miniatur|Arthur Schopenhauer, 1859

Senilia ist der Titel einer von Arthur Schopenhauer verfassten Sammlung kleiner Weisheiten, die unter dem Buchtitel Die Kunst, alt zu werden veröffentlicht wurden.vgl. Franco Franco (Hrsg.): Arthur Schopenhauer: Die Kunst, alt zu werden. München: Beck 2009. Sie enthält die Ergebnisse des Meditierens, wie sie Schopenhauer in den letzten Jahren seines Lebens aufgezeichnet hat. In den darauf folgenden 150 Jahren ist viel Wissen um das Altern hinzugekommen. Jedoch die Kunst, alt zu werden – also das (laut Schopenhauer) „geniale“ Verhalten des seelisch-geistig tätigen Menschen – ist kaum überholbar in Schopenhauers Nachlass erhalten.vgl. Dieter Birnbacher: Schopenhauer. Reclam, Grundwissen Philosophie, 2010.

Dennoch gibt es in zweieinhalb Jahrtausenden zahllose Befunde wissenschaftlicher und künstlerischer Provenienz, die eine heute mögliche Vorstellung von der Kunst, alt zu werden, kennzeichnen. Die Kunst, alt zu werden, erschließt sich aus ihrer Geschichte.

Schopenhauers Vorläufer

Schopenhauers Ansichten über die zweieinhalbtausendjährige Tradition philosophischer Lehren vom Altwerden sind bereits in den Parerga und Paralipomena dargelegt. Die Senilia stehen in der Tradition des Buddhismus und der Vorsokratiker. Selbstverständlich finden sich Bezugnahmen auf Platon (bzw. Sokrates) und natürlich auch auf die römische Philosophie, besonders Cicero.

Schopenhauer

Senilia

„Dieses Buch heißt Senilia“. So beginnt die handschriftlich hinterlassene Sammlung kurzer Texte Schopenhauers in den Jahren von April 1852 bis 1860. Kombiniert mit den verschiedensten Einfällen wird die These dargelegt, dass der Mensch im Alter die Strebungen des Willens weitgehend hinter sich und die Vorstellung ganz und gar dominant werden lassen kann. „Man muss nur hübsch alt werden, da giebt sich alles“. Mit seinen Meditationen und den entsprechenden Niederschriften wird die Kunst, alt zu werden, demonstriert. Sie besteht im Grunde darin, wie Schopenhauer sich selbst verhält.

Christentum oder Buddhismus

Wie an vielen Stellen im Werk Schopenhauers wird auch in den Senilia die jüdisch-christliche Tradition für eine plausible Deutung des Alterns und der Kunst, alt zu werden, verworfen.

Schopenhauer bezeichnet sich gelegentlich als Buddhisten, um sich dem Thema des Altwerdens und des Sterbens gewachsen zu erklären.Arthur Hübscher (Hg.): Arthur Schopenhauer: Gesammelte Briefe. Bonn 1978, S. 236. Man muss, um das Altwerden zu bedenken, von der Grundvoraussetzung ausgehen, dass die Seelen inkarniert werden, um im Verlauf des Lebens das Altwerden zu erlernen – nicht von außen als beigebrachter Lerninhalt, sondern aus sich selbst heraus – als „Ding an sich“.

Der unvergängliche und nicht lehrbare Wert eines Menschen besteht in seiner Fähigkeit, den Willen zu objektivieren. Sie erscheint Schopenhauer angeboren und nicht durch pädagogische Anleitung vermittelbar.

Diese Ansicht geht zurück auf das sokratische Konzept der Maieutik (Hebammenkunst), also die Kunst der Entwicklung des Feten, wenn er aus dem Geburtskanal mit geschickten Handgriffen eine Hilfe erhält, ans Licht der Welt zu gelangen.Platon, Theaitetos 148e–151d. Vgl. Theaitetos 161e, wo die Bezeichnung maieutike techne verwendet wird.

Welt und Zeit

Alle Theorie des Alterns muss in den Kontext von Sein und Zeit gestellt werden. Der Mensch kann nur alt werden, indem er in die Zeitlichkeit eintritt. Zwar wird durch den Tod seine Seele nicht zerstört, aber sie kann sich nur im Verlauf ihrer Inkarnation, also innerhalb der „Welt“ vervollkommnen.

Wille und Vorstellung

Entscheidend für die Kunst, alt zu werden, sei die Fähigkeit, sich aus dem Dienste des Willens zu lösen.

