Milton Tasker „Bill“ Putnam (* 20. Februar 1920 in Danville (Illinois); † 13. April 1989 in Riverside (Kalifornien)) war ein US-amerikanischer Musikproduzent. Er galt als einer der bedeutendsten Inhaber unabhängiger Tonstudios in den USA sowie als ein universeller Erfinder, Konstrukteur und Designer im Audiosektor.
Werdegang Putnam studierte am Illinois Institute of Technology in Chicago und arbeitete ab 1939 bei der Radiostation WDAN in seinem Geburtsort Danville als Sendeingenieur. Später ging er als Cheftechniker zur Radiostation WDWS nach Champaign (Illinois), nach dem Krieg gaben ihm seine Eltern 20.000 Dollar als Startkapital.mixonline.com: (englisch) Im Jahre 1941 verfasste er seinen ersten Artikel über HiFi. Er war Mitglied der Audio Engineering Society.Shelly Herman, Journal of the Audio Engineering Society, Vol. 37 Nr. 6, Juni 1989, S. 532 (PDF; 166 kB) Zwischen 1941 und 1945 gehörte er dem Army Radio Corps an. Hier lernte Putnam seinen späteren Partner Bernie Clapper kennen. Beide waren während des Zweiten Weltkriegs als Feldwebel im Kommunikationsbereich in der Civic Opera stationiert, daher kannten sie dort alle Kabelleitungen.Robert Puter, Doo-Wop: The Chicago Scene, 1996, S. 16 1947 entwickelte Putnam die Grundlage des Stimmen-Overdubbing bei Studioaufnahmen mit Patti Page.
Universal Recording Corporation Hauptartikel: Universal Recording Corporation
Putnams Hauptbeschäftigung, durch die er auch außerhalb der Fachwelt berühmt wurde, war der Betrieb von Tonstudios. Die Universal Recording Corporation war eines der berühmtesten unabhängigen Tonstudios, gegründet im Jahre 1946 in Evanston (bei Chicago). Bruce Swedien kam 1959 zu Universal als Toningenieur und arbeitete unter anderem mit Stan Kenton.
Gründungsphase Gründer waren Putnam und der Toningenieur A. B. „Bernie“ Clapper. Beide begannen zunächst nördlich von Chicago in Evanston und errichteten dann ein kleines Tonstudio in der 46 East Walton Street von Chicago, das sich auf Radioübertragungen spezialisiert hatte. Im August 1946 zogen sie um zur 20 Wacker Drive über der Oper, wo sie sich auf kommerzielle Studioaufnahmen konzentrierten. Die Universal Recording Corporation stieg bald zum führenden Tonstudio in Chicago auf, das Auftragsproduktionen der nach dem Krieg gegründeten und hier beheimateten Independent-Labels annahm. Hierzu gehörten insbesondere Mercury Records, Chess/Checker Records und Vee-Jay Records. Alle drei Independent-Labels entwickelten sich zu bekannten Plattenfirmen, die einen großen Teil ihrer umfangreichen Kataloge bei Universal aufnehmen ließen.
Aufnahmen für Mercury Records Erster großer Universal Recordings-Kunde war Mercury Records, das in Chicago lange Zeit seine Hauptverwaltung betrieb. Einer der ersten Mercury-Interpreten war Country-Sänger Art Gibson, der ab Februar 1946 seine Karriere in den Studios begann. Dauerkunde im Studio war ab August 1949 das bei Mercury Records unter Vertrag stehende Ralph Marterie Orchestra, das meistens für LP-Aufnahmen anreiste. Unter den vielen Aufnahmen befanden sich die Millionenseller Pretend (aufgenommen am 4. Januar 1953; Rang 6 im Oktober 1953)Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 80 und Caravan (5. März 1953; Rang 6 im März 1953).Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 74
Die Crew Cuts tauchten im Mai 1954 in den Studios auf, um ihre erfolgreiche Coverversion von Sh-Boom hier aufzunehmen, das 1,5 Millionen Exemplare umsetzte.Sh-Boom Boys in Shampoo, The Ottawa Citizen vom 5. Juli 1955. Rusty Draper erschien erstmals im Januar 1953 in den Studios und nahm den Song No Help Wanted auf, der im März 1953 seine erste Hitparadennotiz mit einem Rang 10 bedeutete. Das Original von Gambler’s Guitar stammte von Jim Lowe aus einer Session vom Mai 1953 in den Universal Recording Studios, auch die erste Coverversion von Rusty Draper wurde hier im Mai 1953 aufgenommen, mehr als 1 Million Mal verkauft (Juli 1953, Rang 6)Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 78 und brachte es in der deutschen Version als Der lachende Vagabund auf einen Plattenumsatz von 3,5 Millionen Exemplaren.
