mini|Siegfriedbrunnen nach Wilhelm Trübner Siegfriedbrunnen werden Brunnen im Odenwald oder in seiner Nähe genannt, an denen Siegfried, der Protagonist der Nibelungensage, von Hagen von Tronje ermordet worden sein soll.

Das Nibelungenlied beruht auf einer Heldensage mit im Prinzip typisierenden oder anonymen Ortsbeschreibungen. Elemente der Volks- und Heimatsage (z. B. Bemerkungen über Odenheim) wurden erst durch Bearbeitungen hinzugefügtHeusler, Andreas: Nibelungensage und Nibelungenlied. Dortmund 1965, S. 152.. Auf Grund unterschiedlicher Angaben in den überlieferten Fassungen des Epos beanspruchen verschiedene Gemeinden den Tatort, die Siegfriedsquelle, für sich. Da ein textinterpretatorischer Nachweis kaum möglich ist, basieren diese Vermutungen auf Indizien, wie ähnlich lautende Flurbezeichnungen, und einer Überprüfung der Schlüssigkeit der Handlung. Allerdings geht es dabei nicht um die Ermittlung einer historisch-geographischen LokalitätWeber, Gottfried, in Verbindung mit Werner Hoffmann: Nibelungenlied. Stuttgart 1964, S. 62., sondern um Nachweise dafür, dass der (bzw. die) Verfasser oder Bearbeiter für seine (ihre) fiktive Geschichte Vorbilder aus seinen (ihren) Erfahrungen benutzte(n).

Historische und literarische Grundlagen Siegfriedsage und Nibelungenlied miniatur|Darstellung von Siegfrieds Ermordung in der Handschrift k des Nibelungenlieds (1480–1490)

Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches deutsches Epos, das Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung mit verschiedenen Sagenstoffen verarbeitet. Die auftretenden Personen sind teilweise an historische Persönlichkeiten angelehnt.

Sein historischer Kern ist der Untergang des BurgunderreichesStroheker, K. F: Studien zu den historisch-geographischen Grundlagen der Nibelungendichtung. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (DVjs). 32, 1958, S. 216–240. das 413 n. Chr. in der Zeit der Völkerwanderung durch König Gundahari (Gunther) am Mittelrhein um Worms gegründet und nach linksrheinischen Erweiterungsversuchen vom weströmischen Heerführer Flavius Aëtius im Jahre 436 n. Chr. mit Hilfe hunnischer Hilfstruppen zerschlagen wurde. In der „Lex Burgundionum“ (516) werden neben Gundahari auch die Könige Godomar (Gernot) und Gislahari (Giselher) genannt. In das Epos sind als weitere historische Begebenheiten u. a. der Tod des Hunnenkönigs Attila („Etzel“) in der Nacht seiner Hochzeit mit der Germanin Ildico im Jahre 453 verwoben.s. Weber, 1964, S. 27ff.

Der eingearbeitete Sagenstoff erzählt u. a. die Geschichte des Helden Siegfried, der nach der Tötung eines Drachen und einem Bad im Drachenblut durch einen Hornpanzer unverwundbar wird, mit Ausnahme einer kleinen Stelle auf dem Rücken, die ein Lindenblatt beim Bad bedeckt hatte. Hagen von Tronje nutzt dies aus, um Siegfried bei einem Jagdausflug nach einem listig arrangierten Wettlauf zu einer Quelle – dem Siegfriedsbrunnen – mit einem Speer zu ermorden, als sich dieser zum Trinken bückt.

Verfasser und Handschriften des Nibelungenliedes Das Nibelungenlied wurde auf der Grundlage vorhandener älterer mündlicher Traditionen um 1200 erstmals verschriftlicht. Es ist in mittelhochdeutscher Sprache verfasst. Der Autor ist unbekannt. Die Forschung nimmt allgemein an, dass es im Bereich der Diözese Passau, zu der seinerzeit auch Wien gehörte, entstanden ist. Als Auftraggeber und Mäzen wird der Passauer Bischof Wolfger von Erla vermutets. Weber 1964, S. 65ff.. Bis zum 16. Jahrhundert entstanden über 35 nachweisbare Handschriften und Fragmente, deren Texte mehr oder weniger große Abweichungen enthalten. Einen einzigen Verfasser gab es deshalb vermutlich nichts. Weber 1964, S. 52.. Die wichtigsten Überlieferungens. Weber 1964, S. 44ff. werden mit den Buchstaben A, B und C bezeichnet. Für die Bestimmung des Siegfriedbrunnens hat Handschrift C besondere Bedeutungs. Weber 1964, S. 50ff.. Sie ist zwar älterKrogmann, Willy: Zur Textkritik des Nibelungenliedes. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur (ZfdA) 87, 1956/57, S. 275–294. als Handschriften A und B, stellt aber die jüngere Textfassung dar und enthält gegenüber diesen zahlreiche teils erhebliche Überarbeitungen. Die später entstandenen Handschriften A und B beruhen also auf textlichen Fassungen, die ihrerseits wieder der Handschrift C vorausgegangen sindBatts, Michael S: Poetic Form as a Criterion in Manuscript criticism. The Modern Language Review (MLR) 55, 1960, S. 543–552.. Allerdings sind in der Forschung sowohl die Datierungen wie die dazu angewandten Methoden umstritten.Brackert, Helmut: Beiträge zur Handschriftenkritik des Nibelungenliedes. 1963.s. Weber 1964, S. 50. Insgesamt vermittelt Handschrift C den Eindruck einer vom Autor gezielt geschaffenen „verbesserten Auflage“ des Nibelungenliedess. Weber 1964, S. 51.. Auch der Name „Nibelungenlied“ leitet sich aus Handschrift C ab, die mit der Schlusszeile (Strophe 2439,4) endet: „hie hat daz mære ein ende daz ist d/er\ Nibelunge liet (Hier hat die Mär ein Ende, das ist der Nibelungen Lied)“, während die Fassungen A und B mit den Worten „… der Nibelungen Not (nibelunge nôt)“ schließen.

