Monrepos Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution (Eigenschreibweise: MONREPOS) in Neuwied ist eine Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie. Untergebracht sind Forschungszentrum und Museum im früheren Palais Waldheim der ehemaligen Sommerresidenz „Monrepos“ des Fürstenhauses zu Wied. Heute ist das Palais unter dem Namen Schloss Monrepos bekannt.
In Monrepos erforschen Archäologen aus aller Welt die Entstehung und Entwicklung menschlicher Verhaltensweisen in der Altsteinzeit (Paläolithikum) und der Mittelsteinzeit (Mesolithikum), indem sie archäologische Funde aus allen Winkeln der Erde untersuchen und in einen entwicklungshistorischen Kontext stellen. Das Forschungszentrum zählt zu den führenden Einrichtungen zur Erforschung der frühen Menschheitsgeschichte. Monrepos ist gleichzeitig Ausbildungsstandort des Instituts für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ein weiterer Träger ist die nach dem deutschen Entdecker, Ethnologe und Naturforscher Maximilian Alexander Philipp Prinz zu Wied-Neuwied (1782–1867) benannte Prinz Maximilian zu Wied-Stiftung. Ferner unterstützt der Förderkreis Altsteinzeit e. V. die Forschung, Vermittlung und Lehre.
Lage Schloss Monrepos (frz. „Meine Ruhe“) liegt im historischen Naherholungsgebiet zwischen den UNESCO Welterben Oberes Mittelrheintal und Obergermanisch-Rätischer Limes. Die ehemalige Sommerresidenz des Fürstenhauses zu Wied liegt auf den Anhöhen über der Stadt Neuwied, inmitten ausgedehnter Wälder am Rande des Westerwaldes. Hier kreuzen sich Fernwanderwege wie der Rheinsteig, der Limeswanderweg und der Rheinhöhenweg.
Geschichte mini|Schloss Monrepos 2013 nach den Umbauarbeiten Das zwischen 1891 und 1909 erbaute Gebäude ist heute gemeinhin als Schloss Monrepos bekannt.
Die „wissenschaftliche Keimzelle“ des heutigen Forschungszentrums und Museums liegt in der Entdeckung und Erforschung bedeutender altsteinzeitlicher Fundstellen im Neuwieder Becken (z. B. Niederbieber, Gönnersdorf, Bad Breisig) seit Ende der 1960er Jahre. 1986 wurde dann die Forschungsabteilung Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentralmuseums gegründet, die schließlich 1988 in das renovierte Palais einzog. Gleichzeitig mit dem Umzug wurde das Museum für die Archäologie des Eiszeitalters eingerichtet und eröffnet.
Bereits 1986 hatte Fürst Friedrich Wilhelm zu Wied den ehemaligen Witwensitz seiner Familie in die neu gegründete Prinz Maximilian zu Wied-Stiftung eingebracht, deren Zweck vornehmlich der Erhaltung des historischen Gebäudes dient.Sabine Gaudzinski-Windheuser, Olaf Jöris (Hrsg.): 600.000 Jahre Menschheitsgeschichte in der Mitte Europas. Begleitbuch zur Ausstellung im Museum für die Archäologie des Eiszeitalters, Schloss Monrepos, Neuwied. Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2006, ISBN 3-7954-1968-9.
Unter seinem Gründer Gerhard Bosinski war der Forschungsbereich Altsteinzeit eng mit dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln verbunden. Seit 2003 obliegt die Leitung des Hauses Sabine Gaudzinski-Windheuser, Institut für Altertumswissenschaften, Vor und Frühgeschichtliche Archäologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
2005 wurde die Dauerausstellung des Museums für die Archäologie des Eiszeitalters erstmals modernisiert. Weitere umfassende Sanierungs- und Ausbaumaßnahmen am Gebäude sowie eine völlige Neukonzeption der Ausstellung bedingten 2010 eine vorübergehend Schließung des Museums. Die neue Dauerausstellung »MenschlICHes VERSTEHEN« wurde schließlich 2014 eröffnet.
Mit der Neukonzipierung der Ausstellung und der strategischen Neuausrichtung des Forschungsbereichs ging außerdem eine Namensänderung einher. Aus dem »Forschungsbereich Altsteinzeit« und dem »Museum für die Archäologie des Eiszeitalters« wurde 2012 Monrepos – Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution.
