miniatur|hochkant=1.5|Ausschnitt aus dem ersten Teil der Eröffnungsfeier Die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London fand am 27. Juli 2012 im Olympiastadion statt. Sie trug den Titel The Isles of Wonder („Die Inseln der Wunder“), inspiriert durch das Theaterstück The Tempest (Der Sturm) von William Shakespeare. Hauptelemente der fast vierstündigen Show waren die Entwicklung vom traditionellen Landleben über die industrielle Revolution bis zum heutigen Alltag sowie die Vorstellung Großbritanniens als Kulturnation. Königin Elisabeth II. nahm die offizielle Eröffnung vor, sieben Nachwuchsathleten entzündeten die olympische Flamme.
Künstlerischer Leiter war der Filmregisseur Danny Boyle, Produzent der Filmregisseur Stephen Daldry, der auch die künstlerische Gesamtleitung aller Zeremonien ausübte. Die musikalische Leitung hatte Rick Smith für die Elektronik-Band Underworld inne. Mark Fisher war Hauptgestalter der Bühne und der Lichteffekte. Das Drehbuch zur Show schrieb Frank Cottrell Boyce.
Vorbereitungen Boyle hatte eingeräumt, dass der Umfang, die Extravaganz und die Kosten der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking nicht zu übertreffen seien: „Größer als Peking kann man es nicht machen.“ Das Budget der Eröffnungsfeier betrug 27 Millionen Pfund (34 Millionen Euro), verglichen mit 65 Millionen Pfund (83 Millionen Euro) in Peking. 15.000 Freiwillige stellten sich als Darsteller zur Verfügung und opferten mehrere hundert Stunden für die Proben. Im Januar 2012 gab Boyle das Motto der Eröffnungsfeier bekannt: The Isles of Wonder (Inseln der Wunder), inspiriert von William Shakespeares Theaterstück The Tempest (Der Sturm). Eine Hauptquelle für die Feier war das Buch Pandaemonium des Filmemachers Humphrey Jennings, das verschiedene Zeitzeugenberichte aus der Zeit der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts enthält. Der Schauspieler Mark Rylance sollte eine zentrale Rolle in der Eröffnungsfeier übernehmen, musste aber Anfang Juni aus familiären Gründen absagen und wurde durch Kenneth Branagh ersetzt. Drei Wochen vor der Show ließ Boyle weitere Details durchsickern, darunter den Einsatz von zwölf Pferden, zehn Hühnern und 40 Schafen. Nach Protesten der Tierschutzorganisation PETA versicherte Boyle, dass den Tieren kein Leid zugefügt werde.
Ablauf Prolog und Countdown In die Eröffnungsfeier eingebettet war ein Open-air-Konzert im Hyde Park. Vor Beginn der Feier, die dort auf Großleinwände übertragen wurde, traten Paolo Nutini und Duran Duran auf. Während des Einmarschs der Athleten ins Stadion, vor dem Entzünden der Flamme, spielten Stereophonics und Snow Patrol. Um exakt 20:12 Uhr Ortszeit flog die Kunstflugstaffel Red Arrows über das Olympiastadion und den Hyde Park.
Zu Beginn der Eröffnungsfeier um 21:00 Uhr Ortszeit wurde der von Danny Boyle und der BBC produzierte Einspielfilm Green and Pleasant Land gezeigt. Dieser folgte der Themse von ihrer Quelle in Gloucestershire bis nach London und fand schließlich aus Sicht des Londoner Verkehrs den Weg ins Stadion; dabei wurden Ausschnitte aus dem britischen Alltag und dem Landleben gezeigt. Der Soundtrack umfasste Ausschnitte u. a. aus der South Bank Show von Andrew Lloyd Webber, der Titelmelodie von EastEnders, London Calling von The Clash und God Save the Queen von den Sex Pistols. Am Ende des Einspielfilmes waren Plakate aller Olympischen Spiele zu sehen (mit Ausnahme der Spiele 1900 in Paris, 1936 in Berlin, 1984 in Los Angeles und 1996 in Atlanta). Kindergruppen hielten mit 10 bis 1 beschriftete Ballons in die Höhe, die beim Countdown zerplatzten. Eröffnet wurde die Show durch das Läuten der größten harmonisch gestimmten Glocke der Welt. Bradley Wiggins, Sieger der Tour de France 2012, schlug die 27 Tonnen schwere, von der Whitechapel Bell Foundry gefertigte Glocke. In diese waren die Zeilen „Be not afeard, the isle is full of noises“ aus Shakespeares The Tempest eingraviert.
