mini|Symbolischer Ausdruck für den Anspruch des Jerusalemer Patriarchen ist das Heilige Licht, das er an Ostern aus der Heilig-Grab-Ädikula hervorbringt und an andere Kirchenoberhäupter austeiltKonstantinos Papastathis: Diplomacy, Communal Politics, and Religious Property Management, Leiden/Boston 2018, S. 223. (2022) hochkant|mini|Patriarch Theophilos III. (2023)

Das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von JerusalemGriechisch ; ; . ist eine unabhängige (autokephale) orthodoxe Kirche in Israel, den Palästinensischen Autonomiegebieten, Jordanien und seit 2013 auch in Katar. Die autonome Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai ist dem Jerusalemer Patriarchat kirchenrechtlich zugeordnet.

Der amtierende Patriarch ist seit 2005 Theophilos III. von Jerusalem. Sein Amtssitz ist das Konstantin-Helena-KlosterWolfgang Hage: Das orientalische Christentum, Stuttgart 2007, S. 96. direkt neben der Grabeskirche im Christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt.

Das Jerusalemer Patriarchat ist das jüngste und kleinste der fünf Patriarchate der Alten Kirche. Jerusalem, zuvor nur Bischofsstadt, wurde auf dem Konzil von Chalcedon (451) zum Sitz eines Patriarchen erhoben, weil sich in der Stadt und der näheren Umgebung die wichtigsten christlichen Pilgerziele befanden, vor allem die Grabeskirche mit der Reliquie des Wahren Kreuzes. Spenden von Pilgern sowie Zuwendungen orthodoxer Herrscher spülten im Lauf der Jahrhunderte viel Geld in die Kasse des Patriarchats.

Der höhere, zölibatär lebende Klerus des Jerusalemer Patriarchats besteht seit dem 16. Jahrhundert aus Griechen und ist klosterähnlich organisiert als Bruderschaft des Heiligen Grabes. Seit dem späten 19. Jahrhundert stehen Kirchenleitung und Kirchenvolk im Konflikt: Viele Mitglieder der Bruderschaft sehen die Verwaltung der Heiligtümer für die ganze orthodoxe Welt als ehrenvolle Aufgabe eines national oder kulturell verstandenen Griechentums. Viele arabischsprachige Kirchenmitglieder verstehen sich als die einheimische christliche Bevölkerung Palästinas und lehnen die Herrschaft eines fremden Klerus ab. Die seit 1958 gültige Kirchenverfassung sieht eine Beteiligung von Arabern an der kirchlichen Hierarchie vor. Eine Arabisierung der Kirchenleitung, wie sie beispielsweise das Lateinische Patriarchat von Jerusalem durchlaufen hat, fand aber nicht statt. Laien und einfache Priester können die Finanzgeschäfte des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats weiterhin nicht kontrollieren. Das betrifft den großen Grund- und Immobilienbesitz, den das Patriarchat vor allem auf dem Territorium des Staates Israel und in Ost-Jerusalem hat. Durch seinen Reichtum an Land ist das Patriarchat in den Nahostkonflikt involviert.

Die Gesamtzahl der Kirchenmitglieder wurde 1992 auf 145.000 geschätzt.Sotiris Roussos: Eastern Orthodox Perspectives on Church–State Relations and Religion and Politics in Modern Jerusalem, 2005, S. 113. Im 21. Jahrhundert zeichnet sich ein demografischer Wandel ab. Die Zahl der arabischsprachigen Kirchenmitglieder nimmt ab. In der großen Einwanderergruppe, die unter dem Rückkehrgesetz in den 1990er Jahren aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Israel kam, identifizierten sich Zehntausende Neuisraelis als orthodoxe Christen. Das Patriarchat baut sein russischsprachiges Angebot in Israel aus.

