mini|Die Lage der Befestigung am oberpannonischen Donaulimes. Das Kastell Almásfüzitő (, Einwohnerbezeichnung: Odiavenses) war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus entlang der Donau zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die nahe über dem Südufer entdeckten Reste des Kastells lagen in der östlichen Gemarkung der nordungarischen Gemeinde Almásfüzitő im Komitat Komárom-Esztergom. Nachdem das Areal ab 1976 durch den Bau eines riesigen Absetzbeckens mit hochgiftigem Rotschlamm verseucht worden ist, wird das Gelände heute nach Rekultivierungsarbeiten mit Humus abgedeckt.Friderika Horváth: Das Auxiliarkastell Odiavum in Almásfüzitő. In: Specimina nova dissertationum ex Institutio Historiae Antiquae et Archaeologiae Universitatis Quinqueecclesiensis. Bd. 1, Nr. 13. Pécs 2009, S. 15–20; hier S. 15.
Lage Von der Kupfer- über die Bronze- bis zur frühen Eisenzeit sind vorrömische Funde aus dem Umfeld von Almásfüzitő bekannt geworden. Kupferzeitliche Siedlungsspuren fanden sich auch unmittelbar unter den römerzeitlichen Kulturschichten.Friderika Horváth: Almásfüzitő római kori múltjának kutatásairól. In: Ókor 2006/1. Szám. S. 82–85; hier S. 82. Das von den antiken Ingenieuren geplante Kastell befand sich zwischen der Donau und der heutigen Landstraße Nr. 10. Am anderen Ufer des Flusses besaß der für Rom oftmals gefährliche germanische Stamm der Quaden seine Gebiete. Ihm galt die Hauptaufmerksamkeit der römischen Garnison. Der Militärstandort war in der zur Donau hin flach geneigten Landschaft strategisch gut auf einer Hochterrasse ausgewählt worden. Alte Quellen berichten von Sümpfen und Gewässern, die das Land um Almásfüzitő prägten. Westlich der Terrasse, von der aus die Besatzung einen guten Rundumblick hatte, konnte auf ein höher gelegenes Überschwemmungsgebiet der Donau herabgesehen werden. Südlich und östlich dagegen gab es eine noch tiefer liegende Zone, die vom altholozänen Flussbecken gebildet worden war.Friderika Horváth: Das Auxiliarkastell Odiavum in Almásfüzitő. In: Specimina nova dissertationum ex Institutio Historiae Antiquae et Archaeologiae Universitatis Quinqueecclesiensis. Bd. 1, Nr. 13. Pécs 2009. S. 15–20; hier S. 18. Zur Wasserversorgung diente der Fekete-Bach (Schwarzbach), der früher östlich des Kastells in die Donau mündete. Östlich und westlich der antiken Wehranlage verlaufen die heutigen Landstraßen Nr. 1 und 10 weitgehend über der antiken Straßentrasse, während sie jedoch das Umfeld des Kastells in südlicher Richtung großräumig umgehen. Diese Richtungsänderung hat nichts mit dem Bau eines Aluminiumwerkes im 20. Jahrhundert zu tun, das sich seither über den römischen Strukturen erhebt, sondern ist schon auf historischen Karten nachweisbar. Südwestlich der Garnison gab es eine antike Weggabelung, die gleichfalls heute noch genutzt wird. Hier trennte sich während der römischen Epoche eine Abzweigung von der für Militär und Handel wichtigen Limesstraße und verlief in einem großen Bogen von Westen nach Süden zu der ebenfalls schon in der Antike besiedelten Region von Tata. Von dieser Stadt aus lässt sich auch der Aquädukt nachweisen, der das nur 6 Kilometer westlich von Odiavum gelegene Legionslager Brigetio mit Wasser versorgte.
