mini|200px|Turm der ehemaligen lutherischen Wilhelmskirche (2013) Die Wilhelmskirche oder St. Wilhelmskirche, auch St. Wilhelm-Kirche, war ein von 1698 bis 1700 errichtetes Kirchengebäude in Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz. Sie stand in der Kreuznacher Altstadt. Von der Kirche ist nur noch der Turm mit einem neugotischen Glockengeschoss von 1862 und einem Türgewände von 1561 als Spolie erhalten.
Geschichte Erste lutherische Gemeinde 1557 wurde in Kreuznach durch Kurfürst Ottheinrich die lutherische Reformation eingeführt und Christoph Stollberger († 1583)Aus Frankenhausen, Studium in Wittenberg, 1555 Pfarrer in Kreuznach, 1557 als Lutheraner vertrieben, ab 1577 in Sobernheim; erwähnt noch bei: Thomas Poppel († 1583/84): Epistolae dvae. Altera Mnemosyne ad Barbariem. Altera Barbariae ad Mnemosynem. Ad Illvs. Principes Fridericvm Pal. Rhe. … et Dvcem Philippvm March. Bad. &c. super schola apud Crucenacenses nuperrimè ab ipsis instituta. Elegiaco carmine conscriptae à Thoma Poppelio Beilngrisiensi. In gratiam magnifici senatus ciuitatis Crucenaci. Johann Meier, Heidelberg 1575, Bl. C1 (Google-Books). als Pfarrer installiert. Die Gemeinde nutzte die alte Stadtkirche auf dem Wörth. Bereits 1563 wandte sich jedoch Friedrich III. von der Pfalz dem Calvinismus zu.Vgl. Franz Falk: Wie Kurfürst Friedrich III. in der vorderen Grafschaft Sponheim den Kalvinismus einführen wollte. In: Historisches Jahrbuch 12 (1891), S. 37–55 und 492–504 (Google-Books, eingeschränkte Vorschau) mit Verweis auf 31 Dokumente von 1566 bis 1578 im Bestand Copeyen, so zwischen der Churpfalz, dem Markgrafen Philibert, den Amtleuten, Truchseß und Landschreiber zu Creuznach, der Religion halben ergangen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München (heute: Bestand Kurbayern Äußeres Archiv 4546 - 39.18 Badische Korrespondenz). Unter Ludwig VI. wurde die Gemeinde 1576 noch einmal kurzzeitig lutherisch. Superintendent Mag. Christian Kolkwitz (* vor 1539; † nach 1585)Aus „Finsterwaldt“, Freiberger Gebiet, in der kursächsischen Markgrafschaft Meißen, auch Colloquiz, Kolquitz, Colquiß u. ä., 1554/55 immatrikuliert in Basel (Misnensis), 1557 Pfarrer in Tiengen, 1561 in Printzheim, 1562 in Pfaffenhoffen, 1565 in Neuweiler bei Zabern, von 1566 bis 1577 Pfarrer und Superintendent in Bergzabern, 1569 Feldprediger von Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken (1526–1569) in Frankreich.Am 7. Dezember 1539 wurde Albinus Kolkwitz aus Cottbus, Schulmeister zu Finsterwald, wohl sein Vater, in Wittenberg zum Priesteramt in Kirchhain ordiniert. Er unterschrieb die Konkordienformel von 1577 als Pfarrer in Peitz.Brief von Christian Kolckwitz an Bonifacius Amerbach vom 18. April 1555 aus Basel; Alfred Hartmann, Beat Rudolf Jenny (Bearb.): Die Amerbachkorrespondenz, Bd. IX/2. Nr. 3881, Verlag der Universitätsbibliothek, Basel 1983, S. 556–558 (PDF der Universität Basel). und 32 Kirchen- und Schuldiener im Amt Kreuznach unterzeichneten 1581 die Konkordienformel. 1585 wurde der Lutheraner Kolkwitz unter Johann Kasimir abgesetzt. Auch der 1586 vom badischen Oberamt (in Kreuznach bestand ein Kondominium) eingesetzte Pfarrer Lorenz Scheuerlin (1558–1613)Aus Ulm, Magister der Philosophie, ab 1583 Lehrer an der Lateinschule in Durlach, Diakon in Pforzheim, dann in Kreuznach. Scheuerlin (Scheuerle, Schyrius) wurde anschließend Hofprediger und Generalsuperintendent in Baden-Durlach, 1590 Teilnehmer am Religionsgespräch in Schloss Emmendingen, ab November 1591 in Helmstedt, zunächst außerordentlicher, ab 1592 ordentlicher Professor, Pastor und Generalsuperintendent; Paul Zimmermann (Bearb.): Album Academiae Helmstadiensis, Bd. I/1. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hannover, Oldenburg, Braunschweig, Schaumburg-Lippe und Bremen 9). Historische Kommission, Hannover 1926, S. 378. wurde 1587 von Johann Kasimir vertrieben.Prediger Lorenz Scheuerlin (1558-1613) in Kreuznach wegen lutherischen Bekenntnisses abgesetzt, 1587; Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland Düsseldorf (Provinzialkirchenarchiv - A I X Reformierte Kirche in der vorderen Grafschaft Sponheim, Nr. 498) (PDF; 9,91 MB). Scheuerlin stand in Verbindung mit Philipp Schopf (* um 1540/45; † 1598),Aus Pforzheim; 1560 immatrikuliert in Basel, 1565 in Tübingen, 1565 Magister-Promotion, 1568 wieder in Basel, 1569 in Padua promoviert, 1572 Dr. med. in Basel, von 1575 bis 1581 in Kreuznach, ab 1582 Stadtarzt in Pforzheim, 1585 Leibarzt in Durlach, auch Professor für Naturlehre am Gymnasium in Durlach. der von 1575 bis Ende 1581Philipp Schopff: Kurtzer aber doch außführlicher Bericht von dem Aussatz, auch dessen ursachen, Zeychen und Curation. Bernhard Jobin, Straßburg 1582; Widmung mit dem Kreuznacher Stadtwappen an die „Herren Schultheyß, Burgemeyster, Gericht und Raht der Statt Creutzenach“, Pforzheim am 1. Januar 1582 (Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin). Stadtarzt in Kreuznach gewesen war.In Durlach hatte an derselben Schule wie Scheuerle Johann Schopff aus Pforzheim gewirkt, wahrscheinlich ein Bruder von Philipp Schopff; Karl Friedrich Vierordt: Geschichte der im Jahre 1724 aus Durlach nach Karlsruhe verpflanzten Mittelschule, Bd. I. Braun, Karlsruhe 1858, S. 15; vgl. S. 19 und 77 (Google-Books).
1592 erschien in Oberursel eine anonyme Flugschrift, die dem lutherischen Herzog Reichard von Pfalz-Simmern (1521–1598) gewidmet war, in der die Reformierten scharf angegriffen wurden. Eine Himmelserscheinung, bei der ein holzfarbenes Kreuz über der Stadt Kreuznach erschienen sei (wohl eine Haloerscheinung), bedeute das Gericht über der „Zwingler Rott“.o. V.: Newe Zeittung Unnd Abcontrafactur der Stadt Creutzennach, sampt einem Wunderzeichen, so alda am Himmel gesehen worden, den 15. Martzij Anno 1592. Item Newe erfundene Prophecey, von Jahren 90. biß ins 99. Item Ein Newes Lied von der Calvinisten heimlichen Pracktiken und bösen Vorhaben. Nikolaus Henrich d. Ä., Ursel 1592 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München), (Google-Books).
Neugründung der lutherischen Gemeinde mini|150px|Barockportal, angeblich aus der ehemaligen lutherischen Kirche, tatsächlich wohl aus Schloss Oranienhof in der Hochstraße 1631 gründete der schwedische König Gustav II. Adolf (1594–1632) die lutherische Gemeinde mitten im Dreißigjährigen Krieg neu. 1632 berief Reichskanzler Axel Oxenstierna (1583–1654) den rheingräflichen Hofprediger Gebhard Dolbier († nach 1637)Aus Saarbrücken, auch Dollbier oder Dalbier, von 1616 bis 1621 Pfarrer in Dehlingen, 1621 in Malstatt, 1629 in Schauren.Vgl. Hans Borst, Fritz Kirchner, Karl Rug: Die evangelischen Geistlichen in und aus der Grafschaft Nassau-Saarbrücken von Beginn der reformatorischen Bewegung bis zum Jahre 1635. In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 23/24 (1975/76), S. 39–93, bes. S. 50. zu ihrem ersten Pfarrer.Vgl. Georg Heinrich Götze, Johann Hermann Siricius: Dissertatio historico-theologica, De mensis Pontificiorum venenatis. Moritz Valentin Schmalherz, Lübeck 1715, S. 28f (Google-Books). Die lutherische Gemeinde bestand neben der größeren reformierten, bis sich beide evangelische Gemeinden 1817 vereinigten.