2017 erfolgte schließlich die Einrichtung des TraCEr-Labors. Dieses widmet sich der Gebrauchsspurenanalyse an altsteinzeitlichen Fundstücken.
Zeitlicher und geographischer Forschungsrahmen Die Forschungen in Monrepos widmen sich der frühen Menschheitsgeschichte der Alten Welt von ihren Anfängen bis zum Beginn von Ackerbau und Viehzucht. In den 1980er und frühen 1990er Jahren lag der Schwerpunkt auf der Erforschung der reichen Fundstellen des Neuwieder Beckens und seiner Umgebung:M. Baales: Archäologie des Eiszeitalters. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. 16). Koblenz 2005. Der etwa 600.000 Jahre alte Fundplatz Miesenheim gehört zu den ältesten Siedlungsplätzen in Mitteleuropa.E. Turner, I. Miesenheim: Excavations at a Lower Palaeolithic Site in the Central Rhineland of Germany. 2000, ISBN 3-88467-049-2. Die neandertalerzeitlichen Fundstellen auf den Osteifelvulkanen wie dem Schweinskopf, den »Wannen«, dem Tönchesberg und dem Plaidter Hummerich sind weltweit die einzigen Siedlungsplätze dieser Art von Neandertalern.S. Gaudzinski-Windheuser, O. Jöris (Hrsg.): 600.000 Jahre Menschheitsgeschichte in der Mitte Europas. Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, Mainz 2006, S. 18–26. Mit den Fundplätzen Andernach-Martinsberg und Gönnersdorf wurden wichtige Archive des Magdalénien ausgegraben und erforscht. Die zusammenhängende Betrachtung der von Monrepos erforschten späteiszeitlichen Fundstellen im Neuwieder Becken (Federmesser-Gruppen), namentlich Niederbieber, Bad Breisig, Kettig, Urbar und Andernach-Martinsberg, erlaubt einzigartige Einblicke in die Landschaftsnutzung dieser Zeit.M. Baales: Archäologie des Eiszeitalters. (= Archäologie an Mittelrhein und Mosel. 16). Koblenz 2005.M. Street, F. Gelhausen, S. Grimm, F. Moseler, L. Niven, M. Sensburg, E. Turner, St. Wenzel, O. Jöris: L’occupation du bassin de Neuwied (Rhénanie centrale, Allemagne) par les Magdaléniens et les groupes à Federmesser (aziliens). In: Bulletin de la Société Préhistorique Française. Band 103, Nr. 4, 2006, S. 753–780.
Seit Ende der 1990er Jahre hat sich der geographische Rahmen der Forschungen ausgeweitet. In internationalen Kooperationsprojekten wurden die Fundstellen Ubeidia und Gesher Benot Ya’aqov in Israel untersucht.S. Gaudzinski-Windheuser: Subsistenzstrategien frühpleistozäner Hominiden in Eurasien. Taphonomische Faunenbetrachtungen der ‘Ubeidia Formation (Israel). Bonn 2005, ISBN 3-88467-079-4.R. Rabinovich, S. Gaudzinski-Windheuser, L. Kindler, N. Goren-Inbar: The Acheulian site of Gesher Benot Ya'aqov. Mammalian Taphonomy. The assemblages of Layers V-5 and V-6. Springer, Dordrecht 2011. Mit Dmanisi (Georgien) war Monrepos ebenfalls an der Erforschung der ältesten eurasische Fundstelle mit menschlichen Überresten beteiligt.O. Joris: Der altpaläolithische Fundplatz Dmanisi (Georgien, Kaukasus). Archäologische Funde und Befunde des Liegenden Fundkomplexes im Kontext der frühen Menschheitsentwicklung. Mainz 2008, ISBN 978-3-88467-121-4. In Zusammenarbeit mit weiteren Forschungseinrichtungen untersuchte das Institut die frühesten Fundstellen Osteuropas in Rumänien und Kasachstan sowie das Verhalten früher moderner Menschen in Marokko, an der Fundstelle Taforalt. Hier wurde der älteste Schmuck der Menschheit gefunden.A. Bouzouggar, N. Barton, M. Vanhaeren, F. d’Errico, S. Collcutt, T. Higham, E. Hodge, S. Parfitt, E. Rhodes, J.-L. Schwenninger, C. Stringer, E. Turner, S. Ward, A. Moutmir, A. Stambouli: 82,000-year old shell beads from North Africa and implications for the origin of modern human behaviour. In: PNAS. 104, Nr. 24, 2007, S. 9964–9969. Aktuell sind Archäologen aus Monrepos u. a. an Ausgrabungs- und Forschungsprojekten in Äthiopien, Armenien, China, Israel und auf der Iberischen Halbinsel beteiligt.
