Das Vernichtungslager Belzec in Bełżec (in der heutigen Woiwodschaft Lublin) war ein deutsches Vernichtungslager, in dem in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen März 1942 und Dezember 1942 nach Zählung der SS 434.508 Menschen ermordet wurden.Peter Witte and Stephen Tyas: A New Document on the Deportation and Murder of Jews during ‘Einsatz Reinhardt’ 1942. In: Holocaust and Genocide Studies, Vol. 15, No. 3, Winter 2001, ISBN 0-19-922506-0 (Höfle-Telegramm). Das Lager Belzec entstand während des Zweiten Weltkrieges neben Sobibór und Treblinka als erstes der drei Vernichtungslager im Rahmen der „Aktion Reinhardt“.Enzyklopädie des Holocaust. Piper Verlag, München 1998, Band 1, S. 14f.

1940: Arbeitslager von Bełżec Die Gemeinde Bełżec gehörte während der Okkupation von 1939 bis 1945 zum deutsch verwalteten, Generalgouvernement genannten Teil Polens. Zur Grenzsicherung war der Bau eines Panzergrabens entlang der am Bug verlaufenden Grenze zur Sowjetunion geplant, die so genannte Otto-Linie.gedenkorte belzec zwangsarbeitslager Abruf am 15. November 2023 Zwischen Mai und Oktober 1940 wurden dort 12.000 bis 14.000 meist jüdische Männer aus dem gesamten Generalgouvernement eingesetzt;Frank Grelka: Wo Arbeit kein Weg war: Judenräte und Zwangsarbeit in den Städten des Generalgouvernements 1939 bis 1941. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 71(2023) Heft 1, S. 23 / Bei Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 4: Polen – September 1939–Juli 1941, München 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, S. 44 wird von „über 20.000“ gesprochen. die Gegend wurde zum „Zentrum jüdischer Zwangsarbeit“.Stephan Lehnstaedt: Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt. München 2017, ISBN 978-3-406-70702-5, S. 52.

Bereits im Mai 1940 trafen 910 Sinti in Bełżec ein, die aus Norddeutschland über Hamburg dorthin deportiert worden waren.Linde Apel (Hrsg.): In den Tod geschickt – Die Deportation von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945, Berlin 2009, ISBN 978-3-940938-30-5, S. 73. Sie mussten zusammen mit polnischen Juden diverse Arbeitslager einrichten.Viviane Wünsche: „Als die Musik verstummte …“. In: Landeszentrale für politische Bildung Hamburg (Hrsg.): Die nationalsozialistische Verfolgung Hamburger Roma und Sinti. 2. aktual. Auflage Berlin 2006, ISBN 3-929728-73-7, S. 93 f. Es entstand ein Komplex aus acht Lagern;Stephan Lehnstaedt: Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt. München 2017, ISBN 978-3-406-70702-5, S. 52. im Dorf Bełżec lebten zeitweilig rund 3000 Juden auf einem Gutshof, bei einem Mühlenbetrieb und in einem Lokomotivschuppen. Auf eine Strecke von 40 Kilometern entlang der Grenze waren Arbeitstrupps bei Bedarf auch in Synagogen, Lagerhäusern oder Scheunen untergebracht.

Parallel zu den Arbeiten am Grenzwall wurden seit August 1940 jüdische Zwangsarbeiter für Wasserwirtschaftslager in der Umgebung von Chełm und Zamość im Distrikt Lublin zwangsrekrutiert. Sie mussten unter überaus prekären Bedingungen Abflusskanäle zur Melioration von Ackerland graben.Frank Grelka: Wo Arbeit kein Weg war: Judenräte und Zwangsarbeit in den Städten des Generalgouvernements 1939 bis 1941. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 71(2023) Heft 1, S. 29 mit Verweis auf * Frank Grelka: Rural Hubs of Early Destruction: The Waterworks’ Camps in the Lublin District 1940–1942 in: Yad Vashem Studies 45 (2017) H. 2 – (nicht eingesehen) Die unzureichende Ernährung und die gesundheitsgefährdenden Zustände in sämtlichen Lagern des Distrikts Lublin führten zu hohen Todesraten bei den Zwangsarbeitern.

