Vision Thing ist das dritte und bislang letzte Studioalbum der britischen Band The Sisters of Mercy; es wurde im Jahre 1990 veröffentlicht.
Vorgeschichte Nach der Veröffentlichung des ersten Studioalbums First and Last and Always im Jahre 1985 hatte sich die ursprüngliche Band aufgelöst. Das zweite Studioalbum Floodland wurde unter Verwendung des Bandnamens 1987 von dem Sänger Andrew Eldritch nach eigener Einschätzung als Soloalbum eingespielt.Hannsjörg Riemann: Bravo Talkshow – Andrew Eldritch. In: Bravo-Magazin 39/1992, 17. September 1992, Seite 28. Das Album brachte zwar den kommerziellen Durchbruch, war aber von Eldritch als reines Studioprojekt konzipiert und nicht zur Aufführung auf Live-Konzerten vorgesehen gewesen.Mike Gitter: Sisters of Mercy – Sex & Violence. In: RIP-Magazin, Juli 1991 Seine Bandkollegin Patricia Morrison erklärte im März 1988, dass es Live-Auftritte erst mit dem nächsten Studioalbum geben werde, was jedoch noch „eine Menge Aufwand und Zeit“ in Anspruch nehmen werde.Mick Brown: Patricia Morrison Interview (Chart Attack-Sendung ITV Night Network, Ende März 1988) Den Rest des Jahres 1988 legten die Sisters eine kreative Pause ein.
Andrew Eldritch gastierte auf dem Song Blood of Emeralds auf Gary Moores Soloalbum After the War, das zwischen März und November 1988 unter anderem in den Puk Studios in Dänemark aufgenommen wurde.The Danish Gary Moore Society (Hrsg.): The Gary Moore Discography – The Complete Recording Sessions 1969–1994 (Eigenverlag, Dänemark 1995, Seite 140) Ende 1988 remixte er die Single Toilet Queen der befreundeten Hamburger Band Kastrierte PhilosophenMichael Zolondek: Kastrierte Philosophen – Wie gut kann eine Band sein? In: EB/Metronom-Magazin, November 1988, Seite 12.Jutta Koether: Kastrierte Philosophen – Streitendes Paar, sich vertragend. In: SPEX-Magazin, Januar 1989, Seite 16–17,81. und trat in dem betreffenden Video auf. 1989 nahm die ehemalige Berlin-Sängerin Terri Nunn Kontakt zu Eldritch auf: „Ich rief ihn an, weil ich wollte, dass er mit mir an meinem Album arbeitet. Ich flog nach Deutschland, er lebt da in einer Höhle in Hamburg, und wir haben gemeinsam was geschrieben, aber nichts davon hat wirklich funktioniert.“Terri Nunn Interview (Chorusandverse.com Webseite, 13. Dezember 2002) Zurück in den USA registrierte Nunn am 28. Juli 1989Streets of Shame (Date of creation: 1989, Registration Date: 1989-07-28, Registration number PAu001262311. Music: Terri Kathleen Nunn, Martin Harold Frederiksen. Words: Terri Kathleen Nunn, Andrew Eldritch. Alle Angaben laut United States Copyright Office-Webseite) das Copyright für einen Song Streets Of Shame, zu dem Eldritch Teile des Textes geschrieben hatte; der Song blieb unveröffentlicht und wurde auf Nunns Soloalbum Moment Of Truth (1991) nicht verwendet.
Vorbereitung des Albums Anfang 1989 begann Andrew Eldritch mit der Vorbereitung eines neuen Studioalbums für WEA Records. Er sprach seinen Hamburger Labelkollegen Michy Reincke an, ihm aushilfsweise einen Gitarristen zu vermitteln.
Andreas Bruhn: „Ich bin in der Nähe von Hamburg aufgewachsen und spiele Gitarre seit meinem sechsten Lebensjahr. Mit 19 machte ich mein Abitur und leistete dann meinen Zivildienst ab. Ich nahm Songs mit einem Vierspurgerät auf, arbeitete ein bisschen als Studiogitarrist und wurde zum Popkurs an der Musikhochschule angenommen. Da kontaktierte mich Michi Reincke, ein deutscher Sänger mit dem ich mal gespielt hatte. Seine Plattenfirma suchte einen Gitarristen, der Andrew dabei aushelfen könnte, ein paar neue Demos aufzunehmen. Ich schickte ein Tape an WEA und eine Woche später klingelte das Rote Telefon. Er fragte mich nach einem gültigen Reisepass und ob ich Drogenprobleme hätte, dann lud er mich zu einem Treffen ein.“Andreas Bruhn Interview (Myheartland.co.uk Webseite, 4. April 2005) Eldritch: „Das Tape war absolut grauenhaft. Technisch gesehen war es perfekt, deshalb habe ich zugegriffen.“Christoph Dallach: Kleiner Mann in Hollywood. In: Szene Hamburg-Magazin, November 1990. Bruhn: „Danach haben wir uns einige Male getroffen und zusammen gespielt. Nach zwei Monaten haben wir uns dann entschieden, es zusammen zu machen.“Ralf G. Poppe: The Sisters Of Mercy – Kunst oder Verfall. In: EB/Metronom-Magazin, November 1990, Seite 32–33.
