mini|Titelseite der Sonate da Camera op. I, 1756 für Flöte und Violoncello o [oder] Cembalo Anna Bon (* 10. August 1738 in Bologna, Italien; getauft am 11. August 1738 als Anna Ioanna Lucia filia […] [des] Hieronymi / Boni et […] Rosa Ruinetti [sic],Genaues Datum siehe erstmals in Michaela Krucsay: Zwischen Aufklärung und barocker Prachtentfaltung. Anna Bon di Venezia und ihre Familie von „Operisten“. (Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts), hrsg. von Freia Hoffmann, Bis-Verlag Universitätsverlag Oldenburg, 2015, ISBN 978-3-8142-2320-9, S. 55.Der Name Anna Lucia Boni mit Altersangabe bereits bei Rostirolla: Pietà. 1978, S. 191, Anmerkung 77. Darauf bezieht sich The New Grove Dictionary of Women Composers. edited by Julie Anne Sadie, Rhian Samuel, New York 1994, ISBN 0-333-515986. † unsicher: nach 1767?) war eine italienische Komponistin, Sängerin und Cembalistin. Sie gab 1756 ihr Debüt als Komponistin mit dem Druck ihrer Flöten-Sonaten opus I, gewidmet Markgraf Friedrich von Brandenburg-Culmbach-Bayreuth. Auf der Titelseite ist ihr Ehrentitel „Virtuosa di Musica di Camera“ (Kammervirtuosin) präsentiert sowie der Namenszusatz di Venezia, ihr beruflicher Künstlername.Der Titel „Kammermusiker“ wird noch heute amtlich in Deutschland und Österreich an verdiente Musiker verliehen und der Zusatz „di Venezia“ bei Anna Bons Namen dürfte vom damaligen Musikleben dieser italienischen Stadt inspiriert gewesen sein. Die Sängerin Rosa Ruvinetti, Annas Mutter, trug den Namen ihrer Geburtsstadt „Rosa Ruvinetti-Bon di Bologna“, denn die Gesangsstars trugen gerne beziehungsreiche Künstlernamen. So nannte man z. B. den italienische Kastraten Antonio Uberti „Porporino“, der ein Schüler des berühmten Gesangslehrers Nicola Antonio Porpora war. In Bayreuth komponierte sie weitere Sonaten und Trios für Cembalo bzw. Flöten mit Basso continuo, die zwischen 1756 und 1759 ebenso im Nürnberger Verlag Balthasar Schmidts veröffentlicht wurden.Auf Kosten „della Vedova“, seiner Witwe. In diesem Verlag veröffentlichte Johann Sebastian Bach zwei besonders bekannte Cembalowerke Italienisches Konzert und Goldberg-Variationen, ebenso dessen Sohn Carl Philipp Emanuel sein erstes Heft Cembalo-Sonaten, während (als potentielle Adressatin ab 1732) Wilhelmine von Preußen (1709–1758) im nahen Bayreuth lebte. Diese Werke haben heute international Anerkennung gefunden. Neben einer geistlichen Arie werden ihr handschriftlich erhaltene Vokalkompositionen zugeschrieben, deren Urheberschaft noch nicht bestätigt ist.
Den frühesten (datierten) Nachweis Anna Bons als Opernsängerin könnte eine musikalische Handschrift in Leipzig enthalten. Es handelt sich um Domenico Fischiettis Oper La ritornata di Londra (Text: Carlo Goldoni), wonach eine Sängerin Mongeri am 20. Juli 1756 in Dresden auftrat. Dieser Name wurde in der Vergangenheit als Anna Bon gelesen, was aber nicht verifiziert ist (s. später). Stadtbibliothek Leipzig: D-LEm Becker III.15.7 Die ersten ausdrücklichen Zeugnisse als Mitwirkende der elterlichen Operntruppe (1759/1760) nennen Operntitel von Johann Adolf Hasse und Christoph Willibald Gluck.Horanyi: Feenreich. 1959, S. 28; Nováçek Bratislave. 1978, S. 172/173. Anna Bon blieb bis 1765 in das künstlerische Umfeld ihrer Eltern eingebunden, seit Juli 1762 am Hof des Fürsten Nikolaus I. Joseph Esterházy de Galantha im Ensemble Joseph Haydns. Die letzte Aktennotiz über sie an diesem Hof stammt vom 15. April 1765.Landon: Haydn. II, 1978, S. 64f. Danach verliert sich ihre Spur.
