mini|links|hochkant=.5|Zeichnung der Grabplatte Isos von Wölpe († 1231) in VerdenEine Brasse ist eine Sonderform der Grabmalkunst. Dabei dient eine gravierte Metallplatte als Grabtafel. Es existieren sowohl vollständig mit Metall beschlagene Steinsockel oder in den Boden eingelassene Steinplatten als auch Steinplatten, in die Metallpartien eingelassen sind.

Selten wurden auch weitere Materialien als Inkrustationen ins Metall eingelassen. Die Gesichter der Grabfiguren von Erik VI. und seiner Frau Ingeborg etwa bestehen aus Alabaster. Aus der Lübecker Marienkirche ist mit dem Grab von Ratsherr Arnold Wlome und seiner Tochter Gertrud (beide † 1329) eine Platte durch Quellen überliefert, bei der Gesichter und Hände aus farbig gefassten Holzreliefs bestanden.Vgl. Krüger 1999. S. 208 f., 891 f, LÜMA*3.

Entwicklung und Produktionsorte mini|Grabplatte der Bischöfe Ludolf und Heinrich von Bülow im Schweriner Dom (um 1350) Metallgrabplatten existieren spätestens seit dem 12. Jahrhundert. Scheinen in der Frühzeit der gravierten Metallgrabplatten noch regionale Produktionen zu überwiegen, so konnten sich im 14. Jahrhundert Exportwerkstätten durchsetzen, die den gesamten Hanseraum und Spanien belieferten. Der Ursprung dieser Platten ist Gegenstand anhaltender Diskussion: Scheint die Verbreitung über die flandrischen Hansestädte, wie etwa Brügge, gewiss, so sind die Herkunft des Materials und vor allem der Verarbeitungs- bzw. Herstellungsort oft unbekannt. Neben Brügge selbst wurden auch aufgrund eines Fall, bei dem eine Schriftquelle und ein Grabmal zusammengebracht werden konnten, TournaiVgl. Cameron 1977. oder, aufgrund einer langen Tradition von Metallverarbeitung und der Nähe zu benötigten Rohstoffen, das MaasgebietVgl. zuletzt Wolkewitz 2014. vorgeschlagen.

Neben den Importgrabplatten wurden, möglicherweise in Abhängigkeit von der Finanzkraft der Auftraggeber, auch Grabplatten in lokalen Werkstätten bestellt. Gerade im 15. Jahrhundert scheint sich dann wiederum eine stärkere Regionalisierung der Grabplattenherstellung abzuzeichnen.

Deutschsprachiger Raum mini|Grabplatte der Bischöfe Gottfried und Friedrich von Bülow im Schweriner Dom (um 1375) Die älteste erhaltene Brasse entstand vor 1187 für den heiligen Ulrich von Augsburg und befindet sich in St. Ulrich und Afra.Vgl. Adelheid Riolini-Unger (Hrsg.): Suevia Sacra. Frühe Kunst in Schwaben. Ausstellungskatalog. Augsburg 1973, S. 150 f., Kat. Nr. 132 (Hannelore Müller). Weitere früher Vertreter sind die Grabmäler des Bischofs Iso von Wölpe in der St.-Andreas-Kirche in Verden aus dem Jahr 1231Vgl. Hans-Wilhelm Heine: Zur Grabplatte des Verdener Bischofs Iso von Wölpe. In: Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg 13 (2006), S. 117–133. und des Hildesheimer Bischofs Otto von Braunschweig-Lüneburg (gest. 1279) im Hildesheimer Dom.Vgl. Christine Wolf: Der Hildesheimer Dom als Grablege. In: Ulrich Knapp (Hrsg.): „Ego sum Hildensemensis“. Bischof, Domkapitel und Dom in Hildesheim 815 bis 1810 (= Kataloge des Dom-Museums Hildesheim. Band 3). Petersberg 2000, S. 245–287, hier S. 253 f., Nr. G 8.

14. Jahrhundert +GrabortAufbewahrungsortVerstorbene(r)SterbedatumHerstellungsdatumHerstellungsortPaderborner DomBischof Bernhard von Lippe1341um 1341Niedersachsen (?)Schweriner Domnördliches QuerhausBischöfe Ludolf und Heinrich I. von Bülow1339 bzw. 1347um 1350Flandern/MaasgebietLübecker Domnördlicher ChorumgangBischöfe Burkhard von Serkem und Johannes Mul1317 bzw. 1350um 1350Flandern/MaasgebietSt. Petri in LübeckSt. Annen-Museum in Lübeck, Inv. Nr. 1946/443Ratsherr Johannes Klingenberg1356um 1355Flandern/MaasgebietSt. Nikolai in StralsundBürgermeister Albert Hovener1357um 1357Flandern/MaasgebietSt. Annen-Museum, Inv. Nr. 1947/122um 1360Flandern/MaasgebietDom St. Johannes in Toruń/PolenJohann von Soest und Margarethe1361um 1361Flandern/MaasgebietMarienkirche in LübeckBriefkapelle in der MarienkircheBürgermeister Bruno von Warendorp1369um 1369Lübeck (?)Schweriner Domnördliches QuerhausBischöfe Gottfried und Friedrich von Bülow1314 bzw. 1375um 1375Flandern/MaasgebietLübecker Domnördliches QuerhausBischof Bertram Cremon1377um 1377Lübeck (?)Paderborner DomBischof Heinrich vom Spiegel zum Desenberg1380um 1380Niedersachsen (?)Paderborner DomBischof Ruprecht von Berg1394um 1395Niedersachsen (?)Altenberger Domvollständig zerstörtWikbold Dobilstein, Bischof von Kulm um 1398Flandern/Maasgebiet

