mini|hochkant=0.8|Büste der Königin Berenike II., Münchner Glyptothek mini|hochkant|Berenike II. auf einer Münze Ptolemaios III. mini|hochkant|Berenike II. auf einer Münze, Rückseite mit einem Füllhorn und zwei Sternen mini|hochkant|Berenike II. in Militärkleidung mit Schild und Standarte, ihre Krone mit dem Bug eines Schiffes und ihre ankerförmige Brosche symbolisieren die Seekraft des Ptolemäischen Reiches – Mosaik des hellenistischen Künstlers Sophilos (Signatur) um 200 v. Chr. in Thmuis (Mendes), heute im Griechisch-Römischen Museum AlexandriaWiktor A. Daszewski: La personnification de la Tyché d'Alexandrie. Réinterprétation de certains monuments. In: L. Kahil, C. Auge, P. Linant de Bellefonds (Hrsg.): Iconographie classique et identités régionales: Paris, 26 et 27 mai 1983 (= Bulletin de correspondance hellénique. Band 14, Supplément, ). De Boccard, Paris 1986, ISBN 2-86958-003-7, S. 299–309; Wiktor A. Daszewski: Corpus of mosaics from Egypt 1. Hellenistic and early Roman period (= Aegyptiaca Treverensia.) von Zabern, Mainz am Rhein 1985, ISBN 3-8053-0482-X, S. 142–158. mini|hochkant|Sitzende Frau in einem Fresko aus der römischen Villa Boscoreale am Fuße des Vesuvs, Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., wahrscheinlich Berenike II. mit einer Stephane (στέφανος, einem königlichen Diadem) auf dem KopfMichael Pfrommer, Elana Towne-Markus: Greek Gold from Hellenistic Egypt (= Getty Museum Studies on Art.). Getty Publications, Los Angeles 2001, ISBN 0-89236-633-8, S. 22–23. (Webarchive: Volltext als PDF)
Königin Berenike II. (; * um 267/66 v. Chr.; † 221 v. Chr.) war die einzige Tochter von König Magas von Kyrene (und damit die Enkelin von Berenike I. aus deren erster Ehe) und der Seleukiden-Prinzessin Apama. Sie war die Ehefrau und Mitregentin von Ptolemaios III. Euergetes, dem dritten König von Ägypten aus der Dynastie der Ptolemäer. Die Hochzeit fand im Jahr seines Regierungsantritts (246 v. Chr.) statt.
Leben Frühes Leben Berenike II. war die Erbtochter des makedonischen Königs Magas von Kyrene im heutigen Libyen. Als ihr Vater kurz vor seinem Tod um 250 v. Chr. sich mit seinem Halbbruder, dem ägyptischen König Ptolemaios II. Philadelphos aussöhnte, verlobte er sie zur Bekräftigung der Übereinkunft mit dessen Sohn und präsumtiven Thronfolger Ptolemaios (III.).Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 26,3,2 Nach der Darstellung des antiken Historikers Iustinus wollte aber ihre Mutter Apama die Wiedervereinigung Kyrenes mit Ägypten verhindern und rief bald nach Magas’ Ableben – in Ermangelung geeigneter seleukidischer Heiratskandidaten – Demetrios den Schönen, einen Bruder des Makedonenkönigs Antigonos II. Gonatas, herbei, um ihn mit Berenike zu vermählen. Demetrios folgte dem Angebot, habe aber auch eine Liaison mit Apama begonnen. Daraufhin sei die trotz ihrer Jugend sehr tatkräftige Berenike an die Spitze einer Aufstandsbewegung getreten und habe Demetrios um 249/48 v. Chr. im Schlafzimmer ihrer Mutter töten lassen, Apama selbst jedoch am Leben gelassen.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 26,3,3–8; Catull, Carmina 66,25–28; dazu Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 44; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 333 f.
