TVR ist eine britische Sportwagenmarke, die seit 1947 von verschiedenen in Blackpool ansässigen Herstellern genutzt wird. Der Name TVR leitet sich von dem Vornamen des Gründers Trevor Wilkinson ab (TreVoR). TVR produziert Leichtbau-Sportwagen, die aus einem Stahlrohr-Rahmen mit GFK-Karosserie bestehen. Als Antrieb wurden zunächst Sechszylindermotoren von Ford und Achtzylindertriebwerke von Rover verwendet; ab den 1990er-Jahren wurden sie zunehmend durch Eigenkonstruktionen von TVR ersetzt. Die Automobilproduktion kam, nachdem ein russischer Investor das Unternehmen übernommen hatte, in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts zum Erliegen. Das weitere Schicksal des traditionsreichen Sportwagenherstellers war einige Jahre lang unsicher, bis der Eigentümer im Juli 2012 den Betrieb stilllegte. Am 8. September 2017 stellte der aktuelle Eigentümer, Les Edgar, ein neues Modell vor.Uli Baumann: Puristischer Sportwagen mit 507 PS In: auto-motor-und-sport.de, 8. September 2017.
Wechselnde Unternehmen Die Geschichte von TVR ist gekennzeichnet von mehreren Insolvenzen, Übernahmen und Umfirmierungen.
Die Marke TVR geht zurück auf den 1923 geborenen Ingenieur Trevor Wilkinson, der seit 1946 in Blackpool Sportwagen herstellte. Sein erstes Unternehmen wurde 1946 unter der Bezeichnung Trevcar Motors im Unternehmensregister eingetragen. 1947 firmierte es in TVR Engineering um.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 10. Das erste Fahrzeug mit eigens konstruiertem TVR-Gitterrohrrahmen wurde – damals noch mit einem Ford-Motor – 1949 gebaut. Nachdem TVR einige Fahrzeuge für einen US-amerikanischen Kunden gebaut hatte, erschien Ende 1958 eine davon abgeleitete Version für den britischen Markt, die als Grantura bezeichnet wurde. Bevor die Produktion beginnen konnte, wurde TVR Engineering Ende 1958 infolge einer Insolvenz aufgelöst.
Wilkinson und sein Geschäftspartner Bernard Williams gründeten daraufhin im Dezember 1958 das Unternehmen Layton Sports Cars Ltd., das die Produktionsrechte von TVR übernahm. Der Name des Unternehmens bezieht sich auf Blackpools Stadtteil Layton, in dem die TVR-Werkstatt ansässig war.John Tipler: TVR, Sutton Publishing Ltd., Strout, 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 13. Layton begann 1959 mit der Serienproduktion des Grantura.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era, The Crowood Press, Ramsburg 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 12.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 14. Parallel dazu entstand Grantura Engineering, das von Bernard Williams geleitet wurde und als Subunternehmer für Layton Sports Cars tätig war.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 15. Layton Sports Cars firmierte im Oktober 1961 in TVR Cars um. Nachdem ein TVR-Händler die Anteilsmehrheit übernommen hatte, verließ Trevor Wilkinson den Betrieb. TVR Cars wurde im Oktober 1962 zahlungsunfähig und in der Folge aufgelöst.
Nach der Insolvenz von TVR Cars gingen die Produktionsrechte im Oktober 1962 auf Grantura Engineering über, das drei Jahre lang „von der Hand in den Mund lebte“.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 17. Eine Ausdehnung des Geschäfts auf den nordamerikanischen Markt, die von dem USA-Händler Jack Griffith vorangetrieben wurde, überforderte das schwach aufgestellte Unternehmen. 1965 verzögerte außerdem ein Streik US-amerikanischer Hafenarbeiter die Einfuhr zahlreicher TVRs. Als der Importeur daraufhin seine Zahlungen einstellte, geriet Grantura im September 1965 in die Insolvenz.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era, The Crowood Press, Ramsburg 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 13. Das Unternehmen wurde in der Folge liquidiert.