Griechisch-orthodox und rum-orthodox Orthodoxe Christen, die der einstigen byzantinischen Reichskirche angehörten, wurden im Osmanischen Reich als „Rhomäisches Religionsvolk“ (Millet-i Rum) bezeichnet. Deshalb ist statt griechisch-orthodox auch die Bezeichnung rum-orthodox üblich. Die Begriffe sind austauschbar, aber rum-orthodox verweist auf die byzantinischen Wurzeln, während griechisch-orthodox ethnische und nationale Konnotationen hat.Angelos Dalachanis, Agamemnon Tselikas: The Brotherhood, the City and the Land, Leiden/Boston 2018, S. 119.

Geschichte Anfänge mini|Jakobus, Bruder Jesu (Emmanuel Tzanes, 1683)

Das Jerusalemer Patriarchat sieht sich in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde; Jakobus, der Bruder Jesu gilt als erster Bischof.Panajiotis E. Christinakis: Die heutige Verfassung des Patriarchats von Jerusalem, 2006, S. 22.

Das Neue Testament enthält viele Informationen über die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem vor der römischen Eroberung (70 n. Chr.). Maßgeblich für die kirchliche Überlieferung wurde aber die Rückprojektion der kirchlichen Organisation im frühen 4. Jahrhundert ins 1. Jahrhundert, wie sie Eusebius von Caesarea, ein Zeitgenosse Kaiser Konstantins, in seiner Kirchengeschichte vornahm. Eusebius zufolge stand Jakobus in apostolischer Sukzession, da die Apostel ihn eingesetzt hatten. Zuständig sei er nur für die Jerusalemer Ortskirche gewesen; „als Jerusalemer Bischof führt er selbst wieder eine Sukzession an, wie sie für Petrus in Rom und Johannes in Ephesus reklamiert wurde. Jakobus setzt seinerseits den unter ihm stehenden Klerus ein; die Art seiner Tätigkeit wird immer mehr als ‚herrschen‘ bezeichnet und selbstverständlich sitzt er von Anfang an auf einem Thron.“Wilhelm Pratscher: Der Herrenbruder Jakobus und die Jakobustradition (= Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments, Band 139). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, S. 207. Vgl. Eusebius von Caesarea: Historia ecclesiastica 4,5,3 zur Jerusalemer Bischofsliste (BKV); Historia ecclesiastica 7,19 zum Bischofsthron des Jakobus, der zu Lebzeiten des Eusebius angeblich noch vorhanden war (BKV).

Dieses Geschichtsbild suggeriert eine Kontinuität, die den mit dem Jahr 70 eingetretenen Bruch verdeckt. Anstelle des zerstörten Jerusalem gründete Kaiser Hadrian um 135 die Colonia Aelia Capitolina. Dort konstituierte sich einige Jahrzehnte später eine nichtjüdisch geprägte Ortskirche, deren Vorsteher auch als „Bischof von Aelia“ bezeichnet wurde.Wolfgang Hage: Das orientalische Christentum, Stuttgart 2007, S. 97.

Spätantike Bischöfe von Jerusalem Charakteristisch für die Christenheit der vorkonstantinischen Zeit war ein Netz von Ortskirchen, an deren Spitze je ein Bischof stand (Monepiskopat). Das gilt auch für Jerusalem/Aelia; bedeutende Bischöfe der Stadt waren im späten 2. Jahrhundert der als Heiliger verehrte Narkissos und im frühen 3. Jahrhundert Alexander von Jerusalem. Kanon 7 des Konzils von Nicäa (325) gab dem Bischof von Jerusalem eine Ehrenstellung: „Da eine Gewohnheit besteht und eine alte Überlieferung, daß der Bischof von Aelia geehrt werde, so behält er die Nachfolge der Ehre. Die der Hauptstadt gebührende eigene Würde bleibt davon unberührt.“Deutsche Übersetzung: Josef Wohlmuth (Hrsg.): Konzilien des ersten Jahrtausends. Vom Konzil von Nizäa (325) bis zum Vierten Konzil von Konstantinopel (869/70) (= Dekrete der ökumenischen Konzilien. Band 1). 3. Auflage. Schöningh, Paderborn u. a. 2002, S. 9. Sitz des Metropoliten war und blieb Caesarea Maritima als Provinzhauptstadt von Palaestina I.

