mini|Franz Werfel (1927) Der Abituriententag. Geschichte einer Jugendschuld sind Titel und Untertitel eines 1928 erschienenen Romans von Franz Werfel. In seiner differenzierten psychologischen StudieKindlers Lexikon der Literatur im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 3, S. 722. lässt der Autor seinen Protagonisten sich selbst erforschen: Bei einem Verhör glaubt der Untersuchungsrichter Sebastian im Angeklagten Franz Adler seinen verschollenen ehemaligen Schulkameraden zu erkennen. Er fühlt sich durch sein damaliges leichtfertiges, unmoralisches Verhalten für dessen Schicksal verantwortlich und erzählt in einer Art Beichte die Geschichte seiner Jugendschuld.

Inhalt Überblick Der Roman setzt sich aus einer 1927 in einer nicht näher benannten österreichischen Provinzstadt spielenden Rahmenhandlung und einer durch sie ausgelösten, in die Kindheit und Schulzeit des Protagonisten zurückreichenden Binnenhandlung zusammen.

In der Rahmenhandlung verhört der Landesgerichtsrat Dr. Ernst Sebastian von Portorosso einen des Mordes angeklagten gleichaltrigen Mann, der denselben Namen wie sein ehemaliger Klassenkamerad Franz Adler trägt. Bei der Abiturjubiläumsfeier seines Jahrgangs am selben Tag erzählt er den Anwesenden von diesem Gerichtsfall und sie unterhalten sich über den begabten Mitschüler Adler, dem sie Streiche gespielt haben, dessen Schicksal nach dem Verlassen des Gymnasiums ihnen jedoch nicht bekannt ist. Sebastian war bei den Schülerstreichen einer der Initiatoren und hat jetzt ein schlechtes Gewissen.

In der auf den Festabend folgenden Nacht beginnt er sogleich, die Vorfälle in der Schulzeit und seine Schuld an Adlers Abstieg, als Binnenhandlung des Romans, aufzuarbeiten. Dabei spricht er sich in seiner Selbstkritik die moralische Integrität eines Richters ab und enthüllt sein einsames bürokratisches Leben ohne privates Glück. Beim zweiten Verhör stellt sich heraus, dass es sich um zwei verschiedene Personen gleichen Namens handelt.

Sebastian und Adler Die Hauptfiguren sind der 43-jährige Landesgerichtsrat Dr. Ernst Sebastian von Portorosso und sein ehemaliger Schulkamerad Franz Adler. Sebastian gehört als Sohn des obersten Richters der alten Monarchie in Wien der privilegierten Gesellschaftsschicht an. Der Vater hat zu seinem Sohn keine emotionale Bindung und übergibt ihn, da er Versager hasst, nachdem dieser in der QuintaQuinta entsprach damals der 5. Schulstufe, also dem Alter von etwa 10 bis 11 Jahren, Sexta der 6. Schulstufe, also dem Alter von etwa 11 bis 12 Jahren. des Schottengymnasiums beinahe durchgefallen wäre, der Fürsorge seiner Schwestern Aurelie und Elisabeth in einer anderen Stadt. Hier verbringt er seine Jugendjahre, besucht das Nikolausgymnasium und findet später eine Anstellung beim Gericht. Er lebt als Junggeselle allein in einer schönen Wohnung. Seine Frauenbeziehungen haben keinen Bestand und er weiß nicht einmal, ob er Kinder hat. Hier ähnelt er seinem Vater, der ebenfalls keine Gefühle für Kinder hatte. Während der Vater Karriere machte und dies auch von seinem Sohn erwartete, weicht dieser der Beförderung zum Prozessrichter aus. Ihm reicht es, als Untersuchungsrichter zu ermitteln und in die „Schlösser Exösterreichs“ eingeladen zu werden. Er bezeichnet sich als „Gewohnheitsmensch“, der keine Neuerungen wünsche. Allerdings gibt er im Laufe seiner Selbstbesinnung einen anderen Grund an: ihm fehle die moralische Integrität eines Richters, der Urteile über Menschen fälle und damit setzt er sich in seiner Lebensbeichte auseinander.

Franz Adlers Lebensverhältnisse sind schwierig. Sein Vater ist an einem Suizid gestorben, seine mittellose Mutter ist krank, teils bettlägerig. Der begabte, bildungsinteressierte Franz möchte studieren, doch sein Onkel und Vormund will ihn in seinem Tuchladen arbeiten lassen, damit er das Leben kennenlernt.

