mini|Tsering Woeser, 2009
Tsering Woeser (* 21. Juli 1966 in Lhasa) (iwmf.org, englisch), gesprochen: Weise, Öser, Oisêr, Wei Se, ཚེ་རིང་འོད་ཟེར་ (Tibetisch), 唯色 (traditionelle Langzeichen und vereinfachte Kurzzeichen der chinesischen Schrift), Wéisè (HanyuPinyin Umschrift) oder mit vollständigem Namen Tsering Woeser, tshe-ring ’od-zer (Umschrift nach Wylie), ist eine chinesische Schriftstellerin, Dichterin, regimekritische Essayistin und seit 2005 Bloggerin tibetischer Nationalität.
Woeser, wie sie sich selbst entsprechend tibetischer Tradition nennt, wagt es, sich in China kritisch über heikle Themen zu äußern. Die chinesischen Behörden sehen sie deshalb als Bedrohung und halten sie und ihre Besucher unter Beobachtung. In der westlichen Welt wird sie für ihren journalistischen Mut bewundert und vielfach ausgezeichnet. Ihre Essays und Gedichte enthalten facettenreiche und manchmal brutale Details des täglichen Lebens in Tibet, einer tief religiösen und abgeschiedenen Kultur. Der Tibetologe Robert J. Barnett, Columbia University, New York, beispielsweise beschreibt sie als „eine Dichterin, die vergessen hat, Angst zu haben.“ Außerhalb Chinas ist sie eine wichtige Informationsquelle über das heutige Tibet.Garschagen, Oscar Alsof zes miljoen Tibetanen een bedreiging vormen voor China, NRC Handelsblad, 3. November 2011 S. 12–13 (niederländisch)Tibetan writer, a rare outspoken voice against Beijing’s policies, sues Chinese government (phayul.com, englisch)Tsering Woeser: Fearless Reporting Behind China’s Great Firewall Barnes, Joshua 5. Oktober 2011 (sampsoniaway.org, englisch) Norbu, Jamyang 2. Mai 2008 (rangzen.net, englisch)
Herkunft und Jugend Woesers Mutter ist tibetischer Abstammung, ihr Vater stammt von einer tibetischen Mutter und einem han-chinesischen Vater ab. Als sie vier Jahre alt war, wurde ihr Vater mit seiner Familie für einige Zeit nach Kham versetzt. Offener Brief.
Ihre Eltern waren überzeugte Maoisten. Ihr Vater, Tsering Dorje, war Offizier der Volksbefreiungsarmee. Woeser beschreibt ihn als jemand, der sich tagsüber in der Öffentlichkeit gegen Religion verwehrte, am Abend aber Zuflucht in buddhistischen Texten suchte. Als er 1991 starb, fand sie eine Biografie des Dalai Lama mit Eselsohren in seinem Bücherschrank. Er war ihr zufolge so wie viele andere Tibeter im Staatsdienst: „Sie sind innerlich zerrissen. Wir nennen sie Menschen mit zwei Köpfen.“
Woeser wuchs während der Kulturrevolution (1966–1976) in Lhasa auf, der Hauptstadt von Tibet, und war damals selbst überzeugte Anhängerin des Großen Vorsitzenden Mao Zedong. Zweifel an dieser politischen Überzeugung kamen ihr, als sie an die Südwest-Universität für nationale Minderheiten in Chengdu ging, die Hauptstadt des an Tibet grenzenden Sichuan. Hier gehörte sie erstmals einer Minderheit an und fühlte sich oft diskriminiert.
Ende der 1980er Jahre promovierte Woeser in Chengdu in Chinesischer Literatur.
In Chengdu las sie die verbotene Biografie des vierzehnten Dalai Lama Tenzin Gyatso und das Buch In Exile from the Land of Snows von John Avedon, das beschreibt, wie Tibeter als Buddhisten unterdrückt werden und in China als Verbannte untergehen. Sie las darin Dinge, die allem, was sie gelernt hatte, entgegenstanden, und durch ihre Überzeugungskraft gewannen diese Bücher großen Einfluss auf Woesers Entwicklung. Über den palästinensisch-amerikanischen Schriftsteller Edward Said schrieb sie – in Hinblick auf dessen Werk über Kolonialismus –: „Said hat meine Augen geöffnet.“
Redakteurin der Zeitschrift „Tibetische Literatur“ Nach ihrem Studium kehrte sie 1990 wieder nach Lhasa zurück, wo sie Redakteurin der staatlichen Zeitschrift „Tibetische Literatur“ (Name übersetzt) wurde. In dieser Zeit (1987–1993) wurden Proteste hart niedergeschlagen. Woeser traf Mönche, die ihr von den Protesten und anschließenden strengen Maßregelungen von 1989 berichteten. Diese Gespräche machten ihr die Gräuel der chinesischen Vorherrschaft bewusst und führten zu ihrem Entschluss, diese als Schriftstellerin zu bekämpfen.
