Staat im Staate, auch Schattenstaat oder Tiefer Staat (), ist ein negativ konnotiertes politisches Schlagwort, das tatsächliche oder angebliche und illegale oder illegitime Machtstrukturen innerhalb eines Staates bezeichnet. Die dabei zumeist verdeckte Macht geht von Gruppen aus, die sich tatsächlich oder angeblich gegenüber der Regierung eines Staates nicht oder nur eingeschränkt loyal verhalten und ihren eigenen Gesetzen gehorchen. Der Begriff wird regelmäßig im Rahmen von Verschwörungstheorien verwendet. Gemeint ist dann zumeist, dass die Regierung fremdgesteuert oder machtlos sei.

Entstehung und Verbreitung des Begriffs In Baruch de Spinozas (1632–1677) Tractatus theologico-politicus findet sich die Formulierung ().Baruch de Spinoza: Politischer Traktat, Kap. II, § 6. Im Deutschen lässt sich die Formulierung „Staat im Staate“ erstmals im Jahr 1764 nachweisen. Eine literarisch-philosophische Reflexion über das Konzept eines „Staats im Staate“ findet sich in Das Geheimnis des Kosmopoliten-Ordens (1788) von Christoph Martin Wieland. In diesem Werk warnt Wieland vor der Gefahr, dass Geheimgesellschaften, die sich als moralische Elite ausgeben, tatsächlich als eine parallele Machtstruktur agieren und politische Institutionen unterwandern könnten.Christoph Martin Wieland: Das Geheimnis des Kosmopoliten-Ordens. 1788. Digitalisat: Projekt Gutenberg. Größere Aufmerksamkeit erlangte sie in der 1784 erschienenen Schrift Ueber Freymaurer, besonders in Bayern des Münchner Theaterdichters Joseph Marius Babo, in der er verschiedene Verschwörungsphantasien zusammenfasste, die gerade im Umlauf waren. Babo erhob den Vorwurf, der Illuminatenorden, eine radikalaufklärerische Geheimgesellschaft, hätte den bayerischen Staat bereits vollständig unterwandert. Nichteingeweihte würden gegebenenfalls mit Gift aus dem Weg geräumt, die Mitglieder hätten sich der Ordensleitung, die sie persönlich gar nicht kennen würden, zu absolutem Gehorsam verpflichtet:

Der Verdacht, der eigene Staat würde nicht von seiner offiziellen Regierung regiert, sondern von einer verborgenen Gruppe geheimer Machthaber, ist seit der Dekolonisierung der 1960er Jahre in Nordafrika und im Nahen Osten weit verbreitet. Dies gilt namentlich auch für die Türkei (siehe Liste von Verschwörungstheorien aus der Türkei). Seit dem Aufkommen der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung 2009 ist diese Verschwörungstheorie auch in den USA populär.Eiríkur Bergmann: Conspiracy & Populism. The Politics of Misinformation. Palgrave MacMillan, Basingstoke 2018, ISBN 978-3-319-90358-3, S. 34. Der isländische Politikwissenschaftler Eiríkur Bergmann bezeichnet die Annahme eines Deep State als heute übliches Thema rechtsgerichteter Verschwörungstheorien.Eiríkur Bergmann: Conspiracy & Populism. The Politics of Misinformation. Palgrave MacMillan, Basingstoke 2018, S. 4. So unterschiedlich die Vorstellungen von Land zu Land jeweils sind, haben sie doch gemeinsame Züge: Allgegenwart des Sicherheitsapparats, Einmischung der militärisch-industriellen Lobby in die Staatsgeschäfte und mitunter einen Rückgriff auf die Strategie der Spannung.Tancrède Josseran: L’État profond. Le pouvoir derrière le pouvoir. In: Conflits. Histoire, géopolitique, relations internationales, Heft 16 (2018), , ().

Systematisierung Der Vorwurf, einen Staat im Staate zu bilden, wird oft, aber nicht ausschließlich erhoben gegen nationale und andere Minderheiten Teile des Staatsapparats wie Armeen, Geheimdienste oder mächtige Behörden, Interessengruppen wie Unternehmen, Gewerkschaften oder Verbände, kriminelle Organisationen.

