Das Kera, Selbstbezeichnung kéérá, ist eine in der Region südlich der Stadt Fianga im Südwesten des Tschad gesprochene Sprache. Es gehört zur Familie der Tschadischen Sprachen und dort zur Untergruppe der osttschadischen Sprachen. Die Sprecherzahl wird unterschiedlich angegeben, so als 15.000Ebert (1979: vi) oder als 50.500https://www.ethnologue.com/language/ker.
Lautsystem Konsonanten
Das Kera unterscheidet folgende Konsonanten:
Labiale Dentale Palatale Velare Glottale stimmlose Plosive p t c k (ʔ) stimmhafte Plosive b d j g Implosive ɓ ɗ stimmlose Frikative f s h stimmhafte Frikative v z Nasale m n ŋ
Dazu kommen die Sonoranten r, l, w und y.
Der phonemische Status von ʔ ist zweifelhaft.
Eine Opposition stimmlos vs. stimmhaft (z. B. t vs. d) besteht vor allem im Wortanlaut. Im Wortinnern findet man kaum Minimalpaare, wohl aber solche zwischen nicht-implosiven und implosiven Konsonanten (z. B. ɗ).
Worte enden gewöhnlich auf Vokal, Sonorant oder Nasal. Andere Konsonanten am Wortende findet man nur in Ideophonen (lautmalerischen Wörtern).
Vokale Das Kera besitzt sechs Vokale, die sich in einer 2 × 3-Matrix darstellen lassen:
offen e a o geschlossen i ə u
Die Vokale kommen auch lang vor, jedoch nur in offener Silbe. In sehr wenigen Wörtern sind auch nasalierte Vokale belegt.
Es besteht eine Tendenz zu einer Form von Vokalharmonie, wonach ein Wort entweder nur offene oder nur geschlossene Vokale enthält. Dies spielt eine besondere Rolle im Verbalsystem, wo typischerweise entweder das Anfügen von Suffixen den Stammvokal verändert oder Suffixe in zwei je nach Stammvokal auszuwählenden Varianten zur Verfügung stehen, so dass die Vokalharmonie erfüllt wird. Die Sprache besitzt jedoch auch eine Reihe von Wörtern, vor allem Substantiven, die sich der Vokalharmonie nicht fügen.
Außerdem begegnen einem folgende Vokalregeln an verschiedenen Stellen der Grammatik, worauf unten gegebenenfalls wieder hingewiesen wird: Vor i/u der Folgesilbe wird zugrundeliegendes a zu ə (wegen der Vokalharmonie), und zugrundeliegendes ə zu i oder u. Vor a der Folgesilbe wird ein a zu ə, falls es in offener Silbe steht.
Ton Das Kera ist eine Tonsprache mit drei Registern: hoch (á), mittel (ā), tief (à). In selteneren Fällen kommen auch Bewegungstöne vor: steigend (ǎ), fallend (â). Diese sind in der Regel erkennbar durch den Ausfall eines Vokals entstanden, dessen Ton sich auf die vorangehende Silbe überträgt. Der Ton spielt vor allem zur Unterscheidung grammatischer Formen eine wichtige Rolle.
Vorhersagbarkeit des Tons Der Ton ist im Kera bis zu einem gewissen Grad aus den Konsonanten vorhersagbar, jedoch nicht vollständig, so dass die drei Töne als phonemisch angesehen werden müssen. Folgende Tendenzen lassen sich erkennen: Der Mittelton kann als Default gelten. Manche Silben haben einen inhärenten Hochton. Dies betrifft Endsilben und grammatische Suffixe viel häufiger als Wortstämme. Die Anfügung eines hochtonigen Suffixes kann einen vorangehenden Mittelton in einen Hochton verwandeln. Wenn ein Wort mit einem stimmhaften Plosiv oder Frikativ beginnt (vor allem b, d, j, g, v, z; eingeschränkt und weniger vorhersagbar auch f, s, h), wird mindestens die erste Silbe, oft aber auch der Rest des Wortes, tieftonig. Zumindest bei Verben ist erkennbar, dass der Tiefton sich solange nach rechts fortpflanzt, wie die Silben nur durch einfache Sonoranten (Laute wie m, n, r, l) getrennt stehen; dagegen wird die Fortpflanzung des Tieftons durch stimmlose oder glottale Konsonanten und durch Konsonantengruppen unterbrochen. Von stimmhaften Plosiven / Frikativen im Wortinnern geht keine erkennbare tonsenkende Wirkung aus. Der durch einen stimmhaften Plosiv oder Frikativ verursachte Tiefton kann nicht nur mitteltonige, sondern auch inhärent hochtonige Silben zu tieftonigen umfärben, d. h. im Konfliktfall gewinnt der Tiefton.
