mini|Rembrandt Peale, Porträt Jean-Antoine Houdon, Öl auf Leinwand, 1808, Pennsylvania Academy of the Fine Arts mini|Louis-Léopold Boilly, Houdon in seinem Pariser Atelier mit Lehrlingen, im Hintergrund die Sitzstatue Voltaires. Öl auf Leinwand, nach 1803, Musée d’Art Thomas Henry, Cherbourg-Octeville Jean-Antoine Houdon (* 20. März 1741 in Versailles; † 15. Juli 1828 in Paris) war ein französischer Bildhauer der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sein facettenreiches Werk widmet sich sowohl religiösen als auch mythologischen Themen. Neue Maßstäbe setzte er im Fach des plastischen Porträts.

Vielfach replizierte Büsten prominenter Persönlichkeiten in Frankreich, Deutschland, Russland und den Vereinigten Staaten machten ihn einem breiten Publikum bekannt. In ihren individualistischen Physiognomien spiegelt sich der umfassende gesellschaftliche Wandel, der die Jahre der Aufklärung kennzeichnet. Jean-Antoine Houdon prägte die Gesichter einer neuen bürgerlichen Öffentlichkeit.

Entsprechend internationaler Auftraggeber-Kreise sind Werke des Künstlers in vielen Sammlungen und an öffentlichen Plätzen in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika zu sehen. Eine konzentrierte Präsentation zeigt das Herzogliche Museum Gotha. Die thüringische Sammlung umfasst insgesamt 22 Objekte, die vornehmlich aus den frühen Schaffensjahren des Bildhauers stammen.

Jean-Antoine Houdon war Mitglied im Bund der Freimaurer und gehörte der Philosophenloge Neuf Sœurs in Paris an. Hoch geschätzt, wurde er unter Napoléon zum Chevalier de la Légion d’Honneur (1804) wie zum Chevalier de l’Empire (1809) ernannt.

Leben und Wirken

Jugend in Versailles und Paris Jean-Antoine Houdon wuchs im Umfeld des französischen Hofes auf. Sein Vater, ein kleinerer Bediensteter, pflegte die Königlichen Gebäude und Gärten in Versailles. Das änderte sich, als die Familie 1742 nach Paris zog. Houdons Vater übernahm die Stelle eines Concierge an der École royale des élèves protégés. In diesem Milieu wurden die Bahnen für die Karriere seines Sohnes gelegt:

Akademische Ausbildung in Paris und Rom: 1756–1768 mini|Écorché (Muskelmann) mit ausgestrecktem Arm, auf dem Baumstamm signiert: houdon/ f. Romae/ 1767, Gips, weiß bemalt, 185 cm × 79 cm; Herzogliches Museum GothaErfolgreich bewarb sich Jean-Antoine Houdon mit 15 Jahren für eine Bildhauerlehre an der École de l’Acadèmie royale, einer der Akademie angegliederten Kunstschule. Bereits 1756 mit einer Silbermedaille ausgezeichnet, nahm ihn René-Michel Slodtz zwei Jahre später in seine Klasse auf. Zu den prägendsten Lehrern des talentierten Lehrlings zählten auch Jean-Baptiste Pigalle und Jean-Baptiste Lemoyne.

1761 gewann Jean-Antoine Houdon den ersten Preis für Skulptur. An diesen war ein dreijähriges Stipendium für den Besuch der École royale des élèves protégés geknüpft, der Arbeitgeberin seines Vaters. Mit ihm qualifizierten sich auch Pierre Julien, Martin-Claude Monot und Louis-Simon Boizot. Weiterhin unter den Besten, erhielt er 1764 das Brevet für einen dreijährigen Aufenthalt an der Académie de France à Rome. Hier bot sich die Möglichkeit, nicht nur die Antike zu studieren, sondern auch anatomische Studien zu betreiben.

Mit einem Bildhauerdiplom kehrte Jean-Antoine Houdon Ende des Jahres 1768 nach Paris zurück und wurde am 23. August 1769 als Agréé der Akademie de France bestätigt.

Erster Auftritt im Pariser Salon du Louvre 1769 Wenige Tage später waren einige seiner in Rom entstandenen Werke im Salon du Louvre zu sehen, darunter die Statuette eines Luperkalien-Priesters, die Statuen eines Johannes des Täufers und eines Heiligen Brunos. Besonderes Aufsehen erregte seine lebensgroße Anatomiestudie (Ecorché), für die er Chirurgen konsultiert hatte. Sie diente ihm zur Vorbereitung einer Statue des Johannes. Im Salon von 1771 präsentierte Houdon neben einer Büste Diderots den Gipsentwurf eines schlummernden Morpheus, dessen verkleinerte Marmorausführung 1777 als Aufnahmestück von der Akademie angenommen wurde.