mini|Konstantin und Helena mit dem Wahren Kreuz (Emmanuel Tzanes, 1669)

Grundlage für den Aufstieg Jerusalems war der von Kaiser Konstantin beauftragte Bau repräsentativer Kirchen in Jerusalem und Bethlehem und die Legende von der Auffindung des Wahren Kreuzes durch die Mutter des Kaisers, Helena. Jerusalem wurde dadurch zur „Heiligen Stadt“, die Pilgerscharen anzog.Wolfgang Hage: Das orientalische Christentum, Stuttgart 2007, S. 97 f.

Bischof Kyrill von Jerusalem, der seit 348 amtierte, nutzte diese Ressourcen. Zu seiner Zeit entwickelte sich in Jerusalem eine besondere Liturgie, bei der die vermeintlichen Schauplätze neutestamentlicher Erzählungen aufgesucht wurden. Am richtigen Ort und zur richtigen Zeit (im Kirchenjahr) fand unter Leitung des Bischofs ein gemeinsamer Nachvollzug der Jesusgeschichte statt; durch Prozessionen war die städtische Bevölkerung einbezogen.

Kyrill förderte den Kult um die Reliquie des Wahren Kreuzes. Durch seine persönliche Autorität stellte Jerusalem Caesarea in den Schatten. Beim Konzil von Konstantinopel (382) führte Jerusalem die Liste palästinischer Bischofssitze an und trug den Ehrentitel „Mutter aller Kirchen“.Jan Willem Drijvers: Cyril of Jerusalem: Bishop and City (= Vigiliae Christianae, Supplements. Band 72). Brill, Leiden/Boston 2004, S. 165–176.

Erhebung zum Patriarchat Überregionale kirchliche Strukturen entwickelten sich im östlichen Mittelmeerraum in Anlehnung an das staatliche System der Diözesen. Mehrere Metropolien wurden zu größeren Einheiten zusammengefasst. Das Patriarchat Alexandria entsprach der Diözese Aegyptus, das Patriarchat Antiochia anfangs der Diözese Oriens.Peter Gemeinhardt: Geschichte des Christentums in der Spätantike, Tübingen 2022, S. 312 f.

mini|Diözese Oriens mit den Provinzen Palaestina I, II und III, um 400

Auf dem Konzil von Chalcedon (451) wurden die drei palästinischen Provinzen der Jurisdiktion Antiochias entzogen und Jerusalem unterstellt. Diese Aufwertung Jerusalems gilt als Erfolg des seit 422 amtierenden Jerusalemer Bischofs Juvenal. Er wird als erster Patriarch von Jerusalem gezählt.Peter Gemeinhardt: Geschichte des Christentums in der Spätantike, Tübingen 2022, S. 312 f.; Peter Norton: Patriarch. In: RAC, Band 26 (2015), Sp. 1103. Die christologische Formel des Konzils von Chalcedon war besonders in den Klöstern sehr umstritten. Ein konkurrierendes Patriarchat der Chalcedon-Gegner hatte aber (anders als in Alexandria und Antiochia) in Jerusalem keine Chance. Die Beschlüsse von Chalcedon in Frage zu stellen, hätte den neuen Rang Jerusalems in Frage gestellt.Wolfgang Hage: Das orientalische Christentum, Stuttgart 2007, S. 99.

Erst in der Regierungszeit des Kaisers Justinian I. (527–565) war das System der fünf Patriarchate (Pentarchie) voll durchdacht und wurde vom 36. Kanon des Concilium Quinisextum (692) bestätigt. Die Patriarchen von Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem sollten demnach kollegial die ganze Christenheit regieren.Peter Gemeinhardt: Geschichte des Christentums in der Spätantike, Tübingen 2022, S. 478; Panajiotis E. Christinakis: Die heutige Verfassung des Patriarchats von Jerusalem, 2006, S. 22.