Elena Ferrante (* 5. April 1943 in Neapel) ist das Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, die sich unter Wahrung ihrer Anonymität seit den 1990er Jahren als Romanautorin einen Namen gemacht hat. Mit ihrer Neapolitanischen Saga gelang ihr der internationale Durchbruch, sowohl auf dem Buchmarkt als auch bei der Literaturkritik. Das Nachrichtenmagazin Time zählte sie 2016 zu den 100 einflussreichsten Personen weltweit.
In Interviews, die bis auf eine Ausnahme schriftlich geführt wurden,Elena Ferrante, Art of Fiction No. 228. Interview mit Elena Ferrante (englisch; eigene Übersetzung), in: The Paris Review, Ausgabe Nr. 212, Frühjahr 2015, abgerufen am 26. August 2017. äußerte sich Ferrante ausführlich über ihr künstlerisches Schaffen. Dabei gab sie auch viele Informationen zu ihrer Person preis, so unter anderem, dass sie aus Neapel stamme und nicht hauptberuflich Schriftstellerin sei.Austausch mit einem Phantom. Interview mit Elena Ferrante, in: Der Spiegel, 21. August 2016, abgerufen am 7. Juli 2017. Entgegen ihrem ausdrücklichen Wunsch, anonym bleiben zu wollen, gibt es immer wieder Versuche, ihre Identität aufzudecken, auch unter Anwendung unlauterer und illegitimer Methoden.Die Enttarnung von Elena Ferrante ist Sensationsjournalismus, in: sueddeutsche.de vom 5. Oktober 2016, abgerufen am 5. Oktober 2016.Elena Ferrante: Nein heißt Nein ZeitOnline vom 5. Oktober 2016, abgerufen am 5. Oktober 2016.Beitrag von Deutschlandradio Kultur vom 2. Oktober 2016: Wunsch nach Anonymität wurde missachtet. Maike Albath im Gespräch mit Marietta Schwarz (Zum Hören des Radio-Beitrags auf die graue Schaltfläche „Beitrag hören“ klicken, die sich links unterhalb der Überschrift befindet.)
Künstlerisches Schaffen „Mensch und Autor stimmen nicht überein“, stellt Ferrante klar, nach dem Motiv für ihr vermeintliches Verschwinden als Autorin befragt. „Der Autor steckt ganz und gar im Werk“, fährt sie fort, sei also für den Leser sehr wohl präsent und kenntlich, was sie auch wünsche. Mit Absicht „verschwinden“ wolle sie lediglich als Mensch; ein solcher Rückzug, meint sie, könne sowohl dem Schreibprozess als auch dem Lesevorgang zugutekommen.
Gründe für ihre Anonymität Die Entscheidung, anonym zu bleiben, traf Ferrante noch vor Erscheinen ihres ersten Romans (1992) und sie bezeichnet sie noch heute als „wohlüberlegt und endgültig“, auch wenn sich ihre Beweggründe im Laufe der Jahre gewandelt hätten.Warum sollten wir meine Briefe veröffentlichen?, in: Literaturportal Bayern, 9. September 2019 Zuerst sei es Öffentlichkeitsscheu gewesen, später eine gewisse Medienfeindschaft, bedingt dadurch, dass sie den Eindruck gehabt habe, maßgebend für die Beurteilung eines Buches sei weniger das Werk selbst als vielmehr die Reputation des Autors. Sie sei jedoch überzeugt, dass das geschriebene Wort – anders als das gesprochene – die Präsenz eines Autors nicht nötig habe, dass also „Bücher nur sich selbst brauchen und dass sie sich ihre Leser selbst suchen müssen“. An diesem „Pakt“ mit dem Leser sei ihr ebenso gelegen wie an einem weiteren Grund für ihre Anonymität: die „Leere“, die durch ihre Abwesenheit als Autorin entstehe, eröffne ihr einen willkommenen kreativen Raum. Ihn versuche sie mit dem Akt des Schreibens bewusst zu füllen, so dass der „passionierte Leser“ durch den Text selbst ein wahrhaftigeres Bild von ihr bekomme, als dies auf herkömmlichen Wegen in den Medien geschehe.