Bei Verben gelten diese Regeln recht strikt. Bei Nomina gibt es zahlreiche Ausnahmen. Wenigstens zum Teil handelt es sich dabei um Lehnwörter aus anderen Sprachen, deren originales Tonmuster beibehalten wurde.
Personal- und Possessivpronomen
selbständiges Pronomen Suffix PossessivpronomenNur bei alienabler Possession verwendet. 1. sg. „ich“ tēn -n nín 2. sg. mask. „du“ tām -m nə̄mtí 2. sg. fem. „du“ tē -ī nīītí 3. sg. mask. „er“ wə̄, tó -ú nūūtú 3. sg. fem. „sie“ ā, tá -(r)á nāātá 1. pl. incl. „ich + du/ihr“ áŋ náŋ 1. pl. excl. „ich + andere“ áré náré 2. pl. „ihr“ āŋ -ŋ nə̄ə̄tí 3. pl. „sie“ yē, té -í nēēté
Für die 1. Person pl. existieren keine Suffixe.
In der 3. Person stehen die Varianten tó, tá und té: immer dann, wenn keine Subjektsrolle vorliegt als stärker betonte Formen in indirekter Rede bei Subjektsidentität („er sagte, dass er ...“)
Substantiv Wenn das Substantiv auf Vokal endet, so fällt dieser Vokal im Kontext ab, also zum Beispiel immer dann, wenn dem Substantiv ein Attribut folgt. Dies gilt aber nicht, wenn dem Vokal eine Konsonantengruppe vorausgeht, weil sonst im Satzzusammenhang eine im Kera unzulässige Abfolge von drei Konsonanten entstehen würde.
Genus und Numerus Das Kera besitzt zwei grammatische Geschlechter: Maskulinum und Femininum. Das Geschlecht zeigt sich vor allem in Kongruenzphänomena. In vielen Fällen ist das Geschlecht aber schon der Form des Substantivs anzusehen, denn maskuline Substantiva beginnen oft mit einem Präfix k- (seltener g- oder p-), feminine oft mit einem Präfix t- (seltener d- oder h-).
Nur ein Teil der Substantive bildet Pluralformen, die dann immer recht unregelmäßig sind. Sie haben gewöhnlich ein Präfix k-, teilweise auch ein Suffix -w oder inneren Ablaut.
Beispiele:
maskulin feminin plural pūr „Junge“ tə̄r „Mädchen“ kə́már „Kinder“ kóóyá „Hund“ tóóyá „Hündin“ kááyá „Hunde“ sēēnə̄ „Bruder“ nāwrə̄ „Schwester“ kə̄sāānə̄ „Geschwister“ kúmná „Häuptling“ kə̄kámnáw „Häuptlinge“ tə́ə́yə́ „Kalebasse“ kə́ə́yə́w „Kalebassen“ ágày „Hacke“ kə́gày „Hacken“
Viele Substantive bilden keine Pluralform: də̀r „Auge, Augen“.
Begriffe für Unzählbares werden gewöhnlich als grammatische Plurale behandelt und lauten demgemäß auch häufig mit k- an: kān „Wasser“ kāw „Milch“ kāāɗáw „Gras“ kīn „Schlaf“ káásáw „Hirse“
Adjektiv Adjektive haben meist differenzierte Formen für Maskulinum, Femininum und Plural, zum Teil mit ähnlichen Präfixen, wie sie für die Substantive beschrieben wurden. Die Formen sind generell recht unregelmäßig. Beispiele:
maskulin feminin plural groß bòbló mótò kə́mtə́ŋ neu, jung kīmīrwí tēmērwá kə̄mārwáŋ rot kə́ə́lí hə̀rlə́ kə́ə́lə́ŋ schön písí pə́sá pə́sáŋ schwarz kīsírkí sárká kə̄sárkáŋ süß jìbìdì jìbìdə̀ jìbìdə̀ŋ weiß gìbìrwí bə̀rwá gə̀bə̀rwə́ŋ
Einige Adjektive sind aber indeklinabel, z. B. gòdògròy „kurz“.