England mini|hochkant|Brasse von Simon Felbrigg und seiner Frau Margaret von Teschen, St Margaret’s Church, Felbrigg, Norfolk|alternativtext=Die älteste in England erhaltene Brasse ist die Grabplatte für Sir John d’Abernon in Stoke d’Abernon aus dem Jahr 1277. Mit 18 Brassen aus einem Zeitraum von 1320 bis 1529 enthält die Kirche St Mary Magdalene in Chatham die größte Anzahl englischer Brassen.

14. Jahrhundert +GrabortAufbewahrungsortVerstorbene(r)SterbedatumHerstellungsdatumHerstellungsortSt. Margaret’s, King’s Lynn in NorfolkBürgermeister Adam und Margarete de Walsokneum 1350Flandern/MaasgebietHoly Trinity Church in Wensley/North Yorkshireunbekannter Priesterum 1360Flandern/Maasgebiet oder England (?)St. Mary’s in North Mymms/Hertfordshireunbekannter Priesterum 1360England (?)St. Mary Magdalen’s in Newark-on-TrentKaufmann Alan Fleming1361um 1361Flandern/MaasgebietSt. Margaret’s, King’s Lynn in NorfolkRobert Braunche und seine zwei Ehefrauenum 1364Flandern/MaasgebietSt Albans in HertfordshireAbt Thomas de la Mareum 1396Flandern/Maasgebiet mini|Zeichnung der Metallgrabplatte des dänischen Königspaars Erik VI. und Ingeborg in Ringsted (um 1319).

Dänemark 1319 starben der dänische König Erik VI. Menved (reg. 1286–1319) und seine Gemahlin Ingeborg. Beigesetzt wurden sie in der Kirche der Benediktinerabtei Ringsted (heute St.-Bendts-Kirche) unter einer flandrischen Importgrabplatte (2,85 × 1,68 m).Vgl. Erich Christian Werlauff: Kong Erik Menveds og Dronning Ingeborgs Gravminde i Ringsted Kirke. In: Antiqvariske Annaler, Bd. 3, Kopenhagen 1820, S. 3–18; Knud Holm: The Brass of King Erik Menved and Queen Ingeborg. Restoration and Examination. In: Transactions of the Monumental Brass Society 15 (1992), S. 2–18. Es ist die älteste erhaltene dieser Art. Belgien

14. Jahrhundert +GrabortAufbewahrungsortVerstorbene(r)SterbedatumHerstellungsdatumHerstellungsortStadsmuseum GentGuilleaume Wenemaer und Marguerite Sbrunenum 1352Flandern/Maasgebiet (?)British Museum in London, Inv. Nr. MME 1853,0221.1unbekannter Bischofum 1360/75Flandern/Nordfrankreich (?)St. Jakob in BrüggeGilles van Namainum 1370Flandern/MaasgebietSt. Walburga in BrüggeJan und Margaret van Zyngheneum 1372Flandern/MassgebietSt. Walburga in BrüggeMichiel van Assenede, Adriane Stat und Elisabeth van Aertryckeum 1382Flandern/MassgebietSt. Jakob in BrüggeWouter Copmanum 1387Flandern/Maasgebiet (?)Museum Cinquanténaire in BrüsselJean und Gérard de Heereum 1398Flandern/Maasgebietmini|Abrieb der Grabplatte der Ritter Jean und Gérard de Heere (um 1398)

Finnland Um 1429 wurde auf Bestrebungen des Bischofs Magnus Tavast für den Heiligen Heinrich von Uppsala († um 1156) in Nousiainen eine Wallfahrtskirche eingerichtet.Vgl. Markus Hiekkanen: Finlands medeltida stenkyrkor. Stockholm 2020, S. 142 f. Das Grab, in das die Gebeine des Bischofs transloziert wurden, wurde mit einer gravierten Metallplatte bedeckt, die in Formsprache und Aufbau an die flandrischen Exportgrabplatten des 14. Jahrhunderts erinnert. Die Deckplatte misst 2,38 × 1,07 m. Die Seitenwände der Tumba sind ebenfalls – wie einst auch beim Grab des Wikbold Dobilstein in Altenberg – mit Metallplatten verkleidet, die in Gravur Szenen aus der Vita des heiligen Heinrich zeigen.