Eine – von der Forschung allerdings überwiegend abgelehnte – Theorie schreibt Handschrift C dem Lorscher Abt Sieghard (Abt von 1167 bis 1198) zuDieterich, Julius R.: Der Dichter des Nibelungenliedes. Ein Versuch, 1923.. Teilweise wird auch vermutet, dass es sich überhaupt nicht um eine in einem KlosterKralik, Dietrich: Wer war der Dichter des Nibelungenliedes? 1954., sondern um eine weltliche, etwa auf einer Burg entstandene Fassung handeltDürrenmatt, Nelly: Das Nibelungenlied im Kreis der höfischen Dichtung. Bern 1945..

Beschreibungen des „Siegfriedbrunnens“ im Nibelungenlied Zu den auffälligen Änderungen in Fassung C zählen die eingefügten Ortsangaben. In den Kapiteln (Aventiuren „Abenteuern“) 15 bis 17, die den Aufbruch zur Jagd (Av. 15), die Jagd mit Wettlauf und Ermordung Siegfrieds am Siegfriedbrunnen (Av. 16) und die Verbringung des Leichnams zurück nach Worms (Av. 17) schildern, sind diese mehrfach enthalten. In Av. 16 fügte der Autor der Handschrift C am Ende folgende vierzeilige Strophe neu in das Nibelungenlied ein:

1013, 1 1013, 2 1013, 3 1013, 4Von dem selben brunnen da Sivrit wart erslagen sult ir div rehten mære von mir hoern sagn vor dem Otenwalde ein dorf lit Otenhaim da vliuzet noch d/er\ brunne des ist zwifel dehein.Von demselben Brunnen, da Siegfried ward erschlagen sollt ihr die rechte Kunde von mir hören sagen: Vor dem Odenwalde ein Dorf liegt, Otenheim. Dort fließet noch der Brunnen, daran kann kein Zweifel sein.

Mit der Ortsangabe „Otenhaim“, gelegen vor dem Odenwald, verweist der Autor auf eine ihm offenbar bekannte Örtlichkeit, die er mit seiner Ergänzung der früheren Handschriften dem Publikum mitteilen will. Sein Hinweis, wonach der dortige Brunnen „noch immer fließet“, legt nahe, dass er einen bei Herstellung der Handschrift C noch vorhandenen und ihm bekannten Brunnen gemeint haben könnte.

An anderer Stelle wird der Bezug zum Odenwald bestätigt. Am Ende des 15. Abenteuers, vor Beginn der verhängnisvollen Jagd, sagt Gunter zu Hagen in Fassung C:

0919,1 0919,2 0919,3 0919,4Nv wir d/er\ hereverte ledic worden sin so wil ich iagen riten von Wormez vb/er\ den Rin vñ wil kurcewile zem Otenwalde han iagen mit den hunden als ich vil dicke han getan.Da wir uns der Heerfahrt so entledigt sehn, so will zur Jagd ich reiten von Worms über den Rhein und will Kurzweil beim Odenwalde haben Jagen mit den Hunden wie ich es oft getan.

Auch hier enthält Handschrift C eine auffällige Abweichung gegenüber den anderen Fassungen. Handschrift A lautet an dieser Stelle wie folgt:

Nv wir d/er\ hereverte ledic worden sin so wil ich iagen riten bern unde swin hin zem Otenwalde als ich vil dicke han.“ daz hete geraten Hagene der vil ungetriuwe man.„Da wir uns der Heerfahrt so entledigt sehn So lasst uns nun Bären und Schweine jagen gehen Nach dem Odenwalde wie ich oft getan.“ Geraten hatte das Hagen dieser ungetreue Mann.

