mini|Sog. Peacham-Zeichnung. Diese Federzeichnung ist im Original zwischen 1594 und 1613 entstanden.Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg, Tübingen 2008, ISBN 978-3-86057-568-0, S. 19 ff. Die Zeichnung zeigt vermutlich einen Ausschnitt aus Akt I, in dem die Gotenkönigin Tamora um Gnade für ihren ältesten Sohn fleht, könnte jedoch das Ende von Szene II.3 zeigen. Die möglicherweise erst später hinzugefügten Textausschnitte stammen aus dem ersten und letzten Akt. Werner von Koppenfels datiert die Zeichnung auf die Zeit um 1595, vermutlich nach einer Aufführung angefertigt. Laut Koppenfels zeigt das Bild die gegnerischen Parteien in strenger Zweiteilung; die Darstellung des Auftaktes mit dem vergeblichen Flehen um das Leben ihres Sohnes wird verbunden mit dem späteren Moment, in dem Aron sein Schwert zieht, um seinen Bastard-Sohn zu schützen. Die Darstellung der Bittszene gewinnt so an Bedrohlichkeit. Vgl. Werner von Koppenfels: Römischer geht’s nicht. Shakespeares extreme (und elementare) Anfänge als Tragödienschreiber. In: Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2004, S. 254–273, hier S. 264. Siehe dazu ferner Margaux Deroux: The Blackness Within: Early Modern Color-Concept, Physiology and Aaron the Moor in Shakespeare’s ‘Titus Andronicus.’ In: Mediterranean Studies, Vol. 19, 2010, S. 86–101, hier S. 95 ff. Online . Abgerufen am 1. Januar 2025. Titus Andronicus (frühneuenglisch The Most Lamentable Romaine Tragedie of Titus Andronicus) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Das Stück spielt in der Spätzeit des Römischen Reiches und handelt von dem Schicksal des römischen Heerführers Titus, der in einen blutigen Kreislauf von Gewalt und Rache um die Gotenkönigin Tamora gerät. Als eine der möglichen Quellen gilt die spätmittelalterliche Exempelsammlung Gesta Romanorum. Die Werkentstehung wird zumeist auf die Jahre 1593/94 datiert; ein früherer Zeitraum ist jedoch möglich. 1594 erschien das Werk erstmals in Druck. Die früheste Aufführung ist für den 24. Januar 1594 belegt.Davon abweichend, nennt Hans-Dieter Gelfert den 11.4.1592 als erstes dokumentiertes Aufführungsdatum. Siehe Hans-Dieter Gelfert: William Shakespeare in seiner Zeit. Beck, München 2014, S. 293. Das Stück gilt als eine typische Rachetragödie und war bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts beim englischen Publikum und teilweise auf dem europäischen Kontinent außerordentlich populär, wurde dann aber zunehmend seltener aufgeführt. In jüngerer Zeit hat sich das Interesse und die Faszination für die Figur des Titus vertieft. Es entstanden mehrere literarische Adaptionen, moderne Inszenierungen und eine aufwändige Verfilmung. Titus Andronicus ist eines der frühen Werke Shakespeares, bei denen eine Ko-Autorschaft diskutiert worden ist. Allgemein wird heute jedoch eine Alleinautorschaft Shakespeares angenommen.
Übersicht Handlungsstränge Nach einem siegreichen Feldzug gegen die Goten kehrt Titus nach Rom zurück. Er führt die Gotenkönigin Tamora und ihre Söhne als Gefangene mit sich. Gemäß einem alten Brauch opfert er Alarbus, den ältesten Sohn Tamoras, zum Anlass der Beerdigung seiner eigenen im Krieg gefallenen Söhne. Als der neu gekrönte Kaiser Saturninus die Gotenkönigin zur Frau nimmt, ergreift diese ihre Chance, sich an Titus zu rächen. Ihre Söhne Chiron und Demetrius rauben Titus’ Tochter Lavinia und misshandeln sie grausam. Um zu verhindern, dass sie verraten werden, schneiden die Brüder ihrem Opfer die Hände und die Zunge ab. Lavinia gelingt es dennoch, die Täter zu offenbaren. Titus beschließt, sich ebenfalls zu rächen. Er tötet die Brüder und bereitet aus ihren Leichen eine Pastete, die er dem Herrscherpaar bei einem Fest vorsetzt. Das folgende Gemetzel überlebt nur Titus’ Sohn Lucius, der zum neuen Kaiser bestimmt wird.
