miniatur|Von 40 Häusern ist nur eine Kapelle geblieben

Tscherniheim war ein von 1621 bis 1879 bestehendes Waldglashüttendorf in den Gailtaler Alpen in Oberkärnten. Von den ehemals rund vierzig Gebäuden der Kärntner Glashütte ist nur eine katholische Kapelle am Rande einer Almwiese erhalten. Die vom Weißensee aus zugängliche Wüstung in Seehöhe liegt auf dem Gemeindegebiet von Weißensee.

Der Themen-Wanderweg "Dem Waldglas auf der Spur" führt vom Paterzipf am Weißensee oder von Weißenbach an der Farchtensee-Landesstraße L34 jeweils in ca. 2 Stunden Gehzeit nach Tscherniheim.Georg Lux: Zurück blieb ein Scherbenhaufen. Kleine Zeitung, Print, 25. Juli 2020.

Geographische Lage miniatur|Glasträne aus Tscherniheim

Das Bodental ist ein ca. 8 km langes Hochtal zwischen Weißensee, Gitschtal und Gailtal. Nördlich des Tales liegt die Laka (), im Süden die Golz () und die Spitzegelgruppe mit dem Spitzegel (). Im westlichen Teil des Grabens liegt die Wasserscheide zum Weißensee. Der östliche Teil heißt Tscherniheimer Graben bzw. bildet den obersten Teil des Stockenboier Grabens. Der westliche Teil des Hochtales beginnt am Paterzipf bei Naggl am Weißensee und wird vom Almbach durchflossen. Der östliche Teil beginnt in Weißenbach und wird vom Tscherniheimer Bach entwässert. Der höchste Punkt der Talsohle mit liegt in der Nähe der Hermagorer Bodenalm (bewirtschaftet). Das verlassene Glasmacherdorf Tscherniheim liegt im östlichen Teil unweit der Fischeralm (bewirtschaftet) in . Ein gesperrter Güterweg führt durch das Tal. Tscherniheim kann zu Fuß vom Paterzipf (Schiffstation / Parkplatz) in ca. 75 Minuten oder von Weißenbach (Parkplatz) in der Nähe des Ostufers des Weißensees aus in ca. 30 Minuten erreicht werden. Das Tal ist auch mit Mountainbikes befahrbar (Teil des KSB Kärntner-See-Biking). Entlang der Strecke gibt es sechs Infotafeln zum Themenweg „Dem Waldglas auf der Spur“.

Waldglas-Produktionsstandort Tscherniheim miniatur|Ausgrabung eines Glasbläserofens miniatur|Nachbau eines Tscherniheimer-Glasofens im Spittaler Heimatmuseum miniatur|Holzformen für Pressglas im Spittaler Heimatmuseum

Glas ist der älteste künstlich erzeugte Werkstoff. Waldglas, ein durch Eisenoxide grünlich gefärbtes Pottascheglas, war eine Form der Glasproduktion vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Bis ins 18. Jahrhundert waren die Rohstoffe der Glaserzeugung meist nur Quarzsand, Soda, Pottasche und Kalk und bei Bedarf Metalloxide zum Färben. Tscherniheim, erbaut ab 1621, war industriegeschichtlich eine spät gegründete Waldglashütte. Das Kaiserreich Österreich-Ungarn, insbesondere Kärnten war agrarisch geprägt und schwach industrialisiert. Zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert gab es in der Steiermark etwa 30, in Kärnten fünf Wanderglashütten.Heinz Grötschnig: Bläser Alois, der Letzte. In: Kleine Zeitung, Extra, 16. November 1997, S. 7–8. Tscherniheim gilt als Kärntens älteste Glashütte. Die Hütte St. Vinzenz auf der Koralpe wurde erst 1687 gegründet. Aus römischer Zeit ist in Kärnten bisher nur eine Glasproduktion am Hemmaberg bei Globasnitz bekannt.

