mini|hochkant=1.2|Vorderseite des Teppichs nach der Rekonstruktion von Julius Lessing, 1901 Die Quedlinburger Knüpffragmente sind fünf Teppichfragmente aus der Zeit um das Jahr 1200, die ab 1832 in Quedlinburg entdeckt wurden. Sie bilden neben dem Quedlinburger Domschatz und den Holzfragmenten des 14. Jahrhunderts (Balliste, „Raubgrafenkasten“) den dritten großen Überlieferungskomplex im Quedlinburger Schlossmuseum.
Entdeckung Franz KuglerE. F. Ranke, Franz Kugler: Beschreibung und Geschichte der Schlosskirche zu Quedlinburg und der in ihr vorhandenen Alterthümer. Berlin 1838. Franz Kugler: Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte. Erster Teil, Stuttgart 1853, S. 540–639; dort: Beschreibung der Alterthümer, welche im Zitter der Schlosskirche zu Quedlinburg aufbewahrt werden. fand 1832 in den Priechen der ehemaligen Stiftskirche St. Servatius des Damenstiftes Quedlinburg Teppichreste, die im Gestühl streifenweise zu Fußmatten zerschnitten waren. Kuglers Einschätzung dieses Fundes: „Von bedeutendem Werth für die Kenntniß der Kunst des früheren Mittelalters sind die großen Stücke in Wolle gewirkter Teppiche, welche neuerdings zur sicheren und fortan gefahrlosen Aufbewahrung in den Zitter (Schatzkammer) niedergelegt sind, nachdem sie früher als Fußdecken in den Priechen der Kirche gedient hatten. Sie enthalten bildliche Darstellungen, welche sowohl in Rücksicht auf die schwierige Technik als auf den Styl der Zeichnung und den eigenthümlichen Inhalt ein vorzügliches Interesse gewähren. Im Allgemeinen tragen sie das Gepräge des byzantinischen Styles, wie sich derselbe gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts (vornehmlich in den vielfach bekannten Miniaturbildern der Handschriften dieser Zeit) ausgebildet hatte; sie bestehen aus scharfen Umrißzeichnungen mit einfacher Farben-Ausfüllung, doch schon nicht ohne eine gewisse, wie angetuschte Schatten-Angabe. Dabei unterscheidet man hier, in Rücksicht auf die mehr oder minder geistreiche Weise der Zeichnung, die Arbeit zweier Hände, von denen die Cartons zu diesen Teppichen ausgeführt gewesen sein muß.“E. F. Ranke, Franz Kugler: Beschreibung und Geschichte der Schlosskirche zu Quedlinburg und der in ihr vorhandenen Alterthümer. Berlin 1838, S. 147 f.
Die kunstgeschichtliche Forschung zu diesem Funden erlebte einen Aufschwung, als einige Jahre nach dem ersten Fund von Fragmenten weitere Teppichfragmente entdeckt wurden.Grundlegend: Betty Kurth: Der Quedlinburger Knüpfteppich. In: Die deutschen Bildteppiche des Mittelalters. Wien 1926, S. 53–68. Kat. Die Zeit der Staufer, Bd. I–V, Stuttgart 1977, Bd. I, S. 641–644, darin der Hinweis auf die Fundgeschichte. Zuletzt: Johanna Flemming: Der spätromanische Bildteppich der Quedlinburger Äbtissin Agnes. In: Sachsen und Anhalt, Festschrift für Ernst Schubert. Bd. 19, Weimar 1997, S. 517–536. Einige Jahrzehnte später wurden 1886Kat. Zeit der Staufer, 1977, S. 641, ebenfalls in der ehemaligen Stiftskirche, weitere Fragmente aufgefunden, die in einer Kiste aufbewahrt waren.
Die Quedlinburger Knüpffragmente gehören zu den größten Kostbarkeiten mittelalterlicher, monumentaler Textilkunst. Ihre technische und künstlerische Perfektion lässt auf eine lange Tradition in der Herstellung großer Knüpfarbeiten schließen.
