Erste gesamtdeutsche Crew (Marineschule Mürwik)|mini Crew ist die informelle Bezeichnung für einen Jahrgang von Marineoffizieren, die zur selben Zeit zum Beginn der Offizierslaufbahn in eine deutsche Marine eingetreten sind. Historisch bedeutet dies in die Kaiserliche Marine, die Reichsmarine, die Kriegsmarine, die Bundesmarine oder die Deutsche Marine. Bis auf wenige Ausnahmen oder Seiteneinsteiger bildete sich das deutsche Marine-Offizierskorps aus den Teilnehmern dieser Jahrgänge.
Geschichte Die historische Entwicklung des deutschen Marine-Offizierskorps mit seinen primär militärischen Führungsrollen oder sekundär gesellschaftlichen Rollen hat Ursprünge beim Hofstaatswesen von seefahrenden Nationen. Beim Preußischen Hofstaat hatte die Besetzung von militärischen Funktionsbereichen traditionell eine besondere Bedeutung.Karl Mökl: Hof und Hofgesellschaft in den deutschen Staaten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, Boldt, 1990. Durch das Wachstum der militärischen Flotten in der Neuzeit wuchs der Bedarf an Offizieren in einem Umfang, dass er nicht mehr aus dem Bereich des Hofstaats gedeckt werden konnte. Während Wilhelm I. noch mit einem Erlass im November 1879 die Admiralität ermahnte, bei den Einstellungen zugunsten der etablierten Stände zurückhaltend zu sein, setzte später ein Umdenken ein. Mit der A.K.O (Allerhöchste Kabinettsorder) vom 29. März 1890 befahl der Kaiser einen neuen Kurs zur Einstellung der Kadetten. Von 1899 bis 1914 wurden 3.425 Kadetten zur Marine eingeschrieben. Ab 1899 wurden die Jahrgangsteilnehmer als Seekadett in die Marine aufgenommen. Die Jahrgangsgrößen ab 1900 (Crew 00) sind wie folgt überliefert:Holger H. Herwig: Das Elitekorps des Kaisers, Kapitel 3. Die Seekadetten: Auswahl und Ausbildung, Seiten 37–58 Jahrgang Stärke Crew 00 203 Crew 02 200 Crew 05 159 Jahrgang Stärke Crew 07 189 Crew 08 203 Crew 10 205 Jahrgang Stärke Crew 11 213 Crew 12 242 Crew 13 289 Jahrgang Stärke 1914 0 1915 1916 ca. 250 Jahrgang Stärke Crew 17 ca. 250 Crew 18 (A) 200 Crew 18 (B) 200
Unter dem anglophilen Wilhelm II. orientierte sich die Kaiserliche Marine an der Royal Navy. Clay Blair führt zur Entstehung des Begriffs aus: Bezeichnet wurden die Einstellungsjahrgänge nur mit der Jahreszahl, die sich auch in den Ehrenranglisten findet, beispielsweise Crew 12.Hubertus von Puttkamer: Vorwort zu Hillmann: „Das rote Schloß am Meer“. 2002. Ab dem 1. Oktober 1910 wurde die erste Crew der neu eingerichteten Marineschule Mürwik ausgebildet. Sie hatte die Bezeichnung Crew 09 und war zuvor in Grundausbildung und im Schiffsdienst gewesen.100 Jahre Marineschule: Geschichte der Schule. sh:z, 11. August 2010; abgerufen am 27. August 2016 Die Reichsmarine der Weimarer Republik behielt die Benennungssystematik bei.