Forschungsgeschichte mini|Das Legionslager Brigetio in der Bildmitte und dessen Umland auf dem 1726 veröffentlichten Kartenwerk Marsiglis. Südlich des Lagers beginnt Sumpfland, das deutlich sichtbar durch den römischen Damm bei Almásfüzitő begrenzt wird. Der Ortsname Dotis steht für Tata. Besonders der südwestlich des Kastells gelegene, in Stein ausgebaute römische Schutzdamm, auf dem stellenweise die Limesstraße verlief, hat schon früh das Interesse der Gelehrten geweckt. So war das Bauwerk erstmals von dem italienischen Offizier und Geschichtsinteressierten Luigi Ferdinando Marsigli (1658–1730) gezeichnet und in der Folge von mehreren Forschern beschrieben worden.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 60. Seit dem 19. Jahrhundert verläuft neben der Landstraße auch eine Bahnlinie im Bereich der Kreuzung auf dem antiken Damm. Das Kastellareal mit seinen sichtbaren Mauersockeln und Wehrgräben blieb noch bis 1881 unversehrt, als die Baureste zum Abbruch ausgeschrieben wurden. Im Jahr 1930 besuchte einer der damals führenden prähistorischen Archäologen Ungarns, Lajos von Marton (1876–1934), den Kastellplatz und fand zumindest die Gräben noch in einem gut sichtbaren Zustand vor. Ein Luftbild aus dem Jahr 1940 lässt den spätantiken Kastellgraben ebenfalls deutlich erkennen.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 60 (Luftbild). In der Folge blieben das Kastellareal und sein Umfeld bis 1976 relativ ungenutzt.Friderika Horváth: Das Auxiliarkastell Odiavum in Almásfüzitő. In: Specimina nova dissertationum ex Institutio Historiae Antiquae et Archaeologiae Universitatis Quinqueecclesiensis. Bd. 1, Nr. 13. Pécs 2009. S. 15–20; hier S. 17. Doch dann wurde die Flur für die Erweiterung eines großen Aluminiumwerks abgesteckt und die nahe der Donau liegenden römischen Kulturschichten mussten in diesem Jahr einem von mehreren Absetzbecken weichen, in die anschließend Millionen Kubikmeter Rotschlamm geleitet wurden. Die Dicke der mit Eisen, Aluminium, Arsen und Chrom durchsetzten Schlackeschicht erreicht in dem Becken auf dem Kastellplatz durchschnittlich 15 Meter. Nach der Aufgabe des Aluminiumwerkes 1997 wird das Areal heute rekultiviert. Die anhaltend drohenden Umweltgefahren speziell aus dem Schlammbecken über dem Kastell wurden bereits durch die Presse thematisiert.diepresse.com: Andreas Tröscher: Giftschlamm: Das Rote Meer von Almasfüzito. Beitrag vom 1. Oktober 2011, abgerufen am 7. Februar 2016.
Bis zur Zerstörung von Kastell und Teilen des angrenzenden Lagerdorfs (Vicus) konnten die Archäologen nur einen sehr begrenzten Einblick in die antiken Kulturschichten gewinnen. Daher beruht das heutige Wissen über die Militäranlage auf den zwischen 1959 und 1960 gewonnenen Grabungsergebnissen von Ferenc Fülep (1919–1986), den von 1971 bis 1973 erfolgten Notbergungen durch Endre Bíró, dem ehemaligen Direktor des Kuny Domokos Megyei Múzeum in Tata, sowie mit Hilfe von historischen Luftbildern.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 59. Der rund 500 Meter südwestlich des Kastells noch zugängliche Vicus wurde zwischen 1998 und 2004 unter der Leitung von Friderika Horváth (* 1970) in kleinräumigen Abschnitten wissenschaftlich untersucht.Friderika Horváth: Das Auxiliarkastell Odiavum in Almásfüzitő. In: Specimina nova dissertationum ex Institutio Historiae Antiquae et Archaeologiae Universitatis Quinqueecclesiensis. Bd. 1, Nr. 13. Pécs 2009. S. 15–20; hier S. 20. 2007 war Horváth erneut im Lagerdorf tätig.
Name mini|Faksimile der für Almásfüzitő wichtigen Inschrift mit der Nennung von Odiavens(ium). Für den römischen Kastellort Almásfüzitő können zwei antike Namensvarianten identifiziert werden. Das Itinerarium Antonini, ein Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., nennt den Ort Azaum (Azao)Itinerarium Antonini 246,3. und in der Notitia dignitatum, einem römischen Staatshandbuch aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr., ist er als Odiabum (Odiabo) bekannt.Notitia dignitatum, Occ. XXXIII 7. Ein 1972 als Spolie im spätantiken Restkastell gefundener und heute in Tata aufbewahrter Altar für Jupiter und JunoPéter Kovács, Barnabás Lőrincz: Neue lateinische Inschriften aus Komitat Komárom-Esztergom I. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 174, 2010, S. 282, Nr. 5 (nicht eingesehen). Altar für Jupiter und Juno Datenblatt bei Ubi erat lupa, abgerufen am 7. Februar 2016. bestätigt mit der Variante Odiavens(es) für die EinwohnerNach einer persönlichen Autopsie am Altar durch András Mócsy nicht Odiavenes, wie selbst im RIU (Die römischen Inschriften Ungarns), 1981, S. 13, publiziert. Siehe András Mócsy: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7. S. 172. zusätzlich die korrekte Identifizierung dieser Garnison. Vor dem Inschriftenfund war sich die Forschung einig, dass Azaum die richtige und ursprüngliche Namensform gewesen sein müsste, da der Ort auf dem Siedlungsgebiet des einheimischen Stammes der Azali lag. Nun besteht auch die Möglichkeit in Azaum eine Variante von Odiabum zu sehen.András Mócsy: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7. S. 172. Neuere Überlegungen der Archäologin Horváth gehen davon aus, dass der Name Azaum noch von einer Niederlassung der Azaler herrühren könnte, die während der römischen Okkupationsphase Pannoniens im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. in der Gegend des späteren Kastells bestand. Diese bis heute nicht entdeckte Siedlung wäre anschließend von einer römischen Gründung mit dem Namen Odiavum abgelöst worden.