"Den Thieren sieht man deutlich an, daß ihr Intellekt bloß im Dienste ihres Willens thätig ist: bei den Menschen ist es, in der Regel, nicht viel anders. Auch ihnen sieht man es durchgängig an; ja Manchem sogar auch noch, daß er nie anders thätig war, sondern stets bloß auf die kleinlichen Zwecke des Lebens und die oft so niedrigen und unwürdigen Mittel dazu gerichtet gewesen ist. Wer einen entschiedenen Ueberschuß von Intellekt, über das zum Dienste des Willens nöthige Maaß hinaus, hat, welcher Ueberschuß dann von selbst in eine ganz freie, nicht vom Willen erregte, noch die Zwecke des Willens betreffende Thätigkeit geräth, deren Ergebniß eine rein objektive Auffaßung der Welt und der Dinge seyn wird, – ein solcher Mensch ist ein Genie, und das prägt sich in seinem Antlitz aus: minder stark jedoch auch schon jeder Ueberschuß über das besagte dürftige Maaß."Franco Volpi (Hrsg.): Arthur Schopenhauer: Die Kunst, alt zu werden. München: Beck 2009, S. 22 f.

Meditation

miniatur|Darstellung des Buddha in Meditationshaltung (Dhyana mudra, Polonnaruwa)

Nach Schopenhauers Ansicht ist ein wahrer Philosoph nicht nur Akademiker, sondern er ist stets auch ein Praktiker der Philosophie. Er meditiert im Sinne der buddhistischen Lehren und sorgt sich um sich selbst; d. h., er bemüht sich, durch praktischen Vollzug seiner Einsichten ein „alter“ Mensch zu werden.Franco Volpi (Hrsg.): Arthur Schopenhauer: Die Kunst, alt zu werden. München: Beck 2009, S. 11. Es geht um die seit den Vorsokratikern bis in die Zeit Schopenhauers immer wieder postulierte philosophische Weisheit, ohne die ein Erkennen gar nicht möglich erscheint. So gesehen, sind Schopenhauers Alters-Meditationen in die große Tradition des Platonismus, der Stoa und der christlichen Praxis klösterlichen Lebens zu stellen. Die Kunst, alt zu werden, ist die Kunst, ein praktisch meditierender Philosoph zu sein.

Der spätgriechische Philosoph Boethius hat bereits die Consolatio philosophiae beschrieben, also den Trost, der darin besteht, über Wesentliches nachzudenken, anstatt den alltäglichen Nöten um Macht, Reichtum und Sexualität zugewandt zu sein.

Darum praktiziert der Philosoph das Meditieren:

Bewegung, Schlaf, Ernährung

Schopenhauer gibt gelegentlich praktische Tipps, wie man sich am besten verhalten solle, um in Gesundheit alt zu werden. Ist doch das Erreichen eines hohen biologischen Alters jedenfalls Voraussetzung für die Vervollkommnung des inneren Wesens.

Biowissenschaftliche Befunde

Das Alters-Wissen der biologischen Disziplinen hat im 20. Jahrhundert die Kunst, alt zu werden, besonders auf zwei Gebieten bereichert:

körperliche Verhaltensweisen (z. B. Ernährung, Sport, Wohnung etc.) Krankheitsprophylaxe, also die Sorge um Frühdiagnostik und Vermeidung schädlicher Einflüsse.

Hierzu finden sich bei Schopenhauer nur relativ spärliche Hinweise. Gar zu wenig waren die Biowissenschaften auf dem Sektor der Altersforschung vorangeschritten.

Auch die Grundlagen-theoretische Erforschung des Alterns ist – besonders durch die Molekularbiologie – erheblich vorangeschritten.vgl. A. Motel-Klingebiel, S. Wurm, C. Tesch-Römer (Hrsg.): Altern im Wandel. Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Kohlhammer, 2010.

Physikotheologie des Alterns

Nach Schopenhauers Ansicht ist die Welt nicht durch den Intellekt eines persönlichen Gottes entstanden, dem gegenüber man sich nach Ende des Lebens zu verantworten hätte. Es ist vielmehr der Willen des Wesens selbst, aus dem heraus sich sein Altwerden erklärt.

miniatur|links|Nur einige einfache Lebewesen, z. B. Süßwasserpolypen (hier Hydra viridis), kennen kein Altern und können unter optimalen Umweltbedingungen theoretisch unendlich alt werden.