Nun hatte wieder der ägyptische Prinz gemäß der Bestimmung des Magas die Anwartschaft auf Berenikes Hand. Nach dem Ägyptologen Günther Hölbl konnte Berenike aber nicht sogleich nach Demetrios’ Tötung die Herrschaft in Kyrene antreten. Unter Verweis auf kurze Andeutungen der antiken Historiker PolybiosPolybios, Historíai 10,22,3 und PlutarchPlutarch, Philopoimen 1,4 vertritt Hölbl den Standpunkt, dass zwei arkadische Rechtsreformer, Ekdemos von Megalopolis und Demophanes, auf Einladung republikanisch gesinnter Kyrenäer die Regierung in Kyrene übernommen und dort eine gerechte Ordnung errichtet sowie die Unabhängigkeit Kyrenes bewahrt hätten. Nähere Einzelheiten über diese Episode gehen aus den Quellen nicht hervor. Der ptolemäische Staat habe wohl kurz vor dem Tod Ptolemaios’ II. 246 v. Chr. dem Regime des Ekdemos und Demophanes ein Ende gemacht und die Herrschaft in Kyrene übernommen.So Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 44, ebenso , die beide André Laronde (Cyrène et la Libye hellénistique. Paris 1987, S. 381 f.) folgen.
Der Althistoriker Lloyd Llewellyn-Jones nimmt hingegen an, dass Ptolemaios (III.) unmittelbar nach Demetrios’ Beseitigung nach Kyrene gekommen sei, um dieses Land in ein ägyptisches Protektorat umzuwandeln, und dort fast fünf Jahre lang bis zum bevorstehenden Tod seines Vaters gelebt habe. In dieser Zeit habe Berenike in Kyrene Münzen mit der Inschrift „Königin Berenike und König Ptolemaios“ schlagen lassen.Lloyd Llewellyn-Jones: Berenice II. In: The Encyclopedia of Ancient History. Band 2, S. 1095 f. Jedenfalls fand die dynastische Heirat von Ptolemaios III. und Berenike wohl Anfang 246 v. Chr., kurz vor oder bei Ptolemaios’ Herrschaftsantritt in Ägypten, statt, wobei Berenike ihre Rechte auf Kyrene in die lagidische Dynastie einbrachte.So z. B. Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 44.
Die Erzählung von Berenikes Haar Als Ptolemaios III. kurz nach seinem Regierungsantritt im Herbst 246 v. Chr. gegen die Seleukiden in den sogenannten Laodike-Krieg zog (Dritter Syrischer Krieg 246–241 v. Chr.), blieb Berenike II. in Ägypten zurück. Ob sie während der Abwesenheit ihres Gatten als seine offizielle Stellvertreterin mit eigenem Münzrecht agierte, ist ungewiss.
Berenike gelobte beim Wegzug ihres Gatten in den Laodike-Krieg, eine Locke ihres Haares den Göttern zu weihen, wenn Ptolemaios III. wieder wohlbehalten zurückkomme. Nachdem der ägyptische König dann in der Tat gesund heimgekehrt war, erfüllte sie ihr Gelübde und ließ ihr Haarbüschel im Arsinoë-Tempel ihrer Schwiegermutter unterbringen, der am Kap Zephyrion eine Kultstätte errichtet worden war. Die Locke verschwand am nächsten Tag auf unbekannte Weise, doch der Hofastronom Konon von Samos erklärte, sie sei von den Göttern unter die Sterne versetzt worden, wo man sie als neue Sterngruppe sehen könne. Diesem Asterismus wurde der bis heute gängige Name Coma Berenices oder Haar der Berenike gegeben (allerdings machte ihn erst Tycho Brahe zu einem eigenständigen Sternbild). Kallimachos pries die Verstirnung des Haares der Königin in dem Gedicht Locke der Berenike, das er wohl im Herbst 245 v. Chr. verfasste und das den Abschluss des vierten Buches seines Werks Aítia bildete. Von dieser Elegie sind im Original lediglich einige Zeilen erhalten (Fragment 110), Catulls Übersetzung ins LateinischeCatull, Carmina 66 jedoch vollständig. Auch HyginusHyginus, De Astronomica 2,24,1 erwähnte die Geschichte in ausgeschmückter Form.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 98 f.; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 353 f.
Mit ihrer Aktion stand Berenike zwar in griechischer Tradition, nahm sich aber dabei aus ägyptischer Perspektive die Göttin Isis zum Vorbild, die gemäß einer von Plutarch erzählten SagePlutarch, De Iside 14 aus Kummer um Osiris diesem ihrem Gatten eine Locke in Koptos geweiht hatte. Das Haarbüschel der Isis galt als Zeichen der Wiedergeburt. Nach dem Abschluss des Laodike-Kriegs wurde Berenikes Haupt auf Siegeln griechischen Stils mit abgeschnittenem Haar und Fruchtbarkeitsattributen der Demeter-Isis dargestellt.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 99.
