mini|Kaliumiodid-Tabletten der Schweizer Armeeapotheke, 65 mg
Die Iodblockade ist eine der möglichen Schutzmaßnahmen bei einem schweren kerntechnischen Unfall.Principles for Intervention for Protection of the Public in a Radiological Emergency. International Commission on Radiological Protection (ICRP), ICRP Publication 63. In: Annals of the ICRP Vol. 22, No. 4, 1991Criteria for Use in Preparedness and Response for a Nuclear or Radiological Emergency. International Atomic Energy Agency (IAEA), General Safety Guide No. GSG-2, Wien 2011, ISBN 978-92-0-107410-2. In diesem Zusammenhang wird sie auch als „Iodprophylaxe“ oder einfach als „Einnahme von Iodtabletten“ bezeichnet. Unter einer Iodblockade versteht man die vorbeugende Einnahme von stabilem (d. h. nicht-radioaktivem) Iod, um die Aufnahme von radioaktivem Iod in die Schilddrüse zu vermeiden und damit die Entstehung von Schilddrüsenkrebs zu verhindern. Die Einnahme erfolgt gewöhnlich in Form von so genannten „Iodtabletten“, wobei es sich genau genommen um hochdosierte Kaliumiodid- oder Kaliumiodat-Tabletten handelt. Die Iodblockade wird auch gezielt vor Operationen bei der Behandlung der Schilddrüsenüberfunktion eingesetzt. Man spricht in diesem Zusammenhang von Plummern.
Bevorratung in diversen Ländern In Deutschland wird eine Iodblockade nach einer starken Freisetzung von radioaktivem Iod bei einem Nuklearunfall oder einer Kernwaffenexplosion von der Strahlenschutzkommission empfohlen. Zur Sicherstellung der „Versorgung der Bevölkerung mit kaliumiodidhaltigen Arzneimitteln bei radiologischen Ereignissen“ wurde in Deutschland im Jahr 2003 die Kaliumiodidverordnung (KIV) erlassen (, Abs. 1 KIV). Die Verordnung regelt verschiedene Ausnahmen vom Arzneimittelgesetz. Ab Oktober 2004 wurden im Umkreis von deutschen sowie belgischen, abgerufen am 18. September 2017 Kernkraftwerken Kaliumiodidtabletten von Apotheken oder zentralen Ausgabestellen an die Bevölkerung ausgegeben. Darüber hinaus werden Kaliumiodidtabletten vorrätig gehalten.
In der Schweiz kann die Nationale Alarmzentrale beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz über Radio dazu auffordern, Iodtabletten einzunehmen. Im Nahbereich (zunächst 20, seit 2014 50 km) um die Kernkraftwerke werden die Tabletten seit 2004 alle zehn Jahre vorsorglich an die Bevölkerung verteilt. Webseite des BABS, abgerufen am 19. November 2013.jodtabletten.ch
In Österreich gibt es eine umfassende Bevorratung der Iodtabletten in Apotheken, Kindergärten, Schulen, beim Heer, und in der sogenannten „Bundesreserve“, die regelmäßig erneuert wird. Zur Verteilung und Einnahme fordern die Gesundheitsbehörden ggf. über Rundfunk und Fernsehen auf.(PDF; 66 kB) Fachinformation der österreichischen Gesundheitsbehörden, 2002
In den USA halten die Behörden Iodtabletten für die Wohnbevölkerung im Umkreis von 10 Meilen (etwa 16 km) um die Kernkraftwerke bereit.Use of potassium iodide. U.S. Nuclear Regulatory Commission, 5. Juni 2013
In Japan wurden nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima Iodtabletten überwiegend ungeregelt durch die Apotheken verkauft. Nur an ca. 380.000 Bewohner des unmittelbaren Katastrophengebietes wurden Präparate aus dem staatlichen Notvorrat verteilt.Botschaft in Tokio versorgt Schweizer mit Jodtabletten. Tagesanzeiger, 17. März 2011
Wirkungsweise Nach der Inkorporation durch Inhalation verhält sich radioaktives Iod in chemischer Hinsicht genau so wie stabiles Iod. Nachdem es sich im Extravasalraum verteilt hat, wird es in der Schilddrüse angereichert und gespeichert. Die biologische Halbwertszeit für das gespeicherte Iod ist vom Alter und vom Hormonumsatz abhängig. Die zur Abschätzung der Strahlenexposition angenommenen Werte sind in der folgenden Tabelle dargestellt:
