mini|240px|Die Bäckerstraße in Richtung Nordwesten
Die Bäckerstraße liegt im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt. Sie geht auf einen frühmittelalterlichen Marktplatz zurück und besitzt heute die besterhaltenen Renaissance-Bürgerhäuser der Wiener Innenstadt.
Geschichte Im 11. Jahrhundert entstand knapp nördlich der Verlängerung der ehemaligen Via principalis dextra vor den Mauern des alten Römerlagers bzw. der babenbergerzeitlichen Stadtmauer Wiens ein linsenangerförmiger Marktplatz, der von den heutigen Straßenzügen Sonnenfelsgasse im Norden und Bäckerstraße im Süden markiert wird und in Richtung Landstraßer Hauptstraße weiterführt. Hier siedelten sich auswärtige Kaufleute an, wie aus den Bezeichnungen Kölner Hof oder Regensburger Hof heute noch ablesbar ist. Sie brachten Waren aus dem Westen über die heutige Mariahilfer Straße und den Kohlmarkt hierher, um sie zu lagern und zu verkaufen. Möglicherweise fand damals auch schon ein Weiterverkauf nach Osten statt, obwohl das Stapelrecht erst ab 1221 bestand.
Ende des 12. Jahrhunderts wurde der Marktplatz von der neuen Stadtmauer eingeschlossen und lag nun innerhalb Wiens. Da von hier aus aber kein direkter Zugang zu einem Stadttor bestand, war die Gegend gegenüber der benachbarten Wollzeile, die zum Stubentor führte, benachteiligt und verlor allmählich ihre wirtschaftliche Bedeutung. Infolge dieser Umstände benötigte man bald keinen Marktplatz in der ursprünglichen Größe mehr und baute deshalb in seiner Mitte sukzessive eine Häuserzeile ein, die mit dem Regensburger Hof beginnt. Dadurch entstanden aus dem ehemaligen Platz zwei parallel verlaufende Straßen, die seit dem beginnenden 14. Jahrhundert als Obere und Untere oder Vordere und Hintere Peckenstraße bezeichnet wurden, da in dem Gebiet einige Bäcker ihr Gewerbe ausübten.
Östlich davon lag das alte Universitätsviertel um den heutigen Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, das von den Jesuiten im 18. Jahrhundert baulich stark verändert wurde. Damals wurde die Bäckerstraße verlängert, indem ein Zugang zum Dominikanerkloster und damit auch weiter zum Stubentor geschaffen wurde. Diese Maßnahme hatte aber keine Auswirkung mehr auf die wirtschaftliche Entwicklung des ehemaligen Marktplatzes.
Bis zum Jahr 1857 wurde nachweislich der Name Obere Bäckerstraße für den Abschnitt zwischen Lugeck und Dr.-Ignaz-Seipel-Platz verwendet, die Verlängerung hieß Schulgasse. Seit 1862 heißt der gesamte Straßenzug nur mehr Bäckerstraße, während der ehemalige nördliche Teil des Marktplatzes, die Untere Bäckerstraße, Sonnenfelsgasse heißt.
mini|Blick Richtung Osten an der heutigen Bäckerstraße 20 (spätestens 1923) links|miniatur|Bäckerstraße nach Osten
Lage und Charakteristik Die Bäckerstraße verläuft vom Lugeck in südöstlicher Richtung zum Dr.-Ignaz-Seipel-Platz und von dort weiter durch die Alte Universität und eine Wohnhausanlage des 20. Jahrhunderts bis zum Dr.-Karl-Lueger-Platz. Sie ist verkehrstechnisch relativ abgeschlossen und sehr schmal, weswegen der historisch ältere Teil zwischen Lugeck und Dr.-Ignaz-Seipel-Platz als Einbahnstraße geführt wird. Der Autoverkehr ist entsprechend gering; es verkehren auch keine öffentlichen Verkehrsmittel auf der Bäckerstraße, am Dr.-Karl-Lueger-Platz befindet sich die U-Bahn-Station Stubentor. Radfahrer können die Bäckerstraße als Verbindung zwischen Rotenturmstraße und Ringstraße nützen. Größer ist das Aufkommen am Fußgeherverkehr, vor allem im westlichen Teil der Bäckerstraße durch Touristen.
Die Verbauung der Bäckerstraße besteht aus hohen viergeschoßigen Bürgerhäusern, deren Kerne zum Teil bis ins Mittelalter zurückreichen. Bedeutend für Wien sind vor allem die erhaltenen Renaissancehäuser. Daneben bestehen auch Wohnhäuser aus der Zeit des Barock und des Historismus. Um den Dr.-Ignaz-Seipel-Platz liegt das 1755 errichtete barocke Gebäude der Neuen Aula, heute Akademie der Wissenschaften, sowie weiterer Gebäude der Alten Universität. Dort befindet sich auch ein Gebäude aus der Zeit um 1900, während der östlichste Abschnitt der Straße durch einen Wohnhof aus dem Jahr 1938 verläuft. Dort wird die Bäckerstraße zweimal von den Wohngebäuden überbrückt. Alle Gebäude der Bäckerstraße stehen unter Denkmalschutz.
