mini|Entwurf zu einem barocken Orgelprospekt aus der Werkstatt von Johann Georg Dirr

Der Begriff Prospekt (der, österr. auch das Prospekt; abgeleitet von ) bezeichnet die Schauseite, früher auch „das Gesicht“ einer Orgel.

Allgemeines Die Orgel ist ein Musikinstrument, für das es in mancher Hinsicht keine festen Bau- und Maßvorgaben gibt. In besonderem Maße gilt das für den Orgelprospekt, also die Schauseite der Orgel. In manchen Fällen verrät der Prospekt durch seine Gestaltung und Gliederung viel über den klanglichen Aufbau der Orgel, in anderen Fällen ist der Prospekt eine nach rein künstlerischen Maßgaben gestaltete Fassade. Bei der Erstellung eines Prospektes sind verschiedene Kriterien zu beachten, wie etwa die Einpassung in das vorhandene architektonische Gesamtbild, die räumlichen Gegebenheiten des Aufstellungsortes, die optimale musikalische Entfaltung und andere, individuelle Kriterien.

Im Prospekt einer Orgel können sich im Vergleich zur Gesamtzahl aller Pfeifen unterschiedlich viele Orgelpfeifen befinden. Jedoch sind dies stets bei weitem nicht alle Pfeifen, über die eine Orgel verfügt, sondern in fast allen Fällen nur ein kleiner Bruchteil des wirklichen Pfeifenbestandes. In der Regel stammen die Prospektpfeifen aus den Prinzipalregistern der einzelnen Teilwerke einer Orgel. Im Gegensatz zu anderen Registern gleicher Bauart und ähnlichen Klangs heißen nur diese Register im deutschen Sprachraum dann gelegentlich auch Prästant (von lateinisch ).

Fast immer ist die Aufstellung der Pfeifen gegliedert durch mehrere einander ähnliche, in der Größe oft unterschiedliche Pfeifenstaffelungen oder -gruppierungen.

In vielen Fällen ist der Prospekt symmetrisch gestaltet, um der Orgel ein gleichmäßiges Erscheinungsbild zu geben. Länge und Durchmesser der verwendeten Pfeifen sind allerdings in Abhängigkeit von ihrer jeweils erzeugten Tonhöhe sehr unterschiedlich; diese Abweichungen sind entsprechend auch im Prospekt zu sehen. Bei einem klassischen, spiegelbildlich aufgebauten Prospekt sind die Pfeifen der sogenannten Cis-Seite (im Kontrast zur C-Seite) oft etwas kürzer als ihre Pendants auf der anderen Prospektseite. In anderen Fällen werden Pfeifen mit Überlänge verwendet (die für die Tonhöhe unerheblich ist, da die Feineinstellung der Tonhöhe anders vorgenommen wird), um diese Differenzen optisch auszugleichen.

Meist sind im Prospekt Labialpfeifen aus Orgelmetall aufgestellt, es gibt jedoch auch Orgeln, bei denen bewusst Holzpfeifen im Prospekt verwendet wurden, selten werden auch Zungenpfeifen in den Prospekt gestellt. Neben tonerzeugenden Pfeifen können sich in einem Prospekt aus gestalterischen Gründen auch nicht klingende Pfeifen (stumme Pfeifen, Blindpfeifen) befinden.

Bei elektronischen Orgeln kann das Lautsprechersystem aus optischen Gründen in einem an das Erscheinungsbild von Pfeifenorgeln angelehnten stummen Prospekt eingebaut sein.

Eine vereinzelt auftretende, besondere skulpturale Bauform des Prospektes bzw. dessen Abbildung ist der Blindprospekt (Schein-, Blendorgel, Orgelblende), hinter dem sich kein Orgelwerk befindet und der meist zusätzlich zur eigentlichen Orgel errichtet wurde. Er wurde im Stile der Illusionsmalerei ausgeführtCervione, St Erasme, abgerufen am 8. Mai 2019. oder wurde als dekorative Scheinorgel oder als Blindprospekt, hinter dem sich kein Orgelwerk befindet, gebaut.