Wichtige Rohstoffe: Buchenholz, Wasser, Quarzsand Der Standort im Bodental wurde wegen des Holzreichtums ausgewählt. Zur Herstellung von 1 kg Glas waren 2400 kg Holz notwendig, 97 % davon als Pott-Asche.Museum für Volkskultur (Spittal an der Drau): Waldglaserzeugung, unter , aufgerufen am 22. April 2022 Die Pottasche dient zur Glasverflüssigung. Ein Hektar Mischwald reicht für nur ca. 10 kg Glas. In Tscherniheim wurden jährlich 4800 bis 6000 Raummeter Holz gebraucht. Die alten Urwälder, insbesondere die Buchen wurden, wo immer es möglich war, rücksichtslos abgeholzt. Einige Waldglashütten zogen weiter, wenn der Holzbestand erschöpft war, wohingegen die Tscherniheimer Produktion aufgrund des großen Waldgebiets immer am gleichen Platz blieb. Die heutigen Fichten-Monokulturen im Bodental sind ein Erbe dieser Zeit. Durch die Waldglaserzeugung in Tschechien kam es zu sogar zu einer Verkarstung größerer Gebiete mit den entsprechenden Umweltfolgen wie Hochwasser. Um den Wald nicht bis zur Baumgrenze zu verwüsten, empfahlen die Bergwerksbehörden ab 1790 die Verwendung von Steinkohle, Gesetz wurde es aber erst 1870.Helmut Prasch: Waldglas aus Oberkärnten 1621-1879 - Glashütte Tscherniheim. Selbstverlag des Bezirksheimatmuseums Spittal-Drau 1971. In Auszügen (27 Seiten mit Abbildungen) abgedruckt in Pressglas-Korrespondenz, Nr. 2008-4 unter www.pressglas-korrespondenz.de (PDF; 10,8 MB), aufgerufen am 26. Juli 2012, S. 166 Man muss aber davon ausgehen, dass das Tal keine stille Alm wie heute war – der Wald bis oben abgeholzt, die Luft voll Rauch und dem Lärm der Pocher.

Das Wasser des Tscherniheimer Bachs war für die Etablierung der Produktion ebenfalls sehr wichtig, da dort Pochwerke zur Materialzerkleinerung und Schmiedehämmer betrieben wurden. Ein künstlicher Teich bei der Pottaschesiederei wurde zum Waschen (Schlämmen) der Holzkohle verwendet.Gemeinde Weißensee. Infotafeln Dem Waldglas auf der Spur Wegen der ständigen Brandgefahr war ein Löschwasserteich unumgänglich. Ein weiterer Standortvorteil im Tscherniheimer Graben war der ständig wehende Nordwest-Wind, der den starken Rauch der Glasöfen, Kohlemeiler und Aschensiedereien verzog und eine höhere Betriebstemperatur der Öfen ermöglichte. Ein wichtiger Rohstoff für die Glaserzeugung war der eisenoxydarme Quarzsand. Die Fundstellen mit besonders feinem Sand im Bereich der Alpe Golz wurden mit dem Argument, man verwende Quarz aus Görz, geheim gehalten. Kalkstein steht im Gebiet ebenfalls reichlich zur Verfügung. Nur der Ton für den Hafner zum Bau der Öfen wurde von auswärts mitgebracht.

Standortnachteil - Abgeschiedenheit Seine Abgeschiedenheit brachte Tscherniheim aber auch einen Standortnachteil. Die alpine Lage mit den strengen und langem Winter ermöglichte keinen Ganzjahresbetrieb. Gearbeitet wurde nur zwischen Ostern und Martini, Dienstag bis Samstag. Wegen eines einzigen arbeitsfreien Tages hätte man die Öfen nicht ausgehen lassen.