Leroy van Dyke nahm im September 1956 den Titel Auctioneer auf, der mit knapp 3 Millionen ExemplarenJoseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 87 die erfolgreichste Single für das Tonstudio war. Der größte Hit der Diamonds, der Millionenseller Little Darlin’, entstand im Januar 1957 mit Kastagnetten und Kuhglockengeräuschen (Rang zwei). Dinah Washington erschien am 7. Januar 1958 für ihre LP Dinah Sings Bessie Smith, das Max Roach Quintet am 3. Juni 1958 für die LP Max Roach +4 On the Chicago Scene, Cannonball Adderley am 3. Februar 1959 zur LP Cannonball Adderley Quintet in Chicago. Das Max Roach Sextet buchte für den 9./10. Oktober 1959, um die LP Max Roach – Moon Faced and Starry Eyed einpegeln zu lassen, Buddy DeFranco wählte den 17./18. Oktober 1961 für seine LP Presenting the Buddy DeFranco-Tommy Gumina Quartet, ab 11. September 1963 besuchte Dizzy Gillespie mehrfach die Studios, das Oscar Peterson Sextet erschien zwischen dem 12. und 14. September 1966 für die LP Soul Espanol.
Aufnahmen für Chess / Checker Records Der Aufnahmekatalog der Universal Recording Corp. für das lokale Chess-Label liest sich wie die Geschichte des Blues. Putnam war keinesfalls ein Bluesliebhaber, doch hat er maßgeblich zur Entwicklung des Chicago-Blues beigetragen. Das im August 1947 in Chicago als Aristocrat Records gegründete unabhängige Label Chess Records besaß anfangs keine eigenen Tonstudios und nutzte überwiegend die Dienste der Universal Recording Studios. Für Aristocrat Records entstanden bei Universal bis Juni 1950 insgesamt 31 Titel, nach dem Namenswechsel auf Chess Records entstanden 1951 insgesamt 89 Titel für den Chess-Katalog, fast alle bei United eingepegelt. John Lee Hooker (als John Lee Booker), der am 26. April 1951 insgesamt 9 Titel aufnahm (Louise / Ramblin‘ By Myself), war nur ausnahmsweise bei Universal aufgetaucht, ansonsten stand er im United Sound Studio von Detroit vor dem Mikrofon. Im Jahre 1952 kamen wiederum die meisten der 106 Titel bei Chess aus den Universal Studios. Little Walter nahm unter anderen Juke (12. Mai 1952; Rang 1 der Rhythm-&-Blues-Hitparade) auf. Hierbei setzte Putnam ersichtlich erstmals das Slapback-Echo ein.Glen Jeanssonne/David Luhrssen, Elvis Presley: Reluctant Rebel, 2011, S. 69 Elmore James sang Country Boogie / She Just Won’t Do Right (17. Januar 1953), Willie Mabon I’m Mad (5. Februar 1953; Rang 1), Little Walter Don’t Want to Hurt No More (März 1953) oder Willie Mabon I Got to Go (November 1953).
1954 entstanden fast alle der 146 bekannten Chess-Titel bei Universal, darunter der größte Hit von Muddy Waters (I’m Your) Hoochie Coochie Man am 7. Januar 1954 (Rang 3). Jimmy Witherspoon ließ am 10. Juni 1954 insgesamt 6 Titel einpegeln (darunter I Can Make Love to You), die Moonglows verewigten im Oktober 1954 ihren Millionenseller Sincerely (Rang 1). Die meisten der 202 Tracks aus 1955 von Chess wurden bei Universal produziert. Die Moonglows kamen im Januar 1955 für Most of All (Rang 5), Bo Diddleys Klassiker Bo Diddley / I’m A Man entstand hier am 2. März 1955 (Rang 1). Am 21. Mai 1955 betrat Chuck Berry zum ersten Mal die Studios. Er benötigte für Maybelline 36 Takes (Rang 1 R&B, Rang 5 Pop).
Am 14. Juli 1955 war ein produktiver Tag bei Universal, denn Little Walter und Bo Diddley hatten die Studios für insgesamt 10 Titel gebucht. Jimmy Witherspoon kam für 4 Titel im November 1955 (The Things I Used to Do). Chuck Berry kehrte am 20. Dezember 1955 für 6 Titel zurück, darunter No Money Down (Rang 8) und You Can’t Catch Me. Howlin’ Wolf war am 25. Januar 1956 für Smokestack Lightnin’ im Studio (Rang 8), Chuck Berry nahm die Titel Brown Eyed Handsome Man (Rang 5) / Roll Over Beethoven (Rang 2) / Too Much Monkey Business (Rang 4) am 16. April 1956 auf, Rock & Roll Music am 15. Dezember 1956 (Rang 6). Die Auftragsproduktion für Chess Records endete weitgehend, als die berühmten Chess-Studios im Mai 1957 – erbaut mit Putnams Unterstützung – eröffneten.
