mini|Bernhard Kadenbach (2010)

Bernhard Kadenbach (* 21. August 1933 in Luckenwalde; † 14. April 2021 in Marburg) war ein deutscher Biochemiker mit Forschungsschwerpunkt Struktur und Funktion der mitochondrialen Cytochrom-c-Oxidase, der als Professor am Fachbereich Chemie der Philipps-Universität Marburg tätig war.

Leben Akademische Laufbahn Bernhard Kadenbach wurde als fünftes von acht Kindern des Gewerbeoberlehrers Bernhard Kadenbach und seiner Ehefrau Elfriede Kadenbach, geborene Brix, in Luckenwalde geboren. Nach dem Abitur 1952 an der Gerhart-Hauptmann-Schule in Luckenwalde studierte Kadenbach ab 1952 Chemie an der Humboldt-Universität zu Berlin – zu dieser Zeit war Robert Havemann Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät und Direktor des Instituts für Physikalische Chemie. Kadenbach schloss das Studium 1959 mit dem Diplom ab. Die Diplomarbeit unter Betreuung des Organikers Otto Neunhoeffer erfolgte in der Robert-Rössle-Krebs-Klinik der Akademie der Wissenschaften der DDR (DAdW) in Berlin-Buch, damals eine der renommiertesten biomedizinischen Forschungskliniken der Ostblockländer.Ernst Peter Fischer: Die Charité: Ein Krankenhaus in Berlin – 1710 bis heute, Siedler Verlag (2010), S. 2 f.

Von 1959 bis 1961 arbeitete Kadenbach an gleicher Stelle als Forschungsassistent. Während dieser Zeit absolvierte er im Jahr 1960 einen einjährigen Forschungsaufenthalt im Labor von Lars Ernster und Olaf Lindberg am Wenner-Gren-Institut der Universität Stockholm. Kadenbach kehrte im Dezember 1960 nach Ost-Berlin zurück. Da Otto Neunhoeffer Berlin bereits 1960 verlassen hatte, um in den Westen an die Universität des Saarlandes, Saarbrücken, zu gehen, begann Kadenbach seine Doktorarbeit unter Samuel Mitja Rapoport. Ende August 1961 schließlich verließ Kadenbach die DDR mit falschen Papieren.

Ab 1961 folgte eine Assistenzzeit bei Theodor Bücher am Institut für Physiologische Chemie der Philipps-Universität Marburg, die Kadenbach 1964 mit der Promotion abschloss, worauf ein DFG-Forschungsstipendium bis 1968 an gleicher Stelle folgte. Von 1969 bis 1971 war er Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für physikalische Biochemie der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Martin Klingenberg, der auch bei Theodor Bücher in Marburg über Mitochondrien gearbeitet hatte, und dessen Interesse dem ADP-ATP-Transporter galt.

mini|links|Biomedizinisches Forschungszentrum (BMFZ) Kadenbach wurde 1970 an der Universität Konstanz habilitiert und arbeitete von 1971 bis 1973 als Oberassistent und Dozent im Laboratorium für Biochemie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich bei Carl Martius.

Im Oktober 1973 wurde Kadenbach auf eine Professur für Biochemie am Fachbereich Chemie der Philipps-Universität Marburg berufen, die er bis zu seiner Pensionierung 1998 innehatte.

Von 2001 bis 2011 betreute Kadenbach als aktiver Wissenschaftler in DFG-geförderten Projekten weiterhin zwei Doktoranden im Biomedizinischen Forschungszentrum (BMFZ) am Klinikum der Philipps-Universität Marburg und gewährleistete die Betreuung von technischen Mitarbeitern im Labor der Herzchirurgie.

Kadenbach war ab 1964 verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Forschungsgebiete Von 1973 bis 2010 wurden unter der Leitung von Kadenbach 76 Diplomarbeiten im Fach Chemie/Biochemie angefertigt, und 45 Doktoranden schlossen mit einer Promotion ab (Dissertationen nach Forschungsgebieten): 31 thematisch zur Cytochrom-c-Oxidase, sieben zu mitochondrialen Myopathien, vier zum mitochondrialen Phosphat-Transport und drei zu biochemischer und biomedizinischer Methodik und Analytik.