Das Material und die Produktionsrechte von Grantura Engineering übernahmen Martin und Arthur Lilley für einen Preis von 12.000 £. Im November 1965 gründeten sie die TVR Engineering Company.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 19. Martin Lilley brachte dem Unternehmen erstmals Stabilität. Er führte TVR bis 1981, als er es nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten an Peter Wheeler übergab. Wheeler verkaufte TVR im Jahr 2004 an den damals 24-jährigen russischen Unternehmer Nikolai Smolenski, blieb aber zunächst als Berater im Unternehmen tätig. Smolenski ließ die Produktion 2008 auslaufen. Im Juni 2013 berichteten britische Medien übereinstimmend, dass die Namensrechte an TVR an ein britisches Konsortium unter Leitung des Unternehmers Les Edgar verkauft wurden. Unter Edgars Leitung stellte TVR 2017 ein neues Modell vor.
Die einzelnen Phasen TVRs Geschichte wird in der Literatur üblicherweise in verschiedene Phasen eingeteilt, die sich grob nach den jeweiligen Inhabern gliedern.Übersicht über die TVR-Modelle auf der Internetseite des deutschen Markenclubs (abgerufen am 12. April 2019).
Die Trevor-Wilkinson-Ära Die erste, von diversen Insolvenzen und Neugründungen geprägte Phase wird als Trevor-Wilkinson-Ära bezeichnet. Sie umfasst die Zeitspanne von 1946 bis 1962,Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era, The Crowood Press, Ramsburg 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 9. teilweise wird sie auch bis 1965 ausgedehnt. In den ersten Jahren entstanden bei TVR Engineering zunächst Einzelstücke und Prototypen. Die zweite Hälfte der Trevor-Wilkinson-Ära ist von dem Modell TVR Grantura geprägt, von dem unterschiedliche Varianten mit teilweise abweichenden Bezeichnungen gefertigt wurden.
TVR verfolgte von Beginn an ein einfaches Konstruktionsschema, das bis zuletzt fortgeführt wurde: Ein zentraler Rahmen wurde mit einer Kunststoffkarosserie und einem starken Motor verbunden.
Einzelstücke mini|TVR 2 (1950) Trevor Wilkinsons erste eigene Arbeit war 1947 der Aufbau einer neuen Karosserie für einen Alvis Firebird. Danach entstanden mit den Modellen TVR 1 (1949), TVR 2 (1950) und TVR 3 (1951) die ersten eigenständigen Konstruktionen des Unternehmens. Sie waren offene zweisitzige Sportwagen mit einem von Wilkinson konstruierten Rohrrahmen und einer zugelieferten Karosserie mit frei stehenden Rädern. Die Motoren kamen von Ford bzw. Austin. Sie blieben jeweils Einzelstücke.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 29. Lediglich der TVR 2 existiert noch. 1954 stellte TVR den Sports Saloon vor, einen geschlossenen Zweitürer. Das Chassis war eine Wilkinson-Konstruktion, die sich an den vorangegangenen Modellen der Marke orientierte. Die Aufhängungsteile kamen von Austin und Morris, die Kunststoffkarosserie lieferte RGS Automobile Components. Das als Bausatz angebotene Auto fand nur drei Abnehmer.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 33. Der TVR Sports Saloon ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten.Die sehr umfangreiche und weitgehend vollständige Dokumentation von Steve Hole (A–Z of Kit Cars. The definite encyclopaedia of the UK's kit car industry since 1949, Haynes Publishing, Sparkford 2012, ISBN 978-1-84425-677-8) erwähnt das Fahrzeug nicht.
