mini|Afrikanische Wurfeisen im British Museum Das afrikanische Wurfeisen ist eine sichelartige, oft mehrklingige Wurf- oder Hiebwaffe, die in verschiedenen Kulturen Zentralafrikas bis ins 20. Jahrhundert verwendet wurde. Wie der australische Bumerang drehen sich wurftaugliche Wurfeisen im Flug um den Massenmittelpunkt. Vielfach sind Wurfeisen jedoch nicht tatsächlich wurftauglich; sie wurden als Statussymbol, Primitivgeld oder als ritueller Gegenstand verwendet. Das Wurfeisen als mehrklingige Wurfwaffe kommt ausschließlich in Zentralafrika vor.Felix 1991, S. 13.

Bezeichnungen Die Wurfeisen Zentralafrikas werden auch als Wurfklinge und Wurfmesser bezeichnet. In frühen Publikationen werden auch die Begriffe Schangermanger oder Tomahawk,Richard Francis Burton: The Book of the Sword. 1883, S. 36. eigentlich eine Axt der Indianer Nordamerikas, verwendet. Bekannte regionale Bezeichnungen für bestimmte Wurfeisen sind Hunga Munga, Shongo und Kipinga, die manchmal auch als Oberbegriff verwendet werden.Hunga Munga. Pitt Rivers Museum

Geschichte mini|Verbreitungsgebiete nach Heinrich Schurtz Als möglicher Ursprung des Wurfeisens wird oft eine Weiterentwicklung des Wurfholzes diskutiert. Das ist jedoch umstritten, da zum Teil Wurfhölzer parallel zu Wurfeisen verwendet wurden, wie z. B. bei den Ingessana am Blauen Nil an der Ostgrenze des Sudan.Spring 1993, S. 77. Auch der geografische Ursprung ist umstritten; einige Theorien nennen Gebiete südlich des Tschadsees in der Provinz Chari-Baguirmi oder zwischen den Zuflüssen Mpoko und Mbari des Ubangi. Eine weitere Theorie geht von einer Entwicklung der einfacher wirkenden nördlichen F-Formen zu den komplexer wirkenden südlichen Formen aus. Technisch gesehen ist aber die Herstellung der nördlichen Typen nicht einfacher als die der südlichen.

Metallurgie wird in Zentralafrika seit über 2000 Jahren praktiziert, es ist also möglich, dass bereits damals Wurfeisen benutzt wurden; da bis jetzt keine Exemplare aus dieser Zeit gefunden wurden, ist dies jedoch nur eine Spekulation. Dass bisher keine archäologischen Funde gemacht werden konnten, ist auch auf die Böden Zentralafrikas zurückzuführen, die Eisen schlecht konservieren. Die ältesten erhaltenen Exemplare stammen Schätzungen zufolge vom Ende des 18. Jahrhunderts.Felix 1991, S. 17–20. Der amerikanische Historiker Christopher Ehret vermutet, dass die ersten Wurfeisen in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. hergestellt wurden und sich in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends verbreiteten.Christopher Ehret: The Civilizations of Africa: A History to 1800. James Currey Publishers, 2002, ISBN 0-85255-475-3, S. 340. Eine der wenigen Überlieferungen aus der vorkolonialen Zeit stammt von der Kuba-Föderation. Der Legende nach vereinigte König Shyaam Ambul Angoong die Kuba im 17. Jahrhundert nach einem langen Krieg und verbot daraufhin das Wurfeisen shongo.Spring 1993, S. 68.

Im Zuge des Imperialismus fand zwischen den europäischen Staaten ab etwa 1870 ein Wettlauf um Afrika statt, der erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein Ende fand. Der Kolonialismus veränderte und zerstörte die zentralafrikanische Kultur, was auch die Wurfeisen einschloss.