Nationale, ethnische und religiöse Minderheiten Nationale, ethnische oder religiöse Minderheiten werden häufig beschuldigt, einen Staat im Staate zu bilden. Insbesondere ist dies ein antisemitisches Stereotyp gegenüber Juden. Der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) etwa glaubte, Juden wären so eng mit ihrer Religion und einer Körper und Geist erschlaffenden Handelstätigkeit verbunden, dass er ihre Integration in die Mehrheitsgesellschaft für ausgeschlossen hielt und der Ansicht war, sie würden einen Staat im Staate bilden. Hiergegen polemisierte der deutsch-jüdische Saul Ascher 1794 in seiner Schrift Eisenmenger der Zweite.Hans-Joachim Becker: Fichtes Idee der Nation und das Judentum. Rodopi, Amsterdam/Atlanta 2000, S. 43; Birgit Erdle, Werner Konitzer (Hrsg.): Theorien über Judenhass – eine Denkgeschichte. Kommentierte Quellenedition (1781–1931). Campus, Wiesbaden 2015, S. 64 f. In den 1920er Jahren warnten christliche Politiker in Litauen vor einem jüdischen Staat im Staate, falls das Land multiethnisch und nicht nationalstaatlich verfasst würde.Jörn Happel: Geležinis vilkas (Litauen). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. De Gruyter Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-598-24078-2, S. 276.

Andere Beispiele für Gruppen, denen die Absicht der Bildung eines Staats im Staat unterstellt wurde, waren die Hugenotten im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts, die Jesuiten im 18. Jahrhundert bis zur Aufhebung des Jesuitenordens im Jahr 1773 oder die Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit.z. B. Kamil Krofta: Die Deutschen im tschechoslovakischen Staate. Prag 1937. Das Regime der Jungtürken, das 1908 die Macht im Osmanischen Reich übernommen hatte, hielt die christliche Minderheit der Armenier für eine Fünfte Kolonne der Triple Entente im Ersten Weltkrieg und ließ sie zu Hunderttausenden deportieren und ermorden. Aus jüngerer Zeit sind vor allem die Kurden in der Südosttürkei und im Nordirak oder die Rohingya in Myanmar zu nennen.

Unter dem Titel Imperium in imperio veröffentlichte der afroamerikanische Schriftsteller Sutton Elbert Griggs 1899 einen Roman, in welchem die Schwarzen der USA innerhalb der USA einen eigenen Staat bilden.

Teile des Staatsapparats Armeen und Nachrichtendienste sind aufgrund ihrer Intransparenz häufig dem Verdacht ausgesetzt, einen Staat im Staate zu bilden. Während die Arbeit von Nachrichtendiensten in Demokratien einer – zumindest teilweisen – parlamentarischen Kontrolle unterliegt, etwa durch die Parlamentarische Kontrollkommission in Deutschland, bleibt sie in Diktaturen bewusst unkontrolliert. So spricht beispielsweise der Russland-Korrespondent der Frankfurter Zeitung, Georgi Popow, 1925 von der Tscheka als „Staat im Staate“.Georgij K. Popov: Tscheka, der Staat im Staate: Erlebnisse u. Erfahrungen mit d. russ. außerordentl. Kommission. Frankfurt am Main 1925. Christina Wilkening beschrieb mit dem Begriff „Staat im Staate“ die Arbeitsweise der Stasi in der DDR.Christina Wilkening: Staat im Staate: Auskünfte ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Berlin 1990, ISBN 3-351-01814-2.

Das Militär wird oft als Staat im Staate beschrieben, wenn es eine durch organisatorische und personelle Vorgaben und Regelungen beförderte, autonome gesellschaftlich-politische Rolle einnimmt und sich nicht als Teil der Zivilgesellschaft versteht, sondern als strukturell eigenständiger Machtfaktor mit eigenen Interessen und politischen Zielen wahrgenommen wird. So wurde die Reichswehr durch eine eigene Jurisdiktion unter dem Oberbefehl des Reichspräsidenten zu einem Staat im Staate.

Auch das zivile staatliche Handeln durch Beamte, Richter und andere Amtsträger unterliegt häufig nur indirekter öffentlicher Kontrolle (siehe auch Transparenz (Politik)). Damit setzen sich die genannten Personengruppen leicht dem Vorwurf aus, im Eigen- statt im Staatsinteresse zu handeln und einen Staat im Staate zu bilden. Beispielsweise sieht Bernt Engelmann in der Beamtenschaft einen Staat im Staate.Bernt Engelmann: Die Beamten: unser Staat im Staate. Göttingen 1994, ISBN 3-88243-236-5.

