Lore Walb (* 22. Mai 1919 in Alzey; † 23. Mai 2013Franke, Konrad: Erinnerungen an Lore Walb aus Alzey. In: Heimatjahrbuch Landkreis Alzey-Worms 2014, Jg. 49, Wendelsheim, S. 110–113.]) war eine deutsche Journalistin, Feministin und langjährige Leiterin des Frauen- und späteren Familienfunks des Bayerischen Rundfunks. Bekannt wurde Walb durch ihre Sozialreportagen und ihre Berichte über das Leben und die Rolle von Frauen in den späten 1950er- und 1960er-Jahren.Erinnerungen einer Rundfunkpionierin, SWR. Abgerufen am 25. März 2018. Sie lebte zuletzt in München.

Leben Lore Walb, die 1919 als Tochter eines Landmaschinenhändlers in Alzey, Rheinhessen, geboren wurde, wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf. Als Walb 14 Jahre alt war, kamen die Nationalsozialisten an die Macht.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 225. In dieser Zeit begann sie Tagebücher zu schreiben. Bereits zu Beginn vermerkte sie, dass sie ihr Tagebuch nicht jeden Tag vervollständigen werde:

1936 kam ihr Vater ums Leben. Bis zuletzt beteuerte sie, dass ihr nie jemand beibrachte, kritisch zu denken und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen. Sie sagte über sich selbst: „Ich war eine Mitläuferin in der braunen Herde und was für eine, wild begeistert!“Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 349.

Ausbildung/beruflicher Werdegang Durch die Weltwirtschaftskrise bedingt, geriet auch Walbs Familie in finanzielle Schwierigkeiten. Sie besuchte zunächst das sechsklassige Lyzeum und machte das Abitur in Mainz.Anna Steinweg: Kolloquium 2008. Beiträge Bamberger Nachwuchswissenschaftlerinnen. Bamberg 2008, S. 146. Während des Zweiten Weltkriegs schloss Lore Walb 1944 das Studium der Germanistik, Geschichte und Anglistik mit dem Staatsexamen für das Lehramt an Höheren Schulen ab. Im Jahre 1945 flüchtete sie vor den Amerikanern, die sich ihrem Heimatort Alzey näherten. Sie nahm eine Stelle bei dem deutschen Politiker Paul Binder an, für den sie Gutachten ins Englische übersetzte. Binder wurde nach Tübingen, dem damaligen Sitz der deutschen Regierung des Bundeslandes Württemberg-Hohenzollern, versetzt und ersuchte Lore Walb ihm zu folgen. Dieses tat sie und wurde seine Chefsekretärin. Durch diese Anstellung konnte sie viele neue Kontakte knüpfen, unter anderem zu dem Intendanten des neugegründeten Südwestfunks, Friedrich Bischoff, der als Rundfunkpionier galt. Im Jahre 1947 beschloss sie, der Politik den Rücken zu kehren und wechselte in die Landesrundfunkanstalt des Landes Rheinland-Pfalz und des südlichen Baden-Württembergs. Lore Walb wollte arbeiten und endlich leben: „Von der Politik wollte ich nichts mehr wissen, sie war für mich ein ‚schmutziges Geschäft‘“. 1959 wechselte sie zum Bayerischen Rundfunk. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1979 leitete Walb dort den Frauenfunk.

Wirken beim Südwestfunk Im Jahre 1946 ging der Südwestfunk als Rundfunkanstalt für die gesamte französische Besatzungszone auf Sendung. Beim Südwestfunk (SWF) erlernte Walb das journalistische Handwerk. Im gerade entstandenen Frauenfunk war sie unter anderem als Büroleiterin, Redakteurin, Journalistin, Reporterin und stellvertretender Abteilungsleiterin tätig. Ihre Leidenschaft galt dem Schreiben. Tagesaktuelle Themen waren beim Frauenfunk weniger wichtig, vielmehr bildeten Unterhaltung, sowie Diskussion und Erörterung von Zeitfragen, das Herzstück. Zusammen mit ihren Kollegen bekam sie im Jahre 1951 die Möglichkeit an einem 90-tägigen Re-Education-Programm, das vom amerikanischen Außenministerium finanziert wurde, teilzunehmen. Diese Bildungsreise erweiterte ihren geistigen und menschlichen Horizont.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 350. Die daraus resultierenden Erfahrungen waren ausschlaggebend für ihre späteren Spezialisierungen in den Rundfunkprogrammen. Sie selbst verstand sich als Anwältin der Schwachen und Stimmlosen.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 351. 1959 wechselte sie vom SWF zum Bayerischen Rundfunk.

Wirken beim Bayerischen Rundfunk Am 21. Februar 1959 wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) folgende Stelle öffentlich ausgeschrieben: „Der Bayerische Rundfunk sucht eine Leiterin für seinen Frauenfunk, die auf allen von dieser Abteilung bearbeiteten Sachgebieten Kenntnisse und Erfahrungen besitzt. Ihrem fachlichen Können sollte ein frauliches Wesen entsprechen. Sie muß sich als Redakteurin bewährt haben und soll möglichst für den Rundfunk tätig gewesen sein.“Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 227. Die Neubesetzung dieser Stelle war durch Ilse Weitschs Tod, Ende 1958, bedingt. Die Aufgabe, nach Formen zu suchen, die das Publikum zur Mitarbeit anregen sollte, lockte Walb. Sie konzipierte und moderierte über dreißig eigene Sendungen über Familienprobleme, die von Hörern kommentiert und zusammen mit einem Psychotherapeuten diskutiert wurden.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 231.