Reichsmarine und Kriegsmarine mini|Absolventen der Marineschule Mürwik 1929 Eine Vergrößerung einer Crew wurde erstmals im Jahre 1932 notwendig, als beim Untergang des Schulschiffes Niobe im Fehmarnbelt ein erheblicher Teil der Offiziersanwärter der Crew 1932 ums Leben kamen, die unter Deck am Unterricht teilnahmen, als das Schiff in einer plötzlichen Bö kenterte. Um die entstandene Lücke zu füllen, wurden zum einen im Herbst weitere Rekruten angenommen, zum anderen wurde es Unteroffizieren ermöglicht, in die höhere Laufbahn einzutreten.Fritz Brustat-Naval: Ali Cremer: U 333 (= Ullstein. Nr. 33074, Zeitgeschichte). Ungekürzte Ausgabe. Ullstein, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-548-33074-6, S. 27–29. Zudem wurden zivile Handelsschiffsoffiziere dazu motiviert, in die Reichsmarine einzutreten. Zu diesen sogenannten HSO, die im Jahr 1933 eintraten, aber aufgrund ihrer Vorkenntnisse unter Verzicht auf eine nautische Grundausbildung auf einem Schulschiff in die Crew 1932 „eingereiht“ wurden, gehörten zum Beispiel Günther Prien, Jost Metzler und Wilhelm Schulz. Die Kadetten und die HSO wurden Anfang 1934 zu einer Crew zusammengeführt, zu Fähnrichen befördert und begannen gemeinsam ihre Ausbildung an der Marineschule Mürwik.Wilhelm Schulz: Über dem nassen Abgrund. Als Kommandant und Flottillenchef im U-Boot-Krieg. E. S. Mittler und Sohn, Berlin u. a. 1994, ISBN 3-8132-0422-7, S. 62–63. Mit den größer werdenden Crews der Kriegsmarine wurde es notwendig, auch den Einstellungsmonat zu benennen. Manchmal wurde auch nach Kompanien und Inspektionen unterschieden. Einige Crews gaben sich Beinamen, zum Beispiel die Olympia Crew, Crew 38 Großdeutschland oder die Skagerrak Crew 1942.
In der Reichs- und Kriegsmarine war es üblich, dass alle Mitglieder früherer Crews und auch Crewkameraden die Marine verließen, wenn ein neuer Oberbefehlshaber berufen wurde. Diese Tradition wurde – aufgrund des hohen Bedarfs an Offizieren – aufgegeben, als Karl Dönitz zum Oberbefehlshaber der Kriegsmarine wurde.
Bundeswehr In der Bundeswehr wurde der Crewgedanke beibehalten. Als querschnittliche Verbindung eines Einstellungsjahrgangs ergänzt er die Dienstgradgruppe der Marineoffiziere. Über Jahrzehnte wurden die meisten Crews zum 1. April oder zum 1. Oktober einberufen, seit 1972 zum 1. Juli.Die Einstellungstermine waren mit Schuljahresbeginn bzw. -ende und hohem Nachwuchsbedarf begründet. Nach den Kurzschuljahren 1966/67 wurde ab 1968 nur noch zum 1. Oktober einberufen, mit der vorgesehenen Gründung der Universitäten der Bundeswehr ab 1972 zum 1. Juli. Ausnahme bildet hier die Crew VI/89, die zum 1. Juni 1989 eingezogen wurde. Wie in der Kriegsmarine werden sie mit der römischen Monatszahl und der arabischen Jahreszahl bezeichnet; so ist die Crew IV/64 im April 1964 (zur Allgemeinen Grundausbildung) eingerückt. Seit dem Jahr 2000 werden die Jahre vierstellig angegeben: Crew VII/2000, Crew I/2001 (Offizieranwärter des Militärfachlichen Dienstes), Crew VIII/2001 (Reserveoffizieranwärter). Die Zuordnung von Seiteneinsteigern und ehemaligen Unteroffizieren ist gängig, in Hinblick auf das Dienstalter aber oft nicht einfach.