In dynastischer Fiktion galt Berenike gleich nach ihrer Heirat mit Ptolemaios III. ebenso wie dieser als Tochter des Ptolemaios II. und der Arsinoë II., der „Geschwister-Götter“ (griechisch Theoí Adelphoí). Indem sie dieses von Ptolemaios II. geschaffene Mutter-Tochter-Verhältnis befürwortete und einem bedeutenden Tempel der Arsinoë II. ihre Ehrerbietung zeigte, knüpfte Berenike in der problematischen Lage des Jahres 246/45 v. Chr. eng an ihre dynastische Vorgängerin Arsinoë II. an. Damit wollte sie die Legitimität ihrer Stellung hervorheben, und ferner wurde sie durch die Verstirnung ihres Haars schon 245 v. Chr. in göttliche Sphären gerückt.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 354. In offiziellen Aktenstücken erschien sie gemäß dem konstruierten Verwandtschaftsverhältnis als adelphé (Schwester) und gyné (Gattin) des Königs.
Rolle Berenikes als Königin; Nachkommen Die erhaltenen Nachrichten über Berenike II. als ägyptische Königin sind spärlich. Laut Athenaios habe die Salbenindustrie aufgrund von Berenikes Interesse zu ihrer Zeit in Alexandria und Kyrene geblüht.Athenaios, Deipnosophistai 15,689a Welchen politischen Einfluss sie ausübte, ist nicht bekannt. Immerhin war sie die erste ptolemäische Königin, die bereits zu Lebzeiten mit der aus dem Horus- und Geburtsnamen bestehenden ägyptischen Königstitulatur tituliert wird. Ferner steht sie in Tempelreliefs gleichberechtigt neben ihrem Gatten, verehrt dabei an seiner Seite die Götter und erscheint sogar in der Darstellung der Herrschaftsverleihung durch den Gott Thot neben Ptolemaios III. In Datierungen diverser demotischer Urkunden wird sie als „Pharaonin Berenike“ bezeichnet.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 76 f.
Berenikes Reichprägungen gehören zu den besten hellenistischen Münzporträts. Auf der Vorderseite eines Goldoktadrachmons, der kurz nach dem Herrschaftsantritt Ptolemaios’ III. geprägt wurde, erscheint eine Büste ihres sehr individuelle Gesichtszüge aufweisenden Kopfes mit Schleier und Diadem. Auf der Rückseite derselben Münze, die das Füllhorn mit umgebundenem Königsdiadem zeigt, ist sie als „Königin Berenike“ tituliert.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 45.
Es wird angenommen, dass alle sechs in der Exedra von Thermos aufgeführten Königskinder des Ptolemaios III. von Berenike stammen.Inscriptiones Graecae (IG) IX, I, I2, 56f, g Zu ihren Kindern gehörte jedenfalls Ptolemaios IV., der nach dem Tod seines Vaters den Thron bestieg und kurz nach Regierungsantritt seine eigene Schwester Arsinoë III. heiratete. PolybiosPolybios, Historíai 15,25,2 bestätigt auch ausdrücklich, dass Berenike die Mutter des Ptolemaios IV., der Arsinoë III. sowie eines zweiten Sohns namens Magas war. Eine weitere Tochter von ihr, die ebenfalls Berenike hieß, verstarb bereits frühzeitig im Februar 238 v. Chr. Eine zu diesem Zeitpunkt stattfindende Synode ägyptischer Priester legte im Kanopus-Dekret fest, dass die Prinzessin aufwendig bestattet und ein eigener Kult für sie eingerichtet werden sollte. Den Frauen der benötigten Priester wurde als Unterhalt ein Brot zugeteilt, das man mit einem bestimmten Stempel versah und als „Berenike-Brot“ bezeichnete.Aidan Dodson, Dyan Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. London 2010, S. 268–269, 272, 276.C. Tietze, M. Maksoud, E. Lange: Das Kanopus-Dekret von Tell Basta. In: Kemet. Heft 3/2004, Kemet-Verlag, Berlin 2004, , S. 65.
Kultische Verehrung Berenike II. und Ptolemaios III. wurden bereits zu Lebzeiten ab 243/242 v. Chr. als Wohltätergötter (griechisch Theoí Euergétaí) verehrt und der Titel des Alexanderpriesters um den Kulttitel des neuen Götterpaars ergänzt.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 88. Der dynastische Kult war von den Ptolemäern einige Jahrzehnte zuvor eingeführt worden. 239/238 v. Chr. fand eine Erweiterung der ägyptischen Kultehren für das Königspaar statt.