+ Angenommene biologische Halbwertszeit von Iod (zur Abschätzung der Strahlenexposition)Age-dependent Doses to Members of the Public from Intake of Radionuclides – Part 1. International Commission on Radiological Protection (ICRP), ICRP Publication 56. In: Annals of the ICRP Vol. 20, No. 2, 1990 Altersgruppe Biologische Halbwertszeit in Tagen Schilddrüse Restlicher Körper 0 bis 1 Jahr 11,2 1,12 > 1 bis 2 Jahre 15 1,5 > 2 bis 7 Jahre 23 2,3 > 7 bis 12 Jahre 58 5,8 > 12 bis 17 Jahre 67 6,7 > 17 Jahre 80 12
Aus der Anreicherung des Iods in der Schilddrüse resultiert die besondere Strahlenexposition der Schilddrüse durch inkorporierte radioaktive Iodnuklide. Als Beispiel zeigt die folgende Tabelle die Dosiskoeffizienten für die Inhalation von 131I in Form von elementarem Iod (I2) für verschiedene Altersgruppen:
+ Dosiskoeffizienten für die Inhalation von 131I in Form von elementarem Iod (I2)Age-dependent Doses to the Members of the Public from Intake of Radionuclides – Part 5 Compilation of Ingestion and Inhalation Coefficients. International Commission on Radiological Protection (ICRP), ICRP Publication 72. In: Annals of the ICRP, Vol. 26, No. 1, 1995 Organ/Gewebe Dosiskoeffizient in Sv/Bq 0 bis 1 Jahr > 1 bis 2 Jahre > 2 bis 7 Jahre > 7 bis 12 Jahre > 12 bis 17 Jahre > 17 Jahre Schilddrüse 3,3 · 10−06 3,2 · 10−06 1,9 · 10−06 9,5 · 10−07 6,2 · 10−07 3,9 · 10−07 andere 3,4 · 10−10bis1,1 · 10−08 2,3 · 10−10bis8,6 · 10−09 1,3 · 10−10bis5,0 · 10−09 7,3 · 10−11bis3,1 · 10−09 4,3 · 10−11bis2,2 · 10−09 3,6 · 10−11bis1,8 · 10−09
In diesem Beispiel ist die Äquivalentdosis für die Schilddrüse etwa 2–4 Zehnerpotenzen größer als die Äquivalentdosis für andere Organe oder Gewebe. Kinder sind besonders gefährdet. Zum Beispiel entspricht die Inhalation von 1000 Bq 131I in Form von elementarem Iod (I2) für die Schilddrüse eines bis zu einjährigen Kindes einer Folgedosis von etwa 3,3 mSv (ohne Iodblockade).
Die Aufnahmekapazität der Schilddrüsenfollikel zur Speicherung von Iod ist jedoch begrenzt. Überschüssiges, nicht in der Schilddrüse gespeichertes Iod wird mit einer biologischen Halbwertszeit von einigen Stunden ausgeschieden. Neben der limitierten Aufnahmekapazität werden durch die Gabe einer vielfachen Tagesdosis an Iod zum Beispiel in Form von Kaliumiodid auch die Hormonsynthese sowie Hormonausschüttung durch einen bisher unbekannten Mechanismus gehemmt. Dieser körpereigene Kompensationsmechanismus als Reaktion auf einen Iodexzess ist in der Medizin als Wolff-Chaikoff-Effekt bekannt. Es handelt sich um einen selbstlimitierenden Effekt, das heißt, es werden Hormonsynthese und Hormonausschüttung nach wenigen Tagen normgerecht fortgesetzt.
Daher kann die Speicherung von radioaktivem Iod in der Schilddrüse weitgehend verhindert werden, wenn vor Aufnahme des radioaktiven Iods eine größere Menge von stabilem Iod verabreicht wird, sodass die Aufnahmekapazität der Schilddrüse überschritten wird. Das ggf. anschließend aufgenommene radioaktive Iod wird dann zum großen Teil gar nicht erst in der Schilddrüse gespeichert, sondern gleich mit einer vergleichsweise kurzen biologischen Halbwertszeit ausgeschieden.
Aus der beschriebenen Wirkungsweise ergibt sich, dass die Iodblockade nur vor der Aufnahme von radioaktivem Iod in die Schilddrüse schützt. Auf die Wirkung anderer radioaktiver Stoffe hat sie dagegen keinen Einfluss.