Forschungen zur Mittelsteinzeit wie an den Fundplätzen DuvenseeD. Holst: Hazelnut economy of early Holocene hunteregatherers: a case study from Mesolithic Duvensee, northern Germany. In: Journal of Archaeological Science. Band 37, 2010, S. 2871–2880. oder Bedburg-KönigshovenMartin Street: Der Fundplatz Bedburg-Königshoven. Spurensicherung. In: Archäologische Denkmalpflege in der Euregio Maas-Rhein. 1992, S. 427–431. sind die chronologisch jüngsten in Monrepos.
Forschungsleitbild Ziel der Forschungs- und Vermittlungsarbeit ist das Verständnis der wesentlichen Verhaltensmerkmale des heutigen Menschen, deren Wurzeln bis in die Alt- und Mittelsteinzeit vor 2,5 Millionen Jahren bis vor ca. 7500 Jahren zurück verfolgt werden können.
Monrepos gehört zu den wenigen archäologischen Forschungseinrichtungen, die sich an einem eigenen Forschungsleitbild orientieren. Es definiert das Forschungsziel und transportiert die zu seinem Erreichen notwendige Vorgehensweise. Das Forschungsleitbild gründet auf einem integrativen, ganzheitlichen Verständnis von Forschung. Somit hebt es die traditionellen Fakultätsgrenzen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften auf. Durch das Forschungsleitbild werden verschiedene Quellen und Kontexte, geschichtlich nacheinander (diachron) miteinander verknüpft. Sie sind in drei Untersuchungseinheiten gebündelt: „Zeitscheiben“, „Strategien“ und „Soziale Organisation“. „Zeitscheiben“ widmet sich dem Fragenkomplex, wo, wann und unter welchen Rahmenbedingungen sich menschliches Verhalten manifestiert. Die Untersuchungseinheiten „Strategien“ und „Soziale Organisation“ suchen Überlebensstrategien und Verhaltensmuster sowie ihre soziale Einbettung zu identifizieren.
Das Forschungsleitbild ist diachron und perspektivisch ausgerichtet. Das bedeutet, es nimmt systematisch Blickwinkel aus unterschiedlichen Zeit- und Auflösungsebenen ein. Große Bildflächen bieten Orientierung, kleinere eine punktuell hohe Auflösung. Durch den synthetischen Abgleich der drei Untersuchungseinheiten und den vergleichenden Transfer zwischen den verschiedenen Zeit- und Auflösungsebenen kann die Entwicklung menschlichen Verhaltens in der Alt- und Mittelsteinzeit rekonstruiert werden.
Forschungsschwerpunkte Besonders relevante Forschungsthemen für das Verständnis der Verhaltensentwicklung des frühen Menschen sind die Entwicklung der Ernährung, der Mobilität, des Siedlungsverhaltens und der Landschaftsnutzung der Jäger und Sammler der Alt- und Mittelsteinzeit.
Kalibrierung und Datierungsprogramme Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet Monrepos am Aufbau und der Verfeinerung der absoluten Chronologie des europäischen Paläolithikums. Dazu wurden umfassende Datierungsprogramme zum Jungpaläolithikum initiiert.O. Jöris, M. Street: At the End of the 14C-Scale: Scenarios at the Transition from the Middle to the Upper Palaeolithic. In: Journal of Human Evolution. Band 55, 2008, S. 782–802. Innovative Kalibrierungsmethoden wurden von Olaf Jöris (Monrepos) und Bernhard Weninger (Universität Köln) entwickelt und bereits Mitte der 1990er Jahre mit der Kalibrationsprogramm Calpal manifestiert. Die kalibrierten 14C-Daten werden mit relevanten Paläoumweltarchiven verglichen. Archäologie und Umweltwandel sind so genau miteinander korrelierbar.
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