Ein erster Versuch, die fünf Teppichfragmente in ein sinnvolles System zu bringen, wurde 1901 von Julius LessingJulius Lessing, Max Creutz: Wandteppiche und Decken des Mittelalters in Deutschland. Berlin o. J. (1901), Abb. S. 7. unternommen und in seiner bekannten Rekonstruktionszeichnung immer wieder veröffentlicht. Die langen Bilderfolgen mit eingefassten Schriftbändern und das Thema „Die Hochzeit der Philologia mit Merkur“ in zwei Bildzeilen, dazu eine obere und untere Teppichborte, ließen ihn zu dem Schluss kommen, es handele sich um Stücke, die zu einem einzigen Teppich gehörten. Lessing berücksichtigte dabei wesentliche stilistische Unterschiede nicht. Lange ging man davon aus, dass der von Lessing dargestellte Teppich „in verschiedenen Teilen gearbeitet wurde“Kat. Zeit der Staufer, Ruth Grönwoldt, S. 644., was nachweislich technischer Untersuchungen von H. v. Schuckmann sich als eine unzutreffende Annahme erwiesen hat. Beide Teppiche sind in einem Stück auf voller Breite von unten nach oben gearbeitet worden. Auf Lessings Zeichnung sind die unterschiedlich gestalteten Hintergründe der verschiedenen Teppichfragmente nicht sichtbar. Auch stilistische Unterschiede sind bei Lessing nicht kenntlich gemacht. Geschuldet ist dies möglicherweise dem Umstand, dass man damals davon ausging, dass der Teppich in verschiedenen Stücken von verschiedenen Händen gefertigt wurde und im Laufe der Zeit der Stil sich verändert hatte.
1992/93 erfolgten unter der Leitung von Friederike Happach umfangreiche Konservierungsarbeiten und Untersuchungen.
Neuere Rekonstruktion Folgende Darstellungen in diesem Abschnitt geben die Ergebnisse der Forschungsarbeit von Henrike von Schuckmann aus dem Jahr 2014 wieder, die die darauf schließen lassen, dass es sich bei den Fragmenten um Teile zweier verschiedener Teppiche handeln muss.Henrike von Schuckmann: Die Quedlinburger und Halberstädter Knüpffragmente. Magdeburg 2014.
Breite und Länge der Teppiche sind eindeutig durch webtechnische Merkmale der vorhandenen Teppichfragmente bestimmbar.
Zu Teppich I mit Sternengrund gehören die Fragmente I–III (135 × 172 cm; 130 × 255 cm und 93 × 355 cm). Fragment I und II bildet die obere Bildzeile mit angeschnittener Abschlussborte. Ebenfalls ist die umrahmende Einfassung links an Fragment I erhalten. Dazu gehört Fragment VI (H 26–28 cm, B 40–41). Teppichfragment III bildet eine eigene Zeile. Zu Teppich II mit Palmettenborte gehören die Fragmente IV (120 × 234 cm) und V (170 × 183 cm).
Bei Teppich I ist die genaue Mitte bekannt. Der Rapport der Borte und die in der Mitte stehenden sich umarmenden Figuren, Pietas und Justitia, geben hier genaue Auskunft, sodass eine Breite von 5,60 m vorgegeben ist. Die Länge ergibt sich aus den beiden vorhandenen Teppichzeilen, auch wenn sie stark beschnitten sind. Eine Bildzeile ohne Schriftband beträgt 1,15–1,16 m. Fünf Bildzeilen dazu sechs Schriftzeilen à 14 cm ergeben in Verbindung mit der rekonstruierten oberen und unteren Randborte von je 40 cm eine Länge von 7,40 m.
Eingefügt wurde der Rekonstruktion das kleine Teppichfragment aus der linken oberen Eckborte mit dem Brustbild der Dulcedo (die Lieblichkeit), das über die Sammlung Forrer in die Sammlung Wilczek nach Wien gelangte.Ruth Grönwoldt: Zwei Fragmente des Quedlinburger Knüpfteppichs. in: Die Zeit der Staufer, Geschichte-Kunst-Kultur, Katalog der Ausstellung Bd. 1, Stuttgart 1977, S. 641 Eine weitere Halbfigur Pudicitia (die Schamhaftigkeit) setzt unter dem stilisierten Blattornament an. Die ganze Teppichborte schmückten demnach 34 Halbfiguren im Wechsel mit dem Blattquadrat.
Bei Teppich II ist die Breite nicht ganz so exakt zu bestimmen, aber zwölf Palmetten dürften den unteren Rand gebildet haben. Die zentrale Figur in Fragment V ist vom Betrachter aus ein wenig nach rechts gerückt und schließt dadurch dichter mit der folgenden Figur auf, als an der linken Seite. Drei Figuren zu beiden Seiten ergäben eine sinnvolle Reihe. Die durchschnittliche Breite einer Palmette beträgt 38,8 cm. Rechnet man einen roten Abschlussrand von 11 cm, wie unten erhalten hinzu, ergibt sich eine Breite von 4,90 m. Die Länge wird durch die Höhe der Zeilen bestimmt, die hier einmal 98 und einmal 96 cm beträgt, plus sechs Schriftzeilen von je 12 cm, einer oberen und unteren Borte von 29 cm und einem roten Rand von 11 cm, ergibt eine Länge von fast 6,40 m. Die neue Zuordnung der Fragmente lässt auch die umlaufenden ergänzten Borten in einem gleichmäßigen Rhythmus erscheinen, ohne Brüche oder Ungenauigkeiten der Zeichnung. Teppich I hat die Maße 5,60 × 7,40 m, Teppich II 4,90 × 6,40 m; eine Größe, die hohe handwerkliche Anforderungen an das Können der Weber stellt.