In der Bundesmarine durchliefen ungediente Offizieranwärter (und Umsteiger der Handelsmarine) die Grundausbildung (Bundeswehr) zunächst im Marineausbildungsbataillon 3 in Glückstadt. Die Zeit- und Reserveoffizieranwärter der Crew VII/73 durchliefen die Grundausbildung an der Marineunteroffizierschule in Plön. Ab Crew VII/74 fand diese Grundausbildung auch an der Marineschule Mürwik statt. Heute sind in einer Crew mit Einstellungsdatum Juli (VII, Offizieranwärter des Truppendienstes) etwa 220–300 Offizieranwärter beiderlei Geschlechts, einschließlich etwa 10 % ausländische Offizieranwärter (so z. B. jedes Jahr 2–3 Offizieranwärter aus Frankreich). In der Grundausbildung, auf SSS Gorch Fock, an der Marineschule Mürwik und an den Universitäten der Bundeswehr bleibt die Crew großenteils zusammen. Naturgemäß gehen die angehenden Sanitätsoffiziere teilweise andere Wege. Die Seefahrerausbildung erfolgte bis 1990 auch auf dem Schulschiff Deutschland, seither im Einsatzausbildungsverband (EAV).
In der Regel erreichen zehn Offiziere einer Crew den Dienstgrad Kapitän zur See; noch weniger werden Flaggoffizier.
Zusammenhalt Die Zugehörigkeit zu einer Crew ist kein Verwaltungsakt; man kann aber aus einer Crew nicht „austreten“.Bei den Crews, die sich organisiert haben, ist ein Austritt aus dieser Organisation durchaus möglich und wird auch praktiziert. Über den Tod hinaus bleibt sie ein Personenmerkmal.
Die meisten Crews haben ein mehr oder weniger originelles Wappen mit einem Wahlspruch, zum Beispiel den Großen Wagen und Semper recta via („Immer auf dem richtigen/rechten Kurs“, Crew X/67). Getreu der (überlebten) Devise „Erst siegen, dann heiraten!“Nach dem bis 1945 geltenden Recht bedurften Beamte und Offiziere der Heiratserlaubnis des Vorgesetzten. ersetzte die „Westindien-Crew“ X/37 Palmwedel und Machete durch Schwert und Ehering.
Die familiäre Kameradschaft wird mit Anschriftenverzeichnissen, Crewtreffen, Rundbriefen und Homepages, zum Teil auch mit Zeitschriften und Jahrbüchern gepflegt. Allgemeine Meldungen erscheinen im internen (gelben) Teil des Marineforums. Die Witwen verstorbener Kameraden gehören zur Crew.
„Bolzen“ mini|Krokusse der Crew VII/98 Ein alter Brauch ist der sogenannte Crewbolzen, ein Scherz der Fähnriche am Ende des Offizierlehrgangs an der Marineschule Mürwik. Legendär ist das Kinderfest der Crew IV/65. Auf eine gar nicht ernst gemeinte Anzeige im Flensburger Tageblatt kamen hunderte Familien nach Mürwik. Völlig überrascht und unvorbereitet, machte man aus der Not eine Tugend. Das Marinemusikkorps wurde alarmiert. Flensburgs Bäckereien und Getränkemärkte halfen großzügig. Marinehubschrauber machten Rundflüge über der Flensburger Förde.
Nach ihrem Besuch fand eine Heereseinheit ihre Kübelwagen nicht wieder – sie waren im Wald hinter der Schule vergraben. Nicht ohne Reiz waren die Stripperin im Fähnrichskostüm beim Abschlussball (Crew X/69) und der Paradeelefant für den Kommandeur (Crew VII/88). Zur allgemeinen Enttäuschung hatte die Crew VII/98 die MSM ohne Bolzen verlassen – bis im Frühling 2000 ihre Krokusse auf der Admiralswiese blühten.
Das Wehrgeschichtliche Ausbildungszentrum der Marineschule Mürwik führt eine Bolzenakte.
