Die Seemannsschulen in Deutschland sind berufsbildende Schulen, in denen die Aus- und Fortbildung von Fachkräften für Seefahrtberufe durchgeführt werden. In früheren Jahren war dies vornehmlich der Beruf des Matrosen, seit Mitte der 1980er Jahre werden junge Seeleute in Deutschland hier zum Schiffsmechaniker ausgebildet. Bis in die 1950er/1960er Jahre sprach man auch von Schiffsjungenschulen und umgangssprachlich nannte man Seemannsschulen in Deutschland häufig „Mosesfabrik“ (Schiffsjungen haben an Bord den Spitznamen „Moses“).

Hamburger Seemannsschulen mini|Ehemalige Seemannsschule Hamburg-Finkenwerder von 1913 bis 1944 (2012)

Geschichte mini|Ehemalige Seemannsschule Hamburg-Blankenese, Falkenstein von 1953 bis Juni 1974 (2007) Die erste Hamburger Seemannsschule wurde am 1. Dezember 1862 mit 12 Jungen auf Steinwerder eröffnet.Unter Tagesbericht. In: Hamburger Nachrichten. 3. Dezember 1864, S. 3 (li. Sp.). Dies geschah auf Initiative Hamburger Kaufleute und Reeder, darunter wie Adolph Godeffroy, F. Laeisz und Robert M. Sloman.

Einer der Gründe für die Einrichtung einer solchen Lehr- und Ausbildungsanstalt waren die zahlreichen Unglücksfälle, die es auf deutschen Handelsschiffen – damals überwiegend Segelschiffe – gab und von denen meistens die jungen, unerfahrenen Berufsanfänger betroffen waren d. h. in diesem Fall die Schiffsjungen. Ziel war es, die Jungen durch eine geeignete Schulung auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre und sollte u. a. durch körperliche Ertüchtigung wie Rudern, Klettern und Schwimmen, aber auch durch Erziehung zur Ordnung, Reinlichkeit, Pünktlichkeit usw. geschehen. Darüber hinaus sollten die Jungen mit Decksarbeiten wie Knoten, Spleißen, Segel nähen etc. vertraut gemacht werden und sich an das Arbeiten in einer Gemeinschaft gewöhnen. Später wurde die Ausbildungszeit auf sechs Monate verkürzt. Im Jahr 1887 wurde die bis dahin als Aktiengesellschaft betriebene Schule in eine Stiftung umgewandelt.Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon. 4., aktualisierte und erweiterte Sonderausgabe. Ellert & Richter, Hamburg 2010, ISBN 978-3-8319-0373-3, S. 620.

1889 zog die Schule nach Waltershof und 1913 nach Finkenwerder, wobei 1923 dort einer der später bekanntesten Schüler, der Bootskommandant von U 47 KKpt. Günther Prien, seine erste seemännische Ausbildung bekam. 1944 wurde der Lehrbetrieb auf das zur Verfügung gestellte Schulschiff Großherzogin Elisabeth verlagert, welches durch Kriegseinwirkung 1945 noch stark beschädigt wurde.

Ausbildungseinrichtungen mini|links|Ärmelaufnäher mini|Ehemalige Seemannsschule Hamburg-Finkenwerder von 1957 bis 1973-74 (1962) mini|Ehemalige Seemannsschule Bremervörde von 1957 bis 1973/74 (1958) Ab dem Jahr 1952 wurde es in der westdeutschen Handelsschifffahrt gesetzliche Vorschrift; siehe Vierte Verordnung zur Änderung der Schiffsbesetzungsordnung vom 24. März 1952 (BGBl. II S. 514), Artikel 1. Nr. 4 Buchstabe e., dass jeder angehender Nautiker einen zweimonatigen, ab 1956 dreimonatigen Ausbildungslehrgang auf einer staatlich anerkannten Seemannsschule oder auch Schiffsjungenschule absolvieren musste. Darüber hinaus wurde der Beruf des Matrosen im Jahr 1956 zum Lehrberuf, dessen Schulausbildung in den Seemannsschulen durchgeführt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Seemannsschule Hamburg ihren Betrieb 1953 in Hamburg-Blankenese auf dem Falkenstein wieder auf. Ihr erster Leiter war Kapitän Ernst Wagner, der Autor des Handbuches Decksarbeit. Zur damaligen Zeit war dies das maßgebliche Nachschlagewerk – die „Bibel“ – für angehende Seeleute. Im September 1957 wurden, ausgehend von Hamburg, noch zwei weitere Ausbildungsstätten, nämlich die in Finkenwerder am Finksweg 75 (erster Leiter Kapitän Mundt) und in Bremervörde in der Brackmannstraße 8 (erster Leiter Kapitän Neugebauer) eröffnet. Man sprach auch von den Hamburger Seemannsschulen. Die offizielle Adresse lautete Seemannsschule Hamburg, Zweigstelle Finkenwerder oder Bremervörde. Die Hauptverwaltung befand sich in der Falkensteiner Schule und der angehende Schiffsjunge hatte sich dort zu bewerben. Der Einfluss darauf, auf welcher der drei Schulen er später seinen Ausbildungslehrgang ableisten durfte, war gering.

