Klaus-Michel (Mike) Steiner (* 8. Juli 1941 in Allenstein; † 3. Januar 2012 in Berlin) war ein deutscher Maler und Pionier der Videokunst. Er eröffnete das Künstlerhotel Hotel Steiner und die Studiogalerie als Orte der künstlerischen internationalen Avantgarden in Berlin und förderte innovative Kunstformen, wie z. B. Fluxus und Performance. Er erschuf außerdem das revolutionäre Format Videogalerie (1985–1990), in dem er Beiträge zur Videokunst im deutschen Fernsehen produzierte, moderierte und sendete. Als Künstler experimentierte er mit mehreren Kunstgattungen, Techniken und Stilen und arbeitete häufig medienübergreifend.
Neben seiner Tätigkeit als (Video)künstler, Galerist und Initiator von Performances in seiner legendären Berliner Studiogalerie, sammelte er Kunstvideotapes, die sich im Laufe seines Lebens zu umfassenden Sammlungen und Zeugnissen der Videokunst entwickelten.
Biografie Klaus-Michael Steiner wurde am 8. Juli 1941 als zweites von drei Kindern im ostpreußischen Allenstein (heute das polnische Olsztyn) geboren.Viele der biografischen Angaben stammen aus Dokumenten, die sich im Nachlass Steiner, in Berlin befinden. Der Nachlass ist derzeit leider nicht öffentlich zugänglich. Dort besaß die alt ostpreußische Adelsfamilie seiner Mutter ein Zuchtgestüt. Das Gestüt bei Allenstein diente Steiners Vater, dem jüdischen Dipl.-Kaufmann Klaus-Michel Steiner, mit seiner Frau, der Dipl.-Handelslehrerin Gerda Steiner, geb. Schacht, und ihren gemeinsamen Kindern während des Zweiten Weltkriegs als Refugium.
Steiner verbrachte große Teile seiner Kindheit und Jugend in West-Berlin. Erstes Interesse am Film zeigte er während seiner Schulzeit. Er begann eine Lehre im Filmkopierwerk der Berliner Universum-Film AG (UFA). Nach drei Monaten setzt er die Schule bis zum Abitur fort. Während dieser Zeit begann sein privates Interesse für die Malerei. Mit nur 17 Jahren trat Steiner im Frühling 1959 als einer der jüngsten Künstler auf der Großen Berliner Kunstausstellung (GBK) zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung. Dort präsentierte er auch das im vorherigen Jahre entstandene Gemälde Stillleben mit Krug.Vgl. Grosse Berliner Kunstausstellung 1959, Ausstellungskatalog Berlin, Ausstellungshallen am Funkturm, 24. April bis 24. Mai 1959, Berlin-Charlottenburg 1959.
Im Winter 1960 stellte Steiner in der vom Kreuzberger Amt für Kunst organisierten Ausstellung Kreuzberger Künstlergruppen aus. Zusammen mit deren Gründungsvätern Peter Sauernheimer, Traudbert Erbe und Herbert Weitemeier vertrat er die neu gegründete Künstlerselbsthilfegalerie Kreuzberger Forum, einem wichtigen Treff- und Kristallisationspunkt der Kreuzberger Bohème.Vgl. Ausstellungsplakat Kreuzberger Künstlergruppen, 28. November – 24. Dezember 1960, Rathaus Kreuzberg, Berlin. Online (Letzter Aufruf: 6. März 2023)Die Kreuzberger Bohème, auf muehlenhaupt.de (Letzter Aufruf: 6. März 2023) Noch bis 1965 nahm Steiner regelmäßig an Ausstellungen im Kreuzberger Forum teil.
Im Jahr 1961 schrieb der 20-jährige Steiner sich in West-Berlin an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste ein. Er startete das Studium der „Freien Kunst“ mit einer einjährigen Grundlehre in der Klasse von Hans Jaenisch.Vgl. Birgit Stöckmann: „Biografie.“ In: Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof. Museum für Gegenwart – Berlin (Hrsg.): Mike Steiner. Color Works 1995–98. Steidl: Göttingen 1999. S. 228–245, S. 228. Dann nahm ihn Hans Kuhn in seine Malereiklasse auf. In den Jahren 1966 und 1967 hatte Steiner den ersten Vorsitz im Allgemeinen Studierendenausschuss (AstA) der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin inne.Vgl. Manuskript des von Mike Steiner verfassten Artikels Ein Besuch bei Meister Friedrich über den Kreuzberger Künstler Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892–1982) in der Studentenzeitschrift der Technischen Universität Berlin Anrisse, im Nachlass Mike Steiner, Berlin. Im Mai 1963 fand Steiners erste Einzelausstellung in der Galerie der Volkshochschule statt. Im folgenden Jahr erregte er in Großstädten wie Berlin und Wolfsburg mit seiner Malerei Aufsehen. Zu mehreren Gruppenausstellungen und der Teilnahme an Kunstwettbewerben gesellte sich im Winter 1964 seine zweite Einzelausstellung in der West-Berliner Blue Note Gallery.
