Der Begriff Geosphäre wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt. In der englischsprachigen Literatur erscheint er das erste Mal im Jahr 1871. Während des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte Geosphäre eine große Bedeutungsvielfalt, gerade unter deutschen Geowissenschaftlern. Das führte zu vielen Missverständnismöglichkeiten.

Bis zur Mitte der 1990er waren mindestens zehn verschiedene Geosphäre-Begriffe vorgestellt worden. Seitdem nimmt die Bedeutungsvielfalt von Geosphäre wieder ab. Die Abnahme der Bedeutungsvielfalt liegt vor allem daran, dass inzwischen viele Ersatzbegriffe etabliert werden konnten. Von den zehn Geosphäre-Begriffen werden in aktuellen naturwissenschaftlichen Publikationen nur noch drei verwendet.

Begriffsprägungen von 1864 bis 1993 Doherty (1864) und Andrews (1871) mini|180px|Stephen Pearl Andrews

Der britische Arzt und Universalgelehrte Hugh Doherty veröffentlichte 1864 den ersten Band seines vierteiligen Hauptwerkes zur Organic Philosophy.H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864. In diesem ersten Band unterteilte er die irdische Umwelt des Menschen in mehrere Reiche (realms). Zu diesen Reichen zählten das atmosphärische Reich (atmospheric realm) der irdischen Luft,H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864, S. 50. das thalattosphärische oder ozeanische Reich des Meerwassers (thalattospheric realm / oceanic realm),H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864, S. 295. das pluviale Reich der wässrigen Niederschläge und Oberflächengewässer (pluvial realm),H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864, S. 53. das reliquiale Reich der Fossilien und SedimentgesteineH. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864, S. 55, 333. und das geosphärische Reich der magmatischen und metamorphen Gesteine (geospheric realm).H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864, S. 47, 333. Das geosphärische Reich wurde gleichgesetzt mit der Erdkruste.H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864, S. 333.

Aus dieser Vorlage formte sieben Jahre später der amerikanischen Linguist und Philosoph Stephen Pearl Andrews (1812–1886) den eigenständigen Ausdruck Geosphäre:

Im Vergleich zwischen den sphärischen Reichen von Doherty und den Sphären von Andrews fällt auf, dass letzterer die Begriffsinhalte vereinfachend zusammenfasste. So fusionierte er Dohertys pluviales Reich und ozeanisches Reich zur Thallatosphäre. Genauso verfuhr Andrews bei der Geosphäre. Hier legte er Begriffsinhalte zusammen, die von Hugh noch aufgeteilt worden waren zwischen dem reliquialen Reich und dem eigentlichen geosphärischen Reich. Andrews Geosphäre umfasste schlicht die Dinge der festen Erde. Sie wurde von ihm mit dem Adjektiv „erdig“ versehen und der Sphäre des Wassers und der Sphäre der Luft gegenübergestellt. Darüber hinaus ließ Andrews den Bezug auf die Erdkruste fallen, den Doherty für sein geosphärisches Reich noch ausführlich diskutiert hatte.

Geosphäre nach Stephen Pearl Andrews: Die feste Erde.

Innerhalb der englischsprachigen Geowissenschaften sollte sich Andrews Geosphären-Begriff dauerhaft etablieren. Es finden sich viele Benutzungsbeispiele aus allen nachfolgenden Jahrzehnten. Stellvertretend seien hier zwei vorgestellt:

Vier Jahre nach Andrews Veröffentlichung sollte der österreichische Geologe Eduard Suess (1831–1914) ähnliche Begriffe prägen.E. Suess: Die Entstehung der Alpen. Wien 1875. Einerseits bezeichnete Suess die irdische Lufthülle ebenfalls als Atmosphäre. Dieses Wort war allerdings im englischen Sprachraum in Gebrauch schon seit 1638J. Wilkins: A Discovery of a New World. London 1638, S. 103. und im deutschen Sprachraum seit 1682.J. C. Wagner: Atmosphaera Sublunaris. Augsburg 1682. Weiterhin aber benannte Suess die irdischen Gewässer als Hydrosphäre (statt Thallatosphäre) – und die steinerne Erdhülle als Lithosphäre (statt Geosphäre).E. Suess: Die Entstehung der Alpen. Wien 1875, S. 158–160.

