Der Knabenkrebs (Cambarellus puer) ist eine in den USA beheimatete Art der Zwergflusskrebse (Cambarellus). Er wurde von dem amerikanischen Crustaceologen und Taxonomen Horton H. Hobbs Jr. (1914–1994) erstbeschrieben. Der artbezeichnende Beiname puer (lateinisch für „Kind“, „Knabe“) bezieht sich auf die im Gegensatz zu den Weibchen deutlich kleineren Männchen bei dieser Art,Reinhard Pekny, Chris Lukhaup: Süßwasser-Krebse (= GU Tierratgeber), Gräfe und Unzer, München 2009, ISBN 978-3-8338-1606-2, S. 19. die auf der Roten Liste gefährdeter Arten als ungefährdet gilt.Tadashi Kawai, Keith A. Crandall: Global Diversity and Conservation of Freshwater Crayfish (Crustacea: Decapoda: Astacoidea). In: Tadashi Kawai, Neil Cumberlidge (Hrsg.): A Global Overview of the Conservation of Freshwater Decapod Crustaceans. Springer, Cham 2016, ISBN 978-3-319-42527-6, S. 65–114; hier: S. 70.
Merkmale Die Grundfarben der dorsalen und lateralen Oberflächen der Chelae, Carapax und Abdomen des Knabenkrebses sind variabel und reichen von rostrot über hellbraun bis grau. Auf Carapax und Hinterleib des Tieres können sich zwei braune oder schwarze Längsstreifen zeigen, die sich von oberhalb der Augen bis zum Telson erstrecken. Die Streifen können zusätzlich dunkel umrandet sein. Variierend davon kann der Krebs auch zwei Reihen gleichfarbiger Flecken besitzen, die sich als fortlaufende Bänder am Leib entlangziehen.Christopher A. Taylor, Guenter A. Schuster: The crayfishes of Kentucky. (= Illinois Natural History Survey Special Publication 28), 2004, ISBN 1-882932-09-9, S. 52. Diese Flecken sind nur sehr selten dunkel umrandet. Der Bauch ist cremefarben bis weißlich. Beide Zeichnungsvarianten kommen bei jeweils beiden Geschlechtern vor. Die Schreitbeine sind ebenfalls dunkel gestreift. Der Knabenkrebs ähnelt mit dieser Zeichnung dem Louisiana-Zwergflusskrebs (Cambarellus shufeldtii). Der farbliche Dimorphismus das Cambarellus puer liegt wohl in der ökologischen und evolutionären Nähe der beiden Krebsarten.
Die Länge des Cephalothorax bei reifen Männchen dieser beiden Arten variiert von 7 bis 12 Millimeter, bei reifen Weibchen bis 14 mm.George Henry Penn, Joe B. Black: Orientation of the Dwarf Crawfishes Cambarellus shufeldti (Faxon) and C. puer Hobbs in a Simple Maze. In: The American Midland Naturalist 70, 1 (1963), S. 149–158; hier: S. 149. Die weiblichen Tiere des Knabenkrebses erreichen eine Größe von maximal 40 mm, die Männchen bleiben mit 20 bis 30 mm deutlich kleiner.Knabenkrebs, Cambarellus puer, Wirbellose im Aquarium, Krebse, Garnelen, Schnecken, Krabben, vom 8. August 2014, abgerufen am 15. Dezember 2015.
Die jahreszeitlichen Reproduktionszyklen der beiden Cambariden Cambarellus puer und Cambarellus shufeldtii sind ähnlich. Beide zeigen jeweils zwei jährliche Höhepunkte ihrer Fortpflanzungsaktivität und bei beiden wechseln die adulten Männchen mittels Häutungen zwischen zwei sich deutlich unterscheidenden morphologischen Formen. Die Tiere werden daher als Form I- und Form II-Männchen bezeichnet. Der Formenwandel hängt direkt mit dem jahreszeitlichen Fortpflanzungszyklus zusammen. Dabei wechseln die Cambariden von der kopulationsfähigen Form I in die sexuell inaktive Form II.George Henry Penn, Joe B. Black: Orientation of the Dwarf Crawfishes Cambarellus shufeldti (Faxon) and C. puer Hobbs in a Simple Maze. In: The American Midland Naturalist 70, 1 (1963), S. 149–158; hier: S. 149–150. An der Körperunterseite sind bei den Männchen die Begattungsgriffel (Gonopoden) zu erkennen. Sie können nicht nur zur Unterscheidung der Geschlechter, sondern auch zur Artbestimmung herangezogen werden. Die drei fingerförmigen Ausläufer der Gonopoden sind beim Knabenkrebs alle um fast 90 Grad zum Schaft hin gebogen. Beim Louisiana-Zwergflusskrebs, dessen Verbreitungsgebiet sich mit dem des Knabenkrebses überschneidet, sind diese Fortsätze gerade.