Bei der ersten Hamburger Schule handelte es sich um die ehemalige Villa Grüneck, einem Bauwerk mit Elbblick der beiden Hamburger Architekten Hans und Oskar Gerson, welches im Auftrag des Hamburger Großkaufmanns Richard Schulz im Jahr 1912 erbaut wurde. Später war in dem Haus das Sanatorium auf dem Falkenstein untergebracht. Danach erwarb der Verband Deutscher Reeder die Villa und stellte sie zur Ausbildung des Nachwuchses für die deutsche Seeschifffahrt zur Verfügung. Am Elbstrand unterhalb der Villa am Falkensteiner Ufer gab es einen Anleger für drei Kutter zum Pullen sowie kleine Boote zum Wriggen. Der Davit mit den Booten von der Seemannsschule Hamburg-Finkenwerder war am Köhlfleet. Hier stand auch der Übungsmast und es gab eine Luke für Feuerschutzübungen unter Atemgerät.

Der seemännische Unterricht fand an den Seemannsschulen statt, der allgemeinbildende Unterricht wurde zunächst von Lehrern der Gewerbeschule für Werft und Hafen (Berufsschule) in den Seemannsschulen abgehalten, später hatten sich die Auszubildenden zum Unterricht in die Gewerbeschule zu begeben.

Struktur der Seemannsschule Das Personal der Seemannsschule bestand aus einem Leiter, dem Seemannsschulkapitän sowie mehreren Offizieren (Ausbildern), einem Bootsmann und Küchenpersonal.

Ausbildung mini|Zeugnis Matrosenprüfung vom 09-02-59

Ausbildungszeitplan In der Regel besuchte der Auszubildende die Seemannsschule drei Monate.

mini|links|Seefahrtbuch - Einträge der Seemannsschule und Matrosenbrief 1967

Am Lehrgangsende wurde ihm ein Abschlusszeugnis ausgestellt, und er erhielt noch in der Schule sein erstes Seefahrtbuch mit einem entsprechenden Teilnahmevermerk. Danach konnte er an Bord eines Schiffes als Decksjunge anmustern. An Bord fuhr er ungefähr sechs Monate als Decksjunge, sechs bis acht Monate als Jungmann und ungefähr ein Jahr als Leichtmatrose, bevor er nach ca. drei Jahren Fahrzeit die Matrosenprüfung an einer Seemannsschule ablegen konnte. Der Matrosenbrief wurde danach vom Seemannsamt ausgestellt.

Praktische Ausbildung Der zukünftige Seemann sollte auf der Seemannsschule schon an das Bordleben gewöhnt werden, deshalb gab es sogenannten Landgang in der ersten Zeit gar nicht und am Wochenende nur eingeschränkt. Kombüsendienst, Zeugwäsche und penible Reinigung der Unterkünfte sowie der Außenanlagen war Pflicht. Auf dem Programm standen die bereits oben genannten körperlichen Ertüchtigungen; damals unter dem Begriff Leibesübungen (Sport), sowie Decksarbeiten und Bootsdienst.

Theoretische Ausbildung Auf dem Lehrplan standen Seemannschaft, Brückenwachdienst, Feuerschutz- und Rettungsbootdienst, Kenntnis der Unfall-Verhütungsvorschriften. Der Seemannsschuldienst war streng geregelt. Für die jungen Männer gab es eine Uniform, die aus einer Latzhose, khakifarbenem Hemd und einer Pudelmütze bestand. Wecken war morgens um sechs Uhr, um sieben Uhr Frühstück und ab acht Uhr Unterricht.

