mini|rechts|Studentischer Tutor leitet Studentin bei endotrachealer Intubation am Phantom an

Unter einem Skills Lab wird eine zentrale Trainingseinrichtung verstanden, in der spezifische Fertigkeiten und Fähigkeiten praktisch vermittelt werden. Der Begriff Skills Lab kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Wörtern „skill“ (Können, Geschick) und der Abkürzung „lab“ für „laboratory“ (Versuchsraum) zusammen.Andreas Fichtner: Lernen für die Praxis. Das Skills-Lab. In: Michael St. Pierre, Georg Breuer: Simulation in der Medizin. Grundlegende Konzepte - Klinische Anwendung. Springer, Berlin, Heidelberg 2013, S. 105–114; S. 106, ISBN 978-3-662-54566-9.

Der Erwerb einer professionellen Handlungskompetenz, die sowohl das theoretische und praktische Wissen impliziert, ist das übergeordnete Ziel medizinischer und pflegerischer Ausbildung. Elisabeth Sittner (2011) betont in diesem Zusammenhang, dass „die praktische Ausbildung in der Pflege als gemeinsamer Auftrag von Theorie und Praxis“ zu verstehen sei.Elisabeth Sittner: Wie wird Wissen zum Können? Die praktische Ausbildung in der Pflege als gemeinsamer Auftrag von Theorie und Praxis. Facultas, Wien 2011, S. 7, ISBN 978-3-7089-0673-7. Eine Voraussetzung für einen erfolgreichen Theorie-Praxis-Transfer ist nicht nur eine angemessene Wissensvermittlung und Betreuung in der Theorie, sondern dass auch die Rahmenbedingungen in der Praxis den Transfer erlauben müssen, dass das Wissen adäquat vermittelt und die Wissensvermittlung auch durch eine entsprechende Betreuung begleitet wird.Elisabeth Sittner: Wie wird Wissen zum Können? Die praktische Ausbildung in der Pflege als gemeinsamer Auftrag von Theorie und Praxis. Facultas, Wien 2011, S. 8f, ISBN 978-3-7089-0673-7.

Entstehungsgeschichte Im Gesundheitsbereich sind die ersten Skills Labs 1970 in Nordamerika und in den Niederlanden für die ärztliche Ausbildung etabliert worden. Die Anfänge von Simulation in der amerikanischen Pflege beschreibt die International Nursing Association for Clinical Simulation und Learning (INACSL) ebenfalls in den 1970er Jahren. Seit 2005 gibt die benannte Vereinigung die Fachzeitschrift Clinical Simulation in Nursing heraus. In den USA, Australien, Neuseeland, Großbritannien und Skandinavien ist die Simulation von pflegerischen Handlungen Bestandteil von Pflegecurricula (Stand: 2014). Skillstraining und Simulationsverfahren in der Pflege sind in Deutschland bisher wenig etabliert und beschränken sich auf einige Projekte.Christine Loewenhardt, Jörg Wendorff, Christa Bürker, Jan Johannes Keogh: Simulations-Netzwerk Ausbildung und Training in der Pflege e.V.- Simulation in der Pflegeausbildung. In: Pädagogik der Gesundheitsfachberufe. Heft 1, 2014, S. 64–68; S. 65. Im Gegensatz dazu sind Skills Labs im Bereich der Medizin heutzutage deutschlandweit an den medizinischen Fakultäten in verschiedenster Größe und Gestalt vertreten.Andreas Fichtner: Lernen für die Praxis. Das Skills-Lab. In: Michael St. Pierre, Georg Breuer: Simulation in der Medizin. Grundlegende Konzepte – Klinische Anwendung. Springer, Berlin, Heidelberg 2013. ISBN 978-3-662-54566-9. S. 105–114; S. 106; S. 106.