Die Höhepunkte der Fortpflanzungsaktivitäten wurden 1966 durch Joe B. Black an der McNeese State University in Lake Charles, Louisiana, in einer Vergleichsstudie zwischen den männlichen Reproduktionszyklen des Cambarellus puer und des Cambarellus shufeldtii analysiert. Es ließ sich feststellen, dass kopulationsbereite Männchen der Form I und befruchtungsfähige Weibchen zu fast jeder Jahreszeit zu finden waren, doch konnten dennoch zwei jahreszeitliche Hochphasen definiert werden. So gab es eine stärkere Verdichtung der Fortpflanzungsaktivitäten im Januar, Februar und März und eine kleinere im Juli. Besonders der Cambarellus puer ließ diese Taktung erkennen, während der Cambarellus shufeldtii eine starke Tendenz zu einer kontinuierlichen, ganzjährigen Fortpflanzung zeigte. Trotz dieser Unterschiede besaßen die Männchen beider Arten als Erwachsene zwei große Spitzenzeiten ihrer Spermienproduktion, wobei ihr erster großer Samenschub während ihrer ersten Fortpflanzungsperiode nach der eigenen Geburt, also im ersten Lebensjahr, stattfand. Ein zweiter Schub trat ein, als die Männchen etwa ein Jahr alt waren. Studien zum Wachstum der Tiere zeigten eine durchschnittliche Zunahme von etwa 0,45 Millimeter in der Cephalothoraxlänge pro Häutung für beide Arten, wobei 12 bis 13 Häutungen beim Cambarellus shufeldtii und 13 bis 14 beim Knabenkrebs für das Erreichen der Geschlechtsreife erforderlich waren.Joe B. Black: Cyclic male reproductive activities in the dwarf crawfishes Cambarellus shufeldtii (Faxon) and Cambarellus puer (Hobbs). In: Transactions of the American Microscopical Society 85, 1966, S. 214–232.
In einer Untersuchung aus dem Jahre 1979 wurde nachgewiesen, dass sich lokale Varianten des Knabenkrebses herausgebildet hatten. Tiere aus dem Südosten von Texas waren im Verhältnis zur Länge des Cephalothorax länger und schmäler als Tiere aus dem südlichen Arkansas und dem nördlichen Louisiana, die im Verhältnis kürzer und breiter sind. Populationen, die entlang des Mississippi und westlich des südlichen Louisiana vorkamen, waren hingegen von mittlerer Statur. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass Cambariden aus den östlichen Populationen größer wurden, als Tiere der westlichen Populationen.Carlene L. Chambers, James F. Payne, Michael L. Kennedy: Geographic variation in the dwarf crayfish, Cambarellus puer Hobbs (Decapoda, Cambaridae). In: Crustaceana 36, 1 (1979), S. 39–55.
Verbreitung und Lebensraum Die Krebse der Gattungen Cambarellus puer und Cambarellus shufeldtii wurden anfangs von den meisten Zoologen vor allem wegen ihrer geringen Größe nicht behandelt, da sie im Allgemeinen als unreife Individuen anderer Arten betrachtet wurden. Die grundlegenden ökologischen Nischen der beiden Cambariden sind sich ähnlich.
