Als Argonnensigillata, Argonnenware oder Rädchensigillata bezeichnet man die von der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts bis etwa zum Ende des 5. Jahrhunderts in Werkstätten in den Argonnen produzierte Terra Sigillata. Ihren Exporthöhepunkt erlebte die Argonnensigillata in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Die Argonnensigillata löst die vorher übliche reliefverzierte Modelware ab – die übliche Verzierungstechnik ist nun der sogenannte Rollrädchendekor. Der überwiegende Teil der Terra sigillata ist aber immer noch unverziert.
Die Leitform dieser Zeit ist die Schüssel Chenet 320/Alzey 1, die die Form Drag. 37 verdrängt – unter den mit dem Rollrädchen verzierten Fragmenten macht sie einen Anteil von etwa 95 % ausBakker 2002, 110..
Topographie mini|hochkant|Das Wappen von Avocourt zeigt zwei Exemplare von Terra sigillata über einem Brunnen. Die Argonnen sind ein bewaldetes Berggebiet im Nordosten Frankreichs. Sie liegen zwischen den Flüssen Maas (franz. Meuse) und Aisne, nordöstlich von Paris. In der Nähe befinden sich die Städte Reims und Verdun.
In der Antike lagen die Argonnen in der Provinz Gallia Belgica. Sie waren an mehrere große Verkehrswege angeschlossen: über die Nord-Süd-Straße, die die Argonnen durchzieht, u. a. an die Römerstraße von Reims über Verdun nach Metz und die Verbindung von Reims über Chesne, Mouzon, Carignan und Arlon nach TrierUnverzagt 1919, 4.. Für Töpfereien bieten die Argonnen ideale Bedingungen. Es gibt ein natürliches Sandsteinvorkommen, das ein feuerfestes Baumaterial für die Brennöfen liefertChenet 1941, 4.. Die ausgedehnten Wälder bieten Brennholz, zudem gibt es viele Quellen. In den Argonnen kommt ein grüner oder grau-bläulicher Ton vorChenet 1955, 9.. Sie liegen nah genug am Absatzgebiet, jedoch weit genug entfernt von der Rheingrenze, die Ende des 3. und Anfang des 4. Jahrhunderts immer wieder von plündernden Germanen heimgesucht wurde. Durch die Nähe zu den Straßen und den Flüssen Aisne und Maas ist der Export auch in entferntere Gebiete möglichChenet 1941, 124..
Forschungsgeschichte 1919 wurde die rädchenverzierte Argonnensigillata zuerst von Wilhelm UnverzagtUnverzagt 1919. zusammenfassend publiziert. Sein Material stammte hauptsächlich aus Zufallsfunden, die während des Ersten Weltkriegs in den Argonnen gemacht wurden. Er konnte jedoch bereits etwa 220 verschiedene Rollstempel differenzieren. 1941 fügte Georges ChenetChenet 1941. dieser Sammlung etwa 130 neu entdeckte Stempel hinzu. Außerdem publizierte er sämtliche bis dahin aus den Argonnen bekannte Gefäßformen – auch die glatte und die übrige, nicht mit dem Rollrädchen verzierte Terra sigillata. Chenet hatte in den Argonnen Prospektionen durchgeführt und dabei einzelne Abfallgruben und Töpferöfen freigelegt. 1968 machte Wolfgang HübenerHübener 1968. den Versuch, die Rollstempeldekore in Gruppen einzuteilen und diese relativ- und absolutchronologisch zu sortieren. Diese Ordnung ist seitdem von Lothar BakkerBakker 1981, Bakker 2001, Bakker 2002. weiter verfeinert worden, jedoch nur in zahlreichen Einzelaufsätzen zu verschiedenen Fundorten (u. a. Echternach, Worms, Domgrabung Köln) publiziert. Ein „Corpus der spätrömischen Argonnensigillata“, in dem alle bekannten Rollstempel mit ihrer möglichen Datierung und die Gefäßformen vorgelegt werden sollen, ist in VorbereitungBearbeitung durch Lothar Bakker (Augsburg), Wim Dijkman (Maastricht) und Paul van Ossel (Paris); angekündigt in: Bakker 2001, 27-28 und Bakker 2002, 109-110.. Zu beachten ist, dass in den Argonnen bisher nur einzelne Öfen freigelegt wurden – eine großflächige Ausgrabung der Töpfereibetriebe fand nicht statt.