Teilweise wird bei Orgeln – besonders in Konzerthäusern – auch bewusst auf einen Prospekt verzichtet. Die Orgel wird in diesem Fall unsichtbar hinter einer schalldurchlässigen Wand oder über der Decke aufgestellt.

Auch wenn eine Orgel aus mehreren Gehäusen besteht, in denen die verschiedenen Werke untergebracht sind, ist nur singularisch von einem Prospekt die Rede. Nur vereinzelt gibt es Doppelorgeln, die zwei unterschiedliche Schauseiten haben. In Südeuropa haben Orgeln auf einem Lettner oder einer freistehenden Empore manchmal zwei Prospekte, einen Richtung Kirchenschiff und einen Richtung Chor.

Entwicklung Nur frühere und kleinste Orgeln der Antike brauchten und hatten keinen Prospekt. Schon früheste Orgeln hatten üblicherweise ein Gehäuse, in dessen Front einige Pfeifen des gesamten Pfeifenwerks standen. Von Epoche zu Epoche unterscheiden sich die Prospekte jedoch erheblich.

Die hier verwendete Epocheneinteilung der Prospekte orientiert sich hier nicht an denen der bildenden Kunst, sondern an den musikalischen Epochen, wobei selbst diese für die Zeit nach dem Klassizismus teilweise nur eingeschränkt für den Orgelbau gelten.

Gotik Zu Anfang der Orgelbaugeschichte diente das Orgelgehäuse ursprünglich vor allem dem Schutz der kostbaren Instrumente. Verzierungen orientierten sich am damaligen Baustil. Die oft vorhandenen Flügeltüren hatten mehrere Funktionen. Sie dienten einerseits wie der Rest des Gehäuses dem Schutz des „Innenlebens“ der Orgel. Andererseits waren die damals meist als Blockwerk ausgeführten Orgeln (es konnten noch keine Register einzeln gewählt werden) insgesamt leiser und obertonärmer im Klang, wenn sie mit geschlossenen Türen gespielt wurden. Außerdem wurden die Türen in der Karwoche geschlossen, um das Schweigen der Orgel (und der Glocken) symbolisch darzustellen. Als Prospektpfeifen wurde meist die tiefste Pfeifenreihe des Blockwerks gewählt. Dieser Umstand führte nach der Stimmscheidung (Aufspaltung des Blockwerks in Einzelregister) zum Namen „Prästant“ oder „Prinzipal“ für das im Prospekt stehende Register.

Renaissance Die Gestaltung des Orgelgehäuses orientiert sich am Möbelbau der damaligen Zeit. Grundelemente sind symmetrisch aneinandergereihte Kästen, die mit Verzierungen wie Zinnen versehen sind. Auch Orgelgehäuse der Frührenaissance wurden wie ihre gotischen Vorgänger oft mit Flügeltüren ausgestattet, um mit geschlossenen Türen insgesamt leiser und obertonärmer spielen zu können. Die Prospektpfeifen sind meistens als ansteigende oder abfallende Flachfelder angeordnet. Sie entstammen stets dem größten Prinzipalregister des jeweiligen Teilwerkes und enthalten oft alle Pfeifen dieses Registers. In der Renaissance begann die Entwicklung, dem Orgelgehäuse mit Skulpturen, Ornamentschnitzwerk, Gemälden und Vergoldung eine solche Bedeutung beizumessen, dass seine Herstellungskosten die des eigentlichen Orgelwerkes oftmals überstiegen.

Selbst für damalige Verhältnisse sehr große Orgeln waren, an heutigen Maßstäben gemessen, nur mittelgroße Orgelwerke. Um die mitunter recht großen Kirchengebäude dennoch befriedigend beschallen zu können, fanden die Orgeln oft in Form einer Schwalbennestorgel an der Seitenwand oder in den Stirnwänden der Seitenschiffe ihren Platz und verschmolzen optisch gelegentlich mit dem emporenähnlichen Unterbau (zum Beispiel St. Marien, Lemgo). Nur wenige Instrumente blieben original erhalten, meist enthalten Prospekte dieser Zeit spätere Neubauten, die selbst schon wieder historisch sind, wie zum Beispiel in St-Ouen (Rouen).

