Der Organspendeskandal in Deutschland handelt von mutmaßlichen Richtlinienverstößen einzelner Transplantationszentren, um die Wahrscheinlichkeit der Leber, Herz- und Lungen-Organvergabe an Patienten des eigenen Zentrums zu erhöhen, die auf eine Transplantation warten. Die hier geschilderten Vorgänge beziehen sich auf den Zeitraum 2009–2016. Die vollständigen Berichte der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer (BÄK) sind auf der Webseite der BÄK einsehbar. Die Vorfälle wurden 2017 publiziert.B. Nashan, C. Hugo, C. Strassburg, H. Arbogast, A. Rahmel, H. Lilie: The Authors' Reply. In: Transplantation. Band 102, Nr. 2, Feb 2018, S. e83–e84. doi:10.1097/TP.0000000000001987, PMID 29084023 Im Einzelnen heißt es im Kurzstatement des Berichtes in Auszügen:
In den Jahren 2010 und 2011 wurden in Deutschland insgesamt 2303 postmortal gespendete Lebern transplantiert. In 24 Transplantationszentren wurden die Krankenakten von insgesamt 1180 Empfängern postmortal gespendeter Lebern geprüft. In den vier Transplantationszentren Göttingen, Leipzig, München rechts der Isar und Münster wurden schwerwiegende Richtlinienverstöße unterschiedlicher Ausprägung festgestellt. In Göttingen ergab sich aufgrund der Art der Verstöße, der Umstände im Einzelfall sowie der Häufigkeit des Auftretens der Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben zur Bevorzugung bestimmter Patienten. Auch in Leipzig, München und Münster ergaben sich eindeutige Anhaltspunkte für systematische Falschangaben, wenn auch teilweise in zahlenmäßig geringerem Umfang. In 20 Transplantationszentren wurden keine bzw. nur solche Richtlinienverstöße festgestellt, bei denen sich aufgrund der Umstände des Einzelfalls oder der geringen Anzahl kein Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben zur Bevorzugung bestimmter Patienten ergab (z. B. Dokumentationsfehler, Flüchtigkeitsfehler, Bewertungsfehler). Es haben sich keine Anhaltspunkte ergeben, dass privatversicherte Patienten oder sogenannte Non-ET-Residents bevorzugt behandelt und transplantiert worden wären. Das beschleunigte Vermittlungsverfahren hatte bei Leberspenden 40 % erreicht. Eine sorgfältige Prüfung der Umstände ist nicht erfolgt. Welche Zentren in welchem Umfange davon Gebrauch machten, ist nicht mitgeteilt worden. Die Wartelisten wurden im Hinblick auf die Berechtigung nicht überprüft. Die Zahl der Patienten, die auf ein Organ gewartet haben, hat sich mittlerweile halbiert, wenn man von nierenkranken Patienten absieht. In Berlin, Hamburg, Hannover, Magdeburg und Würzburg wurden keine Richtlinienverstöße festgestellt (siehe S. 17 des Prüfberichtes).
Einzelne Kliniken (Lebertransplantation) Universitätsmedizin Göttingen (UMG) In Deutschland wurde an der UMG im Jahr 1995 der erste Lehrstuhl speziell für Lebertransplantationen (Klinik für Hepato-biliäre und Transplantationschirurgie) eingerichtet. Wie sämtliche weiteren Lebertransplantationszentren in Deutschland war auch diese Klinik der UMG international ausgerichtet. Gemäß der damaligen Rechtslage durften in den deutschen Transplantationszentren auch Patienten aus anderen europäischen Ländern (sog. non-ET-residents) behandelt werden, bei denen eine Lebertransplantation als letzte Behandlungsoption indiziert war.
Aus organisatorischen Gründen wurde der Lehrstuhl im Jahr 2002 an der UMG geschlossen und der Direktor der Klinik als Chefarzt an eine große amerikanische Klinik berufen. Als Funktionsbereich wurde die Lebertransplantation der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie zugeordnet. Dort wurden bis zum Jahr 2015 Lebertransplantationen durchgeführt. Eine Lebertransplantation ist eine interdisziplinäre Aufgabe (Transplantationschirurgie, Labormedizin, Innere Medizin, Anästhesie und Intensivmedizin, Psychiatrie, Radiologie und Pathologie). und bedarf einer Bündelung der Informationen und Steuerung der Abläufe. In der Lebertransplantations-Ambulanz der Chirurgischen Klinik wurden zentral die Krankenakten geführt. Eine unabhängige Stabsstelle mit dem Transplantationskoordinator war unmittelbar dem Vorstand zugeordnet. Letzteres diente der Ablaufsteuerung über Eurotransplant und Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO).