Aufnahmen für Vee-Jay Records Die erste Aufnahmesession in den Universal Recording Studios nach Gründung des Vee-Jay-Labels fand für die Spaniels am 4. Mai 1953 und dem Titel Baby It’s You statt. Am 6. Juni 1953 betrat erstmals Bluesinterpret Jimmy Reed die Universal Recording Studios. Der kristallklare Sound ohne Bassgitarre (nur begleitet von Eddie Taylor/Gitarre und Morris Wilkerson/Schlagzeug) ist ein Verdienst von Bill Putnam. Reeds Single High and Lonesome war die erste Single des Vee-Jay-Katalogs (#100, veröffentlicht im Juli 1953), wenngleich die Spaniels bereits früher im Studio waren. Die El Dorados folgten mit At My Front Door am 24. April 1955, die Dells im September 1955 mit Dreams of Contentment, Eddie Taylor nahm Bad Boy am 18. Januar 1955 auf. Am 15. März 1955 betrat erstmals Big Jay McNeely die Studios für 4 Titel, darunter Big Jay’s Hop. John Lee Hooker besuchte am 19. Oktober 1955 für 4 Titel die Studios, diesmal für Vee-Jay Records, und kehrte am 27. März 1956 für 6 Aufnahmen zurück. Billy Boy Arnold nahm hier im Oktober 1955 sein berühmtes I Ain’t Got You auf (Februar 1956). Die Dells tauchten am 21. Mai 1956 für ihr klassisches Oh What a Nite (Rang 4 R&B) auf. Jerry Butler & The Impressions nahmen ihr intensives For Your Precious Love in Studio A im April 1958 auf (Rang 3 R&B). Dee Clarks Falsett-Ballade Raindrops wurde von Produzent Calvin Carter mit Regen- und Donnergeräuschen angereichert (22. März 1961, Rang 2 Pop). Ein weiterer Doo-Wop-Klassiker war der in Studio A von Bill Sheppard für Gene Chandler produzierte Millionenseller Duke of Earl (30. August 1961, Rang 1).
Die Universal Recording Studios haben die von EMI übersandten Masterbänder für die US-LP Introducing the Beatles (veröffentlicht am 10. Januar 1964) Ende Juni 1963 bearbeitet.Die Rechnung datiert vom 28. Juni 1963 So wurde beispielsweise Paul McCartneys Anzählen „one, two, three“ in der amerikanischen Fassung von I Saw Her Standing There entfernt, weil man es für irrtümlich aufgenommen hielt. Allerdings wurde der Vee-Jay-Erfolg durch Rechtsstreitigkeiten mit Capitol Records unterbrochen, denn ab 15. Oktober 1964 erhielt Capitol alle Aufnahmerechte der Beatles-Songs für die USA. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte Vee-Jay 1,3 Millionen Exemplare der LP verkauft.Bruce Spizer, The Beatles Are Coming!, 2004, S. 98
Weitere wichtige Aufnahmen Patti Page kam am 24. Oktober 1947 für zunächst 4 Titel und nahm hier sporadisch bis 21. August 1959 auf. Darunter befand sich auch der Song Confess, aufgenommen am 3. Dezember 1947. Hier setzte Putnam erstmals ein Overdub ihrer Stimme als Audio-Effekt ein; sie antwortete sich selbst, indem ihre Stimme übereinandergelegt wurde; der geplante Hintergrundgesang war streikbedingt nicht verfügbar. Mit einem Rang 12 war es der erste Hit von Patti Page.
Die meisten der 362 bekannten Titel des Chance-Katalogs wurden zwischen September 1950 und Oktober 1954 von Universal aufgenommen. Im Mai 1955 machte Pat Boone mit dem Cover von Ain’t That A Shame eine seiner ersten Tonaufnahmen bei Universal und kehrte bis 6. Mai 1956 regelmäßig hierhin zurück. Seine Coverversion des Fats Domino-Originals Ain’t That a Shame verkaufte über 1 Million Exemplare. Das Debüt-Album von Sun Ra wurde am 12. Juli 1956 unter dem Titel Jazz by Sun Ra aufgenommen.
Häufiger Gast war Sam Cooke, der erstmals am 16. Februar 1955 seine gospel-beeinflussten Songs aufnahm (Nearer To Thee / Be With Me Jesus / One More Time / I´m So Glad). Er kehrte regelmäßig bis 27. Februar 1963 zurück. Duke Ellington erschien am 19. März 1956 (Way Back Blues / Where’s The Music / Rubber Bottom / Play the Blues and Go), Nat King Cole am 7. Juni 1955 (You’ll Never Know mit Nelson Riddle) war ebenfalls Gast im Studio. Tyrone Davis nahm seine größten Hits am 11. November 1968 (Can I Change My Mind, Rang 1) und am 23. Januar 1970 (Turn Back the Hands of Time, Rang 1) hier auf.