mini|Titelseite der Jesuitenrelationen von 1662 bis 1663

Die Jesuitenrelationen oder auch Jesuitenberichte sind schriftliche Aufzeichnungen über die Erfahrungen und Aktivitäten der Missionare der Gesellschaft Jesu („Jesuiten“) in den nordamerikanischen Gebieten Frankreichs, die als Neufrankreich bezeichnet wurden. Die Jesuitenrelationen, in denen den Vorgesetzten innerhalb des Ordens regelmäßig Bericht erstattet wurde, wurden nach eingehender Prüfung des Ordens von 1632 bis 1673 in Frankreich publiziert. Diese Reihe wurde eingestellt, als Papst Clemens X. die Prüfung der Berichte durch eine eigene römische Kongregation verlangte. Einerseits wollten die Jesuiten diese Entscheidung nicht übergehen, andererseits lehnte es die gallikanische Kirche ab, sich um eine Genehmigung zu bemühen.

Damit wurden sie für die literate Elite oder an den Kolonien Interessierte zugänglich gemacht. Die Berichte sind in erster Linie ethnographische Dokumente und beschreiben Aspekte der ausschließlich indianischen Bevölkerung, wobei deren Kulturen, aber auch der Fortschritt der Kolonialisierung und Christianisierung im Mittelpunkt standen. Die Jesuitenrelationen sind wichtige Quellen für die Ethnologie, Amerikanistik, Geschichte, Anthropologie, Religionswissenschaft, Geographie und die Linguistik. Unter den Autoren befinden sich Paul Le Jeune, Jérôme Lalemant, Jean de Brébeuf und Paul Ragueneau, sie berichten detailliert über ihre Bemühungen und die Schwierigkeiten der Mission.

Hintergründe Die Gesellschaft Jesu Die Jesuitenrelationen sind ein Produkt des einflussreichsten katholischen Ordens, der Gesellschaft Jesu oder auch Societas Jesu und stehen im Zusammenhang mit dem Bestreben des Ordens, Bildung und Wissenschaft in den Dienst der katholischen Kirche zu stellen. Die 1534 von Ignatius von Loyola gegründete Gesellschaft Jesu basiert neben den Gelübden der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit auf Disziplin und schließt ein Gehorsamsgelübde gegenüber dem Papst ein. Die Arbeit des Ordens konzentrierte sich neben Seelsorge, Predigt und Beichtabnahme vor allem auf Bildung, Lehre und Mission. Die lange Ausbildungszeit der Novizen dauert um die zwölf Jahre. Den Kern der Spiritualität stellen die Exerzitien dar, dreißigtägige Geistliche Übungen, in denen der Exerzitant in Gebet und Meditation sein Leben und das Leben Jesu in Beziehung stellt und darüber reflektiert.

Die Gesellschaft Jesu und deren Grundstatuten, die sogenannten Constitutiones, wurden 1540 von Papst Paul III. mit der Bulle Regimini militantis ecclesiae anerkannt. Der Orden wurde 1773 mit dem Breve Dominus ac redemptor noster durch Papst Clemens XIV. aufgelöst und blieb bis 1814 verboten. Ehemalige Mitglieder schlossen sich in Herz-Jesu-Gesellschaften zusammen und blieben im Untergrund bestehen. Ebenso fanden sie Zuflucht in Russland und Preußen, wo sie als Lehrer und Seelsorger geschätzt wurden.Rita Haub: Die Geschichte der Jesuiten. Primus Verlag, Darmstadt 2007, S. 96. und Diarmaid MacCulloch: A History of Christianity. Penguin Books Publishing, New York 2010, S. 660–663. Mit der päpstlichen Bulle sollicitudo omnium ecclesiarum wurde die Gesellschaft Jesu wieder zugelassen und besteht bis heute.