Literatur Allgemeines William Frederick Creeny: A Book of Facsimiles of Monumental Brasses on the Continent of Europe. Norwich 1884. Hans Eichler: Die gravierten Grabplatten aus Metall im 14. Jahrhundert und ihre Vorstufen. Köln 1933. Hans Eichler: Flandrische gravierte Metallgrabplatten des XIV. Jahrhunderts. In: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen 54 (1933), S. 199–220. Hugh Keith Cameron: The Metals used in Monumental Brasses. In: Transactions of the Monumental Brass Society 8 (1946), S. 109–132. James Mann: Monumental Brasses. Penguin Books. Harmondsworth/Middlesex 1957 (K 75). Herbert Macklin: Monumental Brasses. 7. revidierte Ausgabe. George Allen & Unwin, London 1966. Hugh Keith Cameron: The 14th-Century School of Flemish Brasses. In: Transactions of the Monumental Brass Society 11 (1970), S. 50–81. Hugh Keith Cameron: Technical Aspects of Medieval Monumental Brasses. In: Archaeological Journal 131 (1974), S. 215–237. Hugh Keith Cameron: The 14th-Century School of Flemish Brasses. Evidence for a Tournai Workshop. In: Transactions of the Monumental Brass Society 12 (1977), S. 199–209. Malcolm W. Norris: Monumental Brasses. The Memorials. 2 Bände. Phillips & Page. London 1977. Hugh Keith Cameron: A List of Monumental Brasses on the Continent of Europe. The Monumental Brass Society. London 1977. Malcolm W. Norris: Monumental Brasses. The Craft. London u. a. 1978. Klaus Krüger: „Ein Grabstein aus Flandern, mit messingenen Figuren gut gefertigt“. Zu Bestellung, Produktion und Transport flämischer Metallgrabplatten im 14. und 15. Jahrhundert. In: Ders., Holger Kunde (Hrsg.): Linien zwischen Erde und Himmel. Abriebe europäischer Grabplatten des 13. bis 17. Jahrhunderts. Ausstellungskatalog. Petersberg 2015, S. 17–24. Platten in England

Herbert Haines: A Manual of Monumental Brasses. Comprising an Introduction to the Study of these Memorials and a List of those remaining in the British Isles. 2 Bände. Oxford 1861. Michael Nitz: Entstehung und Bedeutung der englischen Messinggrabplatten. München 1980. John Coales (Hrsg.): The Earliest English Brasses. Patronage, Style and Workshops 1270–1350. Monumental Brass Society. London 1987.

Platten im deutschsprachigen Raum

Georg Christian Friedrich Lisch: Die Grabplatten in Messingschnitt. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 12 (1847), S. 479–481. Georg Christian Friedrich Lisch: Messingschnitt und Kupferstich des Mittelalters. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 16 (1851), S. 303–309. Franz Kugler: Bronzene Grabplatten mit gravirter Darstellung. In: Ders.: Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte. Stuttgart 1854–1854, Bd. 2, S. 605–607. Franz Kugler: Metallene Grabplatten mit eingegrabener Umrißdarstellung. In: Ders.: Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte. Stuttgart 1854–1854, Bd. 2, S. 631–635. Georg Christian Friedrich Lisch: Ueber Grabplatten in Messingschnitt. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 27 (1862), S. 267–269. Wilhelm Brehmer: Lübeck’s messingene Grabplatten aus dem vierzehnten Jahrhundert. In: Hansische Geschichtsblätter 12 (1883), S. 11–41. Wilhelm Bremer: Zur Frage nach dem Ursprung der messingenen Grabplatten Lübecks. In: Mitteilungen des Vereins für Lübeckische Geschichte und Alterthumskunde 2 (1885), S. 73–75. Johannes Kramer: Metallne Grabplatten in Sachsen vom Ende des 14. bis in den Anfang des 16. Jahrhunderts (c. 1390–1510). Halle 1912. Malcolm W. Norris: The Schools of Brasses in Germany. In: The Journal of the British Archaeological Association 19 (1956), S. 34–52. Hugh Keith Cameron: Flemish Brasses of the Fourteenth Century in Northern Germany and their Use by Merchants of the Hanse. In: Archaeological Journal 143 (1986), S. 331–351. Jerome Bertram: Monumental Brasses and Slabs in the Cities of the German Hanseatic League. Oxford 1994. Klaus Krüger: Flämische Grabplatten im Ostseeraum. Kunstdenkmäler als historische Quelle. In: Hubertus Menke (Hrsg.): Die Niederlande und der europäische Nordosten (= Landesforschung. Band 1). Neumünster 1992, S. 167–208.