Admirale nach Crew (Bundeswehr) (Aktive Admirale sind )
Crew Namen Bild VII/96 VII/95 VII/94 VII/93 VII/91 VII/90 VI/89 VII/88 VII/87 VII/86 VII/85 , Hans-Jörg Detlefsen VII/84 , Kay-Achim Schönbach VII/83 , Frank Lenski, Helge Risch VII/82 Stefan Pauly VII/81 , Lars Holm, Jürgen zur Mühlen VII/80 Jörg Klein, Michael Kulla, Jean Martens, VII/78 Joachim Rühle, Jürgen Losch, Klaus-Michael Nelte, Knut Reuter VII/77 Michael Busse, Rainer Brinkmann, Rainer Endres, Thomas Jugel VII/76 Jürgen Ehle, Stephan Apel, Thomas Ernst, Andreas Krause, Markus Krause-Traudes, Hans-Christian Luther VII/75 Michael Knabe, Horst-Dieter Kolletschke, Wolfgang Titius VII/74 Martin Krebs, Heinrich Lange, Karsten Schneider 100pxv. l. n. r.: Lange, Krebs, Schneider VII/73 Wolfgang Bremer, Georg von Maltzan, Manfred Nielson, Thorsten Kähler 100pxAdmiral Nielson VII/72 Wolfgang Barth, Karl-Wilhelm Bollow, Klaus von Dambrowski, Roland Hemeling, Wolfram Kühn, Werner Lüders, Jürgen Mannhardt, Karl-Wilhelm Ohlms X/71 Michael Mollenhauer, Axel Schimpf X/70 Rainer Pinnow X/69 Manfred Hartmann, Hubertus von Puttkamer, Karl-Heinz Riemke, Rolf Schmitz X/68 Christoph Büttner, Hubert Haß, Jens-Volker Kronisch, Hans-Joachim Stricker, Hans-Jochen Witthauer X/67 Günther Brassel IV/67 Jürgen KratzmannX/66 Henning Bess, Gottfried Hoch, Henning Hoops, Wolfgang NoltingIV/66 Christoph Diehl, Heinz-Eugen Eberbach, Rainer Feist, Klaus-Dieter Fritz, Klaus-Peter Hirtz, Wolfgang Kalähne, Frank Ropers, Viktor ToykaX/65 Dieter Leder, Walter Reichenmiller,IV/65 Lutz Feldt, Detlev Hoepner, Ulrich OttoIV/64 Jörg Auer, Uwe KahreIV/63 Götz Eberle, Thomas KempfIV/62 Bernd Heise, Rudolf Lange, Hans Lüssow, Kurt Pfennig, Karl-Wilhelm Rosberg, Lennart SouchonIV/61 Hans Frank, Volker LicheX/60 Reinhold SiebertIV/60 Karl-Heinz KelleIV/59 Hans Rudolf Boehmer, Otto H. Ciliax, Wolfgang Engelmann, Waldemar Feldes, Jürgen Geier, Klaus Jancke, Klaus-Dieter Laudien, Jörk-Eckart ReschkeX/58 Kurt FischerIV/58 Gerhard Güllich, Erich Happach, Dirk Horten, Detlef Kammholz, Hans-Achim Romer, Horst Sommermeyer, Ulrich Weisser, Dieter WillersIX/57 Christian Giermann, Sigurd Hess, Hans-Jürgen von Hößlin, Willi Krauß, Klaus SchwabeIV/57 Diether Hülsemann, Ulrich Hundt, Klaus-Peter Niemann, Heinrich Schuur, Dieter WellershoffIX/56 Klaus Rehder, Karlheinz Max Reichert, Alfons TeipelV/56 Dieter-Franz Braun, Wolfgang Brost, Hans-Joachim Mann, Hans-Jochen Meyer-Höper, Klaus-Dieter Sievert, Kurt ZiebisI/56 Gerhard Bing, Jürgen Dubois, Konrad Ehrensberger, Hein-Peter Weyher
Literatur mini|Crewfoto-Sammlung mit fast allen Einstellungsjahrgängen seit 1866 (WGAZ)
Jörg Hillmann: „Das rote Schloß am Meer.“ Die Marineschule Mürwik seit ihrer Gründung. Fotografien von Reinhard Scheiblich. Convent-Verlag, Hamburg 2002, ISBN 3-934613-26-8.
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Marine (Deutschland)