Adjektive stehen hinter ihrem Bezugswort und kongruieren mit ihm: tāāmə̄gá sárká „ein schwarzes Schaf“ káámáŋ kə̄sárkáŋ „schwarze Schafe“
Bestimmter Artikel Das Kera besitzt einen bestimmten Artikel, der demjenigen des Deutschen in seiner Verwendung stark ähnelt. Er besteht aus einem Suffix -ŋ (selten und wohl archaisch -ŋa) mit Polarton, d. h. es steht mitteltoniges -ŋ̄ nach vorangehendem Hochton, hochtoniges -ŋ́ nach vorangehendem Tief- oder Mittelton. Nach einem Konsonanten tritt das -ŋ nicht in Erscheinung und nur der Ton bleibt übrig. Beispiele: hə̀lgə́ „Frau“ – hə̀lgə́ŋ̄ „die Frau“ kūlī „Haus“ – kūlīŋ́ „das Haus“ hùlùm „Mann“ – hùlùḿ „der Mann“ (statt *hùlùmŋ́) tə̄r „Mädchen“ – tə̄ŕ „das Mädchen“ kə́pàŋ „Baum“ – kə́pàŋ́ „der Baum“
Der Artikel steht hinter allen anderen Attributen: kūl bòbló-ŋ̄ „das große Haus“
In Genitivverbindungen kann im Gegensatz zum Deutschen nur ein einziger Artikel stehen, nämlich am Ende der Gruppe:
hàrgá kə́ hə̀lgə́-ŋ̄Ziege von Frau-ARTIKEL„die Ziege der Frau“
Possession Inalienabel Inalienable (unveräußerliche) Possession liegt vor, wenn es sich um den Besitz von Körperteilen, Verwandten und ähnlichem handelt. In diesem Fall tritt das Possessum in eine besondere Form, die man nach Analogie der semitischen Sprachen als status constructus bezeichnen kann. Die Bildung des status constructus ist recht unregelmäßig; meist erfolgt eine Erweiterung am Wortende. Aus Bedeutungsgründen wird aber nur von einer überschaubaren Menge von Substantiven überhaupt ein status constructus gebildet. Auf den status constructus folgt der Possessor entweder in Form eines pronominalen Suffixes (Formen siehe oben im Abschnitt „Personal- und Possessivpronomen“) oder eines gewöhnlichen Substantivs. Eine Kasusmarkierung dieses Substantivs, entsprechend dem deutschen Genitiv, existiert nicht.
Die folgende Tabelle gibt einige Beispiele für Substantive in der Grundform und im status constructus mit hùlùḿ „der Mann“ als Possessor:
kōr „Blut“ kōrdə̀ hùlùḿ „das Blut des Mannes“ gèlèr „Fingernagel“ gèlèrgə̀ hùlùḿ „der Fingernagel des Mannes“ kúsúkí „Fleisch“ kúsúkdə̀ hùlùḿ „das Fleisch des Mannes“ kámpá „Fuß“ kāmpār hùlùḿ „der Fuß des Mannes“ kāsī „Hand“ kās hùlùḿ „die Hand des Mannes“ gə̀gə̀r „Knie“ gə̀gə̀ə̀rə̀ hùlùḿ „das Knie des Mannes“ cə̄ „Kopf“ cə̄ə̄rə̄ hùlùḿ „der Kopf des Mannes“ tə̄r „Mädchen, Tochter“ tə̄rnə̄ hùlùḿ „die Tochter des Mannes“
Manche Substantive, vor allem Verwandtschaftstermini wie z. B. „Bruder“, können überhaupt nur im status constructus, also mit explizitem Possessor, gebraucht werden.