Schriftstellerisches Credo „Wahrhaftigkeit“ ist eine der Kardinaltugenden, die namentlich die US-amerikanische Literaturkritik Ferrantes Texten zuschreibt. Sie ist zugleich auch das schriftstellerische Credo, zu dem sich die Autorin selbst bekennt. In Abgrenzung zur „biografischen“ bezeichnet Ferrante die Wahrheit, um die es ihr geht, als „literarische“. Diese ergebe sich daraus, das richtige Wort, den adäquaten Rhythmus und Tonfall zu finden, woraus wiederum eine bestimmte Energie resultiere, die sich direkt proportional verhalte zu der erstrebten literarischen Wahrheit. Sich ihr anzunähern, sei auch eine Sache der Übung. Erst spät, nach vielen verworfenen Versuchen, sei ihr mit Lästige Liebe ein Text gelungen, der ihren Ansprüchen genügte, wonach noch einmal zehn Jahre vergingen, bis sie mit Tage des Verlassenwerdens einen zweiten für publikationswürdig befand.
Schreibprozess Die Arbeit an einem Buch beginnt bei Ferrante in der Regel damit, dass sie einem „kleinen Stück“ von sich (einem Gefühl, Moment oder Satz), in jedem Falle etwas „Störendem“, nachgeht, indem sie weitere solche „kleinen Stücke“ aufspürt, Gedächtnisfragmente unsicherer Herkunft, für die ihre Mutter das Wort „Frantumaglia“ gebrauchte. Manche von ihnen verwirft Ferrante, an anderen hält sie fest als „Garantie für Authentizität“. So oder so schöpfe sie beim Schreiben gezielt aus dem, was sich ihr „entzieht“, was „unsicher“ ist und ihr „Unwohl“ bereitet. Nur wenn ein Werk sich aus diesen Quellen speise, so ihr Anspruch, dürfe es überhaupt geschrieben werden.Interview mit Elena Ferrante in der französischen Zeitschrift L’Obs vom 17. Januar 2018 (deutsche Übersetzung), abgerufen am 4. März 2018. Für die Erstfassung eines Textes (die „anstrengendste Phase“) nutzt sie den Computer; ist sie damit zufrieden, folgt – nach zwei, drei, im Höchstfall zehn Seiten – der zweite Arbeitsschritt, indem sie handschriftlich „zahllose, chaotische Notizen“ einfügt, was ihr großes Vergnügen bereite. Feste Rituale habe sie nicht, ihr genüge „irgendwo ein kleiner Winkel, zu Hause oder auf Reisen“. Der Plot entwickle sich bei ihr während des Schreibens; zwar sei sie sich über die Eckpunkte im Klaren und sinniere auch über den Fortgang der Handlung, doch halte sie diese Planspiele bewusst in einer gewissen Unordnung und vermeide eher vorbereitende Notizen, um nicht Gefahr zu laufen, dass sie beim Schreiben die Spannung verliert. Was den Stil betrifft, hat sie die Erfahrung gemacht, dass sie am besten vorankommt, wenn sie zu Beginn einen „flachen, trockenen“ Ton anschlägt – den einer „starken, luziden, gebildeten“ Frau aus der Mittelklasse von heute –, um dann zu einem späteren Zeitpunkt in eine andere Tonart zu wechseln, die ihr erlaubt, unter der „Rüstung“ von guter Bildung und guten Manieren, die ihre Figur sich zugelegt hat, etwas sichtbar zu machen, das anders – „rau, grob, wild“ – ist. Eine Fusion beider Stilregister erstrebt Ferrante in ihren – von der angloamerikanischen Literaturkritik hochgelobten – Erzählanfängen, die sie selbst so beschreibt: „Dort, wo die Geschichte wirklich beginnt, platziere ich gern einen weitreichenden Satz, der eine kalte Oberfläche hat und, darunter sichtbar werdend, ein Magma von unerträglicher Hitze.“ Ist ein Text fertig, geht sie ihn noch einmal gründlich durch. Dies sei eine besonders sensible Phase für sie, die sie empfänglich mache für jedes Detail des Lebens – ein bestimmtes Licht, eine Pflanze, ein auf der Straße aufgefangenes Wort – jegliches könne, im letzten Augenblick, noch Teil der Geschichte werden. Alles in allem sei die Metapher des Webens diejenige, die ihren Schreibprozess am treffendsten beschreibe.
