mini|Juli Zeh auf der Frankfurter Buchmesse 2018

Juli Zeh (bürgerlich Julia Barbara Finck, geborene Zeh; * 30. Juni 1974 in Bonn) ist eine deutsche Schriftstellerin, Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg.

Leben Zehs Vater ist der ehemalige Direktor beim Deutschen Bundestag (2002–2006) Wolfgang Zeh..

Zeh besuchte die Otto-Kühne-Schule in Bonn und legte dort das Abitur ab. Anschließend studierte sie als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes Rechtswissenschaften mit Studienschwerpunkt Völkerrecht an der Universität Passau, der Jagiellonen-Universität in Krakau, der New York University und der Universität Leipzig. 1998 legte sie in Sachsen das erste Staatsexamen als Jahrgangsbeste und 2003 das zweite Staatsexamen ab.Jacqueline Thör: Kurzbiographie Juli Zeh. In: uni-due.de, abgerufen am 30. Januar 2019.

Nach einem Praktikum bei den Vereinten Nationen (UNO) in New York folgte ein juristischer Aufbaustudiengang „Recht der Europäischen Integration“, den sie als Magistra der Rechte (LL.M.Eur.) abschloss.

Ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig hatte Zeh 1996 noch vor Abschluss des Jurastudiums begonnen und im Jahr 2000 mit dem Diplom abgeschlossen.

2010 wurde Zeh an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken zum Dr. iur. promoviert. Ihre Dissertation behandelt die Rechtsetzungstätigkeit von UN-Übergangsverwaltungen. Sie wurde dafür mit einem Deutschen Studienpreis der Hamburger Körber-Stiftung ausgezeichnet.

Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Seit 2007 lebt Zeh in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg;Charlotte Haunhorst und Verena Mayer im Interview mit Juli Zeh: „Die Stadt ist wie ein großes Tier.“ Die Schriftstellerin Juli Zeh lebt auf dem Land, aber genießt das Gefühl, in der Großstadt zu sein. In ihrem Berliner Lieblingscafé spricht sie darüber, was Städte mit Menschen machen. In: Süddeutsche Zeitung PLANW, Ausgabe 02, 2016, S. 10. zuvor hatte sie viele Jahre in Leipzig gelebt. Sie ist mit dem Schriftsteller David Finck verheiratetMorten Freidel: Frankfurter Poetik-Vorlesung. Dauergast in der Ewigkeit. In: FAZ, 12. Juni 2013, abgerufen am 14. Dezember 2018.Ulrike Hark, Bettina Weber: Gespräche 2011. „Es gibt nichts Teureres als ein langes Leben“. Die Schriftstellerin Juli Zeh kritisiert die zunehmende Bevormundung der Bürger durch den Staat mit Geboten und Verboten und den fehlenden Willen zum Widerstand. Die Gesellschaft werde pathologisiert. In: tagesanzeiger.ch, 28. Dezember 2011, abgerufen am 14. Dezember 2018. und Mutter zweier Kinder.Ein Besuch bei Juli Zeh. Clash der Dorfkulturen. In: Der Tagesspiegel. 29. Mai 2016, abgerufen am 14. November 2017.

Sie ist Reiterin und setzt sich in ihren Büchern Gebrauchsanweisung für Pferde und Socke und Sophie mit dem Verhältnis von Pferd und Mensch auseinander.

Neben ihrer literarischen Arbeit betätigt sich Juli Zeh auch journalistisch. Sie schreibt u. a. Essays für Die Zeit und die FAZ. Von Mai bis Oktober 2014 verfasste sie (im regelmäßigen Drei-Wochen-Wechsel mit Jakob Augstein und Jan Fleischhauer) die Kolumne Die Klassensprecherin im Spiegel.Marvin Schade: „Verräterische Stille“ hieß ihr letzter Kolumnen-Beitrag für den Spiegel. Juli Zeh scheidet still und heimlich aus. In: Meedia.de. 21. Oktober 2014, abgerufen am 10. März 2022. Für die Pioneer AG von Gabor Steingart moderiert sie einen literarischen Podcast.Juli Zeh. In: thepioneer.de, abgerufen am 13. September 2023.

