Suzanne L. Marchand (* 22. Dezember 1961) ist eine US-amerikanische Historikerin. Sie hat sich intensiv mit der deutschen Beziehung zum Orient wie auch der Rolle des Philhellenismus im deutschsprachigen Raum beschäftigt. 2026 hat sie die Präsidentschaft der American Historical Association (AHA) inne.
Leben Marchand studierte an der University of California, Berkeley, Geschichtswissenschaft bis zum Bachelor of Arts 1984, erhielt einen Master of Arts in Geschichte von der University of Chicago 1986 und promovierte dort 1992 (Ph.D.). Sie war Lehrbeauftragte an der University of Chicago, unterrichtete bis 1998 als Assistant Professor an der Princeton University und war von 1999 bis 2008 Associate Professor, danach (full) Professor für European und Intellectual History an der Louisiana State University (LSU) in Baton Rouge. 2013 erhielt sie in den Rang einer LSU Systems Boyd Professor.
Down from Olympus Das 1998 erschienene Buch knüpft an eine 1935 von Eliza Marian Butler prononciert aufgestellte These von der „Tyrannei“ des antiken Griechenlands über Deutschland an.Eliza Marian Butler: The Tyranny of Greece Over Germany. A Study of the Influence Exercised by Greek Art and Poetry Over the Great German Writers of the Eighteenth, Nineteenth and Twentieth Centuries. Cambridge 1935. Butler sah bereits die Renaissance in Deutschland verzögert und verändert angekommen, dort wäre es weniger um die Wiedergeburt der Schönheit in Dichtung, Kunst und Leben, sondern im Gefolge der Reformation bevorzugt um religiöse Wahrheit und Reinigungsvorstellungen gegangen. Die dominierende Rolle Johann Joachim Winckelmanns bei der Wiederentdeckung der Antike habe sich auf wesentliche deutsche Vordenker und Philosophen und über diese auf Autoren und Künstler übertragen.
Marchands Untersuchung setzt darauf auf und betrachtet weniger einzelne Autoren als die wissenschaftlichen und pädagogischen Bewegungen und Institutionen. Marchand beschreibt anhand der Ausarbeitung und Durchsetzung der deutschen Bildungsideale in der Archäologiepolitik etwa Preußens ein sozusagen programmatisch geplantes „Griechischwerden“ der Deutschen. Diese ursprünglich willkürliche Setzung bezog auch Parallelen zwischen der lange gescheiterten deutschen Nationalbewegung und dem griechischen Freiheitskampf ein. Sie führte mit zur Entwicklung von Methoden, die das ursprünglich postulierte und bewunderte klassische griechische Schönheitsideal alsbald in der Detailbetrachtung als nicht weiter aufrecht zu erhaltende Konstruktion erscheinen ließen.
Die Betrachtung bezieht am Rande auch die neoklassizistischen Aspekte der nationalsozialistischen Architektur und Repräsentationsbauten ein, die sich von der völkischen „Germanentümelei“ ebenso deutlich absetzte. Marchand behandelt zudem einzelne Aspekte und Parallelen zwischen der Rolle und der maßgeblichen Entscheidung für den Philhellenismus und einzelnen Aspekten des Antisemitismus in Deutschland.Rezension von James J. Sheehan zu: Suzanne L. Marchand, Down from Olympus: Archaeology and Philhellenism in Germany, 1750–1970, In: The Journal of Modern History. Bd. 70, 1998, S. 495–496.
Orientalismus Edward Saids bekannte Kritik am Orientalismus als eurozentrischem, herablassenden Herrschaftswissen im Kontext der Orientalistik der britischen und französischen Kolonialmächte hatte Deutschland und die deutsche Forschung in dem Bereich als rein akademisch systematisch ausgelassen.Roman Loimeier: Edward Said und der Deutschsprachige Orientalismus: Eine Kritische Würdigung. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien. Jg. 1, Nr. 2, 2001, S. 63–85 .
Marchand zeigt die Bedeutung und die wesentliche intellektuelle Rolle der entsprechenden Forschung.Suzanne L. Marchand: German Orientalism and the Decline of the West. In: Proceedings of the American Philosophical Society. 145, 2001, S. 465–473 . Sie distanziert sich ebenso von der generellen Anwendung von Michel Foucaults Methoden und dem Gegensatzpaar „Europa“ und „Orient“.Rezension von Hartmut Walravens zu: Suzanne L. Marchand: German Orientalism in the Age of Empire. Religion, race, and scholarship. 2009. In: Japonica Humboldtiana. Band 13, 2009–2010, S. 251–261 (PDF; 242 kB).
