Das Kastell Osterburken war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am sogenannten „Vorderen Limes“ des Obergermanisch-Rätischen Limes zuständig war. Die zum UNESCO-Welterbe gehörende Anlage liegt rund 455 Meter westlich der Limesstraße am Südhang des Kirnautales in der Hager Flur.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0242-7, S. 49. Die teilweise noch sichtbaren und konservierten Baureste befinden sich in der zum Neckar-Odenwald-Kreis gehörenden baden-württembergischen Stadt Osterburken in der Bundesrepublik Deutschland. Neben dem Kastell, das durch einen nachträglichen Anbau zum Doppelkastell wurde, sind insbesondere die teilweise gut datierbaren Bauten und wertvollen Funde aus dem Bereich des ausgedehnten römischen Lagerdorfes (Vicus) überregional bekannt geworden. Osterburken gehört damit zu den wichtigsten archäologischen Referenzpunkten an diesem Limesabschnitt.

mini|Model des Kastells im Römermuseum Osterburken.

Lage mini|Der Vordere Limes mit dem älteren, westlicher gelegenen Neckar-Odenwald-Limes mini|Osterburken und das Kastell zur Zeit der Reichs-Limeskommission mini|Blick über die Mauern des Kastells auf Osterburken. Das in einer flachwelligen Hügellandschaft gelegene Gebiet wurde schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt. So kam während der Grabungen 1867 im Kastellareal ein bronzezeitlicher Hort ans Licht.Ulrike Wels-Weyrauch: Die Anhänger und Halsringe in Südwestdeutschland und Nordbayern. Beck, München 1978, ISBN 3-406-00771-6, S. 164. Die römischen Geometer errichteten das Kohortenkastell im engen Talgrund der von Nordosten nach Südwesten fließenden Kirnau, einem in der Antike teilweise sehr feuchten, hochwassergefährdeten Standort,Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0242-7, S. 55. dessen Böden von kalkreichen Mergeln geprägt sind.Udelgard Körber-Grohne: Gramineen und Grünlandvegetationen vom Neolithikum bis zum Mittelalter in Mitteleuropa. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1990, ISBN 3-510-48010-4, S. 71.

Die Sicht der in dieser Garnison diensttuenden Soldaten war durch die aufsteigenden Hänge im Norden und Süden stark begrenzt. In nordöstlicher Richtung konnte der die Talaue von den Hängen hinab quer durchschneidende Limes jedoch unmittelbar eingesehen werden. Zudem standen an dem nördlichen und südlichen Hang zwei Limeswachtürme (Wp 8/28 und Wp 8/29), die im Bedarfsfall Signale senden konnten. Problematisch blieb jedoch die den Lagerplatz weit überhöhende südliche Talflanke, von der aus potentielle Gegner ihre Angriffe sehr leicht hätten vortragen können. Die hydrologischen und militärischen Nachteile dieser Gründung machte in den Augen der Planer offensichtlich die unmittelbare Nähe zum Fluss wieder wett. Mit ihrer nordwestlichen Flanke lag die Fortifikation rund drei Meter über der Talsohle unmittelbar am Fluss. So konnte der die römische Reichsgrenze passierende Schiffs- und Straßenverkehr lückenlos überwacht werden. Auch an anderen Kastellplätzen – wie am südlicher gelegenen Kleinkastell Sindringen – lässt sich beobachten, wie zuungunsten eines besseren Lagerplatzes das schwieriger zu beherrschende Flussufer vorgezogen wurde. Der provinzialrömischer Archäologe Dietwulf Baatz (1928–2021) glaubte in der „sorglose[n] Platzwahl“ die Selbstsicherheit der Römer erkennen zu können, die in der Gegend von Osterburken offensichtlich nicht mit dem Verteidigungsfall rechneten.Dietwulf Baatz: Der römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. Mann, Berlin 1993, ISBN 3-7861-1701-2, S. 229.