Ziele Die Intention des Skills Labs ist „die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Handeln zu minimalisieren“.Susanne Schewior-Popp: Lernsituationen planen und gestalten. Handlungsorientierter Unterricht im Lernfeldkontext. Thieme-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-13-140751-1; S. 20. Eine Ausbildung im Gesundheitswesen findet in der Regel zentral an zwei Lernorten, dem Lernort Theorie und dem Lernort Praxis, statt. Der Lernort Theorie unterteilt sich noch einmal in den fachtheoretischen und den fachpraktischen Unterricht. Hier sollen die Schüler neben fachtheoretischen Grundlagen zudem praktische Aspekte der Unterrichtsthemen erlernen, um diese Erkenntnisse später in ihr praktisches Handeln zu integrieren. Der Unterricht in fachpraktischen Fächern findet im Regelfall nicht im Klassenraum, sondern in Lehrwerkstätten oder Übungsbüros statt. Die Kluft bedeutet in diesem Zusammenhang, dass für die Lernenden der Schritt vom Üben mit den Mitschülern im fachpraktischen Unterricht zum Behandeln von Patienten in der berufspraktischen Realität sehr groß ist. Das Skills Lab Konzept strebt an, eine Brücke zwischen beiden Lernorten zu schlagen und den Transfer zwischen theoretischem Fachwissen und dem praktischen Handeln zu fördern. Die Lernenden sollen so schrittweise auf die Komplexität der realen berufstypischen Situationen vorbereitet werden. Eine Überforderung oder Fehleinschätzung soll so im Pflegealltag vermieden werden.Annika Kruse, Beate Klemme: Das Skills-Lab-Konzept – ein sinnvolles Brückenelement in der Ausbildung von Physiotherapeuten. In: Beate Klemme, Gaby Siegmann: Clinical Reasoning. Therapeutische Denkprozesse lernen. 2. Auflage. Thieme, Stuttgart 2015, S. 187–194; S. 188f, ISBN 978-3-13-198102-8.

In der beruflichen Ausbildung zielt ein Skills Lab zudem darauf ab, dass die Lernenden bereits früh berufliche Handlungskompetenz erwerben und ausbauen. Im Skills Lab können neben Fach- und Methodenkompetenz auch die Personal- und Sozialkompetenz durch die Auseinandersetzung mit Simulationspatienten gefördert werden. Durch Übungs- und Anwendungsaufgaben können diese Kompetenzen und manuelle Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten erworben werden.Annika Kruse, Beate Klemme: Das Skills-Lab-Konzept – ein sinnvolles Brückenelement in der Ausbildung von Physiotherapeuten. In: Beate Klemme, Gaby Siegmann: Clinical Reasoning. Therapeutische Denkprozesse lernen. 2. Auflage. Thieme, Stuttgart 2015, S. 187–194; S. 190, ISBN 978-3-13-198102-8.

Vom Simulations-Netzwerk Ausbildung und Training in der Pflege (SimNAT Pflege) werden folgende weitere Ziele festgelegt: • Ermöglichung der Aneignung von Fertigkeiten und Wissen in einer risikofreien Lernumgebung (sogenannte Skills)

• Verbesserung der Güte pflegerischen Handelns

• Förderung der Patientensicherheit und der eigenen Handlungen.Christine Loewenhardt, Jörg Wendorff, Christa Bürker, Jan Johannes Keogh: Simulations-Netzwerk Ausbildung und Training in der Pflege e.V.- Simulation in der Pflegeausbildung. In: Pädagogik der Gesundheitsfachberufe. Heft 1, 2014, S. 64–68; S. 65.

• Verbesserung des interprofessionellen Lernens

Durch die Integration von realistischen Situationen in die Ausbildung, die in einem Skills Lab nachgestellt werden können, kann die interprofessionelle Zusammenarbeit von Medizinern und Pflegekräften deren Zufriedenheit mit der Arbeit stärken. Zudem kann die Gesundheitsqualität der Patienten verbessert werden.Christiane Luderer, Dietrich Stoevesandt, Patrick Jahn, Christiane Ludwig: Im Fokus. Interprofessionelles Lernen im Skills-Lab. Miteinander statt nebeneinander. In: Pflegezeitschrift. Jg. 67, Heft 8, 2014, S. 474–477; S. 474.

Praktischer Einsatz im Medizinstudium Der stetige Zuwachs von Skills Labs führte dazu, dass die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA-Ausschuss) einen kompetenzbasierten Lernzielkatalog für die praktischen Einsätze im Medizinstudium erstellte. Zu erlernen sind während des Studiums 289 praktische Fertigkeiten, „die in 12 Organsysteme (Atmung, Bewegungsapparat, Blut/Abwehr, Endokrines System, Gl-Trakt, Harn/Geschlechterorgane, Haut, Herz-Kreislauf, Nervensystem, Psyche, Sinnesorgane, Wachstum/Altern), 3 Grenzbereiche zu andern Kompetenzbereichen (Grenzbereich Kommunikation, Grenzbereich Notfall, Grenzbereich Soft Skills) und einen Bereich mit Organsystemübergreifenden Fertigkeiten unterteilt wurden“.

Prinzipiell muss zwischen zwei Arten von Angeboten unterschieden werden: Dem freien Üben am Modell und der Teilnahme an geleiteten Kursen. Während im freien Üben bereits erlernte Fähigkeiten vertieft werden können, werden Kurse von speziell geschulten und fachlich qualifizierten studentischen Tutoren oder ärztlichen Dozenten angeboten. Die Teilnehmer können somit neue Fertigkeiten unter Anleitung erlernen.

