Der Kameralamtsstil (auch Finanzkammerstil) bezeichnet keinen Bau- oder Architekturstil im eigentlichen Sinn, sondern einen speziellen Bautypus häufig auf Staatskosten errichteter Kirchen im Königreich Württemberg, die im 19. Jahrhundert im Sinne eines Musterplans von staatlichen Baubeamten als Kameralbau erstellt wurden. Die insgesamt fast siebzig mehrheitlich evangelischen, aber auch katholischen Kirchen dieses Bautyps wurden zwischen 1811 und 1875 (Höhepunkt in den 1830er- und 1840er-Jahren) häufig unter der Aufsicht der örtlichen Kameralämter in unterschiedlichen Baustilen erstellt. Der Normplan eines Emporensaals war in seiner Anlage in der Regel symmetrisch, ein rechteckiger Saalbau mit auf beiden Längsseiten angebrachten Emporen und einem Mittelgang. Der Turm lag über dem Haupteingang und die Sakristei befand sich an der gegenüberliegenden Seite.
Geschichte Nach der Säkularisation in den Jahren 1803–1806 und dem Zugewinn von bisher katholisch geprägten Landesteilen hatte sich der neue württembergische Staat beziehungsweise sein König verpflichtet, für den Bau und den Unterhalt von Kirchen und Pfarrhäusern für beide Konfessionen zu sorgen und zwar „für immer“. Kirchliches Vermögen war zuvor eingezogen worden. Die evangelische Kirchenleitung mit dem König als nominellem Landesbischof war nur noch eine Abteilung im „Kultministerium“. Die Pfarrer waren königliche Beamte. Für die finanziellen Belange war primär das „Cameralamt“ (heute Finanzministerium) zuständig. Kirchenneubauten mussten teilweise auf Staatskosten nach dessen durchaus sparsamen Vorschriften und Musterplänen staatlicher Baubeamter gebaut werden, wobei Funktionalität Vorrang vor Ästhetik hatte.
Beschreibung Der Begriff „Kameralamtsstil/Kameralamtskirche“ ist allerdings ungenau, weil verschiedene Kriterien eine Rolle spielen: Wem oblag die Baulast? Wurde die Kirche bei ihrer Errichtung im Wesentlichen von der Gemeinde und eventuell vom Kirchenpatronat oder rein staatlich finanziert, und wer ist jetzt der Eigner? Hat ein Baubeamter oder ein freier Architekt den Neu- oder Umbau geplant? Einige frühe Kirchen dieser Serie sind im Baustil des Spätklassizismus, einige späte in neugotischer oder neoromanischer Formensprache und die meisten Kirchen im Rundbogenstil errichtet, weisen aber am Außenbau und in der Innenraumstruktur stilneutrale Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten auf: Längs- oder querrechtseckiges Schiff, ohne Chor mit Kanzelaltar beziehungsweise mit Chor und dann Kanzel am Chorbogen, der Innenraum weitgehend schmucklos, Dreiseitenempore an Pfeilern, die außer Emporen häufig auch das Dachwerk tragen und durch diese Lastabtragung breitere Säle ermöglichen, flache Dachneigung an Turm und Langhaus, was dem württembergischen Staat in der Summe enorme Kosten sparte.
Kirchen dieser Bauart sind Arbeiten oder Entwürfe folgender alphabetisch geordneter Personen Wilhelm Bäumer 1868–1869: Evangelische Christuskirche in Baiersbronn-Mitteltal , abgerufen am 5. Juli 2013Datenblatt, abgerufen am 5. Juli 2013. Johann August Bruckmann 1816–1818: Katholische Pfarrkirche St. Afra in RatshausenFarbfotografie und geschichtlicher Hintergrund, abgerufen am 29. Juni 2013 Vinzenz De Pay, Baurat 1858: Ev. Kirche Schönbronn (Schramberg): Schönbronn (Schramberg)#Evangelische Kirche Ludwig Friedrich Gaab 1833: Kirche für die Pfarrgemeinde Pfrondorf 1833–1834: Evangelische Johanneskirche, An der Kirchstraße 10, abgerufen am 8. Mai 2013 in DettenhausenDatenblatt, abgerufen am 30. Juni 2013 Friedrich Bernhard Adam Groß 1828: Martinskirche (Oberesslingen) 1837–1838: Harthausen (Filderstadt) 1837–1839: Kirche Sulzgries gemeinsam mit Bauinspektor Beckh 1838/39: Evangelische Martinskirche in Steinenbronn Johann Adam Groß III 1813: Martinskirche in ÖschingenAus der Geschichte der Öschinger Martinskirche., abgerufen am 25. Oktober 2021. Sulpiz Manz 1835: Katholische Kirche St. Alban in Herlikofen Carl Christian Nieffer 1830/31: Karsthans-Kirche in Täbingen 1834–1837: Kirche St. Markus in Binsdorf 1852–1853: Evangelische Kirche in Grab 1857–1858: Evangelische Kirche in Großerlach 1857–1859: Evangelische Kirche in Althütte Johann Georg Rupp (1797–1883) 1846–1848: Evangelische Dionysiuskirche in BodelshausenDatenblatt, abgerufen am 5. Juli 2013. (KirchenschiffDie Dionysius-Kirche. (PDF; 48 kB), abgerufen am 5. Juli 2013.) Baurat Abel 1849/50: Mauritiuskirche (Güglingen) Hofbaurat Roth 1827: St. Stephanus in Bempflingen Unbekannter Architekt Kath. Kirche St. Johann Baptist (Rexingen)
Einzelnachweise
Literatur Siegwart Rupp: Kirchenbauten im württembergischen Kameralamtsstil. In: „Schwäbische Heimat“, Heft 3/1972, Stuttgart 1972, S. 178–196 – dazu im Leser-Forum des übernächsten Heftes ein Beitrag von Wilhelm Berner in: „Schwäbische Heimat“, Heft 1/1973, Stuttgart 1973, S. 44–46. Siegwart Rupp: Über protestantischen Kirchenbau in Württemberg. In: „Schwäbische Heimat“, Heft 2/1974, Stuttgart 1974, S. 123–136 – mit Auflistung nachreformatorischer Kirchenbauten in Württemberg. Allerdings hat sich Rupps Grundannahme, die Schickhardt-Kirchen seien längsorientiert und führten „als Typenschöpfung“ auf die württembergischen Kameralamts-Kirchen des 19. Jahrhunderts hin, inzwischen als falsch erwiesen. Eva-Maria Seng: Der Kameralamtsstil in Württemberg. In: Kirchenbau zwischen Politik, Kunst und Liturgie: Theorie und Wirklichkeiten im evangelischen Kirchenbau des 19. Jahrhunderts, 1995, S. 49–55.
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