Schlüsseljahre in Gotha 1771–1773: Der Traum von einer Bildhauerakademie mini|Medaillon, Ernst II. Sachsen-Gotha-Altenburg, bronze-farben gefasster Gips in vergoldetem Holzrahmen, signiert: houdon ft.1773, Gotha Herzogliches Museum Eine entscheidende Rolle für den weiteren Lebensweg sollte Friedrich Melchior Grimm spielen. Der Paris-Korrespondent und Herausgeber der exklusiven Correspondance littéraire, philosophique et critique war eine wichtige Vermittlerfigur zwischen dem aufblühenden intellektuellen Kulturzentrum Paris und verschiedenen deutschen Höfen, die die Ideale der Aufklärung teilten.

Auf Grimms Empfehlung hatte sich der junge Ernst II. (Sachsen-Gotha-Altenburg) 1768 auf Kavalierstour nach Paris begeben. Dort war er mit Denis Diderot und möglicherweise auch dem Bildhauer Jean-Antoine Houdon in Kontakt gekommen, der soeben aus Rom zurückgekehrt war.

1771 betraute Ernst II. diesen vielversprechenden ehemaligen Romresidenten mit einem Projekt, das ihm ein ernsteres Anliegen war. Seiner verstorbenen Mutter, der Voltaire-Freundin Luise Dorothea, sollte in der Gothaer Margarethenkirche ein Grabmal errichtet werden. Auf Kosten des Direktors der Batiments du Roi bereiste Houdon infolgedessen zwei Mal die thüringische Residenz. Zwischen Künstler und Herzog entfaltete sich ein lebenslanges Freundschaftsverhältnis.

Ein erster Gotha-Aufenthalt des Bildhauers ist vom 12. Oktober bis zum 20. Dezember 1771 belegt. In seinem Gepäck führte er ein Terracotta-Modell für das geplante Grabmal mit. Vor Ort traf er auf den ehemaligen Porzellanmaler Friedrich Wilhelm Eugen Doell, der ihm zur Seite stehen und später sein Lehrling in Paris werden sollte.

Jean-Antoine Houdons Aufenthalt verlängerte sich über das vorgesehene Maß hinaus. Zu sehr war er damit beschäftigt, verschiedene Mitglieder der herzoglichen Familie zu porträtieren, und auch befreundete Vertreter anderer deutscher Höfe warteten ihm auf.Mathies 2003, S. 42

Zurück in Paris, sandte Jean-Antoine Houdon 1772 drei Kisten mit 16 Gipswerken in die thüringische Residenzstadt, darunter den soeben im Salon von 1771 präsentierten Morpheus. Seine ungeschönten, zerlegten Gips-Modelle, so der Bildhauer in einer vorausgesandten Erklärung vom 20. Juli 1772, vermittelten auf authentische Weise seinen künstlerischen Arbeitsstil. Über die Gipswerke hinaus enthielt die Lieferung auch Abgüsse nach der Antike, Drucke, Zeichnungen sowie Medaillen. Anhand des Schreibens, das sich in der Forschungsbibliothek Gotha erhalten hat, identifizierte Anne L. Poulet den Inhalt der Sendung als Grundstock einer akademischen Lehr- und Vorbildersammlung.

Schreiben Jean-Antoine Houdons an Ernst II. (Beilage in der Korrespondenz Friedrich Melchior Grimm vom 20. Juli 1772)

Mit der Absicht, Künste und Handwerk am Ort seiner Residenz zu fördern, lag Ernst II. ganz in der Zeit, die einer Welle von Kunstschulgründungen entgegensah:

So war wenige Jahre zuvor in Dresden 1764 eine Akademie der zeichnenden und bildenden Künste für Maler, Bildhauer, Kupferstecher und Architekten gegründet worden und in Leipzig hatte Adam Friedrich Oeser soeben die Leitung einer Zeichenakademie übernommen.

Heute sind die überstellten Exponate im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen. Sie bieten nicht nur den vollständigsten Überblick über sein Frühwerk, sondern liefern der Forschung auch wichtige Anhaltspunkte, um die häufig und in unterschiedlichen Materialien und Größenverhältnissen wiederholten Werke Houdons zu datieren, zuzuschreiben und in ihrer Machart zu analysieren.

