Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds Pierrot lunaire, op. 21 – allgemein bekannt unter dem Namen Pierrot lunaire – ist ein Melodram von Arnold Schönberg.

Werkgeschichte Der Komponist Schönberg wurde zu Beginn des Jahres 1912 von der Schauspielerin Albertine Zehme, verheiratet mit einem Leipziger Rechtsanwalt, um die Vertonung eines Vortragstextes gebeten. Schönberg, der bei diesem Auftrag in der Auswahl der Gedichte, der musikalischen Bearbeitung und der Einstudierung völlig frei war, schuf die Komposition innerhalb der Zeit vom 2. März bis 6. Juni 1912.Eberhard Freitag: Schönberg. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 79. Schönberg wählte für sein Werk den gleichnamigen französischen Gedichtzyklus von Albert Giraud aus dem Jahr 1884 in der freien deutschen Übertragung von Otto Erich Hartleben, die 1892 in einem Privatdruck in Berlin erschien. 1911 gab der Münchner Verlag Georg Müller eine auf 400 Exemplare limitierte Neuauflage heraus.Eberhard Freitag: Schönberg. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 80.

Werkbeschreibung Das Werk Pierrot lunaire besteht aus 21 ausgewählten Gedichten für Sprechstimme und Kammerensemble (Klavier, Flöte [auch Piccolo], Klarinette [auch Bassklarinette], Geige [auch Bratsche] und Violoncello).

Die 21 Gedichte sind in drei Gruppen aufgeteilt und tragen folgende Titel: Teil 1: Mondestrunken, Colombine, Der Dandy, Eine blasse Wäscherin, Valse de Chopin, Madonna, Der kranke Mond Teil 2: Nacht, Gebet an Pierrot, Raub, Rote Messe, Galgenlied, Enthauptung, Die Kreuze Teil 3: Heimweh, Gemeinheit, Parodie, Der Mondfleck, Serenade, Heimfahrt, O alter Duft. mini|Musikerensemble der Erstaufführung 1912: Albertine Zehme (Rezitation), Hans W. de Vries (Flöte), Karl Essberger (Klarinette), Jakob Malinjak (Geige), Hans Kindler (Cello), Eduard Steuermann (Klavier) Die Komposition ist frei atonal, aber noch nicht reihentechnisch strukturiert. Die Zwölftontechnik entwickelte Schönberg erst in späteren Jahren.

An der Einstudierung war Hermann Scherchen beteiligt, der auch auf der Tournee durch elf deutsche und österreichische Städte einen Teil der Aufführungen dirigierte. Nach 25 Proben war die Generalprobe vor geladenem Publikum am 9. Oktober 1912 angesetzt. Die Uraufführung von Pierrot lunaire fand am 16. Oktober 1912 im Berliner Choralion-Saal statt, unter der Leitung des Komponisten und mit der Auftraggeberin Albertine Zehme als Rezitatorin, der Schönberg das Werk „in herzlicher Freundschaft“ widmete. Den Klavierpart spielte Eduard Steuermann.Besetzung auf dem Plakat der Uraufführungsveranstaltung bei Eberhard Freitag: Schönberg. S. 83.

Die Aufführung am 24. Februar 1913 im Rudolfinum in Prag endete in einem Konzertskandal, der eine der schreckhaft-traumatischen Erfahrungen Schönbergs wurde, die der Komponist zeitlebens in Erinnerung behielt und die ihn zu späteren Garantieforderungen für ein störungsfreies Musizieren bei weiteren Pierrot-Konzerten veranlasste.Arnold Schönberg: Sämtliche Werke, Abteilung VI Reihe B, Band 24, 1. Pierrot lunaire, op. 21, Schott Musik International, 1995, S. 279.

Die Groß- bzw. Kleinschreibung des „lunaire“ im Titel wird in Notenausgaben und auf Tonträgern unterschiedlich gehandhabt. Sowohl das Arnold Schönberg Center Wien als auch die Universal Edition listen das Werk mit Minuskel.