Mit einem viermonatigen Stipendium der Ford Foundation kam Steiner 1965 erstmals in die USA, wo ihm Kulturinstitutionen mehrerer amerikanischer Städte vorgestellt wurden. Zurück in West-Berlin beschaffte er sich ein Einwanderungsvisum für die USA und brach bald nach New York auf.Vgl. Birgit Stöckmann: „Biografie“, S. 228. Ein Auftrag für eine Wandmalerei in einer Schule/Kindergarten erlaubte es ihm, länger in Amerika zu bleiben.Vgl. John Brendan: The Steiner Art Tapes. In: Exberliner, 4. Mai 2011. Letztendlich arbeitete er auch im Kunstbuchhandel, knüpfte Kontakte zu Galerien und hatte erste Erfolge mit seiner Informellen Malerei. Er bewohnte ein Zimmer bei der deutschstämmigen Künstlerin und Kunstjournalistin Lil Picard.Vgl. Dieter Scholz: „Minimal Deutsch. Mike Steiner zwischen Berlin und New York 1965 -1974.“ In: Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof. Museum für Gegenwart – Berlin (Hrsg.): Mike Steiner. Color Works 1995-98. S. 15–80, S. 15; S. 24. Als Größe im Umfeld von Fluxus, Happening und Pop Art führte sie Steiner in die New Yorker Kunstszene ein. So machte er u. a. Bekanntschaft mit Al Hansen und Allan Kaprow, dem Vater des Happenings und ging im Atelier von Robert Motherwell ein und aus.Vgl. Eugen Blume: Mike Steiner: Color Works 1995-89. 17. April bis 11. Juli. In: MuseumsJournal 2/99, S. 62–65, S. 63. Ein drohender Einzug zum US-Militär veranlasste Steiner 1967, nach Deutschland zurückzukehren.Vgl. Birgit Stöckmann: „Biografie“, S. 230.
Am 4. Juli 1967 schloss Steiner sein Studium an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin mit der Ernennung zum Meisterschüler ab.Vgl. Urkunde aus dem Nachlass Mike Steiner, Berlin. Als einer der vielversprechendsten jungen Künstler Berlins war Steiners Malerei u. a. zusammen mit Werken von Georg Baselitz und Karl Horst Hödicke in Genf, Mailand und Paris zu sehen.Vgl. Damase, Jacquese: Nouvelle école de Berlin. Ausst.-Kat. Genf, Galerie Motte. Genf 1967; Damase, Jacquese: Jeunes peintres de Berlin à Genève, Milano et Paris 1967. [Berlin: Deutsche Gesellschaft für Bildende Kunst 1967].
In den Jahren 1969 und 1970 dozierte er an mehreren West-Berliner Volkshochschulen im Fach „Bildnerisches Gestalten“Vgl. Dokument im Nachlass Mike Steiner, Berlin. – darunter auch ein Kurs zur Pop Art,Vgl. Plakatdruck im Nachlass Mike Steiner, Berlin. mit der Steiner sich bereits seit 1963 auch in seinem eigenen malerischen Werk auseinandergesetzt hatte.
Hotel Steiner Im Jahr 1970 eröffnete Steiner in der Albrecht-Achilles-Straße 58, unmittelbar am Kurfürstendamm das später legendär gewordene Hotel Steiner. Als Treffpunkt für internationale Künstler wurde es mit dem New Yorker Chelsea Hotel verglichen, dem Andy Warhols Filme zu Ruhm verholfen hatten.Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes. Ausst.-Kat. Berlin, Neue Gesellschaft für bildende Kunst, 9. April – 7. Mai 1994. Berlin: Ars Nicolai 1994, S. 23. Deutsche Künstler wie Joseph Beuys und Arthur Køpcke, und insbesondere Steiners amerikanische Künstlerfreunde fanden hier eine Unterkunft in einzigartig anregender Atmosphäre.