Marchand interpretiert in „German Orientalism in the Age of Empire“ die insbesondere deutsche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Orient als eigenständige Versuche, zu einer neuen, alternativen Erklärung der eigenen geistigen und kulturellen (westlichen) Tradition, zu kommen. Es waren demnach gerade die deutschen Orientalisten, die dabei einen frühen interkulturellen Ansatz ante litteram wagten und ihre Sprachstudien und ihr Wissen über den Orient in eine neue Konstruktion einer Geschichte Europas und der Menschheit einfügten. Die unterschiedliche geistige Verankerung in der christlichen und klassischen Tradition wie verschiedene politische Zugehörigkeiten grenzten sich dabei auch vom klassischen griechisch-antiken Leitbild ab. Einige deutsche Orientalisten lehnten den Islam als Leitbild auch gerade deswegen ab, weil er ihnen zu synkretistisch und im heutigen Sprachgebrauch multikulturell erschien. Marchand zeigt mit einer reichhaltigen Umfang von Befunden, wie sich die deutsche Orientalistik aufgrund der Beschäftigung mit dem Islam auch das Eigene wie die Welt insgesamt grundsätzlich als Ergebnis von Beziehungen, Austauschprozessen und interkulturellen Vermischungen vorstellten und damit das interkulturelle Paradigma und die Transfergeschichte begründete.Sabine Mangold, Rezension zu: Suzanne Marchand: German Orientalism in the Age of Empire. Religion, Race, and Scholarship, bei H-Soz-Kult. Nicht zuletzt zeigt sie Methoden der Orientalismusforschung auf, die ganz wesentlich der Konstruktion der heutigen post-imperialistischen Weltsicht zugrunde liegen.web1.johnshopkins.edu (PDF; 148 kB) Rezension von Rachel Muscat zu: Suzanne Marchand: German Orientalism in the Age of Empire: Religion, Race, and Scholarship. Cambridge and New York, 2009.
Stipendien und Ehrungen 1989–1990 Social Sciences Research Council, Dissertationsstipendium 1994–1995 James Conant Postdoctoral Fellowship, Center for European Studies, Harvard University 1997 Humboldt Fellowship, Berlin 2000–2001 Wissenschaftskolleg Berlin 2003 ACLS Burkhardt Fellowship 2005 Board of Regents Fellowship 2010 George L. Mosse-Preis der American Historical AssociationPreisverleihung der American Historical Association, Pressemitteilung. 2013–2014 Präsidentin, German Studies Association 2026 Präsidentin, American Historical Association
Veröffentlichungen (Auswahl) Bücher Down from Olympus. Archaeology and Philhellenism in Germany, 1750–1970. Princeton University Press, Princeton 1996, ISBN 0-691-04393-0. German Orientalism in the Age of Empire. Religion, race, and scholarship. German Historical Institute Washington, D.C. / Cambridge University Press, Cambridge/New York 2009, ISBN 978-0-521-51849-9. Porcelain. A History from the Heart of Europe. Princeton University Press, Princeton 2020, ISBN 978-0-691-18233-9. Herausgeber mit Elizabeth Lunbeck (Hrsg.): Proof and Persuasion: Essays on Authority, Objectivity, and Evidence. Brepols, Turnhout 1996, ISBN 2-503-50547-3. mit David Lindenfeld (Hrsg.): Germany at the Fin de Siècle: Culture, Politics and Ideas. Louisiana State University Press, Baton Rouge 2004, ISBN 0-8071-2979-8. Aufsätze German Orientalism and the Decline of the West. In: Proceedings of the American Philosophical Society. 145, 2001, S. 465–473. The End of Egyptomania. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): Ägyptomanie. Europäische Ägyptenimagination von der Antike bis heute. Wien 2002, S. 125–133. From Liberalism to Neoromanticism: Albrecht Dieterich, Richard Reitzenstein and the Religious Turn in Fin de Siècle German Classical Studies. In: Martin Ruehl, Ingo Gildenhard (Hrsg.): Out of Arcadia. Classics and politics in Germany in the age of Burckhardt, Nietzsche and Wilamowitz (= Bulletin of the Institute of Classical Studies of the University of London. Supplement 79). London 2003, ISBN 0-900587-90-3, S. 129–160 Priests among the Pymies: Wilhelm Schmidt and the Counter-Reformation in Austrian Ethnology. In: H. Glenn Penny, Matti Bunzl (Hrsg.): Worldly Provincialism: German Anthropology in the Age of Empire. University of Michigan Press, Ann Arbor 2003, ISBN 0-472-11318-6, S. 281–316 (Digitalisat). Philhellenism and the Furor Orientalis. In: Modern Intellectual History. 1, 2004, S. 331–358. Embarrassed by the Nineteenth Century. In: Bernard Cook et al. (Hrsg.): Consortium on Revolutionary Europe, 1750–1850. Selected Papers 2002. Institute on Napoleon and the French Revolution, Florida State University, Tallahassee 2004. S. 1–16 (Digitalisat).
Weblinks Homepage Marchands an der LSU CV Marchands auf der Website der LSU Die deutsche Graecophilie stürzt vom Sockel
Einzelnachweise
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