An der Bäckerstraße liegen zahlreiche Restaurants und Gastronomiebetriebe, darunter das auch international wegen seiner Wiener Schnitzel bekannte Lokal von Hans Figlmüller und das Restaurant Oswald & Kalb.
Verbauung Nr. 1 Regensburger Hof → siehe Hauptartikel Regensburger Hof
Das späthistoristische Miet- und Geschäftshaus wurde 1897 von Franz von Neumann anstelle des abgebrochenen Regensburger Hofes erbaut. Dieser wurde bereits 1410 als Sitz der süddeutschen Kaufleute erwähnt. Eine Gedenktafel erinnert an das 1470 stattgefundene Fest des Niklas Tischler, bei dem Kaiser Friedrich III. und der ungarische König Matthias Corvinus zusammentrafen. Das Gebäude liegt an der Hauptadresse Lugeck 4.
Nr. 2 Zeltschneiderisches Haus miniatur|Zeltschneiderisches Haus Das viergeschoßige Bürgerhaus zeigt eine Fassade von 1706/07, stammt aber im Kern aus dem Spätmittelalter und wurde 1641 neu errichtet. Die asymmetrische Fassade ist durch steingerahmte Fenster mit geraden Verdachungen und geschwungenen Sohlbänken gegliedert, die auf der linken Seite aus Doppelfenstern bestehen. Dazwischen befindet sich Putzdekoration in Form von Ranken und Girlanden. Unter dem Dachgesims ist ein Fries mit Laubwerk und Maskerons zu sehen. In Höhe des 1. Obergeschoßes der rechten Seite befindet sich in einer ovalen Nische die Figur der Maria Immaculata mit Putten aus dem 1. Viertel des 18. Jahrhunderts. Das Wulstrundbogenportal des Hauses hat eine volutengestützte, konkave Verdachung und eine Wappenkartusche. Im quadratischen Innenhof befinden sich Pawlatschengänge; von hier aus ist ein Wohnturm mit Pyramidendach zu sehen. Der Hausbrunnen mit Schacht aus dem 14./15. Jahrhundert gehört wie der Wohnturm zu den ältesten Teilen des Hauses. Die weitläufigen Keller mit Tonnen- und Stichkappentonnengewölben stammen aus der Zeit Mitte des 16. Jahrhunderts bis 2. Viertel des 17. Jahrhunderts.
Nr. 3 Stadthaus Das palaisartige barocke Stadthaus, das bis zur Sonnenfelsgasse reicht, stammt im Kern aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Im 1. Viertel des 18. Jahrhunderts wurde es barock verändert und erfuhr schließlich 1855 durch Anton Grünn einen weiteren Umbau. Die Fassade ist durch einen flachen Mittelrisalit gekennzeichnet, die Geschoße werden durch Putzfelder zusammengefasst. Das zentrale Pilasterportal aus dem 1. Viertel des 18. Jahrhunderts wird mit einem konvexen Gitterbalkon und Vasen bekrönt. Im quadratischen Innenhof sind Pawlatschen zu sehen. Eine bemerkenswerte Vierpfeilertreppe weist noch originale Schmiedeeisengeländer auf.
Nr. 4 Frühhistoristisches Wohn- und Geschäftshaus Das Durchhaus wurde 1845/47 von Franz Schlierholz als Wohn- und Geschäftshaus errichtet. An der Bäckerstraße liegt die Bar KIX, die 1988 von Oskar Putz gestaltet wurde. Das Gebäude liegt an der Hauptadresse Wollzeile 9.
Nr. 5 Scharschellisches Haus Das Bürgerhaus, das bis zur Sonnenfelsgasse zurückreicht, wurde im Kern 1566/86 errichtet, 1662/82 aufgestockt und erhielt um 1726/30 eine neue Fassade. Schließlich erhöhte Johann Öscher das Gebäude im Jahre 1799 um das 4. Obergeschoß. Bemerkenswert ist vor allem das steinerne Rundbogenportal mit Sockel aus der Renaissancezeit. Die steinernen Hausnummerntafeln stammen aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. An der ähnlich gestalteten Rückfassade in der Sonnenfelsgasse befindet sich eine steinerne Löwenskulptur aus dem 16. Jahrhundert zwischen 1. und 2. Obergeschoß. Im Inneren sind verschiedene alte Architekturdetails zu beachten, wie Gittertüren, gewendeltes Stiegenhaus, Kreuzgratgewölbe oder zweigeschoßiger Keller.
