mini|hochkant=1.5|Großkundgebung mit Hakenkreuzfahnen und dem Transparent „TOTALER KRIEG – KÜRZESTER KRIEG“ am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast mini|Joseph Goebbels’ Rede im Berliner Sportpalast 1943

Als Sportpalastrede wird die Rede bezeichnet, in der der nationalsozialistische Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast zur Intensivierung des „totalen Krieges“ aufrief. Die knapp 108 Minuten dauernde Rede gilt als ein Paradebeispiel der Rhetorik und der NS-Propaganda., Transkription der Rede (unvollständig und stellenweise stark vom Original abweichend).] In: 1000dokumente.de, aufbereiteter Auszug aus der Rundfunkübertragung.

Kontext

Die Kriegsführung des Dritten Reiches hatte auf eine Blitzkriegstrategie gesetzt, also auf die schnelle Niederwerfung der Sowjetunion. Das Dritte Reich war kriegswirtschaftlich nicht auf einen längeren Krieg vorbereitet gewesen.Mark Harrison: The Economics of World War II: Six Great Powers in International Comparison. Cambridge University Press, 2000, ISBN 978-0-521-78503-7, S. 13. Stalins Strategie hingegen war ein „Kampf der Maschinen“, ein Abnutzungskrieg, bei dem die größere Kriegswaffenproduktion den Sieg bringen sollte. Die Alliierten gewannen den Zweiten Weltkrieg letztlich durch eine gegenüber dem Deutschen Reich deutlich größere Waffenproduktion.William J. Duiker, Jackson Spielvogel: The Essential World History. Cengage Learning, 2006, ISBN 978-0-495-09729-7, S. 551.

Anfang 1943 war die militärische Lage aus deutscher Sicht zunehmend schlecht, in Nordafrika waren die Achsenmächte in die Defensive geraten, und an der Ostfront hatte die 6. Armee in Stalingrad am 2. Februar kapituliert. Goebbels drängte auf eine Intensivierung der Kriegswirtschaft (des so genannten totalen Krieges) und schlug Hitler in einer Denkschrift vor, „Faulenzer und Parasiten“ wie die „Töchter der Plutokraten“ zur Arbeit in der Kriegswirtschaft zu zwingen und die Zivilwirtschaft durch Stilllegungsverfügungen zuvorderst für Luxusgaststätten, Modesalons und Läden zugunsten der Kriegswirtschaft zu verkleinern. Beeinflusst von der Dolchstoßlegende war Hitler jedoch der Ansicht, dass das deutsche Volk der Wehrmacht in den Rücken fallen könnte, wenn die Zivilgesellschaft in ihrem Konsum allzu sehr beschränkt würde.William J. Duiker, Jackson Spielvogel: The Essential World History. Cengage Learning, 2006, ISBN 978-0-495-09729-7, S. 551.

Goebbels spekulierte auch darauf, als Manager des totalen Krieges zum zweiten Mann im NS-Staat aufzurücken. Er plante die Sportpalastrede zu dem Zweck, auf Hitler Druck auszuüben. Indem er das Volk auf radikale Maßnahmen vorbereitete, glaubte er, Hitler auf seine Linie festlegen zu können. Die Rede selbst war detailliert inszeniert, Goebbels hatte das Publikum auf treueste Parteianhänger hin handverlesen, Sprechchöre studierten Slogans ein, eine Hundertschaft wurde instruiert, wann und wie lange sie applaudieren sollte. Über die Lautsprecheranlage des Sportpalastes wurde später auch Applaus von Schallplatte eingespielt.

Entstehung Die Rede soll Goebbels in seinem Landhaus, Waldhof am Bogensee geschrieben haben. Gemäß Curt Riess’ früher Goebbels-Biografie von 1949 hat Goebbels die Rede komplett selbst entworfen, anders als seine sonstigen Reden, bei denen er von einem Entwurf seiner Assistenten ausging, und sie auch vor dem Spiegel einstudiert. Laut Riess habe Goebbels auf die Frage des Leiters der Rundfunkabteilung im Propagandaministerium, Hans Fritzsche, was er tun werde, wenn das Publikum nicht wunschgemäß reagiere, geantwortet, nach fast einer Stunde werde er die Zuhörer so weit haben, dass sie auf die Bäume kletterten, wenn er sie dazu aufforderte. Nach der Rede habe er seinen engsten Mitarbeitern heiser zugeflüstert, wenn er den Zuhörern befohlen hätte, aus dem Fenster zu springen, hätten sie das auch getan. Alle späteren ähnlichen Goebbels zugeschriebenen Zitate unmittelbar vor und nach der Rede gehen auf diese Angaben von Riess zurück.Curt Riess: Joseph Goebbels. A biography. Hollis & Carter, London 1949, S. 316, 317, 321. Online auf archive.org. Vgl. auch Günter Moltmann: Goebbels’ Rede zum Totalen Krieg. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 12 (1964), Nr. 1, S. 13–43, der ebenfalls nach Riess zitiert (S. 27). Wie Riess in der Einleitung seiner Biografie schreibt, war Fritzsche sein wichtigster Informant zu Goebbels’ Tätigkeit im Propagandaministerium; Riess führte während und nach Fritzsches Prozess in Nürnberg mehrere längere Interviews mit ihm.Curt Riess: Joseph Goebbels. A biography. Hollis & Carter, London 1949, S. 4–5.

