mini|Brougham von Rauch & Lang (USA, ca. 1890); die um 1840 entwickelte Brougham-Kutsche war der Ausgangspunkt für die gleichnamige Karosserie.

Die Bezeichnung Brougham (Aussprache: bruːəm) wurde aus dem Kutschenbau ins Automobilzeitalter übernommen. Ursprünglich bezeichnete man so eine einspännige, vierrädrige, geschlossene Kutsche die zwischen 1840 und 1900 sehr beliebt war. Es war daher naheliegend, dass frühe Automobilbauer und vor allem Karosseriebauunternehmen (die in der Regel hauptsächlich von der Stellmacherei lebten) darauf zurückkamen, weil sie diesen Aufbau bestens kannten und davon ausgehen durften, dass bekannte Bauformen vom Kunden auch leichter akzeptiert würden. Während die Kutsche im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland erfunden wurde, war die Bezeichnung als Karosserieform in Europa nur etwa bis 1900 einigermaßen verbreitet. In den USA hielt sie sich länger und in überraschender Vielfalt.coachbuilt.com: TerminologieImperialclub.com: Register der Autokarosserien (Bauformen)

Brougham als Innenlenker mini|Argo Electric (Extension Front) Fore-Door Brougham (1912) mini|Detroit Electric Model 61 Rear-Drive Brougham (1915) mini|Packard Twin Six 7-passenger Brougham (1918)

Im Lauf der Zeit wurde der Begriff Brougham für verschiedene Aufbauten verwendet. In den 1890er Jahren entwickelten sich zunächst eine Version mit je 2 oder 4 Plätzen für Chauffeurbetrieb und eine für Selbstfahrer. Beide lehnen sich stark an die Kutschen-Bauart an. Der Unterschied besteht darin, dass die Chauffeur-Variante den Fahrersitz vor der Kabine im Freien hat. „Fahrersitz“ kann durchaus wörtlich genommen werden; es gibt Versionen mit einem mittig angeordneten einzelnen Sitz und andere mit einer Sitzbank.conceptcarz.com: Panhard & Levassor Brougham (1897)

Der von innen gelenkte Brougham ist ein Vorläufer des Coupés. Am längsten hielt sich diese Bauform bei Elektroautos, wo sie bis Ende der 1920er Jahre zu finden war, so etwa beim Detroit Electric bis 1928.Kimes/Clark: Standard Catalogue (1985), S. 428.

Eine zweitürige "Brougham-Variante" führte die damals der oberen Mittelklasse zuzuordnende Marke Cadillac 1916 mit dem Type 53 ein. Sie war mit 2950 US$ eine der teureren von neun erhältlichen Bauformen. Angegeben wurde eine Sitzzahl von 5 bis 7inklusive 2 NotsitzeKimes/Clark: Standard Catalogue (1985), S. 199.

Ab etwa 1915 ist von außen kaum mehr ein Unterschied zu „gewöhnlichen“ 7-sitzigen Sedan- und Pullmann-Limousinen feststellbar. Ein Alleinstellungsmerkmal des Brougham scheinen die vorderen und mittleren Einzelsitze zu sein. Viertürer hatten üblicherweise eine vordere Sitzbank in deren Rückenlehne allfällige Notsitze verstaut werden konnten. Alte Aufnahmen zeigen, dass die Innenausstattung inklusive Sitzbezügen aus Stoff bestand, der Fahrersitz jedoch mit schwarzem Leder bezogen war. Möglicherweise wurde damit der größeren Abnutzung auf dem Fahrerplatz Rechnung getragen.

Extension-front Brougham Auch diese Bezeichnung geht auf die Brougham-Kutsche zurück. Sie war in den USA gebräuchlich für Versionen die in Großbritannien als Brougham Coupé und Clarence bekannt waren.Encyclopedia Britannica Online; Brougham als Kutschenbauform Die Karosserie war im vorderen Teil so verlängert, dass entweder ein Kindersitz (Brougham Coupé) oder eine Sitzbank (Clarence) mit dem Rücken zur Fahrtrichtung untergebracht werden konnten. Es scheint, dass letzterer auch als Double Brougham bezeichnet wurde.