Im Jahr 2011 wurde erstmals der Vorwurf einer Datenmanipulation gegen den dafür zuständigen Oberarzt in der Chirurgie erhoben. Von ihm hat sich die UMG nach Bekanntwerden der Vorwürfe getrennt.
Dieser Chirurg war Assistenzarzt in der Aufbauphase des 1995 eingerichteten Lehrstuhls beim Aufbau der Lebertransplantation an der UMG. Seine damaligen wissenschaftlichen Untersuchungen blieben die Grundlage späterer Publikationen, auch nach seinem Wechsel an das Universitätsklinikum Regensburg.A. Obed, A. Beham, K. Püllman, H. Becker, H. Schlitt, T. Lorf: Patients without hepatocellular carcinoma progression after transarterial chemoembolisation benefit from liver transplantation. In: World J Gastroenterol. Band 13, Nr. 5, 2007, S. 761–767.A. Obed, T.-Y. Tsui, A. A. Schnitzbauer, M. Obed, H. J. Schlitt, H. Becker, T. Lorf: Liver transplantation as curative approach for advanced hepatocellular carcinoma:is it justified? In: Langenbecks Archiv Surg. Band 393, 2008, S. 141–147.T. Lorf, A. A. Schnitzbauer, S. K. Schäfers, M. N. Scherer, H. J. Schlitt, M. Oellerich, H. Becker, A. Obed: prognostic value of the monoethylglycinexylididde (MEGX)-test prior to liver resection. In: Hepatogastroenterology. Band 55, Nr. 82-83, 2008, S. 539–543. Hier bildeten sie die Grundlage seiner Habilitationsschrift. Im Jahr 2008 kehrte er an die UMG als seine alte chirurgische und wissenschaftliche Wirkungsstätte zurück. In leitender Oberarztfunktion oblag ihm die Verantwortung für den Aufgabenbereich Lebertransplantation in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie. Im Jahr 2009 erfolgte nach dem üblichen Verfahren die Berufung auf eine Professur (W2 auf Zeit) durch den Präsidenten der Universität.
Die Manipulationsvorwürfe gegen ihn führten dazu, dass er 2013 in Untersuchungshaft genommen und wegen versuchten Totschlags in elf Fällen sowie Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angeklagt wurde. Am 6. Mai 2015 wurde er vom Landgericht Göttingen freigesprochen, da nach dessen Ansicht die Manipulationen nicht von diesen Straftatbeständen erfasst würden. Die Staatsanwaltschaft legte beim Bundesgerichtshof Revision ein, der den Freispruch am 28. Juni 2017 bestätigte.Aktenzeichen 5 StR 20/16: HRRS 2017, 500-511. Das Landgericht Braunschweig sprach ihm 2019 wegen des knappen Jahres Untersuchungshaft eine Entschädigung von etwa 1,1 Millionen Euro sowie circa 80.000 Euro für Kautionszinsen zu.Aktenzeichen 7 O 3677/18: Die Verfahren gegen weitere Angehörige der UMG und eine Vermittlungsfirma wurden eingestellt. Gegen eine Patientin wurde wegen falscher Angabe vor Gericht zu ihrem Alkoholkonsum das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt.Gelogen für den Lebensretter? Verfahren wegen Falschaussage im Transplantationsprozess eingestellt. Hinweise auf Bestechlichkeit oder auf etwaigen Organhandel haben sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Braunschweig nicht ergeben.
Universitätsklinikum Regensburg Nach Angaben der Sprecherin des Universitätsklinikums Regensburg könnten auch Patienten aus Jordanien verbotenerweise auf eine Warteliste für europäische Transplantations-Patienten gesetzt worden sein. Der ehemalige Leiter der Transplantation der UMG war von 2003 bis 2008 in Regensburg als Oberarzt beschäftigt und soll auch mit Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung 2004 eine Kooperation mit dem Jordan Hospital in Amman eingegangen sein. Es wird sogar vermutet, dass eine unter Regensburg verbuchte Transplantation in Amman durchgeführt wurde.
Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Chirurgie am Universitätsklinikum Regensburg wurde vorübergehend vom Dienst beurlaubt; die Beurlaubung wurde im November 2012 aufgehoben.Uniklinik Regensburg hebt Beurlaubung von Klinikdirektor Hans-Jürgen Schlitt auf. In: Wochenblatt Regensburg. 21. November 2012.