Hauptfiguren In den frühen Druckausgaben gibt es kein Verzeichnis der Personen.Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 486. Das erste Namensverzeichnis stammt von Edward Ravenscroft, der 1687 eine eigene Bearbeitung des Werkes herausgab.Die entsprechende Liste kann online hier eingesehen werden: The Persons Names, hier findet sich ein Scan des Buches: Titus Andronicus Or the Rape of Lavinia. Das zweite frühe Verzeichnis findet sich in der Ausgabe der Werke von Nicholas Rowe.Diese Liste ist online hier einzusehen: The works of Mr. William Shakespear. Vol 4, Pg. 2004. Moderne wissenschaftliche Shakespeare-Ausgaben verfahren in der Wiedergabe dieser Liste der handelnden Personen nicht einheitlich.Die verschiedenen Herausgeber gehen folgendermaßen vor: Alan Huges (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 2006, S. 66, "List of Characters": Hughes verweist auf die entsprechende Liste von Rowe und erklärt: "I have listed named characters in order of apperance." Jonathan Bate (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The Arden Shakespeare. Third Series, 1995, S. 124 f. Bates nennt die Liste "List of Roles" und verweist auf Ravenscroft, dessen Einteilung Römer/Goten er übernimmt. Erläuterungen zum vermutlichen Ursprung den Namen ist ein eigener Abschnitt in der Einleitung gewidmet: "Names and casting", S. 93 f. Eugene M. Waith (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 1984, S. 81. Waith kommentiert die Liste nicht, gibt aber in den Fußnoten im Verlaufe des Werkes einzelne Hinweise, sobald die respektive Person ihren ersten Auftritt hat. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg, Tübingen 2008, S. 70–73. Marti weist nur auf die Liste von Ravenscroft hin. (Seite 70, Fußnote Nr. 1). Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2004, S. 6 f. Frank Günther erklärt nur: "Es gibt kein originales Personenverzeichnis, das hier vorgelegte wurde von späteren Herausgebern erstellt." (Anmerkungsapparat, S. 225) John Jowett et al. (Hrsg.): The Oxford Shakespeare. The Complete Works. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford 2005, S. 156. Die Oxford-Gesamtausgabe kommentiert die Liste nicht. Stanley Wells, Gary Taylor: William Shakespeare: A Textual Companion. Oxford University Press, Oxford 1987, S. 209–216. Tex kommentiert die Listen nicht, da ja wie gesagt in den frühen Drucken keine vorhanden ist. Saturninus wird als der ältere Sohn eines jüngst verstorbenen römischen Kaisers vorgestellt.Ravenscroft: "Sons of the Deceas'd Emperor." Rowe: "Son to the late Emperor of Rome, and afterwards declar'd Emperor himself". Er konkurriert mit seinem Bruder BassianusRavenscroft: wie bei Saturnius. Rowe: "Brother to Saturnius, in love with Lavinia". um den Thron.Markus Marti weist in seinem wissenschaftlichen Kommentar darauf hin, dass der Geschichtsschreiber Herodian in seinem Werk De imperatorum romanorum praeclare gestis von den Brüdern Caracalla (dessen Geburtsname war Bassianus) und Publius Septimius Geta berichtet, den Söhnen des Kaisers Septimius Severus. Ein Soldat namens Saturninus taucht in dieser Erzählung als Verräter auf. Shakespeare könnte dies gekannt haben, da Nicholas Smyth das Werk 1550 unter dem Titel The History of Herodian ins Englische übersetzt hat. Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 37, Anmerkung 89.Jonathan Bate vermutet, ähnlich wie Marti, dass der Name eine astrologische Anspielung sein könnte: "probably intended to suggest a 'saturnine' temperament", also einen Menschen darstellen soll, der unter dem Einfluss des Saturn steht und daher als "mürrisch und starrsinnig" (sullen and self-willed) zu denken sei. Vgl. Jonathan Bate (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The Arden Shakespeare. Third Series., 1995, S. 125. Titus AndronicusRavenscroft: "An Old Roman General." Rowe: "a Noble Roman General against the Goths". wird als der römische Heerführer gegen die Goten vorgestellt.Zwei weströmische Kaiser trugen den Namen Titus, nämlich Titus Flavius Vespasianus und Titus Antoninus, der genauso wie die Figur im Stück den Beinamen Pius trug. Der oströmische Kaiser Andronikos I. Komnenos war bekannt für seine Grausamkeit. Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 70, Fußnoten 4 und 5. Titus’ Bruder heißt in dem Stück Marcus Andronicus.Er wird als Tribune of the People vorgestellt, dieses Amt gab es aber im Kaiserreich nicht mehr. Marti weist darauf hin, dass die Tribunen in der Zeit der römischen Republik die Interessen der Plebejer gegenüber dem Senat vertreten haben. Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 70, Fußnote 6. Lucius, Quintus, Martius und Mutius sind die Söhne des Titus, Lavinia seine Tochter.Ravenscroft: "The Sons of Titus - Daughter of Titus.". Rowe: "Sons to Titus Andronicus - Daughter to Titus Andronicus.".Marti verweist hier auf Lucius, den Sohn von Antoninus Pius. Er war zusammen mit Marc Aurel Kaiser. Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 71, Fußnote 7. Hier sieht Marti eine Verbindung zu Gaius Mucius Scaevola. Dieser legte seine rechte Hand ins Feuer, um seine Tapferkeit zu beweisen. Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 71, Fußnote 9. Im Falle von Shakespeares "Lavinia" wird auf Lavinia, die Gattin des Aeneas hingewiesen. Vgl. Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 71, Fußnote 10. Tamora ist die Königin der Goten.Tomyris ist der Name einer Königin der Skythen, die für die Ermordung ihrer Söhne grausame Rache an Kyros verübte. Sie wurde zu den Neun Heldinnen gezählt. Alarbus, Chiron und Demetrius sind die Söhne der Tamora.Auf den weisen Kentaur Chiron wird im letzten Akt des Dramas angespielt. Der Mohr Aaron ist der Liebhaber der Tamora.In Marlowes The Jew of Malta ist Ithamar der böse Sklave des Barabas. Dies ist der Name des Sohnes des biblischen Aaron.
Ort und Zeit der Handlung Das Stück spielt im spätantiken Rom sowie in einem Heerlager der Goten, etwa um die Zeit des vierten Jahrhunderts.
Handlung
Bibliographische Vorbemerkung Für die Inhaltsangabe wird die zweisprachige Ausgabe von Frank Günther verwendet. Der englische Text der dtv-Ausgabe entspricht der The Arden Shakespeare-Edition von J. C. Maxwell aus dem Jahre 1968.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2004, S. 225. Die Englisch-deutsche Studienausgaben verwenden üblicherweise die von Alfred Harbage besorgte Edition der Werke Shakespeare's, den The Complete Pelican Shakespeare.Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg, Tübingen 2008, S. 7. Beide englische Editionen basieren auf der ersten Quarto des Werkes.Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare Titus Andronicus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg, Tübingen 2008, S. 67. Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2004, S. 223.
Akt I