Angeboten werden so zum Beispiel das Üben essentieller Fähigkeiten wie die Blutentnahme, das Legen einer peripheren Venenverweilkanüle oder Basismaßnahmen der Reanimation, Naht- und Knotentechniken bis hin zu gynäkologischen Untersuchungen. Dabei stehen den Studierenden einerseits realistische Modelle zur Verfügung, an denen physiologischen Befunde zum grundlegenden Vertrautwerden sowie auch häufige Pathologien untersucht und diagnostiziert werden können. Andererseits finden bestimmte Szenarien in Zusammenarbeit mit Simulationspatienten statt, sodass beispielsweise eine Anamnese oder das Überbringen schlechter Nachrichten geübt werden können. Trainiert wird in Kleingruppen.

Die Kursangebote orientieren sich am Lernzielkatalog, der widerspiegelt, welche Kompetenzen ein Medizinstudent bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erworben haben muss. Somit sind neben schriftlichen und mündlichen Prüfungen auch die praktischen Fähigkeiten objektiv von Dozenten einer Universität messbar.

Besondere Aktionstage In manchen Skills Labs finden in mehr oder minder regelmäßigen Abständen Sonderaktionen statt. Hierbei wird zum Beispiel eine Nachtschicht im Krankenhausalltag simuliert, in der von abends 21 Uhr bis morgens um 3 Uhr Patientenfälle diskutiert werden, und darin eingebettet Techniken wie Injektion, Sonographie und Wiederbelebung geübt werden.

Auch spezielle Trainingswochen zur Vorbereitung auf Famulatur und Praktisches Jahr können zum Angebot gehören, ebenso wie Sprachtrainings, die auf die Bedürfnisse von Medizinstudenten zugeschnitten sind.Aachener Skills Lab AIXTRA:

Skills Lab-Symposium Jährlich findet ein Treffen von Leitern und Mitarbeitern verschiedener Skills Labs in ganz Deutschland statt, Ausrichter ist der Ausschuss „Praktische Fertigkeiten“ der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung in Kooperation mit einem Skills Lab einer Medizinischen Hochschule. Bei den Symposien stehen der wissenschaftliche und praktische Austausch sowie die persönliche Fortbildung im Mittelpunkt, neben verschiedenen Vorträgen und Postersessions finden häufig Workshops statt. Zudem sind die Symposien eine Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und die Organisation und Ausstattung anderer Einrichtungen kennenzulernen.Uni-Marburg.de:

Pädagogische Einbindung Da berufliche Bildung auch immer allgemeinbildende Aspekte beinhaltet,Hartmut Remmers: Zum Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung. In: Marisa Kaufhold, Elke Rosowski, Mirko Schürmann (Hrsg.): Bildung im Gesundheitsbereich. Forschung und Entwicklung zur beruflichen und hochschulischen Bildung. LIT Verlag, Berlin 2014, S. 29–50. sind zur pädagogischen Einbindung von Skills Labs zunächst die klassischen bildungstheoretischen Ansätze von Klafki zu beachten. Klafki sieht in dem emanzipatorischen Ideal eines von drei konstitutiven Merkmalen für die Bildung (vgl. Klafki 2007, S. 52). Durch Bildung kann der Mensch den Verstand nutzen und sich so selbstständig von der Fremdbestimmtheit auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene lösen (vgl. Klafki 2007, S. 19). Neben der Selbstbestimmung ist auch die Mitbestimmungsfähigkeit ein grundlegendes Bildungsziel von Klafki. Überdies ist die dritte Grundfähigkeit, die durch Bildung erreicht werden soll, die Solidaritätsfähigkeit (vgl. Klafki 2007, S. 52). Um Bildung zu erreichen, müssen nach Klafki „epochaltypische Schlüsselprobleme“ in den Fokus der Bemühungen gerückt werden (ebd.). Übertragen auf die Nutzung von Skills Lab ist bei der Erstellung der Lernsequenzen also eine besondere Sorgfalt geboten. Für die vielen möglichen Einzelfälle im Pflegekontext muss also ein Einzelfall zum Lernen genutzt werden, der universelle Schlüsselprobleme bündelt (vgl. Rebmann/Schlosser 2019, S. 89). Klafkis Grundsatz der Exemplarität wurde auch von der Pflegedidaktik durch Ingrid Darmann-Finck aufgenommen. Hierbei wird die Wichtigkeit der Auswahl des pflegeberuflichen Schlüsselproblems für die Ausbildung betont (vgl. Darmann 2005, S. 329).