Nr. 6 Frühhistoristisches Miethaus Das frühhistoristische Miethaus wurde wie das Nachbargebäude 1846 von Franz Schlierholz errichtet. Die Fassade ist durchgehend genutet, die Fenster sind gerade verdacht. Hier befindet sich das für seine Wiener Schnitzel bekannte Restaurant von Hans Figlmüller. links|miniatur|Haus Stampa Nr. 7 Haus Stampa Das bedeutende Renaissance-Bürgerhaus stammt im Kern aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, wobei auch Fundament- und Kellermauern von zwei Vorgängerbauten entdeckt wurden. Vermutlich zwischen 1368 und 1373 ließ Jakob von Tirna das Gebäude um einen Wohnturm aufstocken. Das heutige Aussehen wurde 1561–65 durch einen Umbau erzielt, den der Graubündner Großkaufmann Antonio von Stampa durchführen ließ. Damals wurde das Haus aufgestockt und mit seinem Arkadenhof, Treppen und Kelleranlage versehen. Um 1773 wurden dann noch einmal Veränderungen vorgenommen, bei denen die Hofarkaden geschlossen wurden.
Die Fassade ist im Sockel doppelgebändert, die gerade verdachten Fenster durch Rahmenparapetfelder vertikal zusammengezogen. An der linken Gebäudeseite ist ein zweigeschoßiger Turmaufbau zu sehen, der um 1700 zum Vollgeschoß ausgebaut wurde. Das Rundbogenportal wurde um 1773 mit einer geschwungenen Gesimsverdachung auf Konsolen versehen. Die Rückfassade in der Sonnenfelsgasse ist analog gestaltet. miniatur|Renaissance-Arkadenhof des Hauses Stampa Bemerkenswert ist der Innenhof, der einer der wenigen erhaltenen Säulenarkadenhöfe der Renaissance-Zeit in Wien ist. Die viergeschoßigen Säulenarkaden an 2 Seiten sind zum Teil vermauert, zum Teil verglast. Im 1. und 2. Geschoß handelt es sich um toskanische, in den Obergeschoßen um ionische Säulen. Die Arkaden sind kreuzgratgewölbt, mit zum Teil noch originalen Ziegelböden. Die nordwestliche Ecke im Erdgeschoß wurde als Pferdestall genutzt, so dass sich hier Pferdetränken und Futterkörbe aus Metall finden. Eine Muttergottesstatue stammt aus dem 18. Jahrhundert. Auf der Südseite des Hofes befinden sich Pawlatschen aus der Zeit um 1773, an deren Wänden bemerkenswerte Schmiedeeisenarbeiten aus dem Amerlingschlössel ausgestellt sind (17.–19. Jahrhundert).
Bemerkenswert sind auch die Treppenanlagen des Hauses. So ist die zweiarmige Haustreppe mit Kreuzgratgewölben über den Podesten und Stichkappentonnenabschluss von 1561 bis 1565 die älteste erhaltene Treppe dieses Typs in Wien. Auch die zum Turm führende hölzerne Hohlspindeltreppe ist ein bedeutendes Werk der Nachgotik.
Nr. 8 Ehemaliges Palais Seitern Das Fünfkirchnersche Haus stammt im Kern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. 1700 wurde es von den Grafen Fünfkirchen erworben und ab 1722 als Adelspalais umgebaut. Wenige Jahre danach ging es an Franz Karl von Seitern, dessen Name es bis heute trägt. Die Fassade ist durch einen seichten Mittelrisalit gekennzeichnet, der an den Seiten Doppelpilaster mit kräftigen Volutenkonsolen besitzt, und in der Sockelzone ein Doppelportal aufweist. Die Giebelverdachungen in der Beletage sind reichhaltig durch Blätter, Ranken und Masken gestaltet. Deutlich tritt die Kordongesimsgliederung des Hauses hervor.
Im Haus befindet sich die Buchhandlung Morawa. links|miniatur|Windhagsches Stiftungshaus
Nr. 9 Windhagsches Stiftungshaus Das Gebäude war ein bemerkenswertes Renaissance-Bürgerhaus, das 1559 für den Wiener Bürgermeister Johannes Thau errichtet wurde. Es gelangte 1648 in den Besitz des Joachim Freiherr von Windhag, der ein von 1682 bis 1784 bestehendes geistliches Alumnat stiftete. 1840 wohnte hier Adalbert Stifter. Das Haus mit seinem Renaissance-Arkadenhof wurde 1944 weitgehend durch Bomben zerstört, so dass nur die Fassade in der Bäckerstraße bis zum 1. Obergeschoß erhalten blieb. 1951/52 erfolgte ein völliger Neubau im Inneren.