Produktionszeitraum Die Argonnentöpfereien beginnen ihre Produktion bereits in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts. In der Anfangszeit wird sog. „belgische Ware“ produziert, die z. T. Rollrädchendekor trägtUnverzagt 1919, 10.. Ab etwa 125 wird dort Terra sigillata hergestellt, u. a. auch reliefverzierte GefäßeFölzer 1913, 40.. Die Produktion läuft bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts, da der Export ab dem Ende des 2. Jahrhunderts merklich durch die Konkurrenz der Betriebe in Rheinzabern und Trier geschwächt wirdFölzer 1913, 40., die näher am Absatzgebiet liegen. Durch den Verlust des Limesgebietes 260 verlieren die beiden Konkurrenzbetriebe jedoch ihre entscheidenden Exportgebiete und liegen zu nah an der unsicheren Rheingrenze. Ab der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts erleben die günstig gelegenen Argonnentöpfereien daher einen erneuten Aufschwung und übernehmen die vorherrschende Stellung auf dem MarktUnverzagt 1919, 11.. An den alten Produktionsstätten werden neue Betriebe errichtet. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Friedenszeit unter Probus (276–282) und die Konsolidierung des Reiches zur Zeit der Tetrarchie DiokletiansChenet 1941, 153.. Ihren Export-Höhepunkt erleben die Argonnentöpfereien unter Konstantin und seinen Söhnen in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts.Chenet 1941, 154. Während Chenet nicht davon ausgeht, dass die Betriebe die Unruhen 406/7 überstanden habenChenet geht davon aus, dass die an späteren Fundplätzen auftauchende Argonnensigillata deutlich früher produziert und nur weitergegeben wurde. Chenet 1941, 155: “Une excellente preuve que des vases décorés à la molette ont circulé encore longtemps après l’époque de leur fabrication et même assez loin du lieu d’origine, c’est la présence de bols de ce genre dans des cimetières francs ou alamans du VIe siècle”., vermutet Unverzagt, dass bis etwa zur Mitte des 5. Jh. weiter produziert wurde – danach sei das Terra-sigillata-Geschirr durch die Germanisierung aus der Mode gekommenUnverzagt 1919, 11.. Bakker bezeichnet die spätantike Terra sigillata aus den Argonnen als „Leitfossil spätrömischer Fundplätze des 4. bis 6. Jahrhunderts n. Chr.“Bakker 2002, 109., da sie auch an Fundplätzen des 6. Jh., v. a. in Gräbern, noch auftaucht. Hier kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es sich um Altstücke handelt, die deutlich früher produziert, aber von den Besitzern lange Zeit weiter benutzt wurdenUnverzagt 1919, 40..
Die Unterschiede zwischen der Produktion des 2. und 3. Jahrhunderts und der des 4. Jahrhunderts sind so bemerkenswert, dass Chenet sie in eine „Première Période“ und eine „Seconde Période“ gliedertChenet 1941, 153.. Seiner Meinung nach hat zwischen beiden Perioden die Produktion eine Weile stillgestanden, wurde jedoch später an den gleichen Orten wieder aufgenommenChenet 1941, 6.. Die Unterschiede bestehen natürlich v. a. in den unterschiedlichen produzierten Gefäßformen, aber auch in Farbe und Glanz der Engobe. War sie zuvor eher korallenrot, wandelt sie sich nun zu einem teilweise blassen Rot-Orange bis BraunChenet 1941, 6.. Auch die Dekoration der Gefäße ändert sich. Im 2. und 3. Jahrhundert war das Relief die vorherrschende Verzierungstechnik. Im 4. Jahrhundert hingegen erinnert man sich der Verzierung der sog. „belgischen Ware“ und dekoriert die Terra sigillata häufig mit dem RollrädchenChenet 1941, 7.. Techniken wie Barbotine oder Kerbschnitt werden in beiden Perioden genutzt. Gleichzeitig mit der Ablösung der Reliefware verschwinden auch die Töpferstempel von der Terra sigillata. Anscheinend sah man keine Notwendigkeit mehr, den Hersteller zu kennzeichnenChenet 1941, 7.. Warum die Töpfer bzw. die Betriebe ihre Ware nicht mehr kennzeichneten, ist unklar.
Produktionsorte Die Produktion in den Argonnen verteilte sich auf zahlreiche einzelne Töpfereien, die zueinander einen Abstand von 2 bis 18 km habenHübener 1968, 243.. Die Produktionsstätten können demnach „einerseits durch die relativ große Entfernung als deutlich voneinander getrennt angesehen werden (…), aber andererseits wegen der Zuordnung zu einem einzigen Flußsystem (der Aire und ihrem Nebenfluß, der Buante) durchaus als enger zusammengehörig gedacht werden (…)“Hübener 1968, 243..
