas Slot (Cosmus Slotanus; † 1585), Reiner Solenander (1524–1601) und Galenus Weyer in Düsseldorf die Leiche des im Fieber verstorbenen Conrad von Steinberg, bei dem sie einen extrem harten Gallenstein fanden.Vgl. Observatio LX. In: Wilhelm Fabry: Opera. Quae extant omnia. Johann Ludwig Dufour, Frankfurt am Main 1632, S. 48; Observatio LXXXVIII (Brief von Wilhelm Fabry an Peter Pauw (1564–1617) aus Frankfurt am Main vom 8. Dezember 1617). In: ebenda, S. 485 f., bes. S. 486; Conrad Berthold Behrens: Historische Beschreibung des Hoch-Wohlgebornen Hauses Der Herren von Steinberg. Gottfried Freytag, Hannover / Wolfenbüttel 1697, S. 28. Galenus berichtete Fabry „privatim“ in seinem Düsseldorfer Haus, dass er in einer menschlichen Gallenblase schon Würmer gefunden habe.Vgl. Observatio LX. Annotatio. in: Wilhelm Fabry: Observationum et curationum chirurgicarum centuriae. Ludwig König, Basel 1606, S. 174 f. (Google-Books); Erwin Opfer: Bandwürmer in der menschlichen Gallenblase und ihre etwaige Beziehung zu Gallensteinbildungen. In: Virchows Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin 279 (1930), S. 193–206.Vgl. Johann Weyer: De praestigiis Daemonum; deutsche Ausgabe Nicolaus Basseus, Frankfurt am Main 1586, S. 269 (Google-Books); hier datiert auf 1572. In der Embryologie plädierte Galenus Weyer gegen u. a. den Anatomen Caspar Bauhin (1560–1624) dafür, dass der Urin des Foetus durch den offenen Urharngang über die Nabelschnur abgeleitet, und nicht in die Fruchtblase entleert wird,Vgl. Observatio LVIII (Brief von Wilhelm Fabry an Johannes Burgauer (1600–1635), Chirurg aus Schaffhausen, vom 8. April 1627 aus Bern). In: Wilhelm Fabry: Opera. Quae extant omnia. Johann Ludwig Dufour, Frankfurt am Main 1632, S. 573 f., bes. S. 573: Weyer meint, „videlicet urachum in omnibus pervium esse, & proinde Diuretica maximo cum fructu umbilico applicare“. eine Auffassung, die sich allgemein im 18. Jahrhundert in Aufnahme einer posthum 1721 herausgegebenen SchriftJohann Konrad Peyer: Observatio circa urachum in foetu humano pervium. Edita ab ejus filio (= hrsg. von seinem Sohn) Johann Jakob Peyer. Langerak, Leiden 1721, S. 12 f. (Google-Books); vgl. Bernhard Peyer: Der Arzt Johann Conrad Peyer 1653-1712. In: ders.: Geschichte der Familie Peyer mit den Wecken. Berichthaus, Zürich 1932, S. 299–346, bes. S. 338. von Johann Conrad Peyer (1653–1712) durchsetzte.Vgl. Ernst Veiel: Die Metamorphose des Urachus (diss. med. Tübingen). Heinrich Laub, Tübingen 1862, S. 7.

1589 und 1590 verfasste Weyer zusammen mit den Leibärzten Reiner Solenander und Lambert Wolf medizinische Gutachten („Consilia“) über den Geisteszustand und die Kinderlosigkeit von Herzog Johann Wilhelm. 1592 war Weyer unter den Gästen der Trauerfeier für Herzog Wilhelm, die Dietrich Graminäus ausführlich beschrieb.Vgl. Theodor Graminaeus: Spiegel vnd abbildung der Vergenglichkeit … wie der … Herr Johan Wilhelm Hertzog zu Guelich … am fuenfften tag Jannuarij, im Jahr 1592. in den Herrn … entschlaffen, am zehenden Tag Martij … begraben …, o. O. [Gras, Köln] 1592 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München), (Google-Books). Ab 1594 behandelten Galenus Weyer, Lambert Wolf und Heinrich Botterus (Butter) (1539; † nach 1613) Lähmungserscheinungen bei Johanna geb. Sengel (1562–1598), der Frau des jülich-klevischen Rates Petrus Simonius Ritz (1562–1622) zu Etgendorf, mit Arzneien, Schwitzkasten und einer Kur an den sauren Quellen von Spa.Vgl. Olaf Richter: Niederrheinische Lebenswelten in der Frühen Neuzeit. Böhlau, Köln 2015, S. 517f.