Woeser hatte zunächst nicht die Absicht, die Fotos zu veröffentlichen, die ihr Vater während der Kulturrevolution (1966–1976) gemacht hatte. Das änderte sich, nachdem sie 1999 beschlossen hatte, die Geschichten und Erinnerungen hinter den Bildern neu zu entdecken. Sie schickte die Fotos dem chinesischen Schriftsteller und Intellektuellen Wang Lixiong, der sich auf Tibet spezialisiert hatte. Er schickte die Fotos zurück und teilte ihr seinen Eindruck mit, dass die Aufnahmen Zeugen einer Zeit waren, die von den chinesischen Behörden versteckt worden war und die dringend wiederentdeckt werden musste. Schließlich veröffentlichte Woeser diese Fotos 2006 unter den Titeln Töten und Ausrauben. Vier Jahrzehnte verbotene Erinnerungen, die Kulturrevolution in Tibet unter die Lupe genommen. (杀劫:四十年的记忆禁区,镜头下的西藏文革) und Erinnerung an Tibet (西藏 记忆). Diese Bücher wurden außerhalb der Volksrepublik (in Taiwan) veröffentlicht. (englisch)
2003 veröffentlichte sie eine Sammlung von Essays, die das Ende ihrer Karriere als Redakteurin einläutete. In den für den Westen harmlosen Formulierungen ging sie nach chinesischen Maßstäben zu weit, indem sie sich lobend über geistige Führer wie den vierzehnten Dalai Lama und den siebzehnten Gyalwa Karmapa, Trinley Dorje Orgyen, äußerte. Beispielsweise schrieb sie, dass der Dalai Lama als spiritueller Führer von den Tibetern verehrt, aber von der chinesischen Führung verleumdet wird. 2004 wurde sie aus dem Staatlichen Schriftstellerverband ausgeschlossen, weil sie ihre „politischen Fehler“ nicht erkennen wollte. Diese bestanden darin, dass sie den Dalai Lama verherrlicht, die Solidarität des Landes beschädigt und die positive Wirkung von Religion im gesellschaftlichen Leben übertrieben habe.Roberts II, John B. & Roberts, Elizabeth A.: Freeing Tibet – 50 Years of Struggle, Resilience, and Hope, Amacom, American Management Association, 2009, ISBN 978-0-8144-0983-1, S. 208
Sie wurde gekündigt und gezwungen, zur „Umerziehung“ nach Peking zu ziehen, was bedeutete, dass sie regelmäßig verhaftet und psychisch misshandelt wurde. Weil sie wiederholt ihre große Bewunderung für Wang Lixiong, einen der bekanntesten Schriftsteller Chinas, ausgesprochen hatte, führten Freunde ein Treffen zwischen ihnen herbei. Ein Jahr später heirateten sie.
Auch Woesers Familie wurde bedroht, verhaftet und nach ihrer Arbeit verhört. Menschen, auf die sie zunächst bauen konnte, weil sie sie über die aktuellen Ereignisse und die Situation in Tibet auf dem Laufenden hielten, wagten ihr 2010 aus Angst vor Vergeltung durch die chinesische Regierung nichts mehr zu erzählen. Mindestens 13 von ihnen wurden verhaftet.
Woeser wurde nicht dauerhaft verpflichtet, in Peking zu bleiben, zusammen mit ihrem Mann unternimmt sie jedes Jahr lange Wanderungen durch tibetische Gebiete. Für sie ist Peking nunmehr eine praktische Wahl geworden, weil sie dort weniger ausspioniert wird als in Lhasa. „Ich bin hier, wie Ai Weiwei, nur ein Künstler, eine einsame, kleine Stimme. Manchmal werden wir verhaftet, manchmal werden wir eingeschüchtert, aber wirklich bedrohlich sind wir nicht.“
Bücher mini|343px|Die autonomen tibetischen Verwaltungsgliederungen in China Woeser gibt ihre Bücher in Mandarin heraus. Sie schrieb dutzende Bücher mit Gedichten, Erzählungen oder Essays, darunter ihr erster Gedichtband unter dem Titel Tibet lebe (西藏在上). Radio Free Asia 21. März 2008 (www.rfa.org, englisch) Ihre Bücher werden übersetzt ins Tibetische, Japanische, Englische, Französische, Deutsche, Polnische, Spanische und Katalanische.