Am 12. Dezember 2018 wurde Juli Zeh vom Brandenburgischen Landtag auf Vorschlag der SPD-Fraktion zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt und am 30. Januar 2019 im Brandenburger Landtag vereidigt.Video: Brandenburger Landtag. Schriftstellerin Juli Zeh als Verfassungsrichterin vereidigt. In: rbb24.de, 30. Januar 2019, abgerufen am 28. Mai 2020.

Schriftstellerisches Werk mini|Juli Zeh, 2011

Juli Zehs Debütroman Adler und Engel (2001) – in 35 Sprachen übersetzt – spielt im Milieu international tätiger Juristen und der Drogenmafia. Der Biographie der Autorin entsprechend hat der Roman einen juristischen Gehalt: Er thematisiert das Völkerrecht und damit eine „sehr spezielle Rechtsform, die eigentlich den Charakter oder den Namen Recht nur zur Hälfte verdient,“ weil es in „jeder Sekunde immer noch im Entstehen begriffen“ sei, sich „ständig mit [seinem] eigenen Untergang konfrontiert“ sehe und „mit [seiner] eigenen Wirkungslosigkeit.“Über Recht und Literatur. Ein Gespräch mit Juli Zeh und Martin Mosebach, geführt von Britta Lange und Hermann Weber, abgedruckt in: Hermann Weber (Hrsg.): Literatur, Recht und Musik. Tagung im Nordkolleg Rendsburg vom 16. bis 18. September 2005. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8305-1339-1, S. 183–204, hier S. 189.

Das 2002 veröffentlichte Reisetagebuch Die Stille ist ein Geräusch ist das Ergebnis einer Reise nach Bosnien und Herzegowina im Sommer 2001, nur mit ihrem Hund als Begleitung. Es geht um die tiefe Verstörung der Menschen angesichts der Nichtbeachtung ihres zerstörten Landes durch die Völkergemeinschaft, das Nicht-Gesehen-Werden durch Europa: „Hier liegt das Skelett des Landes frei. Hier wohnt der Tod in den Falten üppigster Natur.“Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien. Schöffling, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-442-73104-6 ().

Ein Hund läuft durch die Republik (2004) ist eine gemeinsam mit David Finck und Oskar Ters herausgegebene Anthologie mit Erzählungen junger Bosnier in deutscher Sprache über die Situation in ihrem Land.

Der Schauplatz des Romans Spieltrieb (2004) ist ein Gymnasium in Zehs Heimatstadt Bonn. Die Protagonisten sind Schüler und Lehrer der Schule, an deren Verhalten und Einstellungen exemplarisch die rechtsphilosophische Frage nach der objektiven Existenz von Recht und Unrecht thematisiert wird. Mit einem Auszug aus dem Roman nahm Juli Zeh 2004 am Ingeborg-Bachmann-Preis teil. Ihr Text stieß auf geteiltes Echo bei der Jury. Der Roman erreichte allerdings ein breites Publikum und erhielt in den deutschen Feuilletons überwiegend positive Rezensionen. Bernhard Studlar erarbeitete aus diesem Roman ein gleichnamiges Bühnenstück, das am 16. März 2006 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wurde. Der Roman wurde 2013 von Gregor Schnitzler unter dem Originaltitel Spieltrieb mit Michelle Barthel in der Hauptrolle verfilmt.

Das Kleine Konversationslexikon für Haushunde mit Fotografien von David Finck erschien 2005. Darin erklärt Othello, der Haushund einer Schriftstellerin, die Welt, wie sie wirklich ist – aus dem Blickwinkel eines Hundes.

Alles auf dem Rasen, erschienen im März 2006, ist ein Sammelband von 30 Essays.