Der Knabenkrebs ist in den südlichen Bundesstaaten der USA beheimatet. Sein Verbreitungsgebiet reicht von den texanischen Countys Brazos und Brazoria im Westen, entlang der Küstenebenen im Golf von Mexiko bis ins Becken des Mississippi. In Texas kommt er in flachen Gewässern mit Wasserpflanzenbewuchs und unterirdischen Versteckmöglichkeiten vor. Dort nehmen die Tiere während der Dürreperioden oder in trockenen Sommern Zuflucht.Sterling K. Johnson, Nathan K. Johnson: Texas crawdads, Crawdads Club Designs, College Station, Texas, 2008, ISBN 0-9801103-0-0. Im südlichen Louisiana bevorzugt der Knabenkrebs semipermanente, flache Gewässer die eine gewisse Wasserflora aufweisen wobei dort einige Vorkommen auch in sumpfigen Flussarmen und langsam fließenden Bächen zu finden sind.William L. Pflieger: The crayfishes of Missouri. Missouri Department of Conservation, Jefferson City, Missouri, 1996, ISBN 1-887247-05-X. Vom Süden nach Norden lässt er sich vom Mississippi-Delta bis in den äußersten Süden von Illinois (Johnson County) finden. Der Ichthyologe Lawrence M. Page von der University of Illinois at Urbana-Champaign berichtete 1985, der Knabenkrebs könne dort, im südlichen Illinois, in meist permanenten Gewässern gefunden werden.Lawrence M. Page: The Crayfishes and Shrimps (Decapoda) of Illinois. Illinois Natural History Survey Bulletin 33, 4 (1985), S. 335–448. Die Art wurde auch in einem sehr begrenzten Bereich im Südosten des Bundesstaates Oklahoma entdeckt. Hier war es ein sumpfiges Gebiet mit dichter Vegetation entlang des Little River im McCurtain County. Nach Informationen aus dem Jahre 2013 wurde der Krebs dort allerdings seit 1975 nicht mehr nachgewiesen.Reid L. Morehouse Michael Tobler: Crayfishes (Decapoda: Cambaridae) of Oklahoma. Identification, distributions, and natural history. In: Zootaxa 3717, 2 (2013), S. 101–157. Der Ichthyologe und Astakologe Christopher A. Taylor von der University of Illinois at Urbana-Champaign sowie der Zoologe Guenter A. Schuster von der Eastern Kentucky University stellten 2004 fest, dass der Knabenkrebs auch in Kentucky, allerdings in sehr geringem Maße, verbreitet ist. Er wurde dort im Bereich des Mayfield-Creek-Drainagesystems gefunden, das in den Mississippi entwässert und sich in den Countys McCracken und Graves erstreckt, die sich in einem Zwickel zwischen den Bundesstaaten Illinois im Norden und Missouri im Westen befinden und zum Jackson Purchase gehören. Diese im äußersten Westen Kentuckys gelegene Region wird teils durch weitläufige Zypressensümpfen dominiert. Diese Sümpfe bevorzugt der Knabenkrebs im Jackson Purchase, wo er unter lebender oder toter Vegetation existiert. Angesichts der Fülle geeigneter Lebensräume im Westen Kentuckys empfanden die beiden Wissenschaftler die begrenzte Verbreitung des Knabenkrebses in diesem Bundesstaat merkwürdig. Als mögliche Erklärungen konnten sie sich ein bisher unvollständige Beprobungen möglicher Tieflandhabitate oder Wechselwirkungen zwischen den beiden Krebsarten der Gattungen Cambarellus puer und Cambarellus shufeldtii vorstellen. Die auf Wirbellose spezialisierten Wissenschaftler George Henry Penn (1918–1963) und Joseph F. Fitzpatrick Jr. (1932–2002) hatten bereits 1962 und 1963 nach experimentellen Versuchen festgestellt, dass Cambarellus shufeldtii gegenüber Cambarellus puer dominant war und dass Cambarellus shufeldtii den Konkurrenten Cambarellus puer damals bereits seit einigen Jahren an mehreren Standorten entlang der Golfküste verdrängt hatte. Page mutmaßte 1985, dass dieser Konkurrenzausschluss zwischen den beiden Arten ihre Verbreitung im südlichen Illinois teilweise erklären könnte. Im westlichen Kentucky ist Cambarellus shufeldtii weitaus häufiger und in Tieflandlebensräumen weit verbreitet. Dieser Konkurrenzausschluss zwischen den beiden Arten könne ihre Verbreitung im südlichen Illinois teilweise erklären. Im westlichen Kentucky ist Cambarellus shufeldtii weitaus häufiger anzutreffen und hat sich in Tieflandhabitaten weit verbreitet.
Die zahlreichen Feuchtgebiete um das Becken und das Delta des Mississippi bieten dem Knabenkrebs ein ideales Habitat. Er lebt in Sümpfen, Tümpeln, Teichen, Gräben und langsamen Fließgewässern sowie Bayous. Das Typusexemplar nach dem die Art beschrieben wurde, stammt beispielsweise aus einem Straßengraben rund 11 Kilometer westlich von Dayton im Liberty County in Texas (Highway 90).
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