Erstes Verhör Zu Romanbeginn und im letzten Kapitel verhört Sebastian den Angeklagten Franz Adler, der verdächtigt wird, die Prostituierte Klementine Feichtinger erschossen zu haben. Als der Tatverdächtige zu ihm geführt wird, empfängt Sebastian ihn höflich und spricht freundlich mit ihm, wie er es immer in diesen Fällen tut. Belastende Indizien sind Adlers Besuch bei der Prostituierten am Abend des Mordes und der Besitz einer 7-mm-Browningpistole, die der Tatwaffe entspricht. Der Angeklagte wirkt eingeschüchtert, spricht wenig und beteuert seine Unschuld. In der Akte, die der Richter aufgeschlagen hat, steht: „Franz Josef Adler, geboren am 17. April 1884 in Gablonz in Böhmen.“ Das ist Sebastians Jahrgang.

Zufällig ist er an demselben Abend zum fünfundzwanzigjährigen Abitur-Jubiläum eingeladen und spricht mit den Kameraden über Adler, der als verschollen gilt (2. Kap.). Er ist überzeugt, dass der Angeklagte sein von der Klasse gehänselter ehemaliger Mitschüler ist.

Abituriententag Die Erinnerung an Franz Adler und Sebastians Schuldgefühl, für dessen Abstieg verantwortlich zu sein, verstärkt sich durch das Zusammentreffen mit seiner alten Oberschicht-Gruppe. Er wäre lieber dem Abiturientenjubiläumsabend und der Konfrontation mit der Vergangenheit, der „Qual dieses Abends“,Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 20. ferngeblieben, hat sich aber von dem freundlichen Organisator Burda zur Teilnahme überreden lassen. Von den 27 Schülern, die 1902 ihr Abitur am Nikolausgymnasium machten, ist nur etwas mehr als die Hälfte in den Adriakeller gekommen. Einige sind bereits gestorben, im Krieg gefallen, verschollen oder haben auf die Einladung nicht reagiert.

Sebastian empfindet das Treffen als „traurige[-] Lemurenversammlung“ und sich selbst als „eines der grauesten Gespenster unter Gespenstern“.Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 51. Das Bild der Klasse hat sich nach 25 Jahren wenig geändert: Man gruppiert sich nach den gesellschaftlichen Positionen, Cliquen und persönlichen Beziehungen. „Die alten Wertungen waren nicht gänzlich abzutöten.“Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 26. Sebastian erzählt von seiner Begegnung mit Franz Adler. Faltin widerspricht, Adler sei in New York. Dann fängt man an, den Gedanken, dass Adler ein Mörder sein könnte, aufzunehmen, beklagt das Schicksal des hochbegabten, aber unglücklichen Jungen und bedauert, sich zu wenig um ihn gekümmert zu haben.

Rekonstruktion der Vergangenheit Als Sebastian in der Nacht nach dem Abituriententreffen nach Hause kommt, setzt er sich an seinen Schreibtisch und beginnt, seine Erinnerungen in Kurzschrift aufzuschreiben. Daraus wird eine Lebensbeichte. In Erinnerungen an seine Gymnasialzeit fühlt er sich am Schicksal Adlers mitschuldig. Als er am Morgen müde die „paar wirrgekritzelte[n] Blätter“Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 89. vor sich sieht, will er sich mit schwarzem Kaffee wach halten: „Unser Leben muss restlos erweckt sein“.Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 89. Er hat den Anspruch, sich vor „Willkürlichkeiten‘“ zu hüten: „Nur keine falschen Kausalitäten in die Dinge tragen! Material, weiter nichts! […] Tatsachenmaterial! Meine Aufgabe ist es nicht, eine Beichte abzulegen, um mich zu entlasten oder mich anzuklagen […] meine Aufgabe ist es, mich zu verhören“.Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 91. Er hat Angst, einzuschlafen und „den ziehenden Bildern im Bette hilflos ausgeliefert zu sein.“Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 89. Doch genau das passiert. Er schläft ein und steigert sich alptraumartig immer mehr in die Erinnerungen an die Abenteuer und Abwege der 17-jährigen Gymnasiasten (Kap. 5 und 6), in seine Selbstvorwürfe bzw. seine Rettungsversuche, hinein und rechnet mit sich ab.