Eingreifwerte In Deutschland entspricht der Eingreifrichtwert für die Einnahme von Iodtabletten einer Äquivalentdosis für die Schilddrüse (Organ-Folgedosis) von 50 mSv bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sowie Schwangeren und 250 mSv bei Personen im Alter von 18 bis 45 Jahren durch das in einem Zeitraum von sieben Tagen inhalierte radioaktive Iod.Leitfaden für den Fachberater Strahlenschutz der Katastrophenschutzleitung bei kerntechnischen Notfällen. Strahlenschutzkommission (SSK), verabschiedet in der 182. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 4.–6. Dezember 2002. In: Berichte der Strahlenschutzkommission (SSK) des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Heft 37, Urban und Fischer Verlag, Berlin 2004.Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen. Strahlenschutzkommission (SSK), Verabschiedet in der 274. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 19./20. Februar 2015, veröffentlicht im Radiologische Grundlagen für Entscheidungen über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei unfallbedingten Freisetzungen von Radionukliden. Strahlenschutzkommission (SSK), Empfehlung der Strahlenschutzkommission, Redaktionelle Überarbeitung zustimmend zur Kenntnis genommen in der 223. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 13. Mai 2008. In: Berichte der Strahlenschutzkommission (SSK) des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Heft 61, H. Hoffmann Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-87344-156-9. Auch veröffentlicht als: Radiologische Grundlagen für Entscheidungen über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei unfallbedingten Freisetzungen von Radionukliden vom 27. Oktober 2008 (GMBl. 2008, Nr. 62/63, S. 1278) (Falls bei einer lang anhaltenden Freisetzung der Zeitraum des Wolkendurchzugs größer als sieben Tage ist, dann soll die Integrationszeit entsprechend verlängert werden.)
Die mit den Eingreifrichtwerten zu vergleichende Dosis ist die Dosis über die Expositionspfade, gegen die die Maßnahme wirkt. Dementsprechend wird für die Beurteilung der Einnahme von Iodtabletten die Direktstrahlung von radioaktiven Stoffen in der Luft oder am Boden sowie die Inhalation von anderen Radionukliden außer Iod nicht berücksichtigt. Außerdem wird die Ingestion von radioaktivem Iod nicht für die Entscheidung zur Iodblockade berücksichtigt, weil dieser Expositionspfad besser durch die Versorgung mit nicht kontaminierten Lebensmitteln als durch die Einnahme von Iodtabletten vermieden wird. Die Eingreifrichtwerte gelten somit unter der Voraussetzung, dass die Versorgung mit nicht kontaminierten Lebensmitteln gewährleistet ist.
Bei der mit den Eingreifrichtwerten zu vergleichenden Dosis handelt es sich grundsätzlich um die potentielle und nicht um die tatsächliche oder gar um die vermeidbare Dosis. Insbesondere wird bei der Anwendung der Eingreifrichtwerte ein ununterbrochener Aufenthalt im Freien von 24 Stunden pro Tag angenommen, um von den örtlich unterschiedlichen schützenden Einflüssen unabhängig zu sein.
Bei Erreichen der Eingreifrichtwerte besteht aus radiologischen Gründen grundsätzlich Handlungsbedarf. Allerdings können Eingreifwerte, die über den Eingreifrichtwerten liegen, gerechtfertigt sein, wenn die Durchführung der Maßnahme mit großen Nachteilen verbunden oder die vermeidbare Dosis gering ist. Eingreifwerte, die unter den Eingreifrichtwerten liegen, sind dagegen aus radiologischen Gründen nicht zu rechtfertigen.
Dosierung Die für den nuklearen Katastrophenschutz vorgesehenen Iodtabletten „können bei einem radiologischen Ereignis auf Veranlassung der zuständigen Behörde […] zum Endverbrauch abgegeben werden.“ (, Abs. 2 KIV) Für die Eigenbevorratung können die Tabletten in Deutschland auch rezeptfrei in der Apotheke erworben werden.Einnahme von Jodtabletten als Schutzmaßnahme bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk – Informationsbroschüre. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), Dezember 2010. Eine typische Iodtablette aus der Notfallbevorratung in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen in Deutschland enthält 65 mg Kaliumiodid (das entspricht 50 mg Iodid).Verwendung von Jodtabletten zur Jodblockade der Schilddrüse bei einem kerntechnischen Unfall. Strahlenschutzkommission (SSK), Empfehlung der Strahlenschutzkommission, Verabschiedet in der 247. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 24./25. Februar 2011, verwaltungsvorschriften-im-internet.de Die Tabletten haben eine kreuzförmige Bruchrille an der Innenseite sowie Einkerbungen an der Außenseite und können dadurch in gleiche Hälften oder Viertel geteilt werden. Über Apotheken sind auch Tabletten mit anderen Mengen (z. B. 130 mg Kaliumiodid, entsprechend 100 mg Iodid) erhältlich.