Ein zweites Mal kehrte Jean-Antoine Houdon vom 24. April 1773 bis zum 1. Juli 1773 nach Gotha zurück. Da auch der Herzogsvater, Friedrich III., unterdessen verstorben war, bedurfte das projektierte Grabmal weiterer Anpassungen. Beide Eltern sollten berücksichtigt werden. Letztendlich gelangte es nicht zur Ausführung, sondern mündete vielmehr einige Jahre später in den Auftrag für die Skulptur einer Diana (1776). Die griechische Göttin hätte in dem englischen Garten der Residenz Gotha Aufstellung finden sollen.

Umzug in die Bibliothèque du Roi (1775): Das Pariser Houdon-Atelier wird zum Treffpunkt internationaler Eliten mini|Jean-Antoine Houdon, Büste der Opernsängerin Sophie Arnould in der Rolle der Iphigénie in der gleichnamigen Oper von Willibald Gluck (Iphigénie auf Tauris), Ausführung in Marmor, Paris, Musée du Louvre. Auf der Rückseite signiert und datiert: SOPHIE ARNOULD, Houdon F. 1775

1775 bezog Jean-Antoine Houdon ein repräsentatives Atelier im Gebäude der Bibliothèque du Roi in der Rue Richelieu. Das Etablissement, das bald auch Funktionen eines Schauraumes erfüllte, wurde Treffpunkt politischer, künstlerischer und intellektueller Eliten aus aller Welt. Viele von ihnen bestellten Bildnis-Büsten, die der Bildhauer in unterschiedlichen Materialien (Gips, Terracotta, Bronze, Pappmaché) und Preislagen herzustellen und auch zu replizieren wusste. So etwa ließ die renommierte Opernsängerin Sophie Arnould, ihr Porträt in Marmor ausführen und wies das Atelier an, weitere 30 Kopien in Gips und Ton zu liefern. Auch von dem Komponisten Willibald Gluck, der der Sängerin mit der Rolle der Iphigénie zu ihrem sensationellen Erfolg verholfen hatte, fertigte der Bildhauer Büsten, die in dem Verismus seines pockennarbigen Antlitzes alle bisherigen Darstellungskonventionen sprengte. Wie Houdon die wirtschaftlichen, finanziellen und unternehmerischen Herausforderungen solcher Großbestellungen meisterte, ist bisher nicht bekannt.

Mit seinen plastischen Porträts kam Jean-Antoine Houdon einem Bedürfnis seiner Zeit zu neuen Formen der Öffentlichkeit entgegen, das sich besonders auf die Verbreitung von Gesichtern konzentrierte und dem modernen Starkult den Weg bereitete: Im Kern des Interesses standen nicht mehr die Repräsentation von Stand und Funktion einer Person, sondern die individuelle Physiognomie des freien, ungeschönten Menschen und eine situativ zu lesende Psychologie.

Aus Houdons Werk spricht, so der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer, eine neue physiognomische Neugier, die nach dem Gesicht als dem Spiegel einer modernen beweglichen Intellektualität und der Sentimentalität des Genies fragt.

Mit der dargestellten Prominenz wuchs auch jene des Bildhauers. Die Intellektuellen-Galerie in Gotha fand breite Resonanz in umliegenden deutschen Fürstenhöfen, die sich ebenfalls nach Paris orientierten und damit Gesinnungsloyalität zeigten. In der Stadt an der Seine war Houdon im Salon von 1775 mit 25 Exponaten stark vertreten.Höcherl 2009, S. 279

In die Weimarer Klassik ging Houdon insofern ein, als Carl August oder auch Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach ihre Sammlungen mit seinen Werken vervollständigten. So schaffte u. a. Carl August eines jener Porträts des Komponisten Christoph Willibald Gluck an. 1775 hatte er ihn selbst kennengelernt. Houdons Porträtbüsten von Diderot, Voltaire und Rousseau zierten auch das Wittumspalais Anna Amalias.

Sinnlichkeit als Strategie – Appelle an das Einfühlungsvermögen

mini|Jean-Antoine Houdon, Diana. Bronze, auf dem Sockel beschriftet: HOUDON. F. 1790, Musée du Louvre, Paris mini|Jean-Antoine Houdon, Die Fröstelnde (La Frileuse), nach 1783; Papiermaché (Ludwigsluster Carton) Gotha Herzogliches Museum

Schon in der Entwurfsphase für die Skulptur einer Diana, mit der Houdon von Ernst II. 1775 beauftragt wurde, deutet sich eine entscheidende Entwicklung an. Das 1776 entstandene Gipsmodell zeigt eine jugendliche, nackte Frauengestalt. Sie scheint herabzuschweben und hat kaum den linken Fuß auf die Erde gesetzt. Erkundend blickt sie in den Raum, Pfeil und Bogen in den Händen. Eine kleine Mondsichel schmückt ihr Haar und verrät ihre göttliche Herkunft.