Der Frauenfunk Der Frauenfunk wurde 1945 ins Leben gerufen, als sich eine Hörerin, die den Namen Ilse Weitsch trug, bei den amerikanischen Rundfunkoffizieren über das schlechte Radioprogramm beschwerte. Entgegen ihrer Erwartung offerierten die Offiziere ihr das Angebot, es doch selbst zu gestalten. Mit zwei weiteren Redakteurinnen und vielen freien Mitarbeitern baute Weitsch ein abwechslungsreiches Rundfunkprogramm auf, um Frauen mit Informationen und Ratschlägen in ihrem schwierigen Nachkriegsalltag zu helfen, sie für den Wiederaufbau zu ermutigen und zu unterhalten.Bettina Hasselbring: Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung. Wiesbaden 2014, ISBN 9783531183190, S. 286–291. Nach Weitschs Tod 1958 übernahm Walb den Frauenfunk. Sie gestaltete den Programminhalt neu. Soziale Themen blieben weiterhin im Programm bestehen, doch das Programm richtete man verstärkt feuilletonistischer aus. Die Sozialpolitik wurde von einem eigenen, politischen Ressort betreut.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 228. Lore Walb drängte es wieder zum Mikrofon, wobei sie Bewährtes nicht verwerfen wollte. Sie selbst konnte dazulernen, gleichzeitig aber auch ihre eigenen Fähigkeiten einbringen.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 229. Beschrieben hat sie ihr Programmkonzept, wie folgt:

Durch Walbs Engagement konnte der Frauenfunk weitere Sendereihen in das Programm miteinbeziehen und erlangte mehr Anteil an der Sendezeit als je zuvor. Lore Walb wollte ein neues Konzept unter dem Namen "Frau und Gesellschaft" einführen. Allerdings wurde dieses abgelehnt. Mehr Gefallen fand die Leitung des BR an der Idee, den Frauenfunk in Familienfunk umzubenennen. 1968 fand die Umbenennung statt, die das neue männliche Redaktionsmitglied des ehemaligen Frauenfunks erkennbar einschloss.Bettina Hasselbring: Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung. 2014, S. 288.

Die Sendung „Das Notizbuch“ Die Sendung „Das Notizbuch“ startete am 3. Mai 1960. 1968 brach im Bayerischen Rundfunk die „Magazinitis“, wie Lore Walb es nannte, aus. Dem alten Magazin „Das Notizbuch – eine Sendung für sie und ihn“, sollte ein neues Gesicht gegeben werden, um neue und Hörer zu gewinnen.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 235. Durch diese Umstellung des Programminhalts 1968 widmete sich Walb von da an dem Notizbuch-Magazin, das sich vorwiegend an die ältere Generation richtete. Lore Walb fand ihr Aufgabengebiet in der Politik wieder. Den Schwerpunkt der politischen Dienstagssendung benannte Walb „Frau und Öffentlichkeit“.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 237. Unter dem Motto „Als Zeitgenossin denken, als Zeitgenossin handeln“ wurde das Magazin modernisiert. In einem Vortrag 1970 beschrieb Walb das Konzept des Notizbuches. „Eine Frau von heute müsse der Gesellschaft des Jahres 2000 gewachsen sein.“Lore Walb: Vortrag anlässlich der 8. Jahrestagung des Ev. Rundfunkdienstes am 27. Oktober 1970 im Bayerischen Rundfunk. 2 Jahre Notizbuch – Anstöße zum Nachdenken.

Dank eines jungen, dynamischen Teams erlebte das Notizbuch einen Aufschwung. Walb zählt diese Zeit zu ihren schönsten Berufserinnerungen und zur effizientesten Form ihrer Redaktionstätigkeit. Zunächst wurde das politische Programm ausschließlich von Frauen moderiert, um zu zeigen, dass auch Frauen sich mit Politik beschäftigen und Stellung dazu beziehen können.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 238. Mit Engagement und Vehemenz wurde am Notizbuch gearbeitet, was nicht immer auf Begeisterung stieß. Zwar konnten junge Hörer gewonnen werden, allerdings sahen andere Abteilungen den Familienfunk als Konkurrenz an. Der interne und externe Druck zerrte an den Nerven und an den Kräften Lore Walbs.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 241. Da sie die Warnungen ihres Körpers nicht überhören wollte, wurde eine weitere Redaktionsstelle besetzt. Walb gab dem jungen Kollegen ihr wichtigstes Arbeitsfeld ab. Der politische Dienstag ging somit an einen Mann und auch im Notizbuch verstärkte sich das Männerübergewicht.Lore Walb: Lehrstück Frauenrolle. Aspekte einer Frauenfunkgeschichte zwischen 1945 und 1979. In: Christiane Schmerl: In die Presse geraten. Darstellung von Frauen in der Presse und Frauenarbeit in den Medien. Böhlau, Wien 1989, ISBN 3412037893, S. 235. Im Alter von 60 Jahren kehrte Lore Walb dem Bayerischen Rundfunk den Rücken. Ihre Stelle wurde von einem fachfremden Redakteur nachbesetzt. 1996 erhielt Lore Walb für ihr Engagement und ihre Hilfsprojekte des Notizbuches den Preis des Journalistinnenbundes.