Nachdem die lutherische Gemeinde als Gotteshaus 1632 zunächst die Kirche St. Nikolaus besaß, musste sie um 1635 dort wieder weichen. Ludwig Philipp von Pfalz-Simmern (1602–1655, reg. 1632–1649), der reformierte Administrator der Kurpfalz, ließ ihren Pfarrer Dolbier 1637 gefangen wegführen.Empfehlungsschreiben von Axel Oxenstierna für Gebhard Dolbier an seinen Sohn Johan Axelsson Oxenstierna vom 9. Dezember 1641, ausgestellt in Schloss Tidö bei Västerås; Svenska Riksarkivet (Oxenstiernska samlingen Johan Axelsson Oxenstierna av Södermöre, E 978, Nr. 705).Vgl. Gotthelf Huyssen: Die Heidenmauer und das christliche Kreuznach. In: Zur christlichen Alterthumskunde in ihrem Verhältniß zur heidnischen, Kreuznach: J. H. Maurer / Fr. Wohlleben 1870, S. 317–356, bes. S. 347 und 351f (Google-Books). Die Gemeinde erhielt jedoch mit Unterstützung der lutherischen Rheingrafen als Kirche die alte rheingräfliche Zehntscheune neben dem Simmerner HofErbaut 1526, 1669/70 umgebaut, 1689 zerstört, 1745 wieder errichtet, 1976 abgebrochen., dem Stadtschloss der Pfalzgrafen in Kreuznach (heute: Jahnhallenparkplatz Hochstraße 27).Jörg Julius Reisek: Pfalzgräfin Marie von Oranien-Nassau-Simmern und der Pfalz-Simmersche Fürstenhof zu Kreuznach. In: Bad Kreuznacher Heimatblätter. Beilage Öffentlicher Anzeiger Heft 4, April (2020), S. 15–19 (PDF; 7,93 MB, der Rhein-Zeitung). Wild- und Rheingraf Adolf Heinrich von Salm-Dhaun (1557–1606) hatte 1575 einen neuen „Rheingräflichen Hof“ (später: Städtisches Spital) in der Mühlenstraße erbaut.Vgl. Eberhard J. Nikitsch: Bad Kreuznach, Rheingräflicher Hof (1575)/1588?. In: Deutsche Inschriften Online, Bd. 34 Bad Kreuznach (1993), Nr. 370† (Online bei www.inschriften.net). Das Barockportal der alten lutherischen Kirche, die etwas länger als 60 Jahre in Gebrauch war, wurde später in einen Hof in der Hochstraße 25 eingebaut und ist noch erhalten.
Markgraf Wilhelm von Baden (1593–1677) veranlasste 1637 die Berufung des lutherischen Pfarrers Justus Wilhelm Nigrinus (1599–1676) aus Wörrstadt. Anlässlich des Kreuznacher Religionsvergleichs vom Text bei Johann Jacob Moser: Zusäze zu seinem neuen Teutschen Staats-Recht, Bd. II. s. n., Frankfurt und Main / Leipzig 1782, S. 696–700 (Google-Boolks)., in dem die Lutheraner sonst nicht erwähnt werden, obwohl sie zu dieser Zeit fast die Hälfte der Einwohner stellten,Vgl. Winfried Dotzauer: Geschichte des Nahe-Hunsrück-Raumes von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Steiner, Stuttgart 2001, S. 332. sicherte Markgraf Wilhelm auch ihnen freie Religionsausübung entsprechend den Bestimmungen des Westfälischen Friedens (Instrumentum Pacis Osnabrugensis IV § 19) zu. 1657 wurde Pfarrer Nigrinus jedoch von der Pfalzgräfin Maria Eleonora (1607–1675) und dem kurpfälzischen Truchseß Johann Karl Tolner († um 1665) – vermutlich auf Betreiben des reformierten Inspektors Friedrich Zaan (1592–1659) – die Predigt am offenen Grab verboten. 1681 wurden den Lutheranern Taufen und eheliche Einsegnung sowie 1682 die öffentliche Religionsausübung überhaupt förmlich untersagt.
Die lutherische Gemeinde wurde von dem Pfarrer und Vorstehern geleitet, denen seit 1687 ein „Sechstere“Die Bezeichnung war auch in Magistrats- und Zunftordnungen gebräuchlich. genannter Ausschuss zugeordnet war.
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