Beim Anfügen von Suffixen kommt die Vokalharmonie zum Tragen. Der Vokalwechsel erfolgt entweder im Nominalstamm oder im Suffix. Bei Antritt der Suffixe -i und -u passt sich der Nominalstamm an: So wird ein -a- des Stammes zu -ə-, ein -ə- des Stammes jedoch zu -i-/-u-. Dagegen verändert das Suffix -a der 3. Pers. sg. fem. den Nominalstamm nicht, wird aber seinerseits nach geschlossenem Stammvokal zu -ə.
Das Suffix der 1. Pers. sg. und alle Suffixe der 3. Person sind bei den meisten, jedoch nicht allen Substantiven hochtonig und rufen dann zumeist Hochton auf dem kompletten Wort hervor.
Da für die 1. Pers. pl. keine Suffixe existieren, tritt hier ersatzweise die gewöhnliche status-constructus-Verbindung mit dem Pronomen der 1. Pers. pl. ein.
Als Beispiel das Substantiv cə̄ „Kopf“ mit Suffixen:
cə́ə́rń „mein Kopf“ cə̄ə̄rə̄m „dein(mask.) Kopf“ cīīrī „dein(fem.) Kopf“ cúúrú „sein Kopf“ cə́ə́rə́ „ihr(fem.) Kopf“ cə̄ə̄rə̄ áŋ/áré „unser Kopf; unsere Köpfe“ cə̄ə̄rə̄ŋ „euer Kopf; eure Köpfe“ cíírí „ihr(pl.) Kopf; ihre Köpfe“
Die Verbindungen von status constructus mit pronominalen Suffixen sind nicht immer komplett vorhersagbar. Weitere Beispiele:
Normalform status constructus + „mein“ + „dein(mask.)“ + „sein“ Bauch - gììdə̀ gììdǹ gììdìm gììdù Bruder - sēēnə̄ séénń sēēnēm síínú Ehefrau - mār mārń mə̄rām mūrú Eltern - kámnə̄ kámnān kámnām kə́mnū Fuß kámpá kāmpār ? ? kə̄mpúrú Hand kāsī kās káásń kāāsām kə́ə́sú Knie gə̀gə̀r gə̀gə̀ə̀rə̀ gə̀gə̀ə̀rǹ gə̀gə̀ə̀rə̀m gùgùùrù Name - sám ? sə̄mām sə̄mú Onkel - nə̄ə̄nə̄ nə̄ə̄ndə̀n nə̄ə̄ndə̀m nūūndù Rücken - kērkə̄ kérkə́n kērkə̄m kírkú Sohn - kōrmə̄ kōrmōn kōrmōyōm kūrmūyū Tante - nāārə̄ ? nə̄ə̄rām nə̄ə̄rú
Alienabel Alienable Possession wird bei nominalem Possessor durch die Konstruktion Possessum + kə́ + Possessor ausgedrückt: kūl kə́ kúmnáŋ̄ „das Haus des Häuptlings“ (kūlī „Haus“) hàrgá kə́ hə̀lgə́ŋ̄ „die Ziege der Frau“
Für den pronominalen Possessor steht eine spezielle Reihe von Possessivpronomina zur Verfügung (siehe Tabelle oben): kūl nín „mein Haus“ kə́cə́ŋ nēēté „ihre(pl.) Kühe“
Die Possessivpronomina der 3. Person werden durch -ŋ̄ erweitert, sofern sie mit dem Subjekt referenzidentisch sind: wə̄ hàŋ hàrgá nāātá „er nahm ihre (fem.) Ziege“, aber: ā hàŋ hàrgá nāātáŋ̄ „sie nahm ihre (eigene) Ziege“
Demonstrativum Dem deutschen Demonstrativpronomen „dieser“ entspricht die Reihe tóŋ (mask.) – táŋ (fem.) – téŋ (pl.). Diese Formen werden dem Substantiv nachgestellt: hùlùm tóŋ „dieser Mann“
Verb Grundform Verben besitzen eine Grundform, die einerseits etwa unserem Infinitiv entspricht, andererseits aber auch als Tempusform fungieren kann. Verben werden in dieser Form zitiert.