Mitochondrialer Phosphat-Transport mini|270px|Mitochondrium (schematische Darstellung). Cytochrom-c-Oxidase und Phosphat-Transport-Protein sind Transmembranproteine der Innenmembran.Von 1973 bis 1982, als weder das Gen noch die Aminosäuresequenz des mitochondrialen Phosphat-Transport-Proteins bekannt waren, untersuchten Kadenbach und Mitarbeiter Phosphat-Bindung von mitochondrialen Extrakten und Phosphat-Aufnahme in isolierten Mitochondrien.P. Hadvary und B. Kadenbach: Identification of a membrane protein involved in mitochondrial phosphate transport, Eur. J. Biochem. 65, 573–581 (1976). In letzterem Fall wurde die kompetitive Hemmung des Transports mit reversiblen Sulfhydryl-Reagenzien (organische Quecksilberverbindung wie Mersalyl und Salze der Ethylmercurithiosalicylsäure)H. Freitag und B. Kadenbach Inhibition of malate transport and activation of phosphate transport in mitochondria by ethylmercurithiosalicylate, FEBS Lett. 117, 149–151 (1980). und dem irreversiblen SH-Inhibitor N-Ethylmaleinimid untersucht, um einerseits die Spezifität des Phosphat-Transporters gegenüber dem Dicarboxylat-Transporter, einem anderen Mitglied der Familie mitochondrialer Carrier, abzugrenzen und andererseits die Substratspezifität dieses Transmembranproteins zu bestimmen.H. Freitag und B. Kadenbach: Transport of phosphate analogues in rat liver mitochondria, Eur. J. Biochem. 83, 53–57 (1978).

Zur Aufreinigung des Phosphat-Transporters wurden Fraktionen mitochondrialer Membranen durch nicht-ionische Detergentien solubilisiert und partiell über Hydroxylapatit und andere stationäre Phasen aufgereinigt, bis eine proteinanalytische Identifizierung des Phosphat-Transporters durch SDS-PAGE möglich war (Mr um 32 kDa).H.V.J. Kolbe, P. Mende und B. Kadenbach: The protein component(s) of the isolated phosphate-transport system of mitochondria, Eur. J. Biochem. 128, 97–105 (1982). Rekonstitution des aufgereinigten Phosphat-Transporters in Liposomen zeigte spezifisch hemmbaren Phosphat-Transport,P. Mende, H.V.J. Kolbe, B. Kadenbach, I. Stipani, und F. Palmieri: Reconstitution of the isolated phosphate transport system of pig-heart mitochondria, Eur. J. Biochem. 128, 91–95 (1982). der in Gegenwart des in Mitochondrien natürlich vorkommenden Cardiolipins eine stimulierte Aktivität zeigte.P. Mende, F.-J. Hüther und B. Kadenbach: Specific and reversible activation and inactivation of the mitochondrial phosphate carrier by cardiolipin and nonionic detergents, respectively, FEBS Lett. 158, 331–334 (1983).

Cytochrom-c-Oxidase (COX)

Expression Am Beispiel von Cytochrom cB. Kadenbach: Biosynthesis of cytochrome c. The sites of synthesis of apoprotein and holoenzyme, Eur. J. Biochem. 12, 392–398 (1970). untersuchte Kadenbach bereits gegen Ende der 1960er Jahre die cytoplasmatische Biosynthese mitochondrialer Proteine.B. Kadenbach: Synthesis of mitochondrial proteins. Demonstration of a transfer of proteins from microsomes into mitochondria, Biochim. Biophys. Acta 134, 430–443 (1967). Er zeigte, dass einige Untereinheiten der Cytochrom-c-Oxidase (COX) cytosolisch, und andere mitochondrial (d. h. im Innern der Mitochondrien) synthetisiert werden.Vortrag bei dem Meeting "Autonomy and Biogenesis of Mitochondria and Chloroplasts" vom 8. bis 13. Dezember 1969 in Canberra, Australien und publiziert unter B. Kadenbach: Biosynthesis of mitochondrial cytochromes, in: "Autonomy and biogenesis of mitochondria and chloroplasts" (N.K. Boardman, A.W. Linnane and R.M. Smillie, eds.), North-Holland, Amsterdam, London, S. 360–371 (1971).