Die Künstlerin Lil Picard, eine langjährige Freundin Mike Steiners, schilderte die Atmosphäre des Hotels in einem Beitrag zu René Blocks 1971 erschienenem Katalog Szene Berlin wie folgt: „ein Home far away from Home und Anschluß [sic!] an den Geist der Gespräche, die sich in den Untergrund d’esprit ausdehnen, wenn z. B. Addi Köpcke und Tutti im roten Kleid von den Musen getrieben in Debatten schwelgen, die schon vor einem halben Jahrhundert im Café Voltaire in Zürich und im alten romanischen Café Berlins Künstler zu Dichtern machten. Das ewige Kunstgespräch setzt sich fort, sei es um ein Uhr nachts im Atelier oder schon um 16 Uhr nachmittags. Oft fängt der Tag um 14 Uhr mit opulentem Frühstück an. René Block schaut herein, Peter Hutchinson aus New York sitzt still, sanft und leise am Nebentisch, […] Durchreisestation: Berlin & Steiner Hotel. […] “Zitiert nach Anja Oßwald: Steiner Art Tapes. Ausstellungskatalog. Berlin: Ars Nicolai 1994, S. 23–29.Durch die Bekanntschaft mit George Moorse und Gérard Vandenberg, die zu den ersten Dozenten der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) gehörten, kam Steiner Anfang der 70er Jahre über die Beschäftigung mit Tendenzen des Avantgardefilms zur Videokunst.Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes, S. 16 f. Bereits in New York hatte er die Entwicklung des Experimentalfilms um Michael Snow und Andy Warhol interessiert verfolgt.Vgl. Birgit Stöckmann: „Biografie.“, S. 232.
1972 entstanden erste Videoarbeiten zusammen mit Al Hansen, einem Freund aus der Fluxusbewegung, den Steiner während seiner Zeit in New York kennengelernt hatte.Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes, S. 17.
1974 reiste er auf Einladung Allan Kaprows, einem Pionier der Happening- und der Fluxusbewegung, nach Florenz, um im Studio Art/Tapes/22 der Galeristin Maria Gloria Biccochi erste eigenständige Videoarbeiten zu realisieren. Steiner zweifelte zu diesem Zeitpunkt bereits vermehrt an der Malerei als künstlerisches Ausdrucksmittel. Steiners „Legitimationskrise die Malerei betreffend“Vgl. Eugen Blume: Mike Steiner: Color Works 1995-89. zeichnete sich bereits während seines Studiums ab und wurde durch die Eindrücke der New Yorker Kunstszene bestätigt. Während seines Aufenthalts verstärkten sich die Zweifel durch die zahlreichen Möglichkeiten, die ihm die Videokunst als Medium boten.Vgl. Dieter Scholz: „Minimal Deutsch. Mike Steiner zwischen Berlin und New York 1965 -1974.“, S. 33
Nach dem Vorbild des Studios Art/Tapes/22 in Florenz gründet er noch im selben Jahr die Studiogalerie als ein unabhängiges internationales Forum für Video und Performance in der Ludwigkirchstraße 10 in Berlin.Vgl. Birgit Stöckmann: „Biografie.“, S. 232 f.
Zudem erwarb Steiner sein erstes Videotape, der Kauf markiert den Beginn seiner später umfassenden Sammlung. Mike Steiner wurde damit – sowohl als Künstler wie auch als Sammler und Förderer – zu einem der ersten Verfechter der noch jungen Videokunst in der Bundesrepublik Deutschland.Vgl. John Brendan: „The Steiner Art Tapes.“
Studiogalerie Mit der Gründung der Studiogalerie in der Ludwigkirchstraße im Jahr 1974 fokussierte sich Mike Steiner zunehmend auf die Videokunst.Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes, S. 21–23. Der Galeriebetrieb hatte drei Schwerpunkte: 1. Die Videogalerie als Produktionsstätte für Video Art, 2. als Aktionsraum für Aktionskünste wie u. a. Happening und Fluxus und 3. als unabhängiger Ausstellungsort. Ursprünglich als „Künstler-Selbsthilfe-Projekt“ gegründet, wollte Steiner besonders die Videokunst in Berlin fördern.Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes, S. 21. Steiner stellte den schaffenden Künstlern, wie der Gruppe INTERMEDIA, – nach dem Vorbild des florentinischen Studio Art/Tapes/22 – die teure Videoausrüstung (Kameras, Schneidetische etc.) zur Verfügung und bot ihnen zugleich die Möglichkeit, ihre Videoarbeiten zu präsentieren. Während in Köln der damalige Direktor des Kölnischen Kunstvereins Wulf Herzogenrath für die dortige Videoszene eintrat, fehlten solche Projekte in Berlin weitgehend.
Den zweiten Schwerpunkt der Galerie bildeten die Aktionskünste.Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes, S. 22. Als Galerist bot Steiner Künstlern wie Valie Export (I (beat [it]), 1978), Jochen Gerz (Griechische Stücke #8, Snake Hoods & Dragon’s Dreams, 1977), Carolee Schneemann (Up to and including her Limits, 1976), Marina Abramović (Freeing the Body, 1976)Vgl. Anja Oßwald: Steiner Art Tapes. – und damit der Feministischen Avantgarde der 70er Jahre – einen Aktionsraum.