mini|hochkant|Wachturm B des KZ Dachau (April 1945) mini|hochkant|Propagandafoto: KZ Dachau, Häftlinge beim Appell (28. Juni 1938). Aufnahme von Friedrich Bauer. mini|hochkant|Propagandafoto: Heinrich Himmler (2. von links) und – neben ihm – Rudolf Heß (2. von rechts) bei einer Lagerinspektion (1936) mini|hochkant|KZ-Häftlinge bei der Zwangsarbeit im Lager (Schieben von Loren) (20. Juli 1938)

Die Abkürzung KZ Dachau steht für das Konzentrationslager Dachau bei München, auch in der während der NS-Zeit benutzten Form K.L. Dachau oder KL Dachau. Dieses NS-Konzentrationslager bestand vom 22. März 1933 bis zur Befreiung der Gefangenen durch Soldaten der 7. US-Armee am 29. April 1945 (Befreiung des Konzentrationslagers Dachau). Das deutsche nationalsozialistische Regime eröffnete es rund acht Wochen, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war und das NS-Regime die Macht übernommen hatte. Das KZ Dachau war eines der ersten derartigen dauerhaft betriebenen Lager. Heinrich Himmler (damals Polizeipräsident von München, seit 1929 Reichsleiter SS und seit 1934 Reichsführer SS) nutzte es als „Münchner Modell“ für viele weitere Konzentrationslager. Es wurde 1937 umgebaut und erweitert. Es war zwölf Jahre durchgehend als Werkzeug des NS-Terrors gegen die Bevölkerung in Betrieb, doppelt so lange wie viele der anderen deutschen Konzentrationslager. Unmittelbar nach der Befreiung wurden die Zustände im Lager durch Filmaufnahmen dokumentiert. Dadurch wurde das KZ Dachau weltweit bekannt.

Das Gelände liegt ungefähr 20 Kilometer nordwestlich von München. Zunächst diente das Lager der Inhaftierung von politischen Gegnern des Nationalsozialismus. Himmler ließ es östlich der Stadt Dachau auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik bauen. Es diente – vor allem in seinen Anfangsjahren, als das NS-Regime seine Macht festigte – zur Inhaftierung und Einschüchterung politisch Andersdenkender.

Nach der Zerschlagung der SA 1934, die von der Propagandalüge eines drohenden „Röhm-Putsches“ begleitet wurde, ließ Himmler die Vergrößerung des KZs planen. 1937 begannen die Bauarbeiten für den neuen Häftlingsbereich, der an die ehemalige Munitionsfabrik anschloss. Organisation und räumlicher Aufbau waren später eine Vorlage für neue KZ im Reichsgebiet. Das NS-Regime präsentierte es propagandistisch als „Vorzeigelager“, beispielsweise mittels beschönigender Fotografien.

Dachau war Ausbildungsort für KZ-Wachmannschaften und SS-Führer, die nach Beginn des Zweiten Weltkriegs auch in Vernichtungslagern eingesetzt wurden. Das KZ Dachau war kein Vernichtungslager; allerdings wurden in keinem anderen KZ so viele politische Morde verübt.

Nach der Reichspogromnacht inhaftierte die SS verstärkt auch Juden und andere Verfolgte. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden auch Menschen aus besetzten Gebieten Europas im KZ Dachau inhaftiert. Es entwickelte sich zur Keimzelle für neue KZ und nahm mehrere Sonderstellungen ein: Das Lager war der erste Ort im Deutschen Reich, an dem einem SS-Lagerkommandanten die alleinige Gerichtsbarkeit zugeteilt wurde und geltendes Recht erfolgreich außer Kraft gesetzt wurde. Die SS schuf einen „Staat im Staate“. Haft und Ermordung politischer Gegner waren dem Zugriff der Justiz entzogen.

Von den insgesamt mindestens 161.896 HäftlingenYoutube:Beitrag vom 2022-Die Story | Kontrovers | BR24 - Nummer 161.896 - Der letzte Häftling von Dachau starben etwa 41.500, wovon alleine im KZ-Außenlagerkomplex Kaufering etwa 14.500 zwischen Juni 1944 und April 1945, starben.Zahlenangabe der Gedenkstätte Zusätzlich deportierte die SS häufig Häftlinge in andere Lager mit härteren Bedingungen oder gar in die Vernichtungslager im Osten.

Seit 1965 befindet sich auf dem Gelände die KZ-Gedenkstätte Dachau, die z. B. im Jahr 2019 von 900.000 Menschen besucht wurde.