Mit dem Interesse der Europäer an afrikanischer Kunst wurden auch die auf sie bizarr wirkenden Wurfeisen zu Forschungsobjekten und begehrten Sammelstücken oder Museumsexponaten. Den Afrikanern blieb das Interesse der Europäer nicht verborgen, so fertigten sie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wurfeisen auch für den kommerziellen Export. Darunter waren phantasievolle Auftragsarbeiten, die mit den traditionellen Wurfeisen nicht viel zu tun hatten. Auf der anderen Seite konnten einige kunstvolle Formen erst mit modernen, importierten europäischen Werkzeugen auch für den Eigengebrauch hergestellt werden. Ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde europäisches Alteisen verfügbar, welches die traditionelle Eisenverhüttung verdrängte. Nach dem Ersten Weltkrieg kam fertiges Eisenblech hinzu, das nur noch zugeschnitten werden musste. Manche jüngere Exemplare wurden aus diesen billigen Materialien hergestellt. Die letzten traditionell hergestellten Wurfeisen werden auf die Mitte des 20. Jahrhunderts datiert. Während die schmucklosen Modelle mit Waffenfunktion dem Verfall preisgegeben wurden, hatten Modelle mit rituellen und kulturellen Funktionen eine weitaus größere Chance auf ein Überleben.

Forschungsgeschichte mini|Aufzeichnung vom Afrikaforscher John Petherick (etwa 1862 bis 1870) Die frühesten der modernen Forschung bekannten Berichte über die Existenz von Wurfeisen verfassten europäische Afrikareisende, etwa der Waliser John Petherick (1861),Spring 1993, S. 79. der französische Anthropologe Paul Belloni Du Chaillu (1861)Robert Joost Willink: Stages in Civilisation: Dutch Museums in Quest of West Central African Collections (1856–1889). CNWS Publications, 2007, ISBN 90-5789-113-1, S. 103. sowie der italienische Botaniker Carlo Piaggia (1865).Felix 1991, S. 18. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gelangten die ersten Exemplare nach Europa. Heinrich Schurtz verfasste 1889 die erste umfangreichere wissenschaftliche Untersuchung über die Wurfeisen, wobei er sich besonders mit den Entwicklungsstadien des Wurfholzes bis zu den mehrklingigen Formen beschäftigte. 1925 folgte von Ernest Seymour Thomas eine umfangreiche Klassifikation der verschiedenen Formen.Spring 1993, S. 68–67. Peter Westerdijk führte 1988 in seiner Dissertation die Arbeit seines Vaters fort und definierte Stilprovinzen als Ordnungssystem.Felix 1991, S. 9.

Beschreibung Ein afrikanisches Wurfeisen besitzt an einem Stiel mehrere Klingen (im unteren Bereich z. B. als Dorn mit und ohne Ohr, im oberen Bereich als Flügel, Lippe und/oder Krone),Felix 1991, S. 6 und nach Westerdijk 1988. die ungefähr im rechten Winkel zum Stiel angeordnet sind. Der Stiel endet als Griff. Das Gesamtgewicht beträgt 300 bis 500 Gramm.Felix 1991, S. 7. Alle Teile der Waffe (Stiel, Klingen, Griff) sind flach. Die größeren nördlichen F-Typen können an manchen Stellen über 5 Millimeter dick sein, aber in den meisten Fällen sind diese bis zu 4 Millimeter dick. Die südlichen, „geflügelten“ Typen sind dünner und gewöhnlich 2 bis 3 Millimeter stark. Die Rückseite ist flach, während die Vorderseite, die Schauseite, in der Regel profiliert ist. Der Querschnitt ist demnach dreieckig, trapezförmig oder einwärts gewölbt.Westerdijk 2006, S. 35. Das Material der Waffe ist Eisen bzw. Stahl, es gibt aber seltene Exemplare, welche komplett aus Kupfer oder Messing gefertigt wurden.Felix 1991, S. 29.

Zum Werfen gebaute Wurfeisen haben entweder einen blanken Griff (nördliche Typen) oder ihr Griff ist mit leichten, elastischen und trotzdem robusten Materialien z. B. Tierhaut, Pflanzenfasern oder Metalldraht umwickelt. Nicht flugfähige Typen weisen oft einen Holzgriff auf.Westerdijk 2006, S. 29.

Es gibt viele verschiedene Formen der Wurfeisen. So konstatierte Ernest Seymour Thomas 18 Formen, während Marc Leopold Felix fünf Grundformen von den lateinischen Buchstaben (F, Z, E, Y, I) ableitete.Felix 1991, S. 15. Das Vorgehen, Buchstaben zu verwenden, wird als zu vereinfachend kritisiert, da nicht alle Formen erfasst werden.