Von der Gründung der Gesellschaft Jesu bis zur Auflösung 1773 hatte der Orden sehr an Einfluss gewonnen, da die Mitglieder auf Grund ihres hohen Bildungsgrades bei den katholischen Königen und Fürsten in Europa als Beichtväter, Berater und Lehrer beliebt waren.Haub: Die Geschichte der Jesuiten. S. 41–58; und MacCulloch: A History of Christianity. S. 665–666. Außerdem hatte die Gesellschaft Jesu bedeutsamen Einfluss in der Gegenreformation, als man den katholischen Glauben über Missionen in Regionen zu stärken suchte, in denen sich der Protestantismus ausbreitete. Aus diesem Grund baute auch die Gesellschaft Jesu ihre ersten Ordenshäuser und Bildungseinrichtungen in Gebieten wie Deutschland, England und Irland. Außerdem war die Gesellschaft Jesu sehr erfolgreich mit ihren Missionen außerhalb Europas und wuchs in relativ kurzer Zeit zum größten Missionsorden.Haub: Die Geschichte der Jesuiten. S. 71; und MacCulloch: A History of Christianity. S. 696–715. Von Anfang an spielte die Mission eine zentrale Rolle für den Orden. Ignatius von Loyola legte das Missionsideal des Ordens fest, welches sich durch die Missionsbereitschaft aller auszeichnet. Durch das Gehorsamsgelübde verpflichtet sich jedes Ordensmitglied zur Glaubensvertiefung, -verteidigung und -ausbreitung. Damit ist das Gehorsams- zugleich auch Missionsgelübde und die Berufung zur Gesellschaft Jesu ebenfalls Missionsberufung.Haub: Die Geschichte der Jesuiten, 71.

Besonders war auch zur damaligen Zeit die Missionsmethode der Gesellschaft Jesu. Im Gegensatz zu anderen Orden versuchten die Jesuitenmissionare die Kultur und Mentalität zu verstehen. Dadurch konnten sie Anhaltspunkte in den Kulturen anderer Völker finden, um das Christentum verständlich zu vermitteln. Denn es ging ihnen vor allem darum den katholischen Glauben in die Kultur und Gesellschaftsordnung der anderen Völker zu integrieren und nicht nur Einzelne zu bekehren. Maßgeblich zum Missionsverständnis trug auch Franz Xaver bei, der 1541 als erster Jesuitenmissionar überhaupt nach Indien ausgesandt wurde.Michael Sievernich: Xavier Franz (1506–1552). In: Gerhard Müller u. a.: TRE. Band 36, Walter De Gruyter, Berlin 2004, S. 425–430.

Berichte vor den Jesuitenrelationen Es gab schon vor den Jesuitenrelationen Berichte von Jesuitenmissionaren über ihre Umgebung und Schützlinge in weit entfernten Ländern, wie Indien oder Japan. Sie bewahrten den Kontakt zum Hauptquartier und dienten anderen Missionaren als Informationsquellen. Einen weiteren Grund für die Berichterstattung bildete die Kontrolle des Ordensgenerals über die Tätigkeiten der Missionare. Ein Großteil der Berichte wurde gedruckt und somit auch ordensexternen Lesern zugänglich gemacht, da im Europa der frühen Neuzeit Interesse an bisher unbekannten Ländern bestand.Haub: Die Geschichte der Jesuiten, 71. Vor allem aber dienten die Briefe und Berichte der Ansammlung von Wissen und Kenntnissen über fremde Länder und Kulturen. Des Weiteren entstanden die Berichte in der Vorstellung, dass das Geschriebene dauerhaft sei und als Zeugnis angeführt werden könne.Klaus-Dieter Ertler (Hg.): Von Schwarzröcken und Hexenmeistern. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 1997, 18–19. Diese Sichtweise geht auch aus Ignatius von Loyolas Anleitung zur Berichterstattung hervor.

In dieser Berichterstattung spielte Franz Xaver eine prägende Rolle. Als erster Missionar der Gesellschaft Jesu setzte er gleichsam den Standard für Nachfolgende. Franz Xavers schriftliches Werk umfasst 137 als authentisch geltende Schriftstücke, meist Korrespondenzen aus seinen Jahren als Missionar in Indien und Japan. Seine Briefe richteten sich hauptsächlich an Ignatius von Loyola, den Generaloberen der Jesuiten, oder an den portugiesischen König, um über die Zustände in den Kolonien zu berichten. Franz Xaver verfasste auch Briefe zur Information, Erbauung und Ermahnung jüngerer Ordensbrüder. Diese Schriftstücke motivierten zahlreiche Ordensmitglieder, sich um eine Stelle als Missionar zu bewerben, wie an den vielen Bewerbungsschreiben nach der Publikation der Briefe zu erkennen ist.Sievernich: „Xavier Franz (1506–1552)“, 427–428.

Die Jesuitenrelationen waren auch nicht die ersten Berichte des Ordens über Neufrankreich. Die ersten dortigen Jesuiten waren Pierre Biard und Ennemond Massé, die von 1611 bis 1613 dorthin ausgesandt worden waren. Pierre Biard verfasste Jahrzehnte vor den ersten Jesuitenrelationen einen Bericht über die Beschaffenheit des Landes und der „Eingeborenen“ sowie seine Erfahrungen als Missionar.Ertler: Von Schwarzröcken und Hexenmeistern, 20, und Margaret J. Leahey: ‚Comment peut un muet prescher l'évangile?‘ Jesuit Missionaries and the Native Languages of New France. French Historical Studies, 19, 1995, S. 1, 109–112. Dieser Bericht wurde als „Relation de la Nouvelle France“ im Jahr 1616 veröffentlicht und ist eben deshalb von Bedeutung, weil er der erste jesuitische Bericht über die französischen Gebiete war und damit prägend für die europäische Wahrnehmung.Ertler: Von Schwarzröcken und Hexenmeistern, 20.