Rivalität Mit dem Eintritt des 16-Jährigen Ernst in die Sexta des Klassenlehrers Professor Kio beginnt eine schwere Zeit. Das Wissensniveau der Schüler ist höher als in seiner Wiener Klasse und er erzielt keine guten Leistungen. Nur durch den Stand seines Vaters wird er von den Einheimischen akzeptiert und in den Kreis der „Geistiggerichteten“ aufgenommen, der sich der Sportgruppe, der „Bewegungspartei“ und dem „Lumpenproletariat“, zu dem Komarek, der Klassengesellschaftskritiker, zählt, überlegen fühlt. Dort ist Franz Adler der Anführer. Er ist zwar arm und mit seinem sehr großen Kopf und seinen ungelenken Bewegungen nicht attraktiv, zählt aber zu den besten Schülern und gilt als hochbegabter Dichter und Denker. Im Kulturkreis seiner Mitschüler Bland, Faltin, Ressl, Burda und Schulhof trägt er sein Kaiser-Friedrich-Drama eindrucksvoll vor.

Auch Ernst hat schon einige Gedichte geschrieben und er gibt vor, diese seien im Sonntagsblatt der Wiener „Zeit“ unter einem Pseudonym veröffentlicht worden. Nun wird er zur Lesung beim nächsten Treffen aufgefordert. Da seine kleinen Werke nur amateurhaft und wenig originell sind, wählt er aus der Bücherei seiner Tante zwei Texte des verschollenen Revolutionspoeten aus den 1848er Jahren Justus Frey aus. Vom Gedicht „Was nennt ihr groß?“ sind alle begeistert und er steigt in der Anerkennung seiner Klassenkameraden Burda und Schulhof. Adler allerdings reagiert skeptisch und wundert sich darüber, dass Sebastian sich für die Revolution gegen Napoleon interessiere, und vermutet eine Übersetzung aus dem Französischen. Um seinen plötzlichen Ruhm zu erhalten, schlägt Sebastian die Gründung eines Lesezirkels vor, der Dramen mit verteilten Rollen rezitiert. Dadurch steigt seine Rivalität zu Adler, der seine Position gefährdet sieht und ihn, als er sich die Rolle des Franz Mohr aus Schillers Die Räuber zuteilt, in seine Schranken weisen will: „Sei froh dass du überhaupt mittun darfst, und warte auf die Rolle, die man dir zuweisen wird.“Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 65. Sebastian merkt, dass Adler seine mangelnde Begabung spürt, und droht mit dem Austritt aus dem Club. Er setzt sich jedoch bei den Freunden durch und erhält die begehrte Rolle.

Rachefeldzug Sebastian kann den Affront Adlers und den Zweifel an seiner Begabung nicht vergessen und beginnt mit einem Rachefeldzug, der mit seinem Spott an den Turnübungen des unsportlichen Adlers beginnt: Als dieser am Barren eine lächerliche Figur macht, lacht Sebastian höhnisch und alle anderen sowie der Lehrer fallen ein. Beim Umziehen beginnt Adler einen Ringkampf mit Sebastian, unterliegt aber. Danach ist er so verunsichert, dass er selbst im Deutsch- und Lateinunterricht immer häufiger versagt, und er verliert jede Selbstachtung.

Zwar setzt Sebastian seinen Spott nicht fort, aber er hat sich bereits verbreitet, auch bei seinen Anhängern, und richtet sich jetzt auch auf Adlers körperliches Ungeschick, seine tiefsinnig-umständliche, teils mystisch-verworrene Sprechart. Adler wehrt sich nicht gegen „das Werk der Vernichtung“,Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 71. sondern übernimmt sogar den Spott. In seiner „Selbstironie“ liegt „Selbstmord“: „Mein rachsüchtiges Lachen war in seiner Seele stecken geblieben […] Mit diesem krampfartigen Lachen zerstörte er von Stund auf an sich selbst. Nicht nur die andern, auch er war von sich selbst abgefallen.“Franz Werfel: Der Abituriententag. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 1959, S. 73. Während Sebastian seine Position bei den Lehrern festigt, beginnt Adlers Niedergang. Einer nach dem andern wenden sich die Lehrer von ihm ab.