Entstehung mini|Propaganda-Aufnahme: Entlassung von Häftlingen im Zuge einer „Gnadenaktion“ zu Weihnachten (1933)

Bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes vom 27. Februar 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Inhaftierung ihrer politischen Widersacher.Quelle: Stanislav Zámečník: (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau. Luxemburg 2002. Viele Reichstagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, Liberale und Monarchisten wurden verhaftet.

Die Häftlinge wurden an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Zuständigkeit – Sturmabteilung (SA), SS, Innenministerien etc. – inhaftiert. Die Orte werden inzwischen als „wilde“ oder frühe Konzentrationslager bezeichnet; es waren meist improvisierte Haftstätten. Dachau war das einzige der frühen KZ, das nicht bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder aufgelöst wurde. Heinrich Himmler ließ es systematisch ausbauen und nahm es als Vorbild für später gebaute KZs.

Geschichte Politischer Terror 1933–1934 mini|SS-Wachmannschaft (Mai 1933) mini|Zeitungsausschnitt aus den Dolomiten vom 22. Mai 1933, S. 2, mit der expliziten Nennung des Konzentrationslagers Dachau

Drei Wochen nach dem Reichstagsbrand entstand das Lager Dachau. Am 13. März 1933 veranlasste Himmler, seit einer Woche kommissarischer Polizeipräsident von München, die Errichtung eines politischen Konzentrationslagers bei Dachau und gab dies eine Woche später, am 20. März 1933, bei einer Pressekonferenz im Münchner Polizeipräsidium gegenüber Journalisten bayerischer Zeitungen bekannt.Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008, S. 161.Dachau – Heinrich Himmler und das erste KZ, 1. September 2015 WeltN24, abgerufen 25. September 2016. Schon am 22. März wurden etwa 150 Häftlinge aus der Justizvollzugsanstalt Landsberg, der Strafanstalt Neudeck und der Strafanstalt Stadelheim auf das Gelände der stillgelegten Königlichen Pulver- und Munitionsfabrik Dachau gebracht, darunter der SPD-Politiker Thomas Wimmer und Martin Grünwiedl (KPD). Die Haftnummer eins erhielt der Kommunist Claus Bastian.Anna Andlauer: Claus Bastian – Der Häftling mit der Nummer 1. In: Hans-Günter Richardi (Hrsg.): Lebensläufe – Schicksale von Menschen, die im KZ Dachau waren. BoD – Books on Demand 2001, Dachauer Dokumente Bd. 2, ISBN 978-3-8311-2190-8, S. 27 f. Bewacht wurden sie in den ersten Tagen von der Bayerischen Landespolizei. Ab dem 11. April teilten sich Polizei und SS die Bewachung des Lagers; die SS war als Hilfspolizei eingesetzt. Am nächsten Tag wurden die ersten Morde begangen, an den Häftlingen Rudolf Benario, Ernst Goldmann und Arthur Kahn. Zahlreiche weitere Todesfälle folgten, beispielsweise Fritz Dressel, Wilhelm Aron, Sebastian Nefzger.

Im Mai 1933 gelang Hans Beimler (Reichstagsabgeordneter der KPD) die Flucht.

Beimler veröffentlichte kurz darauf in Prag die Broschüre Im Mörderlager Dachau.Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen. Moskau 1933 mit zahlreichen Nachdrucken und Übersetzungen unter anderem in englischer, französischer, jiddischer, polnischer und dänischer Sprache. Eine 1980 im Militärverlag der DDR erschienene kommentierte Neuausgabe enthält auch eine Biografie Beimlers mit Beiträgen von Karl Horn, Karl Pioch und Arthur Dorf. Der erste Lagerkommandant war Hilmar Wäckerle; er verfasste im Mai auf Anweisung von Himmler die erste vorläufige Lagerordnung. Laut dieser lag die Gerichtsbarkeit des Lagers allein beim Kommandanten. Er konnte sogar Häftlinge zum Tode verurteilen, sofern zwei von ihm ernannte SS-Wachen zustimmten. Gründe für Todesstrafe waren beispielsweise „tätlich werden gegen Lagerpersonal“, „gemeinsame Gehorsamsverweigerung“ oder Anstiftung dazu. Anfang Juni übernahm die SS die alleinige Bewachung. Ende Juni wurde Theodor Eicke Lagerkommandant. Eicke zielte darauf ab, das Lager von Außenstehenden völlig abzuschotten. Selbst die Feuerwehr durfte das Gelände nicht betreten, um die Einhaltung der feuerpolizeilichen Vorschriften zu prüfen. Karl Wintersberger von der Münchner Staatsanwaltschaft ermittelte während dieser Zeit wegen der ersten drei Häftlingserschießungen in Dachau.Staatsanwalt Karl Wintersberger. (PDF; 103 kB) Als nach wenigen Monaten sämtliche Verfahren eingestellt wurden, war das Konzentrationslager Dachau zum rechtsfreien Raum geworden.