Ratzel (1902) mini|180px|Friedrich RatzelIm deutschsprachigen Schrifttum erschien der Ausdruck Geosphäre das erste Mal 1902. Er wurde erfunden vom deutschen Geographen Friedrich Ratzel (1844–1904):

Geosphäre nach Friedrich Ratzel: Die Hülle der Erde aus festem und plastischem Gestein.

Der erste Geosphäre-Begriff des deutschen Sprachraums erschien inhaltlich deckungsgleich mit dem Lithosphäre-Begriff. Lithosphäre war aber bereits 27 Jahre altE. Suess: Die Entstehung der Alpen. Wien 1875, S. 158–160. und hatte sich längst in der geowissenschaftlichen Fachsprache etabliert.F. v. Hochstetter, A. Bisching: Leitfaden der Mineralogie und Geologie für die oberen Klassen der Mittelschulen. Wien 1884, S. 120.J. v. Hann, E. Brückner, A. Kirchhoff: Allgemeine Erdkunde: Pflanzen- und Tierverbreitung. Prag 1899, S. 3. Demzufolge setzte sich Ratzels Geosphäre nicht durch.

Murray (1910) und Wernadski (1924) mini|180px|John Murray

Im englischen Sprachraum wurde 1910 ein zweiter Geosphäre-Begriff geprägt.J. Grinevald: Introduction: The Invisibility of the Vernadskian Revolution. In: V. Vernadsky: The Biosphere. New York 1998, S. 23. Dies geschah durch John Murray (1841–1914).J. Murray: The Deep Sea. In: Scottish Geographical Magazine. Band 26, 1910, S. 617–624. Der schottische Meeresforscher schrieb drei Jahre später das einflussreiche Buch The Ocean, in dem seine Geosphäre erneut auftauchte:

Geosphäre nach John Murray: Eine stoffliche Sphäre des Planeten Erde. Dazu gehören unter anderem Lithosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre und Biosphäre.

Das Buch The Ocean wurde auch gelesen vom russischen Geowissenschaftler Wladimir Iwanowitsch Wernadski (1863–1945).V. Vernadsky: The Biosphere. New York 1998, S. 91. Er berücksichtigte es in einer kleinen Veröffentlichung über Geochemie, die 1924 erschienV. I. Vernadsky: La Géochimie. Paris 1924. und von der 1930 eine deutsche Übersetzung vorgelegt wurde.V. I. Vernadsky: Geochemie in ausgewählten Kapiteln. Leipzig 1930. Darin findet sich Geosphäre in der Bedeutung von Murray.V. I. Vernadsky: Geochemie in ausgewählten Kapiteln. Leipzig 1930, S. 51. Wernadski verwendete den gleichen Geosphäre-Begriff erneut in seinem Hauptwerk Die Biosphäre (Biosfera) von 1926.В. И. Вернадский: Биосфера [Biosfera]. Leningrad 1926. Auf diese Weise gelangte Murrays Geosphäre in den Sprachgebrauch der russischen Geowissenschaftler. Unter ihnen sollte der Begriff viele Jahrzehnte hindurch gepflegt werden.E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. Band 15, 1960, S. 48 Link Er findet sich vereinzelt auch in deutschsprachigen Publikationen,H. Huttenlucher, P. Ramdohr: Mineral- und Erzlagerstättenkunde. Berlin 1965, S. 10. und häufiger bei englischen Autoren.A. F. Kapustinsky: To a new conception of the internal constitution of the earth. In: Cellular and Molecular Life Sciences. Band 14, 1958, S. 429–434.N. M. Strakhov: Stages of development of the external geospheres and formation of sedimentary rocks in the history of the earth. In: International Geology Review. Band 6, 1964, S. 1466–1482.B. I. Kronberg: Weathering dynamics and geosphere mixing with reference to the potassium cycle. In: Physics of the earth and planetary interiors. Band 41, 1985, S. 125–132.

Hellpach (1935) Die nächste deutschsprachige Bedeutung von Geosphäre stammte vom deutschen Arzt Willy Hellpach (1877–1955). Sie kann mindestens bis in das Jahr 1935 zurückverfolgt werden.W. Hellpach: Geopsyche. Leipzig 1935, S. 188. Nun bezeichnete Geosphäre die „Lebensluftschicht“ des Menschen:W. Hellpach: Geopsyche. Leipzig 1939, S. 80.