Untereinheiten und cDNAs miniatur|Mitochondriengenom (schematische Darstellung) miniatur|Cytochrom-c-Oxidase-Homodimer (Ausrichtung des Enzymkomplexes mit seinen 13 Untereinheiten in der mitochondrialen Membran im Bändermodell) 1983 wiesen Kadenbach und Mitarbeiter proteinanalytisch nach, dass aus Mitochondrien verschiedener Säugetiere aufgereinigte COX-Proteinkomplexe jeweils aus 13 individuellen Untereinheiten bestehen.B. Kadenbach, J. Jarausch, R. Hartmann und P. Merle: Separation of mammalian cytochrome c oxidase into 13 poly-peptides by a sodium dodecyl sulfate-gel electrophoretic procedure, Anal. Biochem. 129, 517–521 (1983). Diese große Anzahl an unterscheidbaren Untereinheiten wurde lange Zeit unter Mitochondriologen nicht anerkannt und heftig diskutiert.B. Kadenbach, M. Ungibauer, J. Jarausch, U. Büge und L. Kuhn-Nentwig: The complexity of respiratory complexes, Trends Biochem. Sci. 8, 398–400 (1983). Erst 13 Jahre später erfolgte der endgültige Beweis durch die Aufklärung der Kristallstruktur des COX-Multimers durch Yoshikawa und Mitarbeiter,T. Tsukihara, H. Aoyama, E. Yamashita, T. Tomizaki, H. Yamaguchi, K. Shinzawa-Itoh, R. Nakashima, R. Yaono und S. Yoshikawa: The whole structure of the 13-subunit oxidized cytochrome c oxidase at 2.8 A, Science. 272, 1136–1144 (1996). wodurch die Lage der 13 Proteine zueinander sichtbar wurde.

Obwohl COX-Komplexe bei Bakterien und Säugetieren die gleiche enzymatische Funktion haben, enthalten bakterielle COX-Komplexe nur 3 Untereinheiten.Die den Bakterien analogen Untereinheiten I bis III werden von mitochondrialer DNA codiert und im Organell synthetisiert (siehe auch Endosymbiontentheorie). Die Biosynthese der zusätzlichen 10 Untereinheiten im Säugetier erfolgt im Zytosol. Für einige der 10 zusätzlichen Untereinheiten im Säugetier wurden regulatorische Funktionen nachgewiesen. Gegen jede einzelne der 13 Untereinheiten der COX wurden in Marburg polyklonale und monoklonale Antikörper hergestellt.Auf Nachfrage wurden die monoklonalen Antikörper gegen die einzelnen COX-Untereinheiten aus Rinderherz-Mitochondrien als spezifische Nachweisreagenzien weltweit verschickt. Erstmals wurden gewebsspezifische Isoformen der COX-Untereinheiten VIa, VIIa, und VIII beschrieben,B. Kadenbach, R. Hartmann, R. Glanville und G. Buse: Tissue-specific genes code for polypeptide VIa of beef liver and heart cytochrome c oxidase, FEBS Lett. 138, 236–238 (1982). und Unterschiede in der kinetischen Aktivität der aus verschiedenen Organen isolierten COX gezeigt.P. Merle und B. Kadenbach: Kinetic and structural differences between cytochrome c oxidases from beef liver and heart, Eur. J. Biochem. 125, 239–244 (1982). Die variable Expression von Isoenzymen der COX wurde auch in verschiedenen Muskelfasern des Menschen immunhistochemisch nachgewiesen.N. Romero, C. Marsac, M. Fardeau, M. Droste, B. Schneyder und B. Kadenbach: Immunohistochemical demonstration of fibre type-specific isozymes of cytochrome c oxidase in human skeletal muscle Histochemistry 94, 211–215 (1990).

Die Gene (cDNAs) für die beiden (Herz- und Leber-)Isoformen der Untereinheit VIaA. Schlerf, M. Droste, M. Winter und B. Kadenbach: Characterization of two different genes (cDNA) for cytochrome c oxidase subunit VIa from heart and liver of the rat, EMBO J. 7, 2387–2391 (1988). sowie für weitere UntereinheitenUntereinheiten VIc und VIII aus Hepatomzellen (Ratte), Va (Herz, Ratte), IV (fötale Leber, Ratte), VIa (Leber Mensch), VIIa (Leber, Ratte), und VIII (Herz, Ratte) wurden isoliert und sequenziert und die chromosomalen Genstrukturen für die Untereinheiten VIc und VIa wurden bestimmt.O. Mell, P. Seibel und B. Kadenbach: Structural organization of the rat genes encoding liver- and heart-type of cytochrome c oxidase subunit VIa and a pseudogene related to the COXVIa-L cDNA, Gene 140, 179–186 (1994). In menschlichem Gewebe konnte auch die entwicklungsspezifische (fötal/adult) Expression der Isoformen gezeigt werden.Analysen wurden mit Northern Blots (cDNA-Nachweis) sowie durch Western Blots (immunologischer Protein-Nachweis) durchgeführt.G. Bonne, P. Seibel, S. Possekel, C. Marsac und B. Kadenbach: Expression of human cytochrome c oxidase subunits during fetal development, Eur. J. Biochem. 217, 1099–1107 (1993).

Kinetik und Regulation