Diese Arbeitslager wurden im Oktober 1940 aufgelöst. Das Vernichtungslager Bełżec wurde unabhängig davon wesentlich später abseits auf einer Lichtung errichtet.

1942: Vernichtungslager Am 1. November 1941 begann unter der Zentralbauleitung der SS der Bau eines Lagers, das eine fest installierte Gaskammer erhielt.Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibór und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4 (Diss.), S. 43 schreibt, dass häufig Richard Thomalla der Aufbau von Belzec zugeschrieben würde, dieser sich jedoch noch in Kiew aufgehalten habe. Dieses Lager in Bełżec war das erste von drei Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“, die allein zur physischen Vernichtung von Menschen bestimmt waren. Die drei Lager wurden in abgelegenen Gebieten errichtet und verfügten über Gleisanschlüsse, so dass eine große Anzahl Menschen ohne größeres Aufsehen dorthin gebracht und getötet werden konnte. Anfangs waren in erster Linie die Juden in Ostpolen als Opfer ausersehen, jedoch wurden später andere Gebiete und so genannte „Zigeunermischlinge“ in die Vernichtungsaktion einbezogen.

mini|Christian Wirth, erster Lagerkommandant mini|Entschlüsselter Funkspruch Höfles vom 11. Januar 1943

Lagerkommandant von Bełżec war ab Dezember 1941 der SS-Obersturmführer Christian Wirth, der bereits an der Ermordung behinderter Menschen im deutschen Reichsgebiet (auch Aktion T4) führend beteiligt war. Weitere T4-Mitarbeiter kamen ab Januar 1942 hinzu.Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4, S. 44f. Nachdem Wirth am 1. August 1942 zum Inspektor für die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ berufen worden war, übernahm der später ebenfalls zum SS-Hauptsturmführer ernannte Gottlieb Hering die Lagerkommandantur bis zum Abbruch des Vernichtungslagers. Hering kam Ende Juli 1942 mit weiterem Personal hinzu, das vorher beim „Euthanasie-Programm“ (Aktion T4) tätig gewesen war. Stellvertretender Lagerkommandant und Leiter des Vernichtungsbereiches war ab Ende 1941 der SS-Untersturmführer Gottfried Schwarz. Neben einigen SS-Männern war eine Kompanie von 60 – später 120 – „Trawniki-Männern“ eingesetzt. Jüdische Arbeitskommandos wurden zeitweilig in einer Stärke bis zu 500 Personen zur Beseitigung der Leichen und der Verwertung der Kleidung gezwungen; sie wurden später ermordet.

Wirth kam in der zweiten Dezemberhälfte 1941 vor Ort an und führte im Februar 1942 erste „Probevergasungen“ mit einem selbst erbauten Gaswagen und in einer Gaskammer mit Kohlenstoffmonoxidgas und Motorabgasen durch.Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibór und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4, S. 47f / Experimente mit Zyklon B gelten als „unwahrscheinlich“. Im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ traf am 17. März 1942 der erste Zugtransport mit Juden aus dem Ghetto Lublin in Bełżec ein und brachte wie die nächstfolgenden „arbeitsunfähige“ Menschen, Alte, Frauen und Kinder ins Tötungslager.Thomas Sandkühler: Das Zwangsarbeitslager... In: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Frankfurt 2002, ISBN 3-596-15516-9, S. 611.

Innerhalb der nächsten vier Wochen wurden 75.000 Juden umgebracht, danach die Transporte vorübergehend eingestellt. Die Kapazität der Gaskammern wurde durch Neubauten vergrößert; ab Spätsommer 1942 wurde ein Bagger zum Erdaushub eingesetzt.Robert Kuwałek: Das Vernichtungslager Belzec. Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-079-0, S. 74. In einer zweiten Phase ab August 1942 wurden Juden aus dem gesamten Generalgouvernement als Opfer herangeschafft. Während anfangs maximal 15 Güterwaggons gleichzeitig „abgefertigt“ werden konnten, waren es nach den Erweiterungen der zweiten Phase 40 Güterwaggons.