Baugeschichte Prinzipat Holz-Erde-Lager Während der 1959Sándor Soproni: Beiträge zur Frage der Liste von Valeria der Notitia Dignitatum In: Acta archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. 26, Budapest 1974, S. 59–70; hier: S. 62. erfolgten Freilegung des südwestlichen fächerförmigen Eckturms hat Fülep Spuren eines unter dem späteren Steinkastell liegenden, frühen Holz-Erde-Lager nachgewiesen, ohne dass er jedoch eine zeitliche Datierung vornehmen konnte.Friderika Horváth: Das Auxiliarkastell Odiavum in Almásfüzitő. In: Specimina nova dissertationum ex Institutio Historiae Antiquae et Archaeologiae Universitatis Quinqueecclesiensis. Bd. 1, Nr. 13. Pécs 2009, S. 15–20; hier S. 16. Nach Ausweis von Ziegelstempeln, die ab 1998 im Lagerdorf entdeckt wurden, ist die Lagergründung aller Wahrscheinlichkeit nach während der Regierungsjahre Kaiser Trajans (98–117) erfolgt. Dies machen sogenannte ATB-Stempel der Ala I Bosporanorum („1. Reitereinheit der Bosporianer“) und der Legio XI Claudia Pia Fidelis deutlich, die wahrscheinlich in dem eng begrenztem Zeitraum von 101 bis 105 n. Chr. im nahen Brigetio stationiert war. Diese Funde stützten das zeitliche Gründungszenario, wie es unter anderem der Epigraphiker Barnabás Lőrincz (1951–2012) aufgestellt hatte. Die Ausdehnung des ersten Kastells ist unbekannt, doch als Reitergarnison wird sie ähnliche Dimensionen besessen haben wie das Steinkastell.
Steinkastell Seit den Regierungsjahren des Kaisers Hadrian (117–138) bis in die Spätantike kann mit Sicherheit die Ala III Augusta Thracum sagittaria civium Romanorum („3. bogenschießende Reitereinheit ‚Augusta‘ der Thraker römischen Bürgerrechts“) als Stammbesatzung für Almásfüzitő nachgewiesen werden. Die Thraker waren es auch, die unter Kaiser Antoninus Pius (138–161) das 3,37 Hektar große Steinkastell errichteten. Davon zeugt eine Bauinschrift, die 1972 als Spolie verbaut im spätantiken Restkastell entdeckt wurde:Péter Kovács, Barnabás Lőrincz: Neue lateinische Inschriften aus Komitat Komárom-Esztergom I. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Bonn 2010. S. 277 ff.; hier S. 278 Nr. 1. Ehreninschrift für C. Iulius Verus Maximus, Datenblatt bei Ubi erat lupa, abgerufen am 7. Februar 2016.
[Im]p(eratori) Caes(ari) Divi [Ha]dr(iani) f(ilio) Divi Tra(iani) Part(hici) [ne]p(oti) Divi Nervae pro [nep(oti)] T(ito) Ael(io) Hadr(iano) Antoni(no) [A]ug(usto) Pio p(atri) p(atriae) pontif(ici) max(imo) trib(unicia) [pot(estate) --- c]o(n)s(uli) IIII sub C(aio) Cl(audio) Maxi- [mo leg(ati) Aug(usti) pr(o) pr(aetore) ala III] Aug(usta) Thr(acum) [sag(ittaria) ---]
Durch die Nennung des damaligen oberpannonischen Statthalters Gaius Claudius Maximus kann die Erstellung der Inschrift auf die Jahre um 150 bis 155 n. Chr. gelegt werden.