Rezeption mini|Veranstaltung der Novembergruppe in der Berliner Hochschule für Musik, 1922 Nach Anton Weberns Eindruck war die Uraufführung ein großer Erfolg für die Aufführenden und für Schönberg. Das Werk stieß bei der Kritik auf Ablehnung, während ein Teil der Hörer, fasziniert von den neuen Klängen, mit Beifall reagierte.Josef Rufer: Schönberg in Berlin. In: Akademie der Künste Berlin: Arnold Schönberg. Kongreß 1974, S. 7. Salka Viertel, die Schwester von Eduard Steuermann, beschreibt dieses Konzert in ihren Memoiren Das unberechenbare Herz:

In Herwarth Waldens Kunstzeitschrift Der Sturm beschrieb Alfred Döblin die Uraufführung:

Igor Strawinsky hatte die vierte Aufführung besucht und meinte sich 1936 zu erinnern, dass ihm das Stück als Rückfall in den überwunden geglaubten Beardsley-Kult vorgekommen sei, gleichwohl hatte er es seinerzeit sofort nach St. Petersburg zur Übernahme empfohlen. Schönberg erhielt von Giacomo Puccini ein Lob, während der US-amerikanische Kritiker James Huneker,James Huneker in der englischen Wikipedia :en:James Huneker ebenfalls bei der vierten Veranstaltung, gelitten hatte.Eberhard Freitag: Schönberg. S. 83f.

Presseberichte von der Prager Aufführung vom 24. Februar 1913:

Der Musikwissenschaftler H. H. Stuckenschmidt bezeichnet Pierrot Lunaire als .

Eine Nacht. Ein Leben 1999 erschien eine filmische Adaption mit der Sopranistin Christine Schäfer, Regie Oliver Herrmann, bei der Elemente der Popkultur nicht nur in den Visuals im Vordergrund stehen. Geleitet wurde die Aufnahme von Pierre Boulez.Eine Nacht. Ein Leben. Nach Pierrot Lunaire, opus 21 von Arnold Schönberg. Mit Christine Schäfer (Sopran) und anderen. (Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt: Oliver Herrmann.) Eins54 Film mit ZDF und Arte. Deutschland 1999. Boulez’ Aufnahmen mit Christine Schäfer und Yvonne Minton gehören heute zu den anerkanntesten Interpretationen.Arnold Whittall – Schoenberg Pierrot Lunaire & Ode to Napoleon gramophone.co.uk bei grammophone.co.uk

Filmisches Remake von Bruce LaBruce 2014

Im Jahr 2014 veröffentlichte der Filmemacher Bruce LaBruce eine Filmversion von Pierrot Lunaire (51 min), die den Stoff in einen zeitgenössischen Kontext überführt. Der Film Pierrot Lunaire basiert auf der Theateradaption von Schönbergs Werk, die LaBruce 2011 am Berliner Theater Hebbel am Ufer inszenierte. Schönbergs Stück wurde vom Construction Site New Music Ensemble unter dem Dirigenten Premil Petrovic sowie von Susanne Sachsse interpretiert, letztere verkörpert auch den Pierrot im Film.Pierrot Lunaire, in: Film File, Programme 2014, Forum Expanded, Website der Berlinale Zusätzlich ist im Film in den Nachtclubszenen Techno zu hören, der ebenso wie Schönbergs Musik eine Revolution in der Musik darstellte.Interview Bruce LaBruce 'Pierrot Lunaire', in: Youtubekanal des Teddy Award, Upload vom 11. Februar 2014

Pierrot ist in LaBruce' Film ein Transmann, der als solcher von Columbines Vater abgelehnt wird. Die Geschichte, die LaBruce in den Stoff einwebt, basiert auf realen Ereignissen, die sich in den späten 70er Jahren in Toronto zutrugen. Ein trans Mann verliebt sich in eine junge Frau, die nichts von seiner Transgeschlechtlichkeit ahnt. Als die junge Frau ihrem Vater ihren Freund vorstellt, demaskiert dieser ihn als „nicht-männlich“ und verbietet seiner Tochter den weiteren Kontakt zu ihm. Voll Wut und Rage beweist der Transmann daraufhin dem Vater und der Geliebten seine „wahre“ Männlichkeit.

Der Film lief auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin und wurde dort mit dem Teddy Award ausgezeichnet.Pierrot Lunaire, in: Website des Teddy Award

DVD Arnold Schönberg: Pierrot lunaire, mit einer Dokumentation von Matthias Leutzendorff und Christian Meyer. Harmonia mundi, BelAir DVD THE 10130, 2012

Literatur Eberhard Freitag: Schönberg. 12. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, ISBN 3-499-50202-X. Markus Lüpertz: Pierrot Lunaire. Katalog der Ausstellung 7. Juni – 12. Juli 1986. Mit zehn Gedichten aus dem Zyklus „Pierrot Lunaire“ von Albert Giraud. Reinhard Onnasch Galerie, Berlin 1986

Weblinks

Gedichttexte und Hörbeispiele beim Arnold Schönberg Center Pierrot lunaire Gedichte von Albert Giraud in Auswahl. Übertragung von Otto Erich Hartleben. Vertonung von Arnold Schönberg

Einzelnachweise

Kategorie:Werk von Arnold Schönberg Kategorie:Liederzyklus Kategorie:Musik 1912