Fore Drive, Rear Drive, Dual Drive Aus der unter Extension-front Brougham beschriebenen Sitzanordnung ergab sich eine weitere Besonderheit. Analog dem Vis-à-vis, einer der frühesten Automobilformen überhaupt, wurden diese Fahrzeuge vom Rücksitz aus gelenkt. Dabei schaute der Fahrer den Passagieren über die Schulter. Der Grund ist wohl in der spätviktorianischen Höflichkeit zu suchen: Man drehte sich nicht den Rücken zu, schon gar nicht einer Dame. Diese Anordnung wurde oft Rear Drive genannt und hielt sich aus naheliegenden Gründen nicht lange. Einzig in den vergleichsweise langsamen Elektroautos dieser Zeit war sie bis etwa 1928 anzutreffen. Die heute allgemein übliche Position des Fahrers wurde dann zur Unterscheidung Fore Drive genannt. Außerdem gab es Versionen mit einer abnehmbaren Lenksäule die an zwei verschiedenen Stellen eingehängt werden konnte und Dual Drive genannt wurden. Bei Woods, einem der größeren Hersteller in dieser Branche, hießen die entsprechenden Versionen Front-, Rear- oder Dual Control.Kimes/Clark: Standard Catalogue (1985), S. 1529.

Salon Brougham Die Bezeichnung Salon bezieht sich auf die Anordnung der Sitze. Sie entspricht im Prinzip der aus heutigen Minivans bekannten Anordnung. Hinter den vorderen Einzelsitzen sind zwei weitere so angebracht, dass eine Lücke zwischen ihnen bleibt. Es scheint, dass später Notsitze verwendet wurden, die zusammengeklappt und im Boden versenkt werden konnten. Diese Sitze sind normal über die hintere Türe (weder Schiebetüre noch Heckklappe wie beim Minivan) zugänglich. Die Lücke zwischen den Sitzen ist der Durchgang zu einer Bank im Heck. Die Salon-Anordnung ist nicht auf Broughams beschränkt; sie ist auch vom Touring car, der Limousine und dem Sedan bekannt und bei Luxusherstellern wie Packard und Pierce-Arrow verbreitet.packardinfo.com: Packard Dominant Six 3-48 Two-toned Salon Brougham (1914)

Sport Brougham Der Sport Brougham entspricht weitgehend dem Sport Sedan. Wie bei diesem (und auch weiteren) Begriffen lässt sich keine exakte Definition finden weil die Karossiers ihre Bezeichnungen mehr nach Marketing-Grundsätzen als nach technischen richteten. Ein Hinweis ist das Vorhanden sein von Dächern mit Lederüberzug, Sturmbügeln und einem runden oder ovalen Fenster in den hinteren Dachsäulen; Attribute, die wir heute eher weniger mit „Sportlichkeit“ in Verbindung bringen.

Ein Sport Brougham fand sich bei Packard noch 1941 im Angebot: LeBaron baute ihn auf dem Chassis des Topmodells Custom Eight One-Eighty (Modell 1907) als 5-person Sport Brougham, Design Nr. 1452.packardinfo.com: Packard Custom Eight One-Eighty 1907 5p Sport Brougham #1452 (1941), schwarzpackardinfo.com: Packard Custom Eight One-Eighty 1907 5p Sport Brougham #1452 (1941), grau, vornpackardinfo.com: Packard Custom Eight One-Eighty 1907 5p Sport Brougham #1452 (1941), grau, hinten

Obwohl nicht so genannt, entsprechen die zwischen 1939 und 1942 in Kleinstauflage hergestellten Sport Sedan resp. Convertible Sedan den Kriterien für ein Sport Brougham beziehungsweise All Weather Brougham wie weiter unten beschrieben.Pfau: The Coachbuilt Packard (1938), S. 65.

Touring Brougham Anfang der 1930er Jahre begann sich der in die Karosserie integrierte Kofferraum durchzusetzen. Bisher wurden entweder Reserverad, Gepäckträger oder beides am Heck mitgeführt; bei der Ausführung mit Kofferraum lag das Reserverad oft in einem Fach unter dem eigentlichen Kofferraum. Als ein Begriff gesucht wurde zur Unterscheidung dieser beiden Varianten, setzte sich bei vielen Herstellern der vorangestellte Terminus „Touring“ durch, so etwa bei Cadillac, Chrysler, Packard oder Karossiers wie Dietrich oder Hooper. Der Begriff wurde auch bei entsprechend gebauten Coupés, Sedan, Limousinen und Cabriolet in gleicher Weise angewendet.

Town Brougham und Varianten

Der Zusatz „Town“ in der Karosseriebezeichnung impliziert in der Regel ein Fahrzeug mit offenem vorderem Aufbau und Chauffeur-Betrieb; vgl. auch Town Car und Town Landaulet. Der Town Brougham (seltener: Brougham de Ville) unterscheidet sich vom Brougham durch sein offenes Fahrerabteil und einen geschlossenen Passagierraum. Diese von außen gelenkte Variante des Brougham gibt es seit etwa 1895. Der Markt für diese sehr teuren Fahrzeuge war stets limitiert. Daher wurden solche Karosserien auch dann noch von Hand als Einzelstücke oder in Kleinstserien gefertigt als der industrielle Karosseriebau üblich geworden war. Town Brougham entwickelte sich schließlich zu einer Mischform von geschlossenem PKW und Cabriolet, bei dem der Chauffeur in einem eigentlichen Cabriolet-Teil des Fahrzeuges sitzt und die Mitfahrenden im geschlossenen Teil. Zuletzt wurden Limousinen aus der Serienproduktion entsprechend angepasst, was nicht nur die Herstellungskosten senkte, sondern auch dem Chauffeur deutlich mehr Komfort brachte.