Ihr berühmtestes Buch Notizen über Tibet (西藏笔记) mit 38 kurzen Reisegeschichten wurde im September 2003, neun Monate nach der Veröffentlichung, von der Regierung des Autonomen Gebietes Tibet verboten. Es wurde in einer Auflage von 11.000 Stück verlegt. Auch andere Bücher kamen auf die schwarze Liste und es wurde ihr verboten eventuell folgende Bücher zu veröffentlichen.TAR Authorities Ban Book by Tibetan Author Tibet Information Network 16. März 2004 (tibet.ca, englisch)Tibet’s most famous woman blogger, Woeser, detained by police, Macartney, Jane 26. August 2008 Times Online Woesers Invisible Tibet eigener Pressespiegel (woeser.middle-way.net, englisch) (tibetwrites.org, englisch)
Woeser arbeitete ungefähr zwei Jahre an zwei Büchern über die Kulturrevolution, die von Locus Publishing in Taiwan herausgegeben wurden. Die Bücher sind in Mandarin geschrieben und lauten übersetzt: Töten und Ausrauben: Vier Jahrzehnte verbotene Erinnerungen, die Kulturrevolution in Tibet unter die Lupe genommen. und Erinnerung an Tibet. Anschließend druckte der taiwanesische Herausgeber Notizen über Tibet als Nachdruck. Das erste ist ein Buch mit hunderten von Fotos, die ihr Vater, Tsering Dorje, ihr nach seinem Tod 1991 hinterlassen und zwischen 1966 und 1970 gemacht hatte. Die Fotos zeigten z. B. Soldaten der Roten Garde, die tibetischen Mönchen Schnurrbärte auf die Oberlippe malten, und Tibeter, die auf einen Lkw geladen wurden, um zu Feldern abgeführt zu werden, wo sie umgebracht wurden. Ihr Mann Wang Lixiong schrieb im Vorwort des Buches, dass in der Geschichtsschreibung Tibets während der Kulturrevolution eine Lücke bestände, über die es nur drei Dokumente gäbe; diese drei Dokumente stünden unter strenger militärischer Bewachung.
2009 brachte die International Campaign for Tibet ihr Buch Like gold that fears no fire – New writing from Tibet online heraus, mit Essays und Gedichten, die in China verboten sind. Woeser 2009 (savetibet.org, englisch)
Weblog mini| mini|Letzter Tunnel der Tibet-Bahn vor dem Bahnhof von Lhasa 2005 begann Woeser einen Blog über Themen, die in Tibet kaum zur Sprache kommen, wie AIDS, Prostitution, Umweltschäden und die Eröffnung der Peking-Lhasa-Bahn 2006, die die Region mit chinesischen Auswanderern überschwemmt. Sicherheitsbeamte überwachten ihre Wohnung und die chinesischen Behörden schlossen von Mal zu Mal ihren Weblog. Ihr inzwischen vierter Weblog auf einem ausländischen Server war eine der wenigen Informationsquellen des Westens während der tibetischen Unruhen 2008. In den Tagen um den Jahrestag des Tibetaufstandes von 1959 (10. März) wurden sie und ihr Mann von den chinesischen Behörden unter Hausarrest gestellt.
Hackern der regierungsnahen Chinese Hongke Alliance gelang es, ihren Weblog zu knacken und Zugang zu ihren Logindaten zu erhalten, nachdem sie ihr eine mit Computerviren (phishing oder whaling) verseuchte E-Mail gesandt hatten. Sie leerten ihren Weblog und vertauschten es mit einer Abbildung der Flagge der Volksrepublik China verbunden mit einem Gewaltaufruf gegen Woeser.Woesers Weblog (woeser.middle-way.net, chinesisch)Auszüge aus Woesers Weblog (highpeakspureearth.com; englisch) abgerufen am 18. Dezember 2012PEN Protests Cyber-Attacks Against Woeser – Urges Action Against Saboteurs Siems, Larry PEN American Center 28. Mai 2008 (pen.org, englisch) Dennoch eröffnete Woeser von Neuem ihren nunmehr fünften Weblog. Das Hosting erfolgte 2011 aus dem Ausland von einem Server, der nur mit besonderer Software erreicht werden kann.
Am 12. Juli 2009 schrieben Wang Lixiong und Woeser in ihrem Weblog eine Petition zur Freilassung des Regimekritikers und Bloggers Ilham Tohti, Hochschullehrer an der Schule für Wirtschaftswissenschaften der Zentralen Nationalitäten-Universität, „Minzu University of China“ (englisch), in Peking. Dieser gehört der ethnischen Minderheit der Uiguren an und kritisierte insbesondere die Siedlungspolitik in Bezug auf die Han-Chinesen. Seine Website wurde beschuldigt die Unruhen in der Hauptstadt Xinjiangs, Ürümqi, Anfang Juli 2009 mit mehr als 150 Todesopfern, sowohl bei Han-Chinesen als auch Uiguren, veranlasst zu haben und Tohti wurde erneut verhaftet.
Prozess gegen den Staat