Das nachträglich errichtete, im Grundriss unregelmäßig geplante Annexkastell grenzte unmittelbar an die südöstliche Wehrmauer. Auch die topographische Lage dieses Anbaus war nicht problemlos zu bewältigen, da der Talhang vom südöstlichen Tor der ursprünglichen Garnison bis zum entsprechenden Tor des Annexkastells rund 22 Höhenmeter ansteigt. Die dort auf abschüssigem Grund lagernden Soldaten hatten zeitweilig mit Hangwasser zu rechnen und mussten sich entsprechend um eine allzeit betriebs- und leistungsfähige Drainage kümmern.

Möglicherweise war der Aufwand, mit dem der Anbau errichtet und erhalten werden musste, der ungeschickten Platzwahl des älteren Kohortenkastells geschuldet. Den Strategen waren die wachsenden Gefahren am Vorderen Limes zwischenzeitlich wohl bewusst geworden, daher sicherten sie mit diesem Annex unter anderem auch die bis dahin bedrohte Hangseite des Kastells.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 315.

Forschungsgeschichte Der Name der Flur Hager beziehungsweise Hagenacker weist indirekt auf den Kastellplatz hin. Die Schuttwälle der antiken Wehrmauer waren im 19. Jahrhundert noch gut sichtbar und die Bauern warfen römische Mauersteine, die beim Pflügen im Kastellareal aus dem Boden kamen, auf die Wälle, so dass ein Hag – ein umfriedeter Bereich – den Lagerplatz andeutete. Am Kastell standen auch die Reste eines Kalkofens, den bereits der Gelehrte Christian Ernst Hanßelmann (1699–1776) gesehen hatte.Karl Wilhelmi: Siebter Jahresbericht an die Mitglieder der Sinsheimer Gesellschaft zur Erforschung der vaterländischen Denkmahle der Vorzeit. Sinsheim 1840, S. 77. Ein großes Problem stellte in Osterburken schon früh die Raubgräberei dar, die 1892 im Bauländer Boten angesprochen wurde. Problematisch war damals auch der zur Tagesordnung gehörende Steinraub, durch den die Substanz der Kastelle schwere Verluste erlitt.Britta Rabold, Egon Schallmayer, Andreas Thiel: Der Limes. Die Deutsche Limes-Straße vom Rhein bis zur Donau. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1461-1, S. 78.

Bereits 1840 berichtete der Altertumspionier Karl Wilhelmi (1786–1857) über seine umfangreicheren „Aufgrabungen von Römischen Trümmern“ im Kastell und im Lagerdorf. Außerdem legte er dar, dass „schon seit langer Zeit her“ römische Münzen, Gegenstände und Steindenkmäler aus Osterburken bekannt geworden waren. Explizit erwähnte er unter anderem eine Inschrift der Legio VIII Augusta, die „1717 oder 1718“ beim Pflügen ans Licht kam. Zudem war ihm der Fund des 1826 entdeckten Kastellbads I bekannt.Karl Wilhelmi: Siebter Jahresbericht an die Mitglieder der Sinsheimer Gesellschaft zur Erforschung der vaterländischen Denkmahle der Vorzeit. Sinsheim 1840, S. 73, 76. Weitere Untersuchungen an diesem Bad fanden partiell in den Jahren 1973 im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege unter der Leitung des Archäologen Rolf-Heiner BehrendsDietwulf Baatz: Gestempelte Ziegel der 22. Legion aus dem Kastellbad von Osterburken (Grabung 1973). In: Dietwulf Baatz, Rolf-Heiner Behrends: Untersuchungen am römischen Kastellbad in Osterburken, Neckar-Odenwald-Kreis. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. 3, Stuttgart 1977, S. 265ff.; hier S. 271. und 1983 statt.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0242-7, S. 51. Erst größere Neubaumaßnahmen an der Fundstelle ließen 2004 und 2005 eine umfassende GrabungDieter Planck: Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 246. und Neubewertung zu. Die Leitung dieser Untersuchungen lag in den Händen des Archäologen Klaus Kortüm.

Im Jahre 1861 wurde auf dem rechten Kirnauufer an der Bofsheimer Straße das berühmt gewordene Mithrasrelief entdeckt, von dem sich eine Kopie heute im Römermuseum von Osterburken befindet.Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer: Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 468.