Der kürzeste Weg zum Abtransport der Großhandels- und Export-Glaswaren ins Drautal wäre jener nach Greifenburg, was aber die Transportstrecke im Drautal deutlich verlängert und zu Mehrkosten durch Zölle der Herrschaft Ortenburg geführt hätte. Wahrscheinlich war der Weg zum Weißensee aufgrund der Steilheit, der Brücke über den See und fehlender Wegrechte keine Alternative. Bis zur nächsten Bahnstation in Paternion an der Südbahn, die seit 1873 durch das Drautal rollte, waren es rund 25 Kilometer. Zwei Transportwege boten sich an. Der etwas längere Weg über den Stockenboi-Graben oder der kürzere über die Kreuzen, der die Option bot, über die Windische Höhe in das Gailtal und damit schnell nach Italien zu kommen. Das Glas wurde mittels Pferdewagen meist auf sehr schlechten Wegen transportiert, die zudem immer wieder von den Bächen zerstört wurden. In Paternion gab es ein eigenes Depot für das Glas aus Tscherniheim. Die Fuhrleute waren meist Stockenboier Bauern. Einige Stockenboier erwirtschaften mit ihren Fuhrwerken in Kombination mit Gasthäusern einen beachtlichen Wohlstand wie der „Kavallar“ vlg. Zechner. Auch beim Weg über die Kreuzen gab es bei schwierigen Wegabschnitten z. B. bei Kreuzen Ebenen Gasthäuser wie den Staber, die neben Speis und Trank auch Pferde für die Anspannung bereitstellten. 1827 beklagt sich die Bezirksobrigkeit Greifenburg in einem Bericht an das Villacher Kreisamt über die schlechten Wege nach Tscherniheim, „infolge dessen die Erzeugnisse öfters zerschlagen werden. Der Gewinn der Glashütte sei überhaupt sehr klein.“Matthias Maierbrugger: Tscherniheim das verschwundene Glashüttendorf In: Heimliches Kärnten. Europäischer Verlag, Wien, 1966, S. 99–101. (ohne ISBN) Die wuchtigen doppelspännigen Pferdewägen zum Glastransport hießen Breitschiener-Gestell-Wägen und hatten kastenförmigen Aufbauten für Glasscheiben oder aus Haselstrauchruten geflochtenen „Krippen“ für Hohlgläser. Verpackerinnen drehten Strohbänder zum Einwickeln der Gläser. Die Fuhrmannskasse war direkt an den Wagen geschmiedet, damit bei Raubüberfällen das Geld nicht mitgenommen werden konnte. Angeblich waren die Räuber aber ohnehin eher auf Wein und Grappa aus, die auf der Rückfahrt aus Italien geladen sein konnten. Von den vielen Marterln und Gedenktafeln, die an Unglücke entlang der Strecke erinnerten, ist nichts geblieben.

Der Kleinhandel im Lokalbereich erfolgte durch Glasträger, die die Ware in Tscherniheim holten und auf einer Buckelkraxen (Rückentrage) transportierten und von Haus zu Haus feilboten. Kleine Glasscheiben schnitten sie an Ort und Stelle zurecht. Charakteristisch war die Verwendung eines Knüppelstocks als Waffe und Stütze.

Besitzer und Verweser miniatur|Glasbläserwerkzeuge aus Tscherniheim miniatur|Schmiedehammer mit Wasserantrieb, heute im Spittaler Heimatmuseum miniatur|Ballonflaschen aus Tscherniheim

1598 wurde die Golzer Alpe im Besitz der Herren von Lind aus dem Drautal von den Grafen von Ortenburg gekauft. 1626 ging die Herrschaft Greifenburg, zu der Tscherniheim gehörte, an Hans Christoph Prem von Nackendorf. Die Glashütte war zu dieser Zeit schon voll im Betrieb und ein Glashandel bis Ungarn und in die Levante organisiert, denn Prem hatte die Produktion von 1621 bis 1624 gegründet und erbaut.Prasch, Waldglas 1971, S. 158 Er war Landesvizedomamtsverwalter von Kärnten und Münzinspektor bei der kaiserlichen Münze in St. Veit, wodurch er gute Kontakte zu Kaiser Ferdinand II. hatte, von dem er die Konzession zur Errichtung einer Glashütte am Fuße der Alpe Golz erhielt. Unter Prem entstanden zwei Pochwerke, ein großer Glasofen und eine Schleiferei. Durch den Dreißigjährigen Krieg hatte der Kaiser einen enormen Geldbedarf und Prem beanstandete als Münzmeister den sinkenden Goldgehalt der Münzen der Kärntner Landstände, die auf diese Weise ihren Anteil an den Kriegskosten reduzieren wollten. Mit der Warnung vor der Geldentwertung (Kipper- und Wipperzeit) machte er sich insbesondere den Goldgewerken Putz aus Döllach im Mölltal zum Feind. Ein Reim über diese Kriegs-Inflation ist überliefert: Der Schrott, der Schritt, der Prem, der Putz. Sein Gott und aller Welt nichts nutz. Sie hab'n das lange Geld aufpracht. Letztlich schaffte es Putz, dass der Münzinspektor und Glasgewerken Prem zu einem langjährigen Gefängnisaufenthalt und zu einer hohen Geldstrafe von 97.638 Gulden verurteilt wurde.