Heinrich Weyer (auch: Wierus) (* um 1545 vermutlich in Arnheim; † 16. September 1591 in Köln) war ein niederländisch-deutscher Mediziner und Leibarzt zweier Trierer Kurfürsten.

Leben Heinrich Weyer war ein Sohn des Arztes und Gegners der Hexenverfolgung Johann Weyer (1516–1588) und dessen erster Frau Judith Wintgens († 1572). Er stammte aus einer adeligen FamilieVgl. Heinrich Eschbach: Dr. med. Johannes Wier, der Leibarzt des Herzogs Wilhelm III. von Cleve-Jülich-Berg. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins 1 (1886), S. 57–174, bes. S. 169f (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). und bezeichnete sich selbst als „Sicamber“, d. h. jemand, der vom Niederrhein bzw. aus Geldern stammte. Sein Vater war ab 1545 Stadtarzt in Arnheim und wurde 1550 als Leibarzt an den Klever Hof berufen.

Heinrich Weyer studierte 1559 zusammen mit seinem Bruder Dietrich (um 1540/42–1604), dem späteren kurfürstlichen Rat und Agenten der Republik der Vereinigten Niederlande, an der neugegründeten Académie de Genève (immatrikuliert als „Henricus Wierus Clivanus“). 1560 hörten beide Brüder den Gräzisten Adrianus Turnebus (1512–1565) am Collegium Trilingue in Paris.

Am 5. September 1561 immatrikulierte er sich als „Henricus Wierus, germanus“ in Montpellier und am 12. November 1562 als „Henricus Wierius Clivensis“ in Padua. 1564 wurde er an der Universität Bologna promoviert („Henricus Wierus Sicamber Germanus“). Sein Vater bezeichnete ihn wenig später unter Bezug auf die beiden italienischen Studienorte als „philosophiae & medicinae Doctor (= Doktor der Philosophie und der Medizin)“.Vgl. Ioannes Wierus: Medicarum observationum rararum, Liber I. Oporinus, Basel 1567, S. 64 (Digitalisat der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel); Peter Montanus, Amsterdam 1657, S. 72 (Google-Books).Vgl. De praestigiis Daemonum, Ausgabe Basel 1566, S. 409 (Google-Books); deutsche Ausgabe Frankfurt am Main 1586, S. 261 (Google-Books).

Am 11. August 1564So Gustav C. Knod: Rheinländische Studenten im 16. und 17. Jahrhundert auf der Universität Padua. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 68 (1899), S. 133–189, bes. S. 169; vgl. das Folgende. Nach Lotte Kosthorst: Gelehrte Mediziner am Niederrhein. Das Italienstudium der Ärzte am Hof Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg (1539–1592). In: Kaspar Gubler, Rainer Christoph Schwinges (Hrsg.): Gelehrte Lebenswelten im 15. und 16. Jahrhundert. (Repertorium Academicum Germanicum. Forschungen 2), Hochschulverlag, Zürich 2018, S. 129–156, bes. S. 150 Anm. 155 am 11. August 1565. schrieb Heinrich Weyer sich als promovierter Mediziner an der Universität zu Köln ein („Henr. Wierus Clivensis Medicinar. Doctor Bononiae promotus iur. et solv.“). Der Dekan der medizinischen Fakultät Mauritius Seidel († 1574)Aus Oelsnitz, Erzieher der Kinder des Arztes Heinrich Stromer in Leipzig, später Arzt und Professor in Köln, 1566, 1569 und 1574 Rektor der Alten Universität Köln;Otto Clemen: Ein Korrespondent Melanchthons, Moritz Seidel aus Ölsnitz i. V. In: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 46 (1938), S. 144–147. erteilte Heinrich Weyer nach Prüfung seiner Zeugnisse 1565 die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen über Heilkunde in Köln zu halten. Nach kurzer Lehrtätigkeit wurde ihm jedoch das Abhalten weiterer Vorlesungen verboten, da er sich kritisch über Aristoteles äußerte: „In der nämlichen Fakultätssitzung [der Artistenfakultät am 2. August 1565] wurde beschlossen, dem Heinrich Weyer, Doktor der Medizin, der Dinge lehrte, die von Hippokrates und Galenus abweichen, und bei uns über die gesamte Philosophie des Aristoteles geringschätzig urteilte, die Türen zu schließen und ihm durch den Dekan der medizinischen Fakultät das Abhalten von Vorlesungen zu verbieten. Was dann auch geschah“.Übersetzung nach Carl Binz: Doktor Johann Weyer, ein rheinischer Arzt, der erste Bekämpfer des Hexenwahns. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts. 2. Auflage Hirschwald, Berlin 1896, S. 175.