Durch die Grabungen des Mannheimer Altertumsvereins 1867 wurde die Existenz eines Doppellagers erstmals belegt. 1892 nahm die Reichs-Limeskommission (RLK) unter der Leitung des Streckenkommissars Karl Schumacher (1860–1934) ihre umfassenden Untersuchungen in beiden Kastellarealen auf und schloss sie 1893 ab. Die heutige Hagerstraße zeichnet auf dem Areal des Kohortenkastells in groben Zügen den Verlauf der römischen Lagerstraße vom Nordtor (Porta praetoria) zum Südtor (Porta decumana) nach. Schumacher war es auch, der ein römisches Gräberfeld für Militärangehörige und Zivilpersonen nordöstlich des Kastells entdeckte. Nur etwas weiter kreuzt heute die Bofsheimer Straße den Limes. Nach den neueren Grabungen in den Jahren 1964, 1972 sowie zwischen 1977 und 1979 hatten die Archäologen über 100 Brandgräber untersucht.Schallmayer: Abschließende Ausgrabungen des römischen Gräberfeldes „Affeldürn“ in Osterburken, Neckar-Odenwald-Kreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1992. S. 159–162. Mit der Genehmigung des GroßherzogsRudolf Pörtner: Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit. Econ, Düsseldorf/Wien 1984, ISBN 3-430-17529-1, S. 188. konnte im 19. Jahrhundert das Annexkastell konserviert werden, während das eigentliche Lager ohne größere Ausgrabungen zur Überbauung freigegeben wurde. Nach den wenig glücklichen Erhaltungsmaßnahmen am Annex wies Schumacher den Verantwortlichen eine Reihe von Fehlern nach. 1991 sowie im Sommer 1992 fanden wieder Grabungen am Kastell statt, wobei der Wehrgraben zwischen Kohortenkastell und Anbau sowie die östliche Mauer des Annexkastells im Bereich dieses Grabens untersucht wurde.Britta Rabold, Egon Schallmayer, Andreas Thiel: Der Limes. Die Deutsche Limes-Straße vom Rhein bis zur Donau. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1461-1, S. 79.

Im Jahre 1976 fand sich nordöstlich des Kastells im Talgrund das Bad II. Seine Baureste konnten zwischen 1976 und 1980 weitgehend freigelegt werden. Aufgrund der wertvollen Befunde wurde von Osterburkener Bürgern der Historisch Verein Bauland gegründet, um den Erhalt des Bades zu sichern. Nach Verhandlungen mit der Stadt Osterburken entschloss sich die Stadtverwaltung, das Bad unter einem Schutzhaus zu erhalten und mit dem gleichzeitig geplanten Römermuseum Osterburken zu kombinieren.Melanie Müller: Schönes erhalten und davon profitieren. www.fnweb.de, 21. Juli 2012; abgerufen am 24. September 2016.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0242-7, S. 53.

Bei Tiefbauarbeiten während der Pfeilergründung für die heutige Benefiziarierbrücke wurde im August 1982 ein bis dahin einzigartiger Weihebezirk der örtlichen Benefiziarier aufgedeckt. Die von dem Archäologen Egon Schallmayer aufgenommenen Notgrabungen wurden unter seiner Leitung 1983, 1984 und 1986 fortgesetzt. Durch den Fund dieses Ensembles war eine Erweiterung des gleichfalls gegen Ende des Jahres 1983 eingeweihten Museums am Bad II unumgänglich. 1986 öffnete der erweiterte Museumsbau seine Pforten.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0242-7, S. 56. Im Jahre 2006 fand eine weitere Neueröffnung statt, nachdem ein neuer Museumstrakt über Teilen des von Wilhelmi entdeckten Kohortenbads eröffnet werden konnte. Die im Außenbereich liegenden Fundamente dieses Bades wurden im Museumsvorhof (Römerplatz) sowie im angrenzenden Pflaster der heutigen Römerstraße sichtbar nachgezeichnet. Im Herbst 2014 ließ der Museumsleiter und Archäologe Jörg Scheuerbrandt auf dem Kastellgelände ein reversibles Metallgerüst in Form eines römischen Lagertores aufstellen, das den Besuchern einen Eindruck von der Höhe und den Umrissen eines solchen Baukörpers vermitteln soll.