Ray Saidel und Jomar 1955 ergab sich ein Kontakt zu dem US-amerikanischen Automobilhändler und Hobbyrennfahrer Ray Saidel, der bei TVR einige kleine Rennwagen in Auftrag gab. Saidel wurde zu einer zentralen Figur in der frühen Geschichte des Unternehmens.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era, The Crowood Press, Ramsburg 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 11. Zum einen eröffnete er TVR den nordamerikanischen Markt; zum anderen wurde das Auto, das TVR für ihn entwarf, die konzeptionelle Grundlage für alle Modelle der Marke, die bis in die späten 1970er-Jahre entstanden.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 37. Für Saidel entwarf TVR einen neuen Rahmen. Anfänglich lieferte TVR einige Rahmen ohne Aufbau; sie erhielten Aluminiumkarosserien in Saidels Werkstatt in Manchester (New Hampshire). Einige weitere Fahrgestelle stattete TVR mit einer selbst gestalteten offenen Karosserie aus Kunststoff aus. Zu diesen als TVR Open Sports bekannt gewordenen Wagen kamen sechs geschlossene Fahrzeuge mit Stufenheck (TVR Coupé), die unausgewogen und „stummelig“ wirkten. Die Karosserien des Coupés verwendeten vorn und hinten gleichermaßen Karosserieteile des Microplas Mistral.John Tipler: TVR, Sutton Publishing Ltd., Strout, 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 10. Auf ihrer Grundlage entstand auf Anregung Saidels ab 1957 eine Version mit Schrägheck, die er in den USA als Jomar vermarktete. Nachdem er das Auto 1958 landesweit auf verschiedenen Ausstellungen gezeigt hatte, erhielt Saidel für 1959 etwa 200 Bestellungen US-amerikanischer Händler. TVR konnte diesem Auftragsvolumen allerdings nicht ansatzweise gerecht werden. Bis Ende 1958 baute TVR insgesamt knapp 10 Jomars – einige Quellen sprechen von „einer Handvoll“ –, und eine Steigerung der Produktionsrate war nicht zu erwarten. Saidel beendete daraufhin seine Beziehung zu TVR Engineering, das kurz darauf zahlungsunfähig wurde.
Grantura mini|TVR Grantura Das neu gegründete Unternehmen Layton Sports Cars brachte im Frühjahr 1959 eine leicht abgewandelte Version des Jomar auf den britischen Markt. Das Auto erhielt die Bezeichnung Grantura. Vom Grantura gab es vier Serien, deren letzte durch das von Martin Lilley neu gegründete Unternehmen TVR Engineering produziert wurde. Die Autos waren als Komplettfahrzeuge oder als Bausätze erhältlich; bis in die 1960er-Jahre hinein entstanden mehr Bausätze als komplette Autos. In die in Großbritannien verkauften Granturas konnten Motoren von Ford of Britain, MG oder Coventry Climax eingebaut werden. Im Laufe der Jahre entstanden vier Serien, die sich durch sukzessive vorgenommene Weiterentwicklungen voneinander unterschieden. Der größte Entwicklungsschritt war die Einführung eines neuen Chassis, das 1962 mit der dritten Serie (Grantura Mark III) debütierte. Der Griffith 200 (1963 bis 1964) und der Griffith 400 (1964 bis 1967) waren Parallelmodelle, die vor allem für den US-amerikanischen Markt bestimmt waren und dort nicht als TVR, sondern unter der Marke Griffith verkauft wurden. Sie nutzten das Chassis und die Karosserie des Grantura Mark III, hatten aber einen 4,7 Liter großen Achtzylinder-V-Motor von Ford USA. Sie entstanden im Auftrag der Griffith Motors aus Hicksville (New York) und traten gegen die ähnlich konzipierten Sportwagen AC Cobra und Sunbeam Tiger an.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years, The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 90. Die in Großbritannien verkaufte Version des Griffith 200 und 400 hieß einheitlich TVR Griffith 200.
1962 nahm TVR mit einem Werksteam mehreren Granturas an den 12-Stunden-Rennen von Sebring und Le Mans teil. Das Rennen in Sebring beendeten Mark Donohue und Jay Signore auf dem 25. Gesamtrang, in Le Mans fielen Peter Bolton und Ninian Sanderson bereits nach drei Runden aus.
Die Martin-Lilley-Ära mini|TVR 3000 M (1974)