1594 erwarb Weyer den „großen Reinhardtshof“ (später nach ihm „Doktorhof“ genannt) und 1597 Ackerland in Lörick im Kirchspiel Heerdt.Urkunden vom 16. August 1594, 19. August 1597 und 18. April 1613; Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Bestand 120.58.00 Kreuzbrüder, Urkunden Nr. 133, 134 und 141; vgl. Nr. 124a; Akten Nr. 32).

Zwei Brüder von Galenus Weyer waren Juristen und standen in pfälzischen Diensten. Johannes Weyer (* um 1555–1610) war zunächst Hofgerichtsrat in Heidelberg, später Amtmann in der Kur-Oberpfalz. Dietrich von Weyer (* um 1540/42–1604) war bis 1595 kurpfälzischer Rat und versuchte 1591 bei einem Besuch in Düsseldorf, die Enkelin von Herzog Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg, Anna von Preußen (1576–1625), als Braut für Friedrich IV. von der Pfalz (1574–1610) zu gewinnen. 1596 war Dietrich von Weyer Agent (Botschafter) der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen im Reich und forcierte den Gedanken eines protestantisch-reformierten Bündnisses von Brandenburg-Preußen mit Holland. Dabei wurde er im Mai 1596 bei Wesel von spanischen Reitern des Grafen Hermann von dem Bergh abgefangen und einer Verschwörung gegen Jülich-Kleve-Berg verdächtigt. Unklar ist die Rolle, die Galenus Weyer bei diesen Unternehmungen spielte. In älterer Literatur wird er teilweise für einen Unterstützer bzw. Mitverschwörer gehalten.Vgl. Thomas Beer von Lahr: Original-Denkwürdigkeiten eines Zeitgenossen am Hofe Johann Wilhelm’s III. J. H. C. Schreiner, Düsseldorf 1834, S. 52–56 (Google-Books); Theodor von Haupt: Jacobe, Herzogin zu Jülich, geborne Markgräfin von Baden. Biographische Skizze, Gelehrten-Buchhandlung, Koblenz 1820, S. 76 (Google-Books). Jedoch blieb Galenus Weyer bis 1609 unangefochten Hofmedicus in Düsseldorf.

Am 4. September 1597 nahm Galenus Weyer zusammen mit dem Wundarzt Matthias Reyd aus Kempen eine Obduktion der wahrscheinlich ermordeten Herzogin Jakobe von Baden-Baden (1558–1597) vor, bei der sie an Magen, Leber, Milz und Eingeweiden keine Andeutung eines Giftes fanden, lediglich die Lunge wurde als „mißfarbt“ bemerkt. Der äußere Befund der Leiche wurde im Protokoll nicht festgehalten.Vgl. Theodor von Haupt: Jacobe, Herzogin zu Jülich, geborne Markgräfin von Baden. Biographische Skizze, Gelehrten-Buchhandlung, Koblenz 1820, S. 93 und 98f. Im Bericht des Pfalz-Neuburger Rats und Agenten (Botschafters) Alexius Moroldt († 1600) finden sich allerdings Hinweise, dass Weyer bei Totenschau und Einbalsamierung Beobachtungen machte, die eine Strangulation der Herzogin möglich erscheinen ließen.Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (Pfalz-Neuburg, Geheime Kanzlei, Jülich’sche Registratur, Nr. 123 (h 251/3), Blätter 101–103); vgl. Olaf Richter: Niederrheinische Lebenswelten in der Frühen Neuzeit. Böhlau, Köln 2015, S. 484f Anm. 379 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).

An der anschließenden Brautwerbung Herzog Johann Wilhelms um Antonie von Lothringen (1568–1610) wirkte Galenus Weyer mit. Er gehörte der Gesandtschaft an, die 1598 in Nancy den Heiratsantrag überbrachte und dem Herzog berichtete, „dass Fräulein Antonia tugendsam, friedliebend und von Leib wohlgestaltet wäre“.Vgl. Karl Wilhelm Bouterwek: Drei Huldigungstage der Stadt Wesel. In: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 2 (1865), S. 124–196, bes. S. 170 f. (Google-Books). 1599 reiste Weyer an den kurfürstlichen Hof in Trier,Vgl. Olaf Richter: Niederrheinische Lebenswelten in der Frühen Neuzeit. Böhlau, Köln 2015, S. 518 Anm. 480. und 1602 bezeichnet er sich außer als jülich-kleve-bergischer Leibarzt auch als Leibarzt des Trierer Kurfürsten Lothar von Metternich (1551–1623, reg. 1599).