Im April 1989 wurde Bruhn offiziell neues Bandmitglied:, wolffsongs.de „Mein letzter Tag beim Zivildienst war dann mein erster Tag bei den Sisters Of Mercy, meiner ersten richtig professionellen Band […] Ich bin im April '89 dazugekommen und habe erst mit Patricia, dann ohne Patricia die Stücke vorbereitet.“Sven Lorenz: The Sisters Of Mercy. In: Niagara-Magazin, April 1991. „Ich bin ziemlich gut mit Patricia ausgekommen. Tatsächlich wäre ich gar nicht gefragt worden, in die Band einzusteigen, wenn sie mir nicht Tipps gegeben hätte, wie alles abläuft und wie man mit Andrew arbeiten muss.“
Der ehemalige The-Only-Ones-Gitarrist John Perry wurde ebenfalls eingeladen, bei der Vorbereitung des Albums auszuhelfen und soll auch auf Demoaufnahmen mitgespielt haben:Sister Sputnik. In: Melody Maker-Magazin, 3. Februar 1990. „Als ich das ‚Vision Thing‘-Material zum ersten Mal hörte, war Patricia noch dabei. Als ich später die Aufnahmen [in den Puk Studios] machte, nicht mehr. Sie war eindeutig nicht besonders glücklich mit ihrer Position oder wie sie behandelt wurde.“Ken McIntyre: The Sisterhood. In: Classic Rock-Magazin Juli 2007, Seiten 58–62.
Patricia Morrison: „Ich war nicht gerade begeistert von der Richtung, in der das Album ging.“It's Scam Time. In: Sounds-Magazin, 10. Februar 1990.
Am 17. Juli 1989 registrierte Eldritch einen neuen Musikverlag Eldritch Boulevard Limited für die neuen Songs.Eldritch Boulevard Limited, Nature of business: 59200 – Sound recording and music publishing activities. Registriert als Private Limited Company am 17. Juli 1989, Handelsregisternummer 02141011, Name geändert am 30. Juli 2002 in The Sisters Of Mercy Limited (alle Angaben laut CompaniesHouse.co.uk-Webseite)
Am 29. Juli 1989 meldete die britische Musikpresse: „Andrew Eldritch arbeitet gerade zusammen mit Patricia Morrison am nächsten Sisters Of Mercy-Album, das laut Merciful-Release-Pressesprecher ‚irgendwann nächstes Jahr‘ erscheinen wird.“A Belated Gift. In: Melody Maker-Magazin, 29. Juli 1989.
Im Oktober 1989 veröffentlichten WEA Records die Sisters-Videokassette Shot, auf dem vier Musikvideos zum Floodland-Album enthalten waren, die erste neue Sisters-Veröffentlichung seit eineinhalb Jahren.
Zu diesem Zeitpunkt wurde die Band durch interne Umstrukturierungen des WEA-Konzerns an das WEA-Sublabel East West Records abgegeben. Eldritch schloss mit dem neuen Label eine Vereinbarung über die Studio- und Produktionskosten des neuen Albums: das Album sollte in vier Monaten fertig aufgenommen werden und sei im Mai 1990 bei der Plattenfirma zur Veröffentlichung abzugeben. In diesem Fall werde die Plattenfirma sämtliche Studio- und Produktionskosten übernehmen. Sollte Eldritch den vereinbarten Termin nicht einhalten, werde er die Kosten selbst übernehmen müssen. Sämtliche Verträge mit der Plattenfirma liefen dabei allein auf Eldritchs Namen: „Ich bin der einzige, der beim Label unter Vertrag steht, ich bin der einzige, der niemals rausgeschmissen wird, ich bin der einzige, der die Schulden am Hals hat.“Dave Dickson: On Eldritch Boulevard. In: Heartland-Fanzine, Issue 4, Juni 1991, Seite 43–71.