Die Wanderoper der Künstlerfamilie Bon Anna Bons Leben war bestimmt vom Beruf ihrer Eltern, eines italienischen, international tätigen Opernkünstlerpaars. Diese reisten 1735 nach Russland an den kaiserlichen Hof Anna Iwanownas, um dort die italienische Oper einzuführen.Mooser: Musiciens en Russie. 1948; Wilhelm Pfannkuch (Musikwissenschaftler): Organisationen der Musik. In: Musik in Geschichte und Gegenwart (1), Band 10, 1962, Spalte 206. Anna Bons Vater, der cittadino di Venezia (Bürger Venedigs, so nannte er sich) Girolamo Bon, war Maler, Bühnenarchitekt und -dekorateur, Maschinist, Textbuchautor, Komponist und Prinzipal einer Operntruppe, in der neben Annas Mutter ihr Großvater Steffano Ruvinetti mitwirkte und später Anna Bon selbst. Die Mutter Rosa-Ruvinetti-Bon „di Bologna“ war eine erfolgreiche Sopranistin, besonders als Darstellerin des volkstümlichen Intermezzo per musica.Über alle vier siehe Mooser: Musiciens en Russie. 1948 (siehe dort Register).
Die Reisen der Bon-Truppe führten 1738–1740 zurück ins Heimatland, wo Anna Bon in der Heimatstadt ihrer Mutter Bologna geboren wurde. 1741 gastierten sie in Preßburg,Horanyi 1959, S. 28 (nach Benyovszky). danach bis 1746 wieder in Russland und kamen dann nach Gastspielen in Dresden, Berlin/Potsdam nach Antwerpen, Regensburg, Frankfurt, Bayreuth und Eisenstadt im ungarischen Esterhaza. Bei den beiden letzten Stationen waren die Eltern gemeinsam mit ihrer Tochter engagiert; wann genau sie erstmals mit ihr zusammen auftraten, ist nicht bekannt.Zusammenfassung: Landon: Haydn. II. 1978, S. 64. Der Frankfurter Stagione (Spielzeit) von 1755 kommt eine besondere Bedeutung zu: Sie stand, anders als bei den vorausgegangenen Fürsteneinladungen, erstmals unter der Direction des Monsieur Bon als selbständigem und alleinverantwortlichem Prinzipal, und es gibt Anzeichen, wenn auch keinen Beweis dafür, dass seine Tochter dabei beteiligt war.
Leben der Anna Bon Von Anna Bon ist inzwischen (2015) Geburtsdatum und -ort bekanntgeworden – 10. August 1738 Bologna, die Heimatstadt ihrer Mutter –, aber ihr Sterbedatum immer noch unbekannt.Ihr Geburtsjahr gibt schon Robert Eitner mit 1738 an in seinem Biographisch-Bibliographisches Quellen-Lexikon (allerdings ohne Quelle zu nennen), Graz 1959, Band 2; bei Landon: Haydn. II, 1978 S. 65 wurde „c. 1735“ als Geburtsjahr erwogen (ohne Anhaltspunkt). Ihr Namenszusatz „di Venezia“ auf den Titelseiten ihrer in Nürnberg veröffentlichten Werke bedeutet demnach nicht die Stadt ihrer Geburt, sondern jene mit dem bedeutenden Musikleben, der Anna Bon ihre musikalische Ausbildung verdankt. Da ihre Eltern zwischen 1735 und 1746 als Opernkünstler in Russland verpflichtet waren, war oft vermutet worden, sie sei dort geboren. Jedoch waren sie von Februar 1738 bis Oktober 1740 beurlaubt, wohl insbesondere wegen Schwangerschaft und Geburt der Tochter.Mooser 1948, S. 147. Ihr frühestes, sicher dokumentiertes Lebenszeichen (bis zum Auffinden ihres Geburtsdatums im Taufbuch der Kathedrale von Bologna) war ihr Eintritt ins venezianische Ospedale della Pietà, einem der vier Mädchen-Konservatorien, als vierjähriges Mädchen – „di 4 anni“ – am 8. März 1743.Rostirolla 1978, S. 191, Anmerkung 77 (zu „Candida dalla Viola“ gehörend): [Candida] L'8.III.1743 figura come maestra. Le viene congresso di tenere in educatione Anna Lucia di 4 anni, figlia del pittore Girolamo Boni, bolognese, attivo presso la orte di Moskovia (ASV, Ospedali, B664)
„Pio Ospedale della Pietà“
mini|Ospedale della Pietà Anna Bon konnte, so wie einige andere Schülerinnen des berühmten „Pio Ospedale della Pietà“ in Venedig, aus der Anonymität der dort erzogenen Mädchen heraustreten und sich als Musikerin beruflich behaupten.
Das Musikkonservatorium war im 17./18. Jahrhundert dem im Mittelalter ursprünglich für weibliche Findlinge und Waisenkinder (Bambine) geschaffenen Haus angegliedert worden. Es gab insgesamt vier solche Ospedali Grandi in Venedig. Die Mädchen gestalteten die Gottesdienstmusik selbst, und mit der Zeit entstand aufgrund ihrer professionellen Auftritte und unter der Schulung berühmter Maestri ein künstlerischer Schwerpunkt Venedigs mit europaweiter Ausstrahlung.