Beschreibung mini|Fragment I–II
Fragment I–II Ein rot gefasstes Schriftband, das links am Bildrand der ersten Zeile aufsteigt und sich über die ganze Länge fortsetzt, enthält nach der oberen Mitte die Dedikationsinschrift des Teppichs: „Alme dei vates / decus hoc tibi contulit Agnes / Gloria pontificum famularum suscipe votum“ (übersetzt: „ehrwürdiger Priester Gottes, diese Zier brachte dir Agnes dar. Du Ruhm der Bischöfe, nimm an deiner Dienerinnen Weihegeschenk.“)R. Grönwoldt, S. 641, ebenso: Betty Kurth, S. 53.: Auf einem von Sternen übersäten dunkelblauen Grund mit einem grünen oberen Rand, in dem die Namen der agierenden Figuren eingeknüpft sind, beginnt die Bilderfolge mit den beiden Tugenden Fortitudo (im Gesichtsbereich zerstört) und Prudentia – Tapferkeit und Klugheit. Sie sind einander zugewandt und stehen auf kleinen, eine Landschaft andeutenden Hügeln. Fortitudo hält in ihrer Rechten ein nach oben gerichtetes Schwert, in ihrer Linken liegt eine Schriftrolle. Über ihrem hellen Untergewand mit blaugrünem Schatten folgt eine weitärmlige, gegürtete, hellrote Dalmatica mit breiter Schmuckborte am Saum und einer Passe am Halsausschnitt, darüber ein roter Mantel, vor der Brust mit einer großen Schließe gehalten. Die neben ihr stehende Prudentia hält in ihrer Linken eine weit nach oben reichende, sich windende Schlange, ihre Rechte ist vor die Brust gelegt. Über ihrem hellen Gewand, ebenfalls mit breiter gestickter Borte am Halsausschnitt, liegt ein weiter grüner Mantel, der über ihre rechte Schulter fällt und dessen Saum, reich in Falten gelegt, über ihrem rechten Arm liegt. Es folgt das personifizierte Imperium. Ein König sitzt auf einem hohen Thron. Sein ergrautes Haupthaar ziert eine Krone. Er wendet sich nach links. Ein blaues Gewand und ein roter Mantel, über der Brust geknotet, wird von seiner rechten Hand über den Knien gerafft und gehalten. Ein Zepter vollendet seine königliche Würde. Seine Linke hält ein sich nach oben hin aufrollendes Schriftband: „Juste judica – richte gerecht“. Die Mitte der Zeile bilden die beiden sich umarmenden Tugenden Justitia und Pietas. Ihre Gesichter berühren sich sanft. Helle, gewellte Haare fallen auf ihre Schultern. Weit ausladend ist die Figur Pietas angelegt. Ein helles Untergewand und ein steif wirkendes, reich mit Kreuzen besticktes Obergewand, werden von einem roten Mantel überfangen, der über ihrer rechten Schulter geknotet ist. Ihr rechter Arm liegt unter dem von Justitia, ihre linke Hand liegt auf der Schulter ihrer Partnerin. Justitia trägt ein hellrotes Untergewand, darüber einen blauen Mantel mit weiten Ärmeln, breit gemustertem Saum und Schmuckborte am Halsausschnitt. Der weite Ärmel ihres Gewandes ist nach oben gerafft, ihre linke Hand ruht auf der Taille von Pietas, ihre rechte auf deren Schulter.
Es folgt eine zweite thronende Figur: Sacerdotium. Die breit angelegte Figur ist als Bischof gekleidet: In Alba, Dalmatica und prächtig roter Glockenkasel mit Rationale. Sein leicht nach rechts gerichtetes Haupt bedeckt eine Mitra. Seine Linke hält den Bischofsstab und eine geschlossene Schriftrolle. Ferner wird ein fast senkrecht stehendes Buch auf seinem linken Knie von seiner Hand gehalten. Sein weit ausgestreckter rechter Arm mit offener Hand weist auf die sich umarmenden Frauen, Pietas und Justitia. Links neben dem Thron steht eine weitere Tugend: Temperantia (Mäßigung), mit einem hellen Untergewand und einem mit Schmuckbändern besetzten gelb-roten Obergewand. In der erhobenen, an den Körper gedrückten Rechten hält sie einen nach unten gekehrten großen braunen Krug, aus dem Wasser strömt. Hier endet die Bildzeile durch Abschnitt. mini|Fragment III
Fragment III