Am 11. Dezember 1942 traf der letzte Transport mit Opfern ein. Am 15. Dezember 1942 erging ein wochenlanges Verbot von „nicht-militärischen“ Eisenbahntransporten; nach Robert Kuwałek war der Hauptgrund für das Abstoppen der Tötungen jedoch die Überfüllung der Massengräber.Robert Kuwałek: Das Vernichtungslager Bełżec. Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-079-0, S. 178. Seit November 1942 wurden Leichen massenhaft exhumiert und auf großen Rosten aus Eisenbahnschienen verbrannt. Die letzten dort eingesetzten Häftlinge wurden in einem Eisenbahnwagon nach Sobibór gebracht und dort sofort umgebracht. In einem Kassiber konnten sie die dortigen Häftlinge noch warnen, die auch deshalb im Herbst 1943 dort den Aufstand wagten. Im Frühjahr 1943 wurden alle Spuren beseitigt, später wurde zur Tarnung ein Bauernhof auf dem Gelände angesiedelt. Nur drei Überlebende des Vernichtungslagers, die ihre Lagererlebnisse öffentlich darstellten, sind bekannt: Rudolf Reder aus Lemberg, Chaim Hirszman aus Janów Lubelski und der chassidische Rabbiner Izrael Szapiro aus Lemberg.Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 8: Riga. Warschau. Kaunas. Vaivara. Płaszów. Klooga. Chelmno. Belzec. Treblinka. Sobibor. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 359.

Der SS-Hauptsturmführer Hermann Höfle, ein wichtiger Mitarbeiter Globocniks, meldete im sogenannten Höfle-Telegramm an die SS-Zentrale Anfang Januar 1943 für Belzec 434.508 Tötungen.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. Die Jahre der Vernichtung 1939–1945. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 861 und Anm. 91. Stephan Lehnstaedt referierte 2017 neuere Forschungsergebnisse von Robert Kuwalek und Sara Berger, die von mindestens 440.823 bis maximal 596.200 Opfern ausgehen; er selbst hält einen Schätzwert von 470.000 für realistisch.Stephan Lehnstaedt: Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt. München 2017, ISBN 978-3-406-70702-5, S. 84 mit Anm. 13 sowie S. 85.

Tötungspersonal Christian Wirth Gottlieb Hering Gottfried Schwarz Josef Oberhauser Heinrich Barbl

Kenntnis des Vatikans über das Vernichtungslager Am 14. Dezember 1942 teilte der deutsche Jesuit Lothar König ein zweites Mal dem Privatsekretär des Papstes Pius XII Robert Leiber mit, dass in „Rawa Russka“ [eine 22 km entfernte Kleinstadt] „mit seinem SS-Hochofen“ täglich bis zu 6000 Polen und Juden ermordet werden.Luzi Bernet: Ein vergilbter Brief und ein Dolch mit Hakenkreuz: wichtige Fundstücke in den vatikanischen Archiven verändern das Bild des «Schweigepapstes» Pius XII., NZZ, 18. September 2023Antonio Carioti: Pio XII sapeva della Shoah: la prova in una lettera scritta nel 1942 da un gesuita tedesco, Corriere della Sera, 16. September 2023

Lagergliederung mini|Deutsche Luftaufnahme von Belzec; ca. 1944 (Gebäude sind abgerissen und nur eingezeichnet) NS-Dokumente über das Lager, zu seiner Größe und Bebauung sind nicht überliefert. Skizzen zur Anordnung der Lageranlagen wurden erst nach dem Krieg von Zeitzeugen angefertigt. Sie sind aber unvollständig, da sich die Bebauung sowie die Lage der Massengräber in einer zweiten Ausbauphase änderte.Kartierungen s. Annika Wienert: Das Lager vorstellen – Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Berlin 2015, ISBN 978-3-95808-013-3, S. 63–66 / Weitere Angaben s. Eugen Kogon et al.: Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Fischer Tb. Frankfurt/M. 1986, ISBN 3-596-24353-X.

Vom Bahnhof führte ein Eisenbahngleis zum Lagertor. Das Lager bestand aus einer etwa 265 × 275 Meter großen Fläche, die umzäunt und in zwei Bereiche unterteilt war. Der eine Teil enthielt Verwaltungsgebäude und Baracken zur Entkleidung und Lagerung des Gepäcks. Später kamen Baracken für jüdische Häftlinge hinzu, die Kleidung sortierten und in der Wäscherei arbeiteten. Im anderen Lagerkomplex befanden sich mehrere Leichengruben, Unterkünfte für die Juden des Sonderkommandos und die Gaskammern.