Die Authentizität der Zitate ist 1977 bezweifelt worden; in Goebbels’ Tagebüchern findet sich nichts dergleichen. Rolf Hochhuth schrieb bereits 1977 dazu: „Längst habe ich aufgehört, das zu glauben. All seine Tagebücher strafen dieses Zitat nämlich Lügen.“

Aufbau der Rede Heraufbeschwörung der bolschewistischen Gefahr Die Rede begann mit einem Lob an das deutsche Volk, das stark sei und die Wahrheit vertrage, so dass es die schwere Lage kenne und bereit sei, diese Situation zu bessern. Darauf verschob Goebbels die Diskussion über Gründe dieser Krise in die Zukunft. Er erklärte nur, dass der bolschewistische Feind größer sei, als wegen seiner großangelegten Tarnungs- und Täuschungsmanöver angenommen werden konnte.

Goebbels griff die in Stimmungsberichten des Sicherheitsdienstes zum Ausdruck gekommene Sorge der Bevölkerung vor dem unerschöpflichen Kriegspotential der Sowjetunion auf und versuchte zu verhindern, dass sie zu einem für das Regime gefährlichen Russlandbild wird. Er zeichnete dabei das Bild eines mit Mitteln der modernen Technik vorgetragenen neuen Mongolensturm, von einem auf das Abendland.Ludolf Herbst: Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Stuttgart 1982, S. 204. Goebbels erhob den Krieg zu einem Kampf gegen diese Bedrohung, die gegen die Nation und auch ganz Europa gehe, zu „unsere[r] geschichtliche[n] Mission“, die jedoch gigantisch sei. Zu diesem Zweck appellierte er an die Emotionen seiner Zuhörer:

Anschließend stellte er drei Hypothesen auf, die an die Weltöffentlichkeit gerichtet waren und eine von der Sowjetunion ausgehende Gefahr suggerierten: „Wäre die deutsche Wehrmacht nicht in der Lage, die Gefahr aus dem Osten zu brechen, so wäre damit das Reich und in kurzer Folge ganz Europa dem Bolschewismus verfallen.“ „Die deutsche Wehrmacht und das deutsche Volk allein besitzen mit ihren Verbündeten die Kraft, eine grundlegende Rettung Europas aus dieser Bedrohung durchzuführen.“ „Gefahr ist im Verzuge. Es muss schnell und gründlich gehandelt werden, sonst ist es zu spät. […]“

Adressierung der Anwesenden Anschließend wandte sich Goebbels an die Gäste im Sportpalast, die er als Repräsentation der gesamten Nation ansprach. Goebbels nannte hier Invaliden von der Ostfront, Rüstungsarbeiter aus den Berliner Panzerwerken, Mitglieder der Partei, Wehrmachtssoldaten, Ärzte, Wissenschaftler, Künstler, Ingenieure, Architekten, Lehrer, Beamte und Angestellte, außerdem Frauen, junge und alte Menschen.

Nachdem Goebbels diese alle genannt hatte, stellte er die rhetorische Frage: „Was hier vor mir sitzt, ist ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volk an der Front und in der Heimat. Stimmt das?“ Daraufhin kam stürmische Zustimmung. Nachdem sich der Saal wieder beruhigt hatte, sagte Goebbels weiter: „Allerdings, Juden sind hier nicht vertreten.“ Dieser Satz fehlt in manchen Textaufzeichnungen der Sportpalastrede, laut Royal Library, JapanRoyal Library, Japan: Rede von Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943 und Arbeitskreis Zukunft braucht Erinnerung während er auf den Tonaufzeichnungen vorhanden ist.