1971 wurde der Blockunterricht eingeführt. Ab dieser Zeit wurde der Beruf ein echter Lehrberuf für die Ausbildung zum Matrosen in deutschen Seeschifffahrt. In Westdeutschland wurde die Ausbildung zum Matrosen 1983 eingestellt, auf dem Gebiet der DDR mit der Wiedervereinigung. Stattdessen werden Schiffsmechaniker ausgebildet.

Es gab drei Blöcke Unterricht von jeweils zwei Monaten Dauer am Anfang, in der Mitte sowie am Ende der Ausbildung, die auch an der Staatlichen Gewerbeschule für Werft und Hafen in Hamburg durchgeführt wurden. Hier wurde auch an Dieselmotoren und in der Holz- und Metallbearbeitung sowie an Tauwerk und Draht gearbeitet.

Abschlussprüfung Die Ausbildung endete mit einer umfassenden zweitägigen Prüfung und der Erteilung des Matrosenbriefes die dem des Gesellenbriefes entsprach. Eine Besonderheit war die subventionierte Schwimmausbildung durch die See-BG, damit der Seemann auch gut schwimmen konnte.

Einstellung des Schulbetriebs Etwa Mitte der 1960er Jahre kamen im Frachtschnelldienst im Fahrtgebiet Nordamerika Ostküste bei den beiden deutschen Linienreedereien HAPAG und NDL, die dieses Fahrtgebiet regelmäßig bedienten, die ersten Container zur Verladung. Der Transport unterschiedlichster Stückgüter in Containern sollte schon wenige Jahre später zu einer globalen Veränderung des gesamten Seetransportwesens führen. Dies hatte nicht nur, aber in erster Linie, gravierende Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche der Seeschifffahrt, etwa den Schiffbau, die Häfen einschließlich des gesamten Containertransports, Speditionen usw. Etwa ab Anfang der 1970er Jahre wurde die Entwicklung durch den Einsatz von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen beschleunigt. Computersysteme wurden für logistische Aufgaben in den Häfen eingesetzt und übernahmen in zunehmendem Maße auch die verschiedensten Aufgaben an Bord. Betroffen von diesem Umbruch waren die Reedereien und nicht zuletzt das Personal, welches auf den Schiffsneubauten und in den Häfen ihren Dienst verrichten musste. So begannen einzelne Reedereien bereits zu dieser Zeit, anstelle von ausgebildeten Fachkräften (Bootsmann, Zimmermann, Matrose) z. T. ungelerntes Personal im Decksdienst einzustellen. Eine Änderung der Schiffsbesetzungsordnung und Ausflaggung der Seeschiffe ergaben sich als Folge. Die maritime Ausbildung, so wie sie bisher mit großem Erfolg auf den Seemannsschulen vermittelt wurde, wurde nicht mehr benötigt. Als Folge dieser Entwicklung mussten alle drei Hamburger Schulen schließen; d. h. der eigene Lehrbetrieb der Seemannsschulen Hamburg wurde endgültig zum Ende des Jahres 1984 eingestellt. Gleiches geschah mehrere Jahre später, im Frühjahr 2002, mit der ehemaligen Bremer Seemannsschule, die auch das Schulschiff Deutschland betrieb.

Ausbildung heute In der Bundesrepublik Deutschland gibt es zurzeit drei Seemannsschulen, in denen angehende Seeleute entsprechend den heutigen Erfordernissen ausgebildet werden. Es handelt sich hierbei um die Lehr- und Ausbildungsstätte in Elsfleth, die in Travemünde auf dem Priwall, die nach 1945 dienstälteste Schule, welche 2012 ihr 60-jähriges Bestehen feierte und die Seemannsschule in Rostock. Die Schulen sind mit moderner maritimer Technik und Einrichtung ausgestattet, der Besuch ist per Gesetz vorgeschrieben und geregelt.

Schleswig-holsteinische Seemannsschule Geschichte mini|links|Schulwappen mini|Die Wachen sind vor dem Schulgebäude angetreten, Priwall 1955

mini|Kutterpullen auf dem Pötenitzer Wiek, im Hintergrund Mecklenburg-Vorpommern 1955 mini|Backschaftsdienst mit Gesang auf der Seemannsschule Travemünde-Priwall 1955 mini|Zeugwäsche auf der Seemannsschule Travemünde-Priwall 1955 mini|Priwall-Lehrgang 108 Steuerbordwache auf der Passat - Nov. 1961 bis Febr. 1962 mini|Zeugnis der Seemannsschule Travemünde-Priwall vom 5. Januar 1956