mini|KZ-Häftlingspostkarte von August 1933

Beispielsweise waren Landtagsabgeordnete wie Alois Hundhammer (BVP) oder Reichstagsabgeordnete wie Ernst Heilmann und Friedrich Puchta (beide SPD) inhaftiert. Die zahlreichen Beispiele inhaftierter Politiker oder Aktivisten hatten auf die Öffentlichkeit eine einschüchternde Wirkung. Viele Dinge hatte die NSDAP bereits mit Hilfe von politischer Polizei und Justiz verwirklicht: den Einfluss von Gewerkschaften geschwächt, Parteien verboten oder aufgelöst, Länder und Gemeinden gleichgeschaltet, demokratische Verhältnisse abgeschafft. Rundfunk und Film wurden gesteuert. Durch die Kontrolle bzw. Übernahme sämtlicher bestehender Vereine und Einschränkung der Redefreiheit hatte man ideologische Kontrolle über die Kommunikation im Volk bekommen. Neue Oppositionsbildung gestaltete sich schwierig. Zu dieser Zeit existierten im Reich mehr als hundert überwiegend kleine Konzentrationslager, in denen Oppositionelle in „Schutzhaft“ festgehalten wurden. Kaum jemand überblickte, wer inhaftiert war. Es unterlag der Willkür ehrgeiziger lokaler Nazis, jemanden zu verhaften oder wieder freizulassen. Bald kam es zu Reibereien in Fragen des Zuständigkeitsbereiches und zu Machtkämpfen. SA-Gruppenführer Schmid war zu dieser Zeit Sonderkommissar der Obersten SA-Führung bei der Regierung von Oberbayern. Er schrieb am 1. Juli 1933 einen Brandbrief an den Bayerischen Ministerpräsidenten Siebert:

mini|Häftlinge beim Essen (Mai 1933), Propaganda-Aufnahme von Friedrich Bauer mini|Propaganda-Aufnahme: Eine zur Entlassung kommende Gruppe von ca. 50 Häftlingen am Lagertor (Dezember 1933)

Am 16. Juli 1933 erschien in der Zeitschrift Münchner Illustrierte Presse ein propagandistischer Bericht über das Lager mit dem Untertitel Frühappell im Erziehungslager. Er zeigte als Titelbild ordentlich und sauber gekleidete Häftlinge (vgl. Abb.Münchner Illustrierte Presse. Bericht vom 16. Juli 1933). Seit Juli erschien regelmäßig ein Pfarrer der Gemeinde Dachau und hielt sonntags einen Gottesdienst ab; durchschnittlich nahmen daran 20 Personen teil. Die Häftlinge trugen zu dieser Zeit noch ihre eigene Kleidung. Die Lagerverpflegung bestand wochentags beispielsweise aus Ersatzkaffee, Brot, Eintopf; sonntags gab es zum Beispiel Suppe und ein Stück Schweinebraten mit Kartoffelsalat. Die Häftlinge erhielten vom eigenen oder zugesandten Geld monatlich bis zu 30 RM, von dem sie sich in der Kantine zu höheren Preisen Brot, Butter, Wurst oder Obst kaufen konnten. Im Herbst wurde eine Lagerbücherei errichtet; sie enthielt unter anderem Bücher von Karl May und auch Hitlers Mein Kampf.Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 54–58. Durch die Bekanntmachung dieser anfänglichen Lebensbedingungen bekämpfte die SS die sogenannte Gräuelpropaganda des Auslands; auch wandelten sich die Lebensbedingungen des Lagers innerhalb der zwölf Jahre.

Am 1. Oktober 1933 legte Eicke die zweite Lagerordnung vor, die wesentlich schärfer gehalten war als die vorherige. Ebenso führte er die Postenpflicht ein, in der Schreckschüsse untersagt waren, sofort scharf geschossen werden sollte. Das Lager Dachau wurde ein „Staat im Staat“: ein nach außen abgegrenzter Ort mit eigenen Gesetzen und drohender Todesstrafe. Am 20. Oktober 1933 wurde eine Entlassungssperre angeordnet, sie dauerte zwei Monate an. Im November 1933 konnten Lagerinsassen an der Reichstagswahl teilnehmen. Bei einer Weihnachts-Amnestie wurden am 9. Dezember 400 Häftlinge entlassen, was im durchschnittlichen Vergleich aufgrund der vorherigen Entlassungssperre eine niedrige Zahl war. Eine weitere Amnestie erfolgte zum Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme in Bayern.