Patricia Morrison weigerte sich daraufhin, Verträge zu unterschreiben, die sie „unglaublich dämlich“ nannte,Andrew J. Pinnell: The Sisters Of Mercy Biography Part 4. In: Heartland-Fanzine, Issue 4, Juni 1991, Seite 10. und thematisierte ihre schlechte Bezahlung durch Eldritch (300 britische Pfund im Monat plus Mietkosten). Eldritch soll darauf geantwortet haben: „Ich brauche nur jemanden, der den Bass tief genug halten kann – und du bist raus.“ Morrison: „Als entschieden wurde, dass ich nicht mehr Mitglied der Sisters Of Mercy bin, hatte ich innerhalb von zwei Wochen kein Geld und keine Wohnung mehr.“Markus Hartmann: Patricia Morrison. In: Zillo-Magazin, Juni 1994, Seite 14–15. „Ich hätte die Verträge von einem guten Anwalt prüfen lassen sollen statt allein auf Vertrauen zu setzen.“Patricia Morrison Interview (Patriciamorrison.co.uk Webseite, Stand 22. Januar 2005)
An Weihnachten 1989Will Johnson: The Sisters Of Mercy. TOP-Magazin November 1990, Seite 13. kontaktierte Eldritch den ehemaligen GenerationX/Sigue-Sigue-Sputnik-Bassisten Tony James und lud ihn ein, an Patricia Morrisons Stelle auf dem Album zu spielen. Tony James und Andrew Eldritch waren seit 1982 befreundet, als James ihm angeboten hatte, Sänger in seiner neuen Band Sigue Sigue Sputnik zu werden.Peter Kane: Sisters In Arms. In: Q-Magazin #51, Dezember 1990, Seite 22–24. Eldritch: „Ich habe einen Riesenrespekt vor jemandem, der ein solches Phänomen erschaffen kann […] Solche kraftvollen Persönlichkeiten finde ich interessant. Davon abgesehen – ich finde die Idee gut, jemanden zu nehmen, den alle hassen.“ James: „Man muss bedenken, wir hatten beide den gleichen Geschmack, Stooges, Velvets, Dolls, darum gab es eine gemeinsame Basis.“Tony James Interview (Myheartland.co.uk Webseite, 19. April 2005) „Eines Tages rief er mich plötzlich an und fragte ‚Hast du Lust nach Dänemark mitzukommen, ein Album aufnehmen?‘“
Am 27. Januar 1990 gab die Presseabteilung von WEA in London folgendes Statement an die britische Musikpresse weiter: „Andreas Bruhn ist Mitglied der Sisters Of Mercy geworden. Andreas Bruhn spielt elektrische Gitarre. Tony James ist Mitglied der Sisters Of Mercy geworden. Tony James spielt Bassgitarre.“ Ebenfalls am 27. Januar 1990 gab Morrison folgende Presseerklärung an das britische Sounds-Magazin ab: „Patricia Morrison hat zuletzt im Dezember 1989 mit Andrew an Material für das neue Sisters-Album gearbeitet, hat aber seitdem keinen Kontakt mehr und ist nicht länger bei den Sisters Of Mercy. Sie hat seitdem an einem neuen Projekt gearbeitet und ein weiteres Statement wird zu einem späteren Zeitpunkt abgegeben.“Spiggy Spiggy Sputnik. In: Sounds-Magazin, 3. Februar 1990, Seite 3.
Andrew Eldritch kommentierte auf einer Pressekonferenz am 23. Juni 1990: „Patricia ist unwiderruflich aus der Band ausgeschieden, letztes Jahr im Oktober. Patricia war in jeder Hinsicht gut; sie kann Baß spielen, sie hatte Input, sie war eine große moralische Stütze für viele Jahre. Sie war länger in der Band als jeder andere jemals war, eine sehr lange Zeit.“Markus Hartmann: Die barmherzigen Schwestern am Rhein. In: Zillo-Magazin September 1990.
Aufnahmesessions Puk Recording Studios, Dänemark Für das neue Album waren im Herbst 1989 die Puk Recording Studios im dänischen Gjerlev gebucht worden. Am Rande eines Red-Lorry-Yellow-Lorry-Konzertes in Hamburg am 7. November 1989 hatte Eldritch dem späteren Zillo-Herausgeber Rainer Ettler gegenüber angegeben, dass die Aufnahmen im Januar 1990 beginnen würden und „etwa im Mai“ mit der Veröffentlichung zu rechnen sei.Sven Affeld: Sisters Of Mercy. In: Zillo-Magazin, Januar 1990, Seite 44–48. Eldritch: „Das Studio bot uns das, was wir brauchten, zu vernünftigen Preisen. Und man hat dort seine Ruhe. Nur Landschaft ringsumher, man kann da sehr gut arbeiten.“Werner Theurich: Hamburg Calling. In: ME/Sounds-Magazin November 1990.
Tony James: „Ich fuhr nach Dänemark zu den Puk Studios Ende Januar.“Tony James: History. (Sputnikworld.com Webseite) James wurde ursprünglich auch vom Sigue-Sigue-Sputnik-Gitarristen Neil X begleitet, der aber an den Aufnahmen nicht beteiligt wurde: „Nein, Eldritch konnte Neil nicht leiden, und ich konnte ihn verstehen, es passte irgendwie nicht, trotzdem fand ich Neil besser als Bruhn.“