Im Weiteren stellte er den Anwesenden – quasi als Stellvertretern des Volkes – zehn rhetorische Fragen zum Vorhandensein der Kampfesbereitschaft, die vom Publikum erwartungsgemäß jeweils mit einem lauten „Ja“ beantwortet wurden. Die Fragen begannen zum Teil mit angeblichen Behauptungen der Engländer oder der Formel „Ich frage euch“; in Kurzform hießen sie: „Glaubt ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen, totalen Sieg der deutschen Waffen? […] unter Aufnahme auch der schwersten persönlichen Belastungen […]“ „Die Engländer behaupten, das deutsche Volk sei des Kampfes müde. […] Seid ihr bereit […] diesen Kampf […] fortzusetzen, bis der Sieg in unseren Händen ist?“ „Die Engländer behaupten, das deutsche Volk hat keine Lust mehr, sich der überhand nehmenden Kriegsarbeit […] zu unterziehen. […] Seid ihr […] entschlossen […] das Letzte für den Sieg herzugeben?“ „Die Engländer behaupten, das deutsche Volk wehrt sich gegen die totalen Kriegsmaßnahmen der Regierung. Es will nicht den totalen Krieg, sagen die Engländer, sondern die Kapitulation. Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn – wenn nötig – totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ „Die Engländer behaupten, das deutsche Volk hat sein Vertrauen zum Führer verloren. […] Vertraut ihr dem Führer? […]“ „Seid Ihr von nun an bereit, Eure ganze Kraft einzusetzen […], die Menschen und Waffen zur Verfügung zu stellen […], um den Bolschewismus zu besiegen?“ „Gelobt ihr mit heiligem Eid der Front, dass die Heimat mit starker, unerschütterlicher Moral hinter der Front steht und ihr alles geben wird, was sie zum Siege nötig hat?“ „Wollt ihr, […] dass die Frau […] überall da, wo es nur möglich ist, einspringt, um Männer für die Front frei zu machen?“ „Billigt ihr […] die radikalsten Maßnahmen gegen einen kleinen Kreis von Drückebergern und Schiebern […]? Seid ihr damit einverstanden, dass, wer sich am Kriege vergeht, den Kopf verliert?“ „Wollt ihr, dass […] gerade im Kriege gleiche Rechte und gleiche Pflichten vorherrschen […]?“

Besonders das frenetisch zustimmende Geschrei als Antwort auf die Frage nach dem totalen Krieg ist als prägendes Bild in die Geschichte eingegangen.

Schluss der Rede Die Sportpalastrede endete:

Dieser letzte Satz der Rede war die leicht geänderte erste Zeile des Gedichts Männer und Buben, mit dem Theodor Körner 1813 zum Befreiungskrieg gegen Napoleon aufgerufen hatte. Goebbels hatte sie schon 1932 in einer Wahlkampfrede benutzt, um den Aufbruch in das „Dritte Reich“ zu kennzeichnen.

Am Tag der Sportpalastrede legten Hans und Sophie Scholl in der Ludwig-Maximilians-Universität München das sechste Flugblatt der Weißen Rose aus, das ebenfalls mit einem Körner-Zitat aus einem patriotischen Lied der Befreiungskriege endete: „Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen“.

Im Anschluss an Goebbels’ Rede wurde die erste Strophe des Deutschlandlieds gesungen.

Rhetorik Die Rede war durchsetzt mit rhetorischen Figuren, durch die versucht wurde, den Zuhörer zu überzeugen, ihn emotional anzusprechen und zu manipulieren.

Goebbels benutzte viele Hochwertwörter beziehungsweise negative Hochwertwörter, wie beispielsweise „Führer“, „Sieg“, „Volk“, „Heimat“ respektive „Feind“ oder „Weltpest“. Er verwendete darüber hinaus gehäuft religiöse Begriffe, wie es bei einer NS-Propagandarede nicht unüblich war. Es wurden Begriffe aus dem Wortfeld der Religion eingeflochten, wenn beispielsweise von „Gelobt ihr mit heiligem Eid der Front“ oder „Glauben an den Sieg“ die Rede ist, um einerseits den Nationalsozialismus als Religionsersatz zu etablieren und andererseits den Führer als Gott darzustellen oder ihn mit Gott zu vergleichen. Es ging zudem um den „Glauben an den Führer“ und um das gläubige „Vertrauen an den Führer“.

Besonders geschickt war, die jubelnden Massen im Sportpalast als Repräsentation des gesamten Volkes darzustellen, so dass den Radiozuhörern suggeriert wurde, dass es sich wirklich um einen repräsentativen Teil der Nation handelte und sie zusammenarbeiten könnten. In Wirklichkeit waren die meisten anwesenden Menschen – wie oben beschrieben – geladene Gäste, denn die Rede wurde im Rahmen einer Parteiversammlung gehalten.