Als 1564/65 fast alle Nonnen im Kölner Cellitinnenkloster Klein-Nazareth an heftigen hysterischen Anfällen litten, gehörte Heinrich Weyer zusammen mit seinem Vater Johann Weyer, Bürgermeister Constantin von Lyskirchen (1500–1581), dem ehemaligen Dechanten zu Kleve Johann Vos († nach 1565)1540–1563 im Kollegiatstift St. Mariä Himmelfahrt in Kleve belegt. von Altena (Altenanus) und dem Arzt Johann Bachoven van Echt (1515–1577)Mitverfasser von Hubert Faber, Bernhard Dessennius Cronenburg, Johann Bachoven van Echt, Theodor Birckmann: Dispensarium usuale pro pharmacopoeis inclytae reipublicae Coloniensis. Arnold Birckmann d. Ä. Erben, Köln 1565; Neudruck: Georg Edmund Dann (Hrsg.): Das Kölner Dispensarium von 1565 (Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte und Pharmazie 34–35), 2 Teile, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1969. Briefwechsel mit Philipp Melanchthon (1497–1560) (MBW 9039, 9062), Martin Bucer (1491–1551) und Johann Dryander (1500–1560). zu einer Untersuchungskommission, die das Kloster am 25. Mai 1565 inspizierte. Die Kommission vermutete, da sich früher junge Männer in das Kloster eingeschlichen hatten, dass deren Ausschluss die Wahnvorstellungen verursacht hatte.

Nach seinem Aufenthalt in Köln praktizierte Heinrich Weyer als Arzt in LemgoVgl. Gustav C. Knod: Rheinländische Studenten im 16. und 17. Jahrhundert auf der Universität Padua. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 68 (1899), S. 133–189, bes. S. 169. und Köln.

1570 wurde Heinrich Weyer Leibarzt der Trierer Kurfürsten Jakob III. von Eltz (1510–1581) und Johann VII. von Schönenberg (1525–1599) und lebte in Trier und vor allem in Koblenz, wo sich die erzbischöfliche Residenz befand und Weyer sich mit seiner Familie niederließ.Brief von Heinrich Weyer aus Koblenz an Heinrich Smetius in Lemgo vom 1. Mai 1570. Der Heidelberger Professor für Medizin Heinrich Smetius (1537–1614) gab später einen von Heinrich Weyer 1570 verfassten medizinischen Brief zusammen mit einer Übersetzung heraus, die Heinrich Weyer aus einem Werk seines Vaters über die sogenannte Dithmarsche Krankheit („Varen“, ein Hautausschlag) angefertigt hatte.

Im Herbst 1575 begleitete er Erzbischof Jakob III. zum Regensburger Kurfürstentag, auf dem Rudolf II. von Habsburg (1552–1612) zum deutschen König gewählt wurde. Auf der Reise kam er auch durch Würzburg. Johannes Posthius (1537–1597), der dort als Leibarzt des Fürstbischofs lebte, hob in einem Empfehlungsschreiben an den Nürnberger Stadtarzt Joachim Camerarius (1534–1598) neben anderen Vorzügen hervor, dass „Heinrich Wyerus“ der reformierten Religion („pura religio“) anhänge. Um 1580 behandelten Weyer und der Koblenzer Apotheker Adolf Rotthaus eine Gräfin zu Crottorf, sehr wahrscheinlich handelte es sich um Katharina von Selbach genannt Lohe (1545–1582), Erbin von Crottorf, Witwe von Wilhelm II. von Hatzfeld-Wildenburg († 1570).Rechnung von 1580; Archiv Schloss Schönstein (Akten, Nr. 7761); Epitaph in der Pfarrkirche St. Sebastianus in Friesenhagen.

Als sich 1585 der päpstliche Nuntius Giovanni Francesco Bonomi (1536–1587) beschwerte, dass noch zwei Calvinisten, ein Arzt – der Stadtarzt Heso Meyer – und ein Goldschmied in Trier arbeiteten, ließ er den Leibarzt Weyer in Koblenz unerwähntVgl. Gunther Franz: Trier zur Reformationszeit. In: Gunther Franz, Jörg Weber (Hrsg.): Caspar Olevian und der Reformationsversuch in Trier vor 450 Jahren. 1559–2009, Norderstedt: Books on Demand 2009, S. 39–66, bes. S. 65..