Barock In der Zeit des Barocks spiegelt sich oft der Werkaufbau der Orgel im Prospekt wider (vgl. Hamburger Prospekt), es lässt sich aus der Prospektgliederung ablesen, wie viele Teilwerke (Manuale und Pedal) eine Orgel hat. Der barocke Prospektbau ist geprägt von einer strengen Symmetrie. Die Gestaltung unterschied sich regional sehr stark: Norddeutsche Hansestädte etwa konnten sich große Orgelwerke und somit auch große und aufwendige Prospekte leisten, in denen ein offenes Prinzipalregister 16 Fuß sehr häufig in voller Ausführung zu finden ist. Im südlicheren Deutschland waren 16'-Prinzipale im Prospekt seltener. Barocke Prospekte wurden oft äußerst prächtig mit musizierenden Figuren, Engeln, vielen Goldleisten, vergoldeten Schleierbrettern, Säulen, Ornamenten verziert, in Süddeutschland als Marmor bemalt oder sogar mit Stuckmarmor verkleidet. Je nach Region, nach Finanzlage der Gemeinde und Konfession gab es durchaus auch recht schlichte Prospekte. In manchen Regionen war das Holz lediglich einfarbig bemalt, in evangelisch reformierten Kirchen wurde der Prospekt wie auch die übrige Raumausstattung insgesamt schlicht gehalten.

Bis etwa ins 19. Jahrhundert wurde der Prospekt nicht vom Orgelbauer erstellt, sondern von einem Kunstschreiner, was mitunter zu erheblichen Schwierigkeiten führte, wenn die Absprachen (vor allem bezüglich der Abmessungen) nicht genau genug waren.

Die Prospektpfeifen wurden zunächst vor allem in Rund- und Spitztürmen sowie Flachfeldern angeordnet. Im Spätbarock wurde die Gliederung – auch abhängig von Orgelbauer und Region- weniger kleinteilig, und es kamen gewölbte Pfeifenfelder und geschwungene Formen auf, wie es zum Beispiel für Silbermann-Orgeln typisch ist. Im nördlichen Deutschland (und vor allem in der Früh- und Hochbarockzeit) war ein Rückpositiv, ein Teilwerk, das der Organist im Rücken hat, sehr beliebt. Neben bestimmten klanglichen Vorteilen erforderte ein Rückpositiv eine komplizierte Mechanik (in manchen Fällen befinden sich daher die Registerzüge dieses Teilwerks direkt im Rückpositivgehäuse, also im Rücken des Organisten), außerdem kann der Organist weder Pfarrer noch Gemeinde sehen noch bei Konzerten gesehen werden. In Süddeutschland und Sachsen wurde ein Rückpositiv generell selten realisiert, ab der Spätbarockzeit setzte sich dieser Trend generell durch. Auf der iberischen Halbinsel wird der Prospekt von den langbechrigen Horizontalzungenpfeifen (Spanische Trompeten) geprägt.

Alleine schon auf Grund ihrer Größe fanden die Orgeln in der Barockzeit nun ihren Aufstellungsort fast immer auf der Westempore. Dennoch waren sie in architektonischer Hinsicht in aller Regel ein zusätzliches Ausstattungsstück von eigenem Wert. Orgeln, die sich den gegebenen Raumbedingungen auch in ihrem Aussehen anpassten – wie zum Beispiel im Kloster Weingarten – waren die absolute Ausnahme.

Klassizismus Anders als in den zurückliegenden Epochen lässt sich etwa 1750 aus mehreren Gründen zunächst kein konkreter zeittypischer Prospekttyp beschreiben. Die Institution Kirche verlor seit der Aufklärung erstmals an Bedeutung, das spiegelte sich auch im Orgelbau wider. Außerdem setzten mit der Zeit immer stärkere Bestrebungen ein, Orgeln zu einem leicht und preiswert zu produzierenden Industrieprodukt zu machen. Erste Schritte dorthin wurden u. a. durch J. G. Vogler mit seiner „Simplifizierung“ getan.