Erster Teil der Vorführung miniatur|Darstellung des ländlichen Großbritanniens (Aufnahme während der Hauptprobe) Thema des ersten Teils der Eröffnungsfeier war die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Großbritanniens vom traditionellen Landleben über die industrielle Revolution bis zu den 1960er Jahren. Zu Beginn befand sich in der Mitte des Stadions ein Modell von Glastonbury Tor und ein Modell eines Dorfes, mit lebenden Tieren und Schauspielern, die Dorfbewohner darstellten. Es folgten Kinderchöre mit A-cappella-Darbietungen der inoffiziellen Hymnen der vier britischen Regionen: Im Stadion selbst Jerusalem (für England), danach vorproduzierte Einspielungen vom Giant’s Causeway (Danny Boy für Nordirland), vom Edinburgh Castle (Flower of Scotland für Schottland) und vom Strand von Rhossili (Bread of Heaven für Wales). Unterlegt waren die Einspielungen mit Rugby-Spielszenen.
Historische Pferdeomnibusse der London General Omnibus Company brachten 50 Männer in viktorianischer Kleidung ins Stadion. Aus einer der Kutschen entstieg Kenneth Branagh, der den Ingenieur Isambard Kingdom Brunel darstellte. Er und seine Begleiter begannen die idyllische Landschaft zu vermessen. Branagh stieg auf den künstlichen Hügel von Glastonbury Tor, der am Nordende des Stadions aufgebaut worden war. Dort trug er, unter einer künstlichen Eiche stehend, das Gedicht des Sklaven Caliban vor:
„Sei nicht furchtsam, die Insel ist voll von Geräuschen, Tönen und anmutigen Melodien, was Freude bringt und nicht schmerzt. Manchmal erklingen tausend klimpernde Instrumente. Über meinem Haupte – und manchmal hör' ich Stimmen, Die, wenn ich nach langem Schlaf erwachen würde, Mich wieder schläfrig machten; dann deucht's mir im Traume. Die Wolken täten sich auf und offenbarten Schätze, Bereit, auf mich herab zu regnen, dass ich, wenn ich erwache, Schrei' und weine, weil ich wieder träumen möchte.“
miniatur|Darstellung der industriellen Revolution (Aufnahme während der Hauptprobe) Als die Dorfbewohner begannen, das Gras, die Häuser und andere Requisiten wegzuräumen, erhob sich die Eiche in die Luft und unter ihr kamen dreckige, mit Kohle verschmierte Arbeiter aus dem Berg hervor. Damit wurde die Landflucht der bäuerlichen Bevölkerung in die entstehenden Industriestädte dargestellt. Gleichzeitig erhoben sich als Symbol der industriellen Revolution sieben Schornsteine, an denen Turmarbeiter hingen. Währenddessen schmiedeten Arbeiter an einem Gebilde, aus dem schließlich ein olympischer Ring entstand. Boyle bezeichnete diesen Abschnitt der Feier als „Pandemonium“, eine Anspielung auf die Hauptstadt der Hölle in John Miltons Gedicht Paradise Lost. Unter der Leitung der Perkussionistin Evelyn Glennie brachten tausend Trommler den Rhythmus der Veränderung zum Klingen.
Um die Härte und Unterdrückung dieser Zeit zu zeigen, tauchten lautstarke Demonstranten auf. Suffragetten und andere Gruppierungen trugen Transparente mit ihren Forderungen. Unterdessen trieben Fabrikbesitzer ihre Arbeiter an, die an Dampfmaschinen und Webstühlen arbeiteten. Während einer mit leiser Musik untermalten Schweigeminute, die an den Ersten Weltkrieg erinnerte, waren Soldaten und roter Mohn zu sehen. Das wieder anschwellende Schlagen der Trommeln symbolisierte den weiteren Fortschritt. Die ersten karibischen Einwanderer betraten das Stadion, gefolgt von Beatles-Darstellern in den Kostümen des Albumcovers von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Zur Parade gehörten auch echte Chelsea Pensioners und Pearlies. Viele der Darsteller, darunter auch die viktorianischen Gentlemen, wiederholten unablässig die gleichen Bewegungen, symbolhaft für die sich wiederholenden Prozesse in der industriellen Fertigung. Vier olympische Ringe wurden in den Luftraum über dem Stadion geflogen, während der fünfte nach oben gezogen und in Position gebracht wurde. Die fünf vereinigten Ringe begannen zu brennen und es regnete Funken.