Klinikum rechts der Isar Die Prüfungs- und Überwachungskommission der BÄK stellte hier 38 Richtlinienverstöße fest. Die Kommission unter Leitung des Wiener Chirurgen Ferdinand Mühlbacher bestätigt in ihrem Abschlussbericht im Wesentlichen die bereits bekannten Verstöße gegen Transplantationsrichtlinien am Klinikum rechts der Isar. Sie kommt auf eine Zahl von insgesamt 28. Bei dreien davon sieht Mühlbacher „kriminelle Potenz“. Bei ihnen besteht laut Bericht „der Verdacht auf eine systematische oder bewusste Täuschung zur Bevorzugung besonderer Patienten“. Konkret sollen Blutproben mit Urin manipuliert worden sein. Diese Fälle werden bereits von der Staatsanwaltschaft untersucht. Vor allem aber spricht Mühlbacher ein vernichtendes Urteil über die Organisation des Lebertransplantationszentrums am Klinikum rechts der Isar. Die Abteilung habe „weder Struktur noch das richtige Personal“. Zudem seien die Überlebensraten der Patienten zu niedrig. 70 Prozent überstehen das erste Jahr. Der europäische Standard liegt laut dem Gutachten bei über 80 Prozent.
Die übrigen 25 Verstöße gegen Richtlinien stuft Mühlbacher als weniger gravierend ein, sie seien teils durch menschliche Fehler, teils durch Mängel im Regularium für Transplantationen zu erklären. Insgesamt aber zeige sich eine „fehlende Infrastruktur“ im Klinikum und ein „eher lockeres Umgehen mit bestehenden Regelvorschriften“.
Mit den Manipulationen bei Lebertransplantationen am Klinikum rechts der Isar sollte möglicherweise vor allem die Zahl der Verpflanzungen erhöht werden. Diesen Verdacht hat der ehemalige Leiter des Transplantationszentrums und Chef der Nephrologie genährt. In einem Artikel der Fachzeitschrift Dialyse aktuell äußerte er sich zu den Hintergründen des Skandals, in den das Klinikum rechts der Isar verwickelt war:
Das Klinikum trennte sich bereits von seinem Chefarzt für Chirurgie. Hintergrund der geplanten Trennung von dem Professor sind drei Fälle, in denen Blutproben offenbar mit Urin verunreinigt wurden. Zwei dieser Blutpanschereien aus dem Jahr 2010 waren schon damals aufgefallen. Der Chirurgie-Chef zog aber keine Konsequenzen aus den Vorgängen. Einer Patientin ist darüber hinaus 2011 eine Leber transplantiert worden, obwohl dies nach Ansicht von Fachleuten, die derzeit das Transplantationsprogramm der Klinik begutachten, gar nicht nötig gewesen sei.Organspende-Skandal: Klinikum trennt sich von Chefarzt. auf: sueddeutsche.de, abgerufen am 24. Februar 2013.
Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) teilten Mitte Mai 2013 auf einer Pressekonferenz die Schließung der Transplantationsprogramme in Erlangen und im Münchner Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München mit.
Klinikum der Universität München (Ludwig-Maximilians-Universität München – Campus Großhadern) Die Prüfer der Bundesärztekammer haben auch am Klinikum Großhadern sieben Richtlinienverstöße bei Lebertransplantationen festgestellt. Sie kamen zu dem Schluss, dass dort in den Jahren 2010 und 2011 vier Patienten mit Leberkrebs eine Spenderleber transplantiert wurde, obwohl ihr Krebsherd noch sehr klein war. Die Prüfer beurteilten dies als klare Verstöße gegen die Richtlinien für Lebertransplantationen. Bei den Großhaderner Patienten, um die es beiden Kommissionen geht, betrug der Durchmesser der Krebsherde weniger als zwei Zentimeter. Nach Ansicht der Prüfer erlauben die Richtlinien die Zuteilung einer Spenderleber an Krebskranke mit einem Tumor aber lediglich, wenn dieser zwischen zwei und fünf Zentimeter groß ist. Nur wenn sich bei einem Patienten bereits mehrere Krebsherde gebildet haben, dürfen diese auch kleiner als zwei Zentimeter sein.
Drei weitere Manipulationen am Klinikum Großhadern wurden nicht als schwerwiegende Verstoße gegen die Richtlinien gewertet.Mängel am LMU-Klinikum. auf: sueddeutsche.de, 12. April 2013.
Universitätsklinikum Leipzig