Die Jesuiten in Neu-Frankreich mini|Historische Karte von Neu Frankreich/Kanada von 1713

Kolonialisierung Lange bevor die Jesuiten Neufrankreich erreichten, waren französische Fischer, Pelzhändler, Abenteurer und Entdecker wie Jacques Cartier mit der indigenen Bevölkerung Ostkanadas in Kontakt getreten. Die ersten Siedlungen wurden 1604 (Sainte-Croix) und 1605 (Port-Royal) in der Provinz Acadie (heutiges Neuschottland, Neubraunschweig und nördliches Maine) gegründet. Die Gründung von Québec folgte im Jahr 1608. Es gab allerdings auch schon vor den Jesuiten Missionare des franziskanischen Recollect-Ordens in Neufrankreich. Auf Grund des wachsenden Einflusses des Jesuitenordens in Frankreich und der Verfügung über ausreichende Mittel erhielt jedoch die Gesellschaft Jesu die alleinige Aufgabe der Mission in Neufrankreich.Ertler: Von Schwarzröcken und Hexenmeistern, S. 16 f.

Die französische Kolonialisierung unterschied sich von der spanischen und englischen Kolonialisierung darin, dass nur eine vergleichsweise geringe Besiedlung stattfand. In den 1620er Jahren lebten ungefähr hundert französische Siedler in Neufrankreich.Allan Greer: The Jesuit Relations: Natives and Missionaries in Seventeenth-Century North America (Boston: Bedford / St. Martin's Publishing, 2000), 9–10. Der Grund dafür ist, dass die Franzosen sich hauptsächlich für den Pelzhandel interessierten und nicht für großflächige Agrarwirtschaft oder Bergbau.

Da die indigene Bevölkerung (hauptsächlich Algonkinstämme und Irokesenstämme) ausschließlich mit befreundeten Völkern handelte, mussten die Franzosen militärische und diplomatische Beziehungen zu den Indigenen herstellen um Pelzhandel betreiben zu können. Das hatte zum einen zur Folge, dass zwischen französischen Siedlern beziehungsweise Händlern und den indigenen Völkern eine intensive Interaktion stattfand und zum anderen die Gebiete der Indigenen nicht erobert wurden. Über die Handelsbeziehungen und Bündnisse mit den verschiedenen Völkern und Konföderationen entstand die französische Kolonie und erstreckte sich weit über Nordamerika. Durch die Interaktion mit den Franzosen fanden große Veränderungen in den indigenen Kulturen statt. Die wirtschaftlichen Systeme wurden durch die Nachfrage der Franzosen nach Pelzen und die europäischen Waffen (vor allem Schusswaffen) sowie den Handel mit Alkohol transformiert. Krankheitserreger aus Europa (wie Pocken oder die Grippe) lösten Epidemien aus und beeinträchtigten ihre Gesellschaftssysteme.Jacques Monet: The Jesuits in New France. in: Thomas Worcester (ed.), The Cambridge Companion to the Jesuits. Cambridge: Cambridge University Press, 2008, 186–188, Ronda, The European Indian, 388–389, und Allan Greer, The Jesuit Relations, 10.

Ein wesentlicher Faktor bei den umfassenden Veränderungen der indigenen Lebensweise waren die Jesuitenmissionare und ihre Lehre. Während sie versuchten, einzelne Stämme zu christianisieren, entstanden oft innerhalb der Stämme zwei Fraktionen, diejenigen, die sich dem neuen Glauben anschlossen und jene, die an ihren Traditionen festhielten. Das konnte zu politischer Instabilität innerhalb der Stämme führen.Daniel K. Richter: Iroquois versus Iroquois: Jesuit Missions and Christianity in Village Politics, 1642–1686. Ethnohistory, 32, 1985, S. 1, 10–12, und Cornelius J. Jaenen, Problems of Assimilation in New France, 1603–1645. French Historical Studies, 4, 1966, S. 3, 265–289. Die Jesuitenrelationen sind folglich auch Augenzeugenberichte dieser Transformationsprozesse.

Die Jesuitischen Missionen in Neu-Frankreich