Die Neapolitanische Saga Die Arbeit an der Neapolitanischen Saga verlief in vielem anders. Zum ersten Mal erlebte Ferrante, dass „alles da“ war. Die Handlung entfaltete sich wie von selbst, das Schreiben ging flüssig voran. Deutlich seltener als sonst – nur alle 50 bis 100 Seiten – hatte sie das Bedürfnis gegenzulesen. Von Anfang an sei sie in einem „Zustand der Gnade“ gewesen, und dies habe angehalten. Zum ersten Mal habe sie die Erfahrung gemacht, dass Erinnerung und Fantasie ihr immer mehr Material zuspielten und dass es, statt sie zu verwirren, sich wie von selbst gebrauchsfertig ordnete. Nie hätte sie gedacht, eine so lange Geschichte schreiben zu können; nie davon geträumt, so viele Nebenfiguren zu meistern; nie geglaubt, dass die historischen Veränderungen sich so in ihren Charakteren niederschlagen; nie beabsichtigt, über Themen wie sozialen Aufstieg und Klassenzugehörigkeit zu schreiben, denen sie bis dato eher abgeneigt gewesen war. Für alles aber hätte sich eine Lösung gefunden. So hätte von den Nebenfiguren eine jede ihren Auftritt, im Guten oder Schlechten, bekommen. Die historischen Gegebenheiten wären ganz natürlich in das Denken und Fühlen, Handeln und Sprechen ihrer Charaktere eingegangen. Besonders wachsam sei sie bei ihren beiden Protagonistinnen gewesen. Das leiseste Anzeichen eines falschen Tons hätte ihr Einhalt geboten, versuchte sie doch ein Phänomen künstlerisch zu meistern, das sie „weibliche Entfremdungs-Inklusion“ nennt und so beschreibt: Sie habe das Gefühl gehabt, dass Lila und Elena einerseits von den Zeitläufen ausgeschlossen und andererseits in allem, was sie sagten und taten, Teil von ihnen gewesen wären.
Als Ferrante 2009 zu schreiben begann, hatte sie vom späteren Umfang des Romans noch keine Vorstellung. Erst Ende 2010, nachdem die Handlung „mit all ihren Verzweigungen“ sich entwickelt und der Text durch ihre Überarbeitungen „ein ganz neues Ausmaß“ angenommen hatte, traf sie mit dem Verlag die Entscheidung, den Roman in mehreren Bänden zu publizieren. Der sofortige große Erfolg wirkte sich, auch dank ihrer selbst gewählten Anonymität, für die Weiterarbeit nicht störend aus. Ganz im Gegenteil habe sie dabei ein als kleines Mädchen vor gleichaltrigen Zuhörern schon einmal erlebtes „Vergnügen wiedergefunden, einer Geschichte zu einer Form zu verhelfen, während ein immer aufmerksameres und größeres Publikum sich wünscht, dass ich weitererzähle, immer weiter. Während die Leserinnen und Leser den ersten Band lasen, beendete und verfeinerte ich gerade den zweiten; während sie den zweiten lasen, feilte ich am dritten, und so weiter.“
Identität In Interviews hat Ferrante nur wenige Informationen zu ihrer Person preisgegeben: geboren und aufgewachsen sei sie an der Peripherie von Neapel. Turin gehöre zu den italienischen Städten, die sie gleichfalls liebe. Sie sei Mutter von mehreren Töchtern und heiße auch im wirklichen Leben Elena. Hauptberuflich gehe sie einer anderen Tätigkeit nach als der Schriftstellerei. Weitergehende Fragen – zum Beispiel nach ihrem genauen Hauptberuf oder ihrem Familienstand – beantwortet sie in der Regel mit: „Diese Frage hat nichts mit meinen Büchern zu tun.“
Was darüber hinaus möglicherweise zutrifft, leitet James Wood aus Ferrantes in La frantumaglia veröffentlichter Korrespondenz mit Verlegern, aber auch aus ihren Interviews und fiktionalen Werken wie folgt ab: Ferrante habe einen Hochschulabschluss in Altphilologie, übe eine Lehr- und Übersetzertätigkeit aus, habe zeitweise außerhalb Italiens gelebt und sei gegenwärtig wohl nicht verheiratet.James Wood: Women on the Verge. The fiction of Elena Ferrante (englisch; eigene Übersetzung), in: New Yorker, 21. Januar 2013, abgerufen am 26. August 2017.