Wie wir heute wissen, sind geschlechtliche Vermehrung und Individualtod die Promotoren der Entwicklung im Leben seit ca. 800 Millionen Jahren. Bakterien (Prokaryonten) vermehren sich größtenteils identisch; d. h., dass das Genom vollkommen gleichartig von der Mutterzelle auf die Tochterzelle übergeht. Mit der sexuellen Vermehrung (Eukaryonten) ändert sich dies grundlegend: Dem haploiden (einfachen) Chromosomensatz des Vaters haftet der homologe Chromosomensatz der Mutter an, so dass in der Kunst des Überlebens das jeweils dominante Gen zum Einsatz kommt. In der Phylogenese dieses neuen Vermehrungsprinzips wird kein Schöpfungsakt postuliert.Günther Witzany: The viral origins of telomeres, telomerases and their important role in eukaryogenesis and genome maintenance. Biosemiotics 2008, 1:191–206.

miniatur|hochkant=1.5|Genreiche und genarme Regionen auf menschlichen Chromosomen. Auf Metaphasechromosomen aus einem menschlichen weiblichen Lymphozyten wurden durch Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung die Alu-Sequenzen markiert (grün). Diese Sequenzen sind in genreichen Abschnitten der Chromosomen besonders häufig. DNA ist rot eingefärbt, so dass auch genarme Regionen sichtbar sind.

Zugleich mit der Anordnung der Chromosomen nebeneinander kommt es zur Bildung von Telomeren und Mesomeren. Das sind hoch replikative Sequenzen, die an den Enden und in der Mitte eines jeden Chromosoms hundertfach vorliegen. Mit jeder Zellteilung nimmt die Anzahl der Telomere ab, und wenn keine Telomere mehr vorhanden sind, ist die betreffende Zelle nicht mehr teilungsfähig. So ist mit der Sexualität der Vermehrung der Individualtod unmittelbar verknüpft.

Diese Errungenschaft in der Entwicklung des Lebens erklärt sich hinreichend aus dem Nacheinander von Mutationen, ohne dass ein individueller Schöpfungsakt angenommen werden muss. Die Molekulargenetik bestätigt insofern Schopenhauers Grundansatz.

Krankheitsprophylaxe

Das 20./21. Jahrhundert hat vor allem die Frühdiagnostik und die Prävention der Krankheiten des Alters entscheidend vorangebracht. Zunächst wurden die Erreger der großen Infektionskrankheiten identifiziert (Tuberkulose, Syphilis, Pest, Pocken etc.). Die Stoffwechselkrankheiten – besonders Diabetes und Hyperlipidämien – konnten identifiziert und z. T. wirksam therapiert werden. Es folgte die Aufklärung der zahllosen Allergien und Malignome. In jüngster Zeit sind selbst die genetisch fixierten Fehlbildungen mit einiger Aussicht frühzeitig aufzuhalten und in ihrem Fortgang abzumildern.

Schopenhauer bemerkt dazu:

Verhaltens-Vorschläge

Einer der bekanntesten Verfasser von Verhaltensvorschlägen für das Erreichen eines hohen Lebensalters – also einer gewissen Vorbedingung für das Altwerden im schopenhauerschen Sinne – ist Manfred Köhnlechner. Die Vorschläge reichen von zahllosen Nahrungsergänzungsmitteln über diverse Kochkünste (insbesondere die Zubereitung von Gerichten mit ungesättigten Fettsäuren) bis zu spezieller Körperbewegung und meditativer Konzentration.

Schopenhauer hatte ebenfalls eine kleine Anzahl von Vorschlägen parat, die bereits im Kapitel über Schlaf und Bewegung zitiert sind.

Einen besonderen Ansatz stellt gegenwärtig die Erhaltung der Sexualfunktionen dar. Neben der Hormon­substitution (Östrogen bei Frauen in der Zeit der beginnenden Postmenopause und Testosteron bei Männern in der Zeit nachlassender Libido). In beiden Fällen werden besondere Risiken für bösartige Erkrankungen diskutiert. Östrogensubstitution erfordert besonders strenge Kontrolle des Mammakarzinoms. Testosterongabe erfordert besonders engmaschige Kontrolle des Prostatakarzinoms.

Für Schopenhauer waren die Themen der Hormonsubstitution unbekannt. Lediglich wird die Zeugung als Gegenpunkt in der Diskussion des Sterbens diskutiert:

Die Kunst, alt zu werden, ist bei Schopenhauer eben nicht die Kunst, möglichst lange zu leben, sondern die Kunst, eine alte Seele im Sinne der buddhistischen Reinkarnationstheorie zu werden. Lediglich bietet ein langes Leben bessere Chancen, sich in der Kunst, eine alte Seele zu werden, zu qualifizieren. Langes Leben ist sozusagen eine Conditio sine qua non (unverzichtbare Bedingung) für die Kunst, alt zu werden.