Vorstellung der Königin und Nationalhymne Weiter ging es mit Happy and Glorious, einem Kurzfilm von Danny Boyle mit dem britischen Geheimagenten James Bond (dargestellt vom aktuellen Bond-Schauspieler Daniel Craig). Eine Kindergruppe wurde durch den Buckingham Palace geführt und diese Kinder beobachteten aus einem Fenster, wie Bond das Gebäude betrat. Die Kinder trugen gelbe Basecaps mit der Nationalflagge Brasiliens, ein kleiner, versteckter Gruß an das nächste Gastgeberland der Olympischen Sommerspiele. Bond eskortierte Königin Elisabeth II., die sich selbst spielte, aus dem Gebäude heraus. Bei dieser Gelegenheit erklang der Einzug der Königin von Saba, ein Ausschnitt aus dem Oratorium Salomon von Händel. Gemeinsam bestiegen Bond und die Queen einen dort wartenden Hubschrauber, der sie quer über London hinweg ins Stadion flog. Menschenmassen und die animierte Statue Winston Churchills vor dem Palace of Westminster winkten dem Hubschrauber zu, der unter anderem durch die Tower Bridge hindurchflog. Am Ende des Films schien es, als würden Bond und die Königin zu den Klängen des James Bond Themas mit Fallschirmen aus dem Hubschrauber springen. Sämtliche Szenen beim und im Hubschrauber wurden von den Doubles Gary Connery und Julia McKenzie gespielt. Im Anschluss an diesen Einspielfilm betraten die Königin, Prinz Philip und IOC-Präsident Jacques Rogge die Ehrentribüne. Angehörige der britischen Streitkräfte trugen den Union Jack ins Stadion. Beim Hissen der Flagge sang der Kaos Signing Choir, der aus gehörlosen und hörenden Kindern besteht, a cappella die Nationalhymne God Save the Queen (erste und dritte Strophe) und präsentierte diese auch in BSL (britische Gebärdensprache).
Zweiter Teil der Vorführung Der zweite Teil stellte Großbritannien als Sozialstaat und Kulturnation vor und verband diese beiden Elemente. Krankenschwestern des National Health Service betraten das Stadion, mit Kindern in Krankenhausbetten (einige der Betten waren zu Trampolinen umgebaut worden). Zu den Darstellern gehörte auch Personal des Londoner Kinderkrankenhauses Great Ormond Street Hospital (GOSH). 1929 hatte J. M. Barrie diesem Krankenhaus sämtliche Rechte des Kinderbuches Peter Pan abgetreten. Die Bettlaken waren beleuchtet und wurden zu einem schmunzelnden Gesicht (dem Logo des Krankenhauses) und der Abkürzung GOSH zusammengesetzt. Neun Langzeitpatienten des GOSH und ihre Eltern standen auf dem Glastonbury Tor und wurden von der Stadionsprecherin begrüßt.
Nach einer Tanzsequenz brachten die Krankenschwestern die Kinder zu Bett und lasen ihnen Gutenachtgeschichten vor. In einem kurzen Einspielfilm war ein Mädchen zu sehen, das mit einer Taschenlampe heimlich unter der Bettdecke liest. Auf dem künstlichen Hügel las die Schriftstellerin Joanne K. Rowling einige Zeilen aus Peter Pan vor. Plötzlich erschienen überall im Stadion bekannte Bösewichte der britischen Kinderbuchliteratur als aufblasbare Figuren: die Herzkönigin aus Alice im Wunderland, Peter Pans Gegenspieler Captain Hook, Cruella de Vil aus Hundertundein Dalmatiner und Lord Voldemort aus der Buchreihe Harry Potter. Zusätzlich erschien der Kinderfänger aus Tschitti Tschitti Bäng Bäng. Die Krankenschwestern konnten wegen eines unsichtbaren Zaubers nicht eingreifen und waren wie in Trance, bis schließlich 32 Mary-Poppins-Darstellerinnen mit leuchtenden Schirmen ins Stadion einschwebten und die bösen Gestalten vertrieben. Mike Oldfield und eine Begleitband untermalten das gesamte Segment mit neu arrangierten Ausschnitten aus Tubular Bells, Tubular Bells III und In dulci jubilo (teilweise mit riesigen Röhrenglocken im hinteren Teil der Bühne gespielt).