Der Archiater Heinrich Weyer „ὁ Μακαρίτος (= der Beneidenswerte)“ war Vorbesitzer einer mathematisch-musikalischen Sammelhandschrift aus dem 12./13. Jahrhundert, die von seinen Schwiegersohn Marquard Freher an Frans Nans (1525–1595) nach Dordrecht geschickt wurde und über Pieter SchrijverMenso Folkerts: Zur überlieferung der Agrimensoren. In: Rheinisches Museum für Philologie 112 (1969), S. 53–70, bes. S. 56 Anm. 14. in die Bibliothèque nationale de France gelangte.Bibliothèque nationale de France Paris (Ms. Lat. 7377 C); vgl. Nikolai Michailowitsch Bubnow (Bearb.): Gerberti postea Silvestri II Papae Opera Mathematica (972-1003). Friedländer, Berlin 1899 (Nachdruck Georg Olms, Hildesheim 2005), S. lv–lviii (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).

Weyer erkrankte 1591 bei einem Besuch seiner Schwägerin Clara Schenck, geb. van Echt, der Witwe des Kölner Ratssyndikus Werner Schenk (um 1534–1590)Aus der Herrschaft Brauweiler, 1554 immatrikuliert in Köln, 1564 Liz. jur., 1568 Dr. legum, 1573 kurfürstlicher Rat in Köln, 1583 Amtmann in Bonn, bis etwa 1585 kurkölnischer Vizekanzler, 1586 Dr. jur. utr., 1587 Ratssyndikus in Köln., und starb in ihrem Hof zur Stesse „hinder St. Laurentz“ (heute: Laurenzplatz 1/3). Hermann von Weinsberg (1518–1597) schildert dieses Ereignis ausführlich in seiner AutobiografieFriedrich Lau (Bearb.): Das Buch Weinsberg. Kölner Denkwürdigkeiten aus dem 16. Jahrhundert (Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde XVL,2), Bd. IV, Bonn: Peter Hanstein 1898, S. 131f.. Als Protestant wurde Heinrich Weyer nach dem Bericht von Arnoldus Buchelius (1565–1641) auf eigenen Wunsch außerhalb des katholischen Kölns begrabenHermann Keussen: Die drei Reisen des Utrechters Arnoldus Buchelius nach Deutschland, insbesondere sein Kölner Aufenthalt II./III. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein insbesondere das Alte Erzbistum Köln 85 (1908), S. 43–114, bes. S. 71 (Digitalisat im DjVu-Format; auf Wikisource)..

Familie Heinrich Weyer war (⚭ vor 1569) verheiratet mit Margaretha (Margrit) Bachoven van Echt († 1580/83),Vgl. Historisches Archiv der Stadt Köln (Bestand 160 Armenverwaltung, U 1/1759; Bestand 310E Reichskammergericht, A 5; Verlust am 3. März 2009); Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Bestand Reichskammergericht, 4739 – Az. R 781/2832). Tochter des Arztes Johann Bachoven van Echt (1515–1576)Er ⚭ II. Gertrud von Mühlheim († 1581); vgl. Lotte Kosthorst: Gelehrte Mediziner am Niederrhein. Das Italienstudium der Ärzte am Hof Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg (1539–1592). In: Kaspar Gubler, Rainer Christoph Schwinges (Hrsg.): Gelehrte Lebenswelten im 15. und 16. Jahrhundert. (Repertorium Academicum Germanicum. Forschungen 2). Hochschulverlag, Zürich 2018, S. 127–156, bes. S. 147 Anm. 135 (PDF der ETH Zürich). aus Köln und dessen erster Frau Catharina Herl (Herel, Herlin, Hörnchen) († nach 1570).Tochter von Georg Herl aus Augsburg und Gertrude von Reidt aus Köln. Johann von Gymnich, Georg Herlen und Catharina Herls Onkel Jaspar (Caspar) von Reidt († um 1541) waren Erben des Kölner Bürgermeisters Johann van Riedt († 1535); Prozessakten, 1538–1593; Historisches Archiv der Stadt Köln (Bestand 310 Reichskammergericht – Buchstabe G, A 73) und Prozessakten, 1583–1603 (1541–1595); Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Reichskammergericht, Az. 4739 – R 781/2832). Sie hatten die Kinder miniatur|Wappen der Katharina Weyer, 1593|100px