Statt von einer „Jagd auf Bären und Schweine“ in Fassung A spricht der Autor der Fassung C also von einem „Jagdausritt von Worms über den Rhein“ und bestätigt dabei ein weiteres Mal, dass ihm daran gelegen war, anstelle anonymer Schauplätze die Handlung an realen und bekannten Örtlichkeiten stattfinden zu lassen.

In älteren Handschriften ist an gleicher Stelle noch nicht vom Odenwald, sondern vom „Wasgenwald“ die Rede („… will zur Jagd ich reiten von Worms über den Rhein / und will zur Kurzweil zum Wasgenwald hinan / zu jagen mit den Hunden wie ich es oft getan“). Dies wurde meist als Versehen des Verfassers ausgelegt, der sich am Rhein nicht so gut ausgekannt und den Odenwald mit den Vogesen bzw. dem elsässischen Wasgau verwechselt habe. Spätere Handschriften hätten diesen Fehler dann korrigiert. Nach einer anderen Theorie war dagegen ein „wasiger Wald“ gemeint, nämlich ein auewaldartiger, mit Wiesen durchsetzter Wald („Wasen“ = feuchte Wiesen), wie er in vergangenen Jahrhunderten für das Weschnitzgebiet zwischen Rhein und Odenwald typisch war.

Das Zentrum des Nibelungenreiches war Worms. Diese Stadt und der Dom werden im Nibelungenlied – und zwar in allen Handschriften – immer wieder erwähnt. Von Worms aus ist die Jagdgesellschaft aufgebrochen und überquerte dabei den Rhein. Die Jagd und die Ermordung Siegfrieds siedelte der Autor somit rechtsrheinisch an.

Die Überquerung des Rheines wird noch an anderen Stellen beschrieben („manch Saumroß zog beladen vor Ihnen überrhein“ und „da harrten sie des Abends und fuhren über Rhein.“).

Der Odenwald liegt rechtsrheinisch; ebenso die Weschnitz. Die Ortsangaben des Liedes stimmen demnach mit der geographischen Lage überein.

Eine weitere Auffälligkeit der Handschrift C ist die Bezugnahme auf Kloster Lorsch, das in den anderen Handschriften nicht erwähnt ist. Dies könnte für die Hypothese sprechen, dass tatsächlich der Lorscher Abt Sieghard Autor dieser Fassung wars. Dieterich, 1923.. Kloster Lorsch war in karolingischer Zeit eines der bedeutendsten Klöster Deutschlands und ein geistiges und kulturelles Zentrum des Frankenreiches. Es wurde Grablege der deutschen (ostfränkischen) Könige Ludwig der Deutsche und Ludwig der Jüngere. Als Königskloster war es Reichsbesitz und stand im Range eines Fürstentums. Auch wenn das Kloster bei Entstehung der Handschrift C schon im Niedergang begriffen war, ist seine Erwähnung im Nibelungenlied ein Reflex seiner einstigen Bedeutung. Die Bezugnahme auf Lorsch findet man in den Strophen 1158 bis 1165, die an das Ende von Av. 19 angefügt wurden und wie folgt lauten:

1158,1 1158,2 1158,3 1158,4

1161,1 1161,2 1161,3 1161,4

1162,1 1162,2 1162,3 1162,4

1164,1 1164,2 1164,3 1164,4ine riche fursten aptey stifte vroe vote nach Danchrates tode von ir gvote mit starchen richen vrborn als ez noch hivte hat daz kloster da ze Lorse des dinch vil hohe an eren stat.

Do was d/er\ frowen voten ein sedelhof bereit ze Lorse bi ir chloster mit grozer richeite dar zoch sich div witewe von ir chinden sit da noch div frowe here begrabn in eime sarche lit.

Do sp/ra\ch div kuniginne vil liebiv tohter min sit dv hie niht maht beliben so soltv bi mir sin ze Lorse in mime hvose vñ solt din weinen lan des antwrt ir Chriemh' wem liez ich danne minen man?.

Do schvof div iam/er\s riche daz er wart vof erhabn sin edelez gebeine wart and/er\ stvnt begrabn ze Lorse bi dem munster vil werdechlichen sit da d/er\ helt vil choune in eime langen sarche lit.Ein reiches Fürstenkloster stiftete Frau Ute nach dem Tode Dankrats aus ihrem Witwengute mit reichen Einkünften, die ihm noch heut gehören dort zu Lorsch dem Kloster. Sein Ansehen steht in hohen Ehren.

Da stand für Frau Ute ein Sedelhof bereit zu Lorsch bei dem Kloster, reich, groß und weit. Dahin zog die Witwe von ihren Kindern fort Es ruht die hehre Fraue in einem Sarg begraben dort.

Da sprach die Königswitwe, vielgeliebte Tochter mein,