Funktion mini|Budza-Krieger mit Schilden, Speer und Wurfeisen (1907) So wie über die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte der Wurfeisen gibt es auch über die Funktion verschiedene Theorien. Früher wurde angenommen, dass sich die Wurfeisen vom Norden in den Süden ausbreiteten, dabei komplexere Formen annahmen und allmählich ihre funktionellen Eigenschaften als Wurfwaffe verloren und stattdessen mehr und mehr zu einem Ritualsymbol wurden. Zumindest die allmähliche Veränderung der Funktion gilt mittlerweile als widerlegt, da es sowohl Wurfeisen für rein kulturelle Zwecke im Norden wie auch belegte Wurfwaffen im Süden gibt.

Insgesamt ist die Bedeutung des Wurfeisens in vielen Kulturen nur teilweise verstanden worden.Spring 1993, S. 82.

Waffe In der Funktion als Waffe wurde das Wurfeisen im Kampf und in geringerem Ausmaß in der Jagd verwendet.Felix 1991, S. 31. Archäologisch lässt sich eine funktionelle Benutzung als Waffe allerdings schlecht belegen; nur selten lassen sich Abnutzungserscheinungen finden, die auf das Werfen oder ähnliche Vorgänge Rückschlüsse ziehen lassen. Laut Christopher Spring ist der Einsatz als Wurfwaffe nur bei den Sara als ngalio (nördlicher Typ)Spring 1993, S. 73. und bei den Azande als kipinga (südlicher Typ) eindeutig belegt.

Da verlässliche Augenzeugenberichte über die Wurftechnik fehlen, ist man auf Flugversuche bzw. mündliche Überlieferungen angewiesen. Die Wurfeisen des F-Typs können bis zu 50 m, die des geflügelten Typs bis zu 60 m geworfen werden. Jedoch beträgt die effektive Entfernung, bei der eine Kampfunfähigkeit des Gegners erzielt werden kann, zwischen 20 m (F-Typ) und 30 m (geflügelter Typ).Westerdijk 2006, S. 36–37.

Für das Werfen gab es verschiedene Techniken:Westerdijk 2006, 33–35.Felix 1991, S. 32. Der Werfer wirft horizontal etwa in Hüfthöhe, vergleichbar mit der Wurftechnik beim Steinehüpfen. Der Werfer wirft horizontal in Schulterhöhe, vergleichbar mit dem Speerwurf. Die großen F-förmigen Wurfeisen können so erfolgreich geworfen werden. Der Werfer wirft horizontal in Kniehöhe in einer flachen Bahn, vergleichbar mit dem Bowlerwurf. Bei hartem Boden kann der Wurfwinkel noch flacher gewählt werden, sodass das Wurfeisen wie bei einem Rikoschettschuss mehrere Male vom Boden abprallt. Diese Wurftechnik ist geeignet, Beine des Gegners zu treffen.

Kein afrikanisches Volk verwendete das Wurfeisen als Hauptwaffe; in der Regel war dies der Speer. Verglichen mit Speer und Pfeil ist zwar die mögliche Auftrefffläche deutlich größer, was man allerdings von der Gesamteffektivität nicht behaupten kann. Die effektive Reichweite gegen ungeschützte Gegner ist bei allen drei Waffen ähnlich, jedoch waren die Gegner selten ungeschützt. Geflochtene Schilde waren vorherrschend und diese widerstanden dem Wurfeisen, wohingegen ein Wurfspeer sie durchaus durchdringen konnte. Andererseits konnte das Wurfeisen bei günstigem Treffer auf den Schild um diesen herumdrehen und so den Gegner dahinter treffen.Johanna Agthe: Waffen aus Zentral-Afrika, S. 22. Vielfach wurden die Wurfeisen gleichzeitig von mehreren Kriegern als „Salve“ geworfen, um den Gegnern ein Ausweichen zu erschweren. Wenn möglich, trug ein Krieger mehrere Wurfmesser bei sich. So gab es verschiedene Trageweisen, z. B. im Innengriff des Schildes aufgehängt (bei den Zande), als Bündel um die Taille geschnallt oder im Köcher über der Schulter hängend (bei den Sara).Felix 1991, S. 32–34.

Die Wurfeisen waren zudem eine wirksame Nahkampfwaffe. Die Sporne konnten als Parierelemente dienen und erlaubten auch ein Verklemmen der gegnerischen Waffe, um ihm diese zu entreißen.Felix 1991, S. 34.Westerdijk 2006, S. 39. Manche Exemplare, z. B. der Gbaya, waren gar nicht dafür ausgelegt, geworfen zu werden.Spring 1993, S. 78.