Geosphäre nach Willy Hellpach: Die erdoberflächennahe Luftschicht.

Der Geosphäre-Begriff von Hellpach erschien inhaltlich ungefähr deckungsgleich mit dem Peplosphäre-Begriff. Mit Peplosphäre wird die erdoberflächennahe Grundschicht der Troposphäre bezeichnet. Der Begriff wurde zwar erst 1953 vom deutschen Meteorologen Karl Schneider-Carius (1896–1959) geprägt.K. Schneider-Carius: Die Grundschicht der Troposphäre Leipzig 1953. Er verbreitete sich jedoch schnell.R. Scherhag: Einführung in die Klimatologie. Braunschweig 1960, S. 15. So setzte sich Hellpachs Geosphäre nicht durch – obwohl dieser Autor nachweislich von Geographen gelesen wurde.H. Carol: Zur Diskussion um Landschaft und Geographie. In: Geographica Helvetica. Band 11, 1956, S. 112 LinkE. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. Band 15, 1960, S. 48 Link

Carol (1956) Noch während Hellpach seinen Geosphäre-Begriff pflegte,W. Hellpach: Geopsyche. Stuttgart 1950, S. 155. gelangte ein neues Verständnis von Geosphäre in den deutschsprachigen Raum. Es geht indirekt zurück auf eine Veröffentlichung des russischen Geographen Andrei Alexandrovich Grigorjew (1883–1968) aus dem das Jahr 1949.A. A. Grigorev: Die Fortschritte der sowjetischen Physischen Geographie in den letzten 30 Jahren. In: Petermanns geographische Mitteilungen. Band 92, 1948, S. 19–32.

Der Forschungsgegenstand der Geographie – räumlich verortet an der Erdoberfläche – wird von Grigorjew auch „geographische Substanz“ genannt.A. A. Grigorev: Die Fortschritte der sowjetischen Physischen Geographie in den letzten 30 Jahren. In: Petermanns geographische Mitteilungen. Band 92, 1948, S. 21. Dieses räumlich fest verortete Konzept einer stofflich fasslichen, geographischen SubstanzE. Neef: Topologische und chorologische Arbeitsweisen in der Landschaftsforschung. In: Petermanns geographische Mitteilungen. Band 107, 1963, S. 250. war in ähnlicher Form bereits in den 1920ern angedacht worden vom deutschen Geographen Alfred Hettner (1859–1941).A. Hettner: Die Geographie, ihre Geschichte, ihr Wesen und ihre Methoden. Breslau 1927, S. 231. Es wurde von führenden Vertretern der deutschsprachigen Geographie bereitwillig aufgenommenH. Bobek, J. Schmithüsen: Die Landschaft im logischen System der Geographie. In: Erdkunde. Band 3, 1949, S. 112.H. Lautensach: Der geographische Formenwandel. Bonn 1953, S. 2. und leitete maßgeblich zum nächsten deutschsprachigen Geosphäre-Begriff. Er wurde 1956 vorgestellt vom Schweizer Geographen Hans Carol (1915–1971):

In seinem Aufsatz erwähnte Carol mit keinem Wort, dass Geosphäre bereits vor ihm von anderen Autoren mit anderen Bedeutungen verwendet worden war. Das war gerade im Fall von Willy Hellpach erstaunlich, denn Hellpach wurde von Carol sogar zitiert. Allerdings schien Carol bloß eine ältere Auflage von Hellpachs Werk gelesen zu haben,H. Carol: Zur Diskussion um Landschaft und Geographie. In: Geographica Helvetica. Band 11, 1956, S. 131 Link in dem Hellpach noch nicht seinen Geosphäre-Begriff vorgestellt hatte.W. Hellpach: Die geopsychischen Erscheinungen. Leipzig 1923.

Geosphäre nach Hans Carol: Der Raum der Dinge, mit denen sich die Wissenschaft Geographie beschäftigt. Diese Dinge gehören im Einzelnen zur Lithosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre, zur globalen Biozönose (der Biosphäre nach Teilhard de Chardin) und zur Anthroposphäre. Diesem Raum der geographisch beforschten Dinge entspricht in der stofflichen Realität die gesamte Erdoberfläche und die Bereiche unmittelbar über und unter ihr.