Der im Jahr 2007 veröffentlichte Roman Schilf verbindet eine Kriminalhandlung um zwei elitäre Physiker mit Reflexionen zum Charakter der Zeit. Er wurde bereits im Erscheinungsjahr von Bettina Bruinier und Katja Friedrich dramatisiert und am 13. Dezember 2007 am Münchner Volkstheater uraufgeführt. Für ihre Inszenierung wurde Bruinier mit dem „Stern des Jahres der Münchner Abendzeitung“ ausgezeichnet. Die österreichische Erstaufführung erfolgte 2012 am Wiener Kosmos Theater.

Das Theaterstück Corpus DelictiChristopher Schmidt: Die Erfindung der Realität. Über Juli Zehs Theaterstück Corpus delicti. In: Sprache im technischen Zeitalter. 46, 2008, Heft 187, S. 263–269. spielt im Jahr 2057. Grundlage des gesamten Staatswesens ist die Methode geworden; das heißt, der Staat zwingt seine Bürger zu gesundheitlicher Prävention und behandelt selbst das Rauchen einer Zigarette als Delikt. Das Drama wurde bei der Ruhrtriennale 2007 uraufgeführt. Der gleichnamige Roman Corpus Delicti: ein Prozess erschien 2009. Corpus Delicti – Eine Schallnovelle entwickelte Zeh zusammen mit der Band Slut 2009 als eine Mixtur aus Hörspiel und Musik. Die Live-Umsetzung enthielt zusätzlich noch Elemente aus Videokunst und Theater. Im Frühjahr 2020 inszenierte Antje Thoms am Deutschen Theater Göttingen eine Adaption des Stücks als – wegen der aktuellen COVID-19-Pandemie-Auflagen – in einer örtlichen Tiefgarage abzufahrender Auto-Theater-Parcours.Tiefgaragen-Inszenierung in Göttingen. Leben in einer Gesundheitsdiktatur. Michael Laages im Gespräch mit Gabi Wuttke. In: Deutschlandfunk Kultur. 9. Mai 2020, abgerufen am 26. Mai 2020.

Ebenfalls noch 2009 veröffentlichte Zeh zusammen mit Ilija Trojanow das Buch Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte. Im Rahmen der Buchvorstellung kritisierten die beiden Autoren, dass der Staat unter dem Deckmantel der Terrorabwehr immer weiter in die Privatsphäre seiner Bürger vordringe.Peter-Michael Ziegler: Neues Buch: „Angriff auf die Freiheit“. In: heise.de. 12. August 2009, abgerufen am 28. April 2020. Beide erklärten, dass der Staat nicht nachträglich Straftaten aufklären, sondern durch den Blick in die Zukunft verhindern möchte. Er suche nach Verdächtigen, die Delikte planen; dazu wolle er seine Bürger umfassend überwachen. Die beiden warnten davor, zu glauben, unser Staat sei eine Demokratie und kein Unrechtsstaat und könne daher die aus der Überwachung resultierende Macht nicht missbrauchen. Es gebe kein per se „gutes“ System. Je mehr Macht der Staat konzentriert, umso größer sei die Gefahr von Missbrauch. Es drohe ein totalitärer Überwachungsstaat unter dem Slogan „Big Brother is Watching You“ wie in 1984, gegen den wir einen Kampf um unsere Freiheit und Privatsphäre führen müssen.Ilija Trojanow, Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte. München 2014, S. 65, 80, 131 und 137.

Im Jahr 2010 wurde sie im Dokumentarfilm Amok – Anatomie des Unfassbaren zu den Ursachen von Amokläufen befragt.

Der 2012 publizierte Roman Nullzeit schildert aus zwei unterschiedlichen Perspektiven eine Dreiecksbeziehung, die sich während eines Tauchurlaubs auf Lanzarote entwickelt. Der Roman ist nach Aussagen der Autorin sowohl „Psychothriller“ als auch „Beziehungskiste“. In ihm spiegelt sich auch Juli Zehs Begeisterung für das Sporttauchen, das sie 2010 gelernt hat.Michael Grüttner: Interview mit Juli Zeh. In: DiveInside, 1. August 2012, abgerufen am 6. Dezember 2018.