Nach dem englischen Musikgelehrten Charles Burney war das Pietà (zur Zeit Anna Bons) das größte der Ospedali mit rund 1000 Zöglingen; davon „siebenzig musikalisch, teils singen, teils spielen“. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte er den Kontinent in Sachen Musik bereist. Die siebenzig musikalischen Mädchen bildeten den „Coro“, den Burney mal als Conservatorio, mal als Musikschule bezeichnet (nach der zeitgenössischen deutschen Übersetzung).Charles Burney: Tagebuch 1772/73, S. 119. Der Venedig-Bericht von 1770 des Charles Burney gibt davon ein fachkundiges Bild auf rund 40 Seiten-Spalten.
Nicht nur Waisenkinder bekamen Musikunterricht, sondern auch Kinder aus Familien konnten als figlie di spese (zahlende Zöglinge) teilnehmen. Normalerweise war es Mädchen und Frauen nach vatikanischer Bestimmung nicht gestattet, Musikunterricht zu haben und zu musizieren, nach dem Ausspruch des Paulus Mulier taceat in ecclesia.Phrase 9. („Die Frau schweige in der Gemeinde“). Das Auftreten der Mädchen bei Konzerten in der Kirche wurde durch dekorative Gitter vor den Blicken der Anwesenden verdeckt.Instituto della Pietà Zitat Goethe: Sie lebten in den Ospedali nach strengem Reglement wie im Kloster, wie Jane L. Baldauf-Berdes beschreibt. Bei ihren kirchlichen Konzerten, die regelmäßig am Samstag und Sonntag stattfanden, trugen die putte di coro der „Pietà“ einheitlich weiße Klosterkleidung, berichtet Giancarlo Rostirolla. Im Gegensatz dazu tragen die Musikerinnen auf dem Gemälde von Francesco Guardi eines weltlichen Galakonzertes (1782) schwarze Kleidung mit weißem Kragen.
Chor- u. Orchesterbesetzung werden durch zwei erhaltene Musikerinnen-Listen von Konzerten 1707 und 1743 verdeutlicht. 1707: 5 Sopr.[ane], 4 Contraa[lt] (Alt), 3 Ten.[öre] 1 Bass, dazu 16 Instrumentalisten: 5 Violinen, 2 Viola/Violetta, 4 Celli/Viole, 1 Violone (Kontrabass), 1 Theorbe (Basslaute), 3 Organistinnen (dazu gehörten die Cembalistinnen). Bei der Aufführung 1743 (zur Zeit Anna Bons) waren insgesamt 30 Mädchen beteiligt, 18 Choristinnen, 2 Solosängerinnen, 8 Streicherinnen und 2 Organistinnen.Baldauf-Berdes 1993, S. 236 f. Die Frage, wie die Mädchen die tiefen Stimmen haben singen können, wird immer wieder gestellt. Tatsächlich gibt es Dokumente, dass es Tenor- und Basssängerinnen gab.Talbot: Antonio Vivaldi. S. 38/39: „Paulina dal Tenore“, „Anneta dal Basso“, Ambrosina= „un tenor che contralteggia“ und andere.
Neben Anna Bon wurde eine weitere Venezianerin, die Geigerin und Komponistin Maddalena Laura Lombardini-Sirmen, bekannt. Sie bestand mit 7 Jahren den Zugang zum Ospedale di San Lazzaro dei Mendicanti durch eine Aufnahmeprüfung.Wasmer: Primadonna der Violine. 1997, S. 73. Ob die vierjährige Anna eine Aufnahmeprüfung machte, ist nicht bekannt; ihre Eltern ließen sie während ihrer Operntourneen an der „Pietà“ wohl auch versorgen und schulisch ausbilden. Als figlia di spese, zahlende Schülerin, war sie als „Tochter des Boni“ eingetragen. Anna Bons Großvater, der Musiker Steffano Ruvinetti, lebte ebenfalls in der Stadt.Nach der ersten Russlandreise war er offenbar in Venedig geblieben, s. Mooser: S. 142, 147.
Zur Zeit von Anna Bons Eintritt war der Leiter des „Coro“ der bekannte Opernkomponist und Gesangslehrer Nicola Porpora, Lehrer des berühmten Kastraten Farinelli, ab 1746 der Opernkomponist Andrea Bernasconi. Rostirolla gibt für die Jahre 1700–1740 hundertzehn mit Vornamen erwähnte Mädchen mit Instrument oder Singstimme an.Rostirolla 1978 S. 190–194.
Schülerinnen Vivaldis Die vierjährige Anna wurde am 8. März 1743 der Maestra di Viola Candida zur Ausbildung übergeben. Der Zusatz Candida dalla Viola zeigt deren öffentliche Bekanntheit als Musikerin Venedigs. Candida lebte in der als „legendär“ zu bezeichnenden Periode unter Antonio Vivaldi an der Pietà. Als Maestra konnte sie Schülerinnen unterrichten, um sich Geld zu verdienen.Talbot 1978, S. 168. In welchen Fächern sie Anna Bon unterrichtete, geht aus den Quellen nicht hervor.