Da in den Argonnen noch nicht großflächig ausgegraben wurde, sondern sich die Erkenntnisse bisher auf Zufallsfunde, Prospektionen und kleinere Ausgrabungen einzelner Öfen stützen, kann davon ausgegangen werden, dass noch nicht alle Töpferöfen bekannt sind. Vor allem in den Waldgebieten könnten sich noch Werkstätten auf ehemals gerodeten Flächen befunden haben. Bekannt sind bisher die Produktionsstätten in Lavoye, Aubréville, Avocourt, Pont-des-quatre-enfants, Les Allieux-Vauquois, Vauquois, La Verdunaise und Châtel-Chéhéry.
Das Töpfereigelände in Lavoye erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 35 haChenet 1941, 17.. Es wurden Töpferöfen aus dem 1. bis 4. Jahrhundert entdecktChenet 1941, 17.. Aus der Spätantike stammen die beiden Öfen E und ZZu den Öfen E und Z vgl. Chenet 1941, 24.. Ofen E wurde an einer Stelle errichtet, an der auch im 2. und 3. Jh. schon Öfen standen. In der Umgebung fanden sich zahlreiche Scherben aus dem 2. bis 4. Jahrhundert. Von Ofen Z war nur noch die Basis erhalten. In der Nähe entdeckte man Scherben aus dem 4. Jahrhundert. Bemerkenswert ist der Fund der sog. „Sépulture A“, die aufgrund von Münzfunden nach 360 datiert wirdChenet 1941, 20.. Im Grab befanden sich zahlreiche Metall- und GlasgegenständeChenet 1941, 20. sowie Argonnensigillata aus dem 4. Jhd.Chenet 1941, 23., jedoch keine menschlichen KnochenChenet 1941, 22.. Chenet deutet die „Sépulture A“ daher als „un lieu à offrandes, peut-être en rapport tout de même avec quelque cérémonie funéraire“Chenet 1941, 22.. „Le puits du champ 790“Zu „Le puits du champ 790“ vgl. Chenet 1941, 25. enthält Fragmente von Argonnensigillata, aber auch komplette Gefäße, die zu einem großen Teil aus Fehlbränden stammen. Die Verfüllung datiert durch Münzen auf die Zeit nach 375. Auffällig ist, dass in Gefäßform und Dekor kaum Gemeinsamkeiten zu den Funden in „Sépulture A“ bestehen, was bedeutet, dass hier zwei verschiedene Produktionsabschnitte oder Betriebe nachweisbar sind.
In Aubréville fanden sich Brennhilfen und Scherben mit Rädchenverzierung aus dem 4. Jahrhundert (alle von Schüssel Chenet 320), jedoch noch kein BrennofenChenet 1941, 29..
Avocourt produzierte Keramik vom 1. bis ins 4. Jahrhundert.Zu Avocourt vgl. Chenet 1941, 31-32. Entdeckt wurden die Öfen A und B bei Pré des Blanches und der Ofen C in einer Entfernung von etwa 100 m. In der Nähe befanden sich große Mengen an Töpfereiabfall aus dem 4. Jhd. und Scherben vieler Schüsseln des Typs Chenet 320.
Der Töpferei bei Pont-des-quatre-enfants im Bois de Cheppy lässt sich bisher am wenigsten Material eindeutig zuordnenHübener 1968, 252.. Entdeckt wurde ein Ofen und große Mengen an TöpfereiabfallChenet 1941, 32.. Laut Chenet fällt bei dem Geschirr aus Pont-des-quatre-enfants „une sorte de lourdeur impliquant, avec le manque d‘élégance de galbe, une épaisseur inusitée de la paroi“Chenet 1941, 34. auf. Chenet schlägt zur Deutung vor, dass das stabilere Geschirr möglicherweise für Militärkantinen bestimmt war, oder dass in dieser Werkstatt vielleicht aus Unvermögen nachlässiger gearbeitet wurde. Der Rollrädchendekor ist trotz der Nachlässigkeit bei den Gefäßformen recht sorgfältig ausgeführtChenet 1941, 34.. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Rollstempel unter den Werkstätten getauscht oder von den Töpferwerkstätten nicht selbst hergestellt, sondern gekauft wurden.
Die Töpfereien in der Gegend von Les Allieux-VauquoisZu Les Allieux-Vauquois vgl. Chenet 1941, 35-38. produzierten schon im 2. und 3. Jahrhundert, aber auch noch im 4. Jahrhundert. Es wird unterschieden zwischen „Les Allieux-Clairière (A)“ und „Les Allieux B (Atelier de la forêt)“. An beiden Produktionsstätten wurden Reste von Brennöfen, Töpfereiabfall, v. a. Fehlbrände, und Brennhilfen entdeckt. Unter den Fragmenten von Terra sigillata waren die Schüsseln 320 (etwa 50 Stück) und 324 am zahlreichsten vertreten.