Gerade weil diese Karosserien individuell angefertigt wurden, gibt es auch eine gewisse Bandbreite an Detaillösungen. Bei den nachstehend aufgeführten Varianten können daher deren Unterscheidungsmerkmale verschwimmen. Dazu kommt, dass sowohl die Karossiers wie auch die Marketingabteilungen der Chassis-Lieferanten durchaus kreativ waren bei der Namensgebung. Mit der Zeit näherten sich Innen- und Außenlenker an. Letztlich waren die Bezeichnungen Brougham und Sport Brougham (weiter unten beschrieben) nicht viel mehr als ein etwas klangvollerer Name für Sport Sedan, Club Sedan oder Close-coupled Sedan, in der Regel mit kürzerem Passagierraum und einem von außen zugänglichen Gepäckabteil. Ein sehr elegantes Custom Brougham mit einer Sonnenblende außen, mit Leder bezogenem Dach und landau irons entstand 1924 bei Brunn in Buffalo (New York) auf dem Fahrgestell des Packard Single EightKimes: Packard. S. 238. Äußerliche Unterschiede zu einem Club Sedan sind nicht mehr feststellbar.

Panel Brougham Panel Broughams haben scharf gezeichnete, eher kantige Linien, vor allem im hinteren Dachbereich.Pfau: The Coachbuilt Packard (1938), S. 173.

Ein frühes Exemplar eines Panel Brougham wurde von Brewster in New York bereits 1911 auf das Fahrgestell eines französischen Delaunay-Belleville gebaut. Die Karosserie wurde 1936 mit eher zweifelhaftem Erfolg auf ein Packard One-Twenty Chassis gesetzt. In dieser Form existiert das Auto noch heute.Pfau: The Coachbuilt Packard (1938), S. 47.

Ein besonders spektakuläres Exemplar eines Town Brougham entstand als „Rekreation“ (Nachbau der Karosserie auf einem originalen Fahrgestell) auf dem Chassis eines Cadillac V16 (Serie 453B) von 1931. Die nachgebaute Fleetwood-Karosserie (Design Nr. 4264B) war im offiziellen Cadillac-Verkaufskatalog angeboten worden. Nur drei wurden tatsächlich gebaut, von denen offenbar keiner mehr existiert. Zu den exklusiven Besonderheiten gehörte Flechtwerk das am hinteren Teil der Karosserie angebracht war.blog.hemmings.com: Cadillac V16 Fleetwood Panel Brougham (1931)

Die Wirtschaftskrise trug maßgeblich dazu bei, dass Town Cars immer weniger nachgefragt wurden. Selbst wer sich bis zu 10.000 US$ für ein solches Autom leisten konnte, überlegte sich zweimal, ob er in solchen Zeiten darin gesehen werden wollte. Packard reagierte darauf, indem bei Rollston in New York City ab 1937 kleine Serien von deren Panel Broughams bestellt wurden. Obwohl die Karosserie auch an die größeren Chassis angepasst werden konnte, wurden die meisten eben aus Kostengründen auf den kleinen Achtzylindern One-Twenty resp. Eight aufgebaut.Pfau: The Coachbuilt Packard (1938), S. 163.

Rollston entwickelte auch einen neuen Dachmechanismus für das Chauffeurabteil. Über den vorderen Türen wurden ein mitgeführter Längsholm zwischen Windschutzscheibe und Dach eingesetzt. An deren Innenseite waren Führungsschienen angebracht, in denen das Metalldach geführt wurde. Dieses war mit eigenen Schienen zwischen Dachhaut und Himmel des Passagierabteils versehen und konnte ähnlich einem Schiebedach nach vorn herausgezogen werden. In den Holmen wurde es geführt und an der Windschutzscheibe gesichert. Das System funktioniert ähnlich wie beim Citroën C3 Pluriel.Pfau: The Coachbuilt Packard (1938), S. 171.

Der renommierte Karosseriebauer warb mit vergleichsweise günstigen Preisen und einem trotz der Dimensionen eines Mittelklassewagens vornehmen aber überaus konservativen Erscheinungsbild. Die kantige Karosserie kontrastierte auf eigenwillige Weise mit den runden Linien der Kotflügel des Serienwagens.packardinfo.com: Packard Eight 1601 Panel Brougham von Rollston (1938)