Interessengruppen Die Politikwissenschaftlerin Manuela Maschke beschreibt die Geschichte der israelischen Gewerkschaft Histadrut als anfänglichen Staat im Staate.Manuela Maschke: Die israelische Arbeiterorganisation Histadrut: vom Staat im Staate zur unabhängigen Gewerkschaft. Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-89846-251-X.

Funktion Der Ausdruck Staat im Staate kann einerseits der wissenschaftlichen Analyse von Verselbstständigungsprozessen bestimmter Teile des Staatsapparats dienen, insbesondere wenn es um illiberale Regierungssysteme geht. Bei der Analyse liberaler Demokratien wird er im akademischen Diskurs zumeist vermieden. Für diese wird er dagegen andererseits oft von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten benutzt, denen es aber nicht darum geht, auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, um sie abzustellen, sondern um die Delegitimierung demokratischer Staaten und ihrer Eliten, deren Werte sie nicht teilen. Zu diesem Zweck verbreiten sie häufig den verschwörungstheoretischen Mythos vom Staat im Staate bzw. dem Tiefen Staat. Die Politikwissenschaftler Florian Hartleb und Christoph Schiebel sehen in diesem Mythos ein „Scharnier zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus“.Florian Hartleb, Christoph Schiebel: Der „deep state“-Mythos als Scharnier zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. In: Marc Coester, Anna Daun, Florian Hartleb, Christoph Kopke, Vincenz Leuschner (Hrsg.): Rechter Terrorismus: international – digital – analog. Springer VS, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-40395-9, S. 253–272.

Beispiele nach Ländern

Deutschland Preußen und das von ihm politisch dominierte Deutsche Kaiserreich galten zu Beginn des 20. Jahrhunderts im internationalen Bewusstsein als Hort und Inbegriff des Militarismus, mithin als ein Staat, in dem das Militär eine selbstherrliche und von bürgerlicher Kontrolle weitgehend befreite Sonderrolle einnahm.Gordon A. Craig: Die preußisch-deutsche Armee 1640–1945: Staat im Staate. Königstein im Taunus 1980, ISBN 3-7610-7231-7. Darauf nahm Karl Liebknecht 1907 Bezug, als er den preußisch-deutschen Militarismus nicht nur als Staat im Staate, sondern geradezu als „Staat über dem Staat“ bezeichnete.Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907, zitiert nach Volker R. Berghahn (Hrsg.): Militarismus. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1975, S. 91.

Eine distanzierte Sonderstellung gegenüber dem Staat lässt sich auch für die Reichswehr zur Zeit der Weimarer Republik konstatieren. Aufgrund des Ebert-Groener-Paktes konnte sich die Armee eine weitgehende innere Autonomie sichern. Sie nutzte dies, um der Regierung – z. B. während des Kapp-Putschs – den Gehorsam zu verweigern. Ihre Soldaten waren nicht voll in die Republik integriert, da sie kein Wahlrecht besaßen und der abgeschotteten Jurisdiktion unter dem Reichspräsidenten unterlagen. Der Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt verweigerte einen Primat der Politik über die Truppe mit der Begründung, sie gehe im Staat auf, denn sie sei der Staat.Hans-Joachim Reeb, Peter Többicke: Lexikon Innere Führung. Sämtliche Aspekte der Inneren Führung im Überblick. 4. Auflage. Walhalla Fachverlag, Regensburg 2014, S. 245, s. v. Staat im Staate.

Hinsichtlich des Nationalsozialismus’ werden verschiedene Institutionen als Staat im Staate bezeichnet, so etwa zunächst die Wehrmacht und Schutzstaffel (SS).Helmut Schubert nach Roger Uhle: Neues Volke und reine Rasse. Walter Gross und das Rassenpolitische Amt der NSDAP (RPA) 1934–1945. Dissertation. Technische Hochschule Aachen, ebenda 1999, S. 122. (rwth-aachen.de; PDF)

Die Stellung der Bundeswehr als Parlamentsarmee mit dem Leitbild vom Staatsbürger in Uniform, der Inneren Führung, mit dem Wehrbeauftragten und dem Beschwerderecht sorgte in Verbindung mit der Wehrpflicht dafür, dass sie sich, anders als die Reichswehr, nicht zu einem Staat im Staate entwickelte.Carl-Gero von Ilsemann: Die Innere Führung in den